Wahre Lügen

von Aku
GeschichteDrama / P12 Slash
10.04.2008
10.04.2008
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Entstanden zur "Wahre Lügen"-Challenge bei 120_minuten.



Wahre Lügen.


Edward of Burton war ein... faszinierender Mann. Die Frauen liebten ihn, weil er geradezu erschreckend schön war, die Knappen liebten ihn, weil er das Ideal eines Ritters verkörperte, dem sie alle nacheifern konnten, und alle anderen... liebten ihn auch. Man konnte einfach nicht anders, er war freundlich, beherrscht, tugendhaft und hatte etwas an sich, dass jeden zwang, sich von seiner besten Seite zu zeigen.

Vielleicht war das der Grund dafür, dass John die Gerüchte, die jetzt seit einiger Zeit in Westminster umgingen, so erstaunten.

Es erstaunte ihn nicht, dass es sie gab. Lancastrianer hatten im Augenblick ohnehin einen schweren Stand und Edwards Vater hatte eine beinahe schon bewundernswerte Tendenz dazu, sich Feinde zu machen.

Es erstaunte ihn auch nicht, was für Gerüchte das waren. – Es war sehr auffällig, dass Edward of Burton noch immer unverheiratet war und John war sicherlich nicht der einzige, der ziemlich genau wusste, dass Edward auch die Hurenviertel mied, die Mägde in Ruhe ließ und überhaupt viel zu sittsam für sein eigenes Wohl war.

Was ihn wirklich erstaunte, war die Tatsache, dass sich dieses Gerede so hartnäckig hielt.

Probeweise sah er durch die Halle ans Fenster, wo Edward saß und las, und versuchte sich vorzustellen, wie sich dieses Abbild des heiligen Georg an einem der Pagen, die ihn anhimmelten, verging. – Es war praktisch unmöglich, daran zu denken, ohne gleich zu wissen, wie absolut lächerlich es war.

Nun. Das war natürlich etwas, das man von vielen Männern gedacht hatte, und John Beaufort hatte schon lange keine Illusionen mehr darüber, wozu Menschen auch hinter noch so schönen Gesichtern in der Lage waren und wozu nicht.

Aber er konnte sich definitiv etwas auf seine Menschenkenntnis einbilden. – Und natürlich geschah in Henrys Haushalt nichts, von dem John nicht wusste. Eine Angewohnheit seiner Familie.

Es gefiel ihm nicht, nicht zu wissen, was es mit diesem Gerücht auf sich hatte, woher es kam, wer es weitertrug... und es gefiel ihm nicht, den Ritter mit hochgezogenen Schultern schon beinahe zusammengekauert in einer Ecke, weit ab von allen anderen, sitzen zu sehen.

„Burton?“ John legte dem jungen Mann behutsam die Hand auf die Schulter.

Edward zuckte zusammen.

„Oh, Ihr seid es, Mylord.“ Er senkte den Kopf wieder und brachte erst nach einer ganzen Weile das für ihn sonst charakteristische freundliche Lächeln zustande.

Es verwunderte John selbst, wie wütend es ihn machte, das zu sehen. Beinahe war er froh, dass er nur Vermutungen darüber hatte, wer diese Gerüchte in Umlauf gebracht hatte, denn in diesem Moment hätte er den Verantwortlichen zu gern zu einem Duell gefordert. Oh ja, Edward hatte ein sehr einnehmendes Wesen.

„Worüber grübelt Ihr nach, Burton?“

Er schlug das Buch zu. „Ich denke, ich sollte das Kreuz nehmen“, verkündete er unumwunden. „Und, verzeiht, Mylord, aber ich fürchte, ich bin dieser Tage kein besonders guter Umgang für Euch.“

Beinahe gegen seinen Willen lachte John.

„Zerbrecht Euch nicht meinen Kopf, Burton. – Ihr wollt gegen die Türken ziehen?“

Ein kurzes Nicken.

„Ihr wollt vor diesem absolut lächerlichen Gerede fortlaufen?“

Edward wollte etwas erwidern, aber mit einem sanften Kopfschütteln unterbrach John ihn und setzte sich ihm gegenüber auf die Fensterbank. – Er war es nicht gewohnt aus Henrys Schatten zu treten und sich selbst in die Angelegenheiten der Gefolgsleute seines Bruders zu mischen, aber hier war es offensichtlich nötig. Und vor allem interessierte ihn diese Geschichte sehr.

„Burton, niemand glaubt diese Gerüchte. Jeder, der Euch kennt, jeder, der Euch nur einmal gesehen hat, weiß, dass es sich dabei um nichts weiter als armselige Lügen handelt. Warum wollt ihr also weglaufen? Das käme einem Schuldgeständnis gleich.“

Edward senkte den Kopf und die honigblonden Locken fielen ihm ins Gesicht. „Ich bin mir nicht sicher, ob tatsächlich so viele an mich glauben, Mylord. Ein Zweifel bleibt immer... und die Pagen haben Angst.“

„Und Henry wollt Ihr hier alleine lassen?“

Für einen Moment verzog sich das hübsche Gesicht schmerzvoll, aber Edward fand schnell seine Fassung wieder. „Ich möchte ihn keineswegs allein lassen, Mylord. Aber er ist nicht allein und meine Anwesenheit würde ihm ehr schaden als nutzen.“

Der Blick des jungen Ritters glitt durch die Halle und fand zielsicher Henry, der mit Harry über einem Schachbrett saß.

„Und glaubt mir einfach, wenn ich sage, dass ich das nicht ertragen könnte.“

Das leichte Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, erreichte seine Augen nicht.

„Burton...“

„Denkt Ihr nicht, dass es das Beste wäre, Mylord?“

Nein, das dachte John absolut nicht, aber er schaffte es nicht, das zu sagen. Dazu nahm ihn der Blick, mit dem Edward Henry bedachte, zu sehr gefangen.

„Burton, ich weiß, dass es nur Lügen sind.“

„Danke, Mylord. Ich bin Euch dafür wirklich dankbar. ...Würdet Ihr mich wohl entschuldigen?“

John nickte nachlässig und sah selbst zu seinem Halbbruder hinüber.
Ja, er wusste, dass es nur Lügen waren, daran bestand kein Zweifel. Er fragte sich nur, wie ihr Urheber das klitzekleine Körnchen Wahrheit in ihnen gefunden hatte.


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