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Honey ~ Der Weg deines Herzens

von LunaLu
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Gen
Captain Harrison Love OC (Own Character)
06.04.2008
15.05.2016
40
168.234
5
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06.04.2008 2.427
 
KAPITEL I ~ Ein Alptraum
Honey sah ihn mit einer Mischung aus Hass und Angst an, wandte dann jedoch den Kopf stur zur Seite, damit er nicht ihre Tränen sehen konnte.
Der Mann lächelte weiter, trat noch näher an Honey heran und sagte:
“Oh - kein Grund sich zu schämen.” Er musterte Honey aufmerksam.
Honey wollte einen Wutschrei ausstoßen, sein widerwärtiger Sarkasmus trieb ihr noch mehr Tränen in die Augen.
Sie schloss kurz die Augen, und eine Träne rollte ihr über die Wange, dann wandte sie das Gesicht und sah den Soldaten an.
“Was wollen Sie?”
Der Mann ging nicht auf ihre Frage ein. Stattdessen stellte auch er eine.
“Wo haben die Murietas ihre Beute versteckt?”
Er lächelte selbstsicher. Hier würde er auf keinen Widerstand stoßen.
 
 Captain Love besah dass kleine Mädchen unter sich - sie konnte grade mal dreizehn, vierzehn Jahre alt sein. Er musterte ihre Kleidung; zerrissen und dreckig.      Ihr Gesicht war von Schmutz und Schrammen gezeichnet. Ihre Haare ein Durcheinander. Ihre blutigen Beine fest eingekettet.
 Er empfand kein Mitleid. Die unterste Schicht - sie hatte es nicht besser verdient. Ungebildet, dreckig, sogar unzivilisiert.
Mit seinen neunundzwanzig Jahren hatte er als Soldat schon eine Karriere hinter sich, von der sogar manche vierzigjährige noch träumten.
Er war mit achtzehn ins Militärlager in Texas, seinem Heimatland, geschickt worden. Schon mit zwanzig wurde er für den Krieg für die Unabhängigkeit Texas’ eingezogen. Im ersten Krieg gegen Santa Anna leistete er eine Menge, und stieg schnell zum Oberleutnant auf.
Mehr durch Zufall lernte er Samuel Houston persönlich kennen. Die beiden Männer freundeten sich auf der Reise durch Texas an, und Love lernte viel von ihm.
Vor dem Angriff auf Alamo wurde Love für ihn unerwartet zum Hauptmann von Houston’ s gesamter Armee ernannt.
 Oberster Offizier mit fünfundzwanzig - das war sehr selten.
Love war schließlich auch einer der handverlesenen Männer, die Santa Anna über den Rio Grande als Gefangenen zurück nach Mexiko brachten.
Er verbrachte zahllose Stunden mit ihm im Gespräch, und noch bevor sie die Grenze erreichten, wurde sie Freunde.
Santa Anna lud Love ein, mit sich zu kommen.
Love verbrachte zwei Jahre mit kurzen Unterbrechungen in Santa Annas Gesellschaft. Zwischendurch wurde er für vier Monate nach Marokko eingezogen, um im Feldzug für Spanien gegen Napoleon zu kämpfen. In dieser Zeit lernte er Don Rafael Montero und seine bezaubernde Tochter Elena kennen.
Mit siebenundzwanzig kehrte er nach Mexiko zurück und wurde von Santa Anna empfangen.
Er jagte von Zeit zu Zeit berüchtigte Banditen, bis er einen Brief von Montero erhielt. Dieser lud ihn nach Kalifornien ein, wo Montero und seine Tochter bald eintreffen würden.
Montero weihte ihn nach und nach in seine Pläne ein.
So war er also in Kalifornien. Die Zeit bis zu Monteros Ankunft vertrieb er damit, Monteros Armee zu leiten. Über die Mexikanische Regierung hatte er von den Murietas gehört, Diebe, die wegen unzählbaren Diebstählen und massenhaften Fällen schwerer Körperverletzung von Soldaten und anderen in ganz Kalifornien gesucht wurden.
Verfolgt hatte er sie nicht der jämmerlichen zweihundert Pesos wegen. Zweihundert Pesos - ein gerecht niedriger Preis für solche verkommenen Diebe.
Love hatte nicht damit gerechnet, dass sich dieser Feigling von Mann sich selbst erschießen würde, sobald er Love’ s Degen auch nur sah.
Aber noch viel weniger hatte er damit gerechnet, ein kleines Mädchen bei den Männern vorzufinden. Da sie zweifellos eine Angehörige der Kerle war, wäre es wohl besser gewesen, sie gleich mit umzubringen.
Doch was hätte ihm das gebracht? Ein wehrloses Mädchen umringt von Männern töten, konnte jeder.
Er kam ihr so nah, dass seine Schuhe ihre Beine berührten. Verächtlich zu ihr hinunterschauend sagte er:
“Antworte mir.”
Jetzt war es an dem Mädchen, verächtlich zu ihm aufzuschauen. “Ich sage Ihnen gar nichts.”
Love hob die Brauen. “Wie bitte? Vielleicht sollte ich dir ein bisschen Respekt beibringen - Antworte mir.”
Sie sah geradewegs an Love vorbei. Er kniete nieder, griff ihr ans Genick und zog sie hoch. Er verstärkte seinen Griff.
Sie schluckte.
“Ja … das tut weh. Wo?”
“Direkt hinter dem Hals.”
Love seufzte. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Das er handgreiflich werden müsse, hatte er gewusst. Aber er hatte nicht viel Zeit und wollte schnell die wichtigen Informationen aus ihr herauspressen, bevor er sie abschob.
Er packte ihr Gesicht mit einer Hand am Kinn, presste das Kinn zusammen, zwang sie, ihn anzusehen.
Die andere Hand legte er an ihre Hüfte, und strich diese hoch, unter ihrem Oberteil.
Seine harte Stimme wurde etwas sanfter, blieb jedoch eiskalt.
“Na?” Er wollte ihr Angst machen, was er anscheinend auch schaffte. Allerdings empfand er keinerlei Erregung.
Das Mädchen sah weg, doch sagte leise:
“…Ihre Beute haben sie gleich benutzt oder …weitergegeben, soweit ich weiß. Ein Lager haben sie nicht.” Love ließ von ihr ab. Und schon hatte er sie geknackt. Wie einfach.
“Was weißt du noch?”
Honey schüttelte abweisend den Kopf.
Love befahl ihr mit einem Kopfnicken, sich zu setzen. Dann warf er noch einen verächtlichen Blick auf sie und verließ die Zelle.
Den Soldaten vor der Tür wies er an:
“Bringen Sie ihr Wasser, zum trinken und waschen.”
Dann stieg er die Treppe hoch, die zum Ausgang führte.

Nach dem Honey sich waschen konnte - der Soldat hatte sie allein gelassen und ihr sogar eine Fußkette abgenommen - und nachdem sie endlich etwas getrunken hatte, verschwand der Nebel in ihrem Kopf etwas. Sie fröstelte. Ihre vom Wasser nassen Haare und ihre noch nicht ganz trockene Haut zogen die Kälte buchstäblich an.
Aber sie fühlte sich besser, nun, da sie kein getrocknetes Blut mehr am Körper hatte und da sie endlich den Dreck hatte abwaschen können. Einen Teil der grauenhaften Erinnerung an den Vortag. Sie kniete zu Boden und lehnte den Kopf an die harte Steinwand. Kurz darauf fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Love kam augenblicklich nachdem der Soldat ihn hatte rufen lassen bei der Zelle an.
“Was ist mit ihr?”, fragte er den Soldaten.
“Sie schreit…”, der Soldat schien verunsichert.
Love runzelte die Stirn und ging zur Zelle. Das Mädchen lag mit dem Kopf an die Wand gelehnt. Sie rief tatsächlich etwas - sie schlief jedoch.
“…Ich - Nein! Nein!…”. Sie atmete schwer, ihr Brustkorb hob und senkte sich merklich.
Love fiel jetzt, wo sie ihren Dreck abgewaschen hatte, besonders auf, dass sie keinerlei Ähnlichkeit mit Murieta hatte. Ihre rotblonden Haare, helle Haut - tatsächlich, sie hatte sogar blaue Augen. Äußerst ungewöhnlich für mexikanische Kinder. Ihm fiel auch ihre jugendlich-weibliche Figur auf und dass sie recht hübsch war für ein Straßenkind. Einen Moment dachte er an sein - im Moment aufgrund viel Arbeit nicht zu genüge erfülltes - Liebesleben und sah das Mädchen vor sich, doch er verwarf den Gedanken wieder, als sie erneut stöhnte und schrie.
Er zog eine Braue hoch.
“Sie haben mich gerufen, weil sie einen Alptraum hat?”, fragte er abrupt den Soldaten neben ihm, welcher verunsichert in die Zelle sah. Der Soldat zuckte zusammen. Love sah ihn an. Der Soldat neben ihm war noch recht jung, aber was hieß jung - wenn es einen jungen Soldaten gab, war Love es selber. Aber nicht jeder Soldat war jung und auch noch erfolgreich.
Der Mann konnte höchstens zweiundzwanzig sein. Er schien verunsichert.
“Ich-”, stammelte er, “sie hat geschrieen..”.
“Das tun Kinder, wenn sie Angst haben.” Love lächelte, auch wenn er verärgert war.
“Wecken Sie sie. Dann schreit sie vielleicht nicht mehr.” Love schlug dem Mann auf die Schulter und wandte sich zum gehen.
“Jawohl, Sir.”
Der Soldat zog den Schlüssel heraus und schloss die Tür auf. Schon als er näher an Honey herantrat, schrak mit einem Keuchen hoch. Sie schluckte.
“Es war nur ein Traum..”, sagte der junge Soldat leise zu ihr. Love drehte sich kurz um. Als das Mädchen Loves Züge durch die Gitterstäbe sah, zuckte sie zusammen.
Sie schluckte erneut und zitterte merklich. Ihre Mundwinkel zuckten, sie senkte den Blick und schlug die Augen zu Boden. Sie begann, leise zu weinen.
Love sah sie abfällig an. Er kam einen Schritt zurück, auf die Zelle zu.
“Was hast du geträumt?”, fragte er.
“…Vielleicht kommen Sie selbst drauf”, sagte das Mädchen und es hätte sehr feindselig geklungen, wäre da nicht ein zittern in ihrer Stimme gewesen. Sie sah Love nicht an.
“Erzähl’ s mir.” Er lächelte. Sie hob den Blick. “Sadist”, sagte sie fast unhörbar.
Love stockte. Hatte er das gerade richtig verstanden? Sadist? Die Bedeutung und Beleidigung dieses Wortes mal außer Acht gelassen… woher wusste sie bitte, was ein Sadist war? Kinder in ihrem Alter wussten so was nicht, selbst Erwachsene Indios und Einwohner sprachen nicht auf diesem Niveau.
Er kam langsam auf sie zu, an dem jungen Soldaten vorbei, durch die Zelle. Er neigte den Kopf zu ihr herunter. “Wie bitte?“
Honey blickte ihn verwirrt, ängstlich und wütend an. Love beugte eine Hand hinunter, packte sie am Ausschnitt ihres Oberteils. Dieses Mal nahm er keine Rücksicht, brutal schleuderte er sie gegen die Wand, fing sie und presste sie am Kinn dagegen. Das Mädchen schrie vor Schmerz und Angst.
“Was hast du gesagt?”, fragte er laut.
Er  zog sie zurück und schleuderte sie erneut gegen die Wand. Sie keuchte, sein Gesicht war angespannt und wütend.
“Ein Sadist, ja? Haben deine dreckigen Geschwister dir das beigebracht? Willst du mir ernsthaft einreden, die Mistkerle waren deine Geschwister?”, rief er.
“Sie… sie haben mich großgezogen!”, antwortete Honey unter Anstrengung, seine Hand um ihren Hals nahm ihren Atem, würgte sie.
Love wollte etwas erwidern, doch hielt inne. Warum diese Aufregung.
Er spürte den Hals des Mädchens in seiner Hand, dass er die Luftzufuhr unterbrach. Honey keuchte nach Luft. Er spürte die Macht, den Hals mit einer Bewegung, verstärktem Druck sofort brechen und sie somit töten zu können - und lies von ihr ab. Sie sackte zu Boden wie eine leblose Hülle. Am Boden blieb sie keuchend und lautlos weinend liegen.
Der junge Soldat starrte zerrissen auf das Geschehen, den Blick gesenkt.
Love richtete sich auf und fuhr sich laut atmend an der Nase lang. Er beobachtete das Mädchen am Boden. Dann sah er den Soldaten energisch an und befahl:
“Fesseln Sie ihre Hände und knebeln Sie sie. Dann sperren Sie sie wieder ein.”
“Womit soll ich sie knebeln?”
Love starrte den Soldaten einen Moment an, dann lachte er kalt aber anscheinend amüsiert. “Soldat… Gefangene knebelt man mit einem Tuch. Soll ich Ihnen vielleicht auch noch zeigen wie das geht?”
“Nein, Sir”, sagte der Soldat sehr leise und rot im Gesicht.
Love musterte ihn kurz abschätzend. Die Augen seines Untergesetzten huschten immer wieder verunsichert, fast entschuldigend zu Honey, die die beiden Männer keines Blickes würdigte.
Allerdings hörte sie zu. In ihrem Kopf pochte es unangenehm, und Angst und Schmerz schnürten ihre Kehle zu.
 “Sie haben Mitleid”, fragte Love und ein leises Lächeln spielte um seine Lippen.
“Nein, Sir”, sagte der Soldat erneut und senkte den Blick.
“Dann befolgen Sie meine Anweisung”, sagte Love, immer noch lächelnd.
Der Soldat wartete kurz und sah Love an, offenbar dachte er, Love würde jetzt die Zelle verlassen, doch Love lehnte sich gelassen mit dem Rücken gegen die Gitterstäbe und beobachtete wieder das Mädchen am Boden.
Der Soldat zog ein weißes Tuch aus der Tasche seines Uniformrocks, schüttelte es aus. Dann ging er auf Honey zu, blieb kurz unsicher vor ihr stehen. Kurz darauf kniete er nieder und fasste Honey fast sanft mit der Hand unters Kinn. Honey sah in aus feuchten Augen an, nicht flehend, aber verletzt.
Der junge Mann schluckte und zog an dem Kinn. Honey öffnete den Mund ein Stück weit. Ihr Blick fiel auf den Uniformrock des Soldaten vor ihr - sie sah etwas Glänzendes und fasste eine Entscheidung.
Der junge Soldat wich erschrocken zurück, als das Mädchen blitzschnell den Degen aus der Scheide zog, die an seinem Uniformgürtel hing. Love stieß sich von den Stäben ab. Er sah das Mädchen stirnrunzelnd an.
“Lass das”, sagte er fast drohend. Der Degen, der immer noch locker in der Hand des Mädchens lag, zitterte merklich. Die Kleine konnte doch nicht tatsächlich gegen ihn kämpfen wollen - abgesehen davon dass er seit seinem sechzehnten Lebensjahr perfekt focht und professioneller Berufssoldat war, war sie dreißig Zentimeter kleiner als er.
 Honey zitterte noch mehr. Dieser Soldat verstand nicht, was sie vorhatte. Aber dieses Vorhaben schien ihr fast noch absurder als sich mich ihm anzulegen. Sie konnte nicht mehr - sie wollte nicht mehr. …Was lies sie hinter sich? Egal. Zum überlegen gab es jetzt keine Zeit.
Das leise Lächeln auf Loves Gesicht verschwand, als Honey den Degen am Griff fest in die rechte Hand nahm, den Arm hochsteckte - und sich die Klinge an den Hals hielt - gerade einen Millimeter entfernt.
Er holte tief Luft und sagte nach einem kurzen Moment:
“…Tu das nicht.”
Eine Träne lief dem Mädchen über die Wange, ihre Stimme war eine Spur höher.
“Wieso nicht?”
Als Love nichts erwiderte, flüsterte sie:
“…Ich habe nichts zu verlieren.”
“Dein Leben.”
Zum ersten Mal lächelte das Mädchen - tonlos, traurig, verbittert - verzweifelt.
“Das verliere ich sowieso.” Love stockte einen Moment, dann holte er tief Luft.
Er zweifelte daran, dass das Mädchen sich tatsächlich bewusst war, dass Selbstmord das absolute Ende war, der - für ihn - peinlichste Tod, eine Tragödie. Umso mehr wunderte er sich, dass sie in ihrem zarten Alter auf so eine Idee kam. Das brachte ihn auf einen Gedanken;
“Dann stirbst du also genauso wie dein Bruder”, sagte er und konnte den Hohn über Murieta nicht verbergen.
Einen Moment sah Honey aus, als wolle sie reflexartig etwas erwidern, diskutieren oder ihm etwas Freches an den Kopf werfen - doch sie hielt inne. Ihr Kinn bebte.
“…Sieht so aus…”, flüsterte sie nur.
“Liegt wohl an der Familie”, sagte Love leise. “…Aber sie haben dich ja nur großgezogen. Was für eine Verschwendung.” Er ließ sie nicht aus den Augen und versuchte, sie abzulenken, redete leichthin, als wäre ihm die Situation egal.
Er sah sie durchdringend an.
“Lass es”, flüsterte er beschwörend.
“Damit Sie es tun können?”, Honeys Stimme war heiser.
‘Sie hat Angst’, dachte Love. Er ging einen Schritt auf sie zu.
“Nein!”, rief Honey.
“Damit du noch ein Bisschen vom Leben hast.”
Er ging noch einen Schritt auf sie zu. Sie spannte den Degen an. Er beugte sich etwas zu ihr, ihr Arm zitterte - sie würde es nicht tun.
In der nächsten Sekunde Kniete Love mit einem Bein neben ihr, das andere aufgesetzt, umfasste die Hand, die den Degen hielt.
Einen Moment überlegte er, ob er die Hand gegen die Wand hauen sollte, damit sie den Degen losließ, doch er ließ es. Einen Moment verharrten sie so - seine Hand umfasste ihre und er dicht an ihr dran, dann ließ sie den Degen in seine Hand gleiten und sackte zusammen, mit das Gesicht in den Händen verborgen.
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