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Special Unit 2: Vergeben und Vergessen?

GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
06.04.2008
06.04.2008
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06.04.2008 1.081
 
Als es klingelte, sah Nick auf die Uhr. Sollte der Pizzaservice einmal unerwarteterweise tatsächlich so schnell liefern, wie sie es in ihrer Werbung versprachen? Trotzdem griff er nach seiner Waffe, die samt dem Holster – halb hinter seinem Mantel verborgen – an der Wand neben der Tür hing. Zwar hatte Benson Alice erschossen, aber niemand wusste so genau, ob die Spinne nicht Gelegenheit gehabt hatte, sich mit ihrer Familie in Verbindung zu setzen. Sie hatte sich immerhin stundenlang allein in Nicks Appartement aufgehalten. Und das Team, das auf die Detroiter Spinnenschwestern von Alice angesetzt worden war, hatte deren Nest verlassen aufgefunden.

Polizisten sterben nicht jung, Polizisten sterben dumm, hatte ihm während seiner ersten Zeit bei der Chicagoer Polizei ein erfahrener Kollege eingeschärft. Zu dumm, dass der dann nur drei Monate vor seiner Pensionierung auf dem Heimweg von einem betrunkenen Autofahrer auf den Kühler genommen worden war.

Es klingelte erneut und Nick öffnete vorsichtig die Tür einen Spalt breit. Er ließ die Waffe sinken. „Richard.“

„Hey, Nicky, alter Knabe. Achtung vor Polizisten, wenn sie Geschenke bringen.“ Richard Talridge zog hinter dem Rücken eine Tüte hervor und hielt sie Nick vor die Nase. „Lässt du mich nun rein oder sollen wir warten, bis die Nachbarn anfangen, darüber zu reden?“

Nick schnitt eine Grimasse, schob die Waffe zurück ins Holster, arrangierte den Mantel wieder davor und trat zurück, um seinem Freund Platz zu machen. „Was willst du hier, Rich? Ich habe gesagt, ich werde frühestens in einem Monat anfangen darüber nachzudenken, dir zu vergeben.“

„Störe ich? Ich hätte dich ja angerufen und meinen Besuch angekündigt, aber deine Handynummer scheint nicht mehr zu funktionieren.“

„Ich habe eine neue Nummer bekommen“, entgegnete Nick ironisch. „Nachdem mir mein Captain deswegen das Fell über die Ohren gezogen hat.“

„Tut mir leid, wenn du deswegen Ärger hattest.“ Richard sah sich um. „Hat sich ja nicht viel verändert, seit ich zum letzten Mal da war“, meinte er und ließ seinen Blick durch das bewusst spärlich möblierte Appartement schweifen. „Hier, ein kleines Friedensangebot.“ Er drückte Nick, der ihm gefolgt war, die Tüte in die Hand und zog seinen Mantel aus, um ihn über die Sofalehne zu legen. „Aber so wie ich dich kenne, verbringst du eh nicht viel Zeit hier, oder?“

Nick zog eine Flasche aus der braunen Papiertüte und musterte das Etikett. „Das ist ja `ne teure Marke. Hast du die `nem Typen abgenommen, der einen Schnapsladen überfallen hat?“

Richard zuckte mit den Schultern. „Ist aus dem Bestand meines alten Herrn. Wenn man eine Berühmtheit ist, schmeißen sie einem den guten Stoff nur so nach.“

„Was willst du, Rich?“ Nick stellte die Flasche ab.

„Nur in Ruhe einen mit dir trinken, Nicky.“

„Ich kann nicht. Ich habe Rufbereitschaft.“ Nick trat in den Küchenbereich. „Aber du kannst ein Bier haben.“

„Rufbereitschaft? Was bist du, ein verdammter Arzt?“ Richard ließ sich auf das Sofa fallen. „Gibt’s bei deiner geheimnisvollen Spezialeinheit keinen normalen Nachtdienst, der sich um so was kümmert?“

„Den gibt es.“ Nick stellte eine Bierflasche vor seinen Freund auf den Couchtisch, dann nahm er Platz. Für sich selbst hatte er eine Dose Cola mitgebracht. „Fang’ nicht wieder davon an. Ich habe dir gesagt, dass es Dinge gibt, über die ich nicht sprechen darf. Und ich habe dich gebeten, mir zu vertrauen.“

„Also ist Special Unit 2 doch dazu da, um uns „normale“ Polizisten zu überwachen.“

„Das ist blanker Unsinn, Richard.“ Nick verschränkte die Arme vor der Brust. „Hör’ mal, je weniger du weißt, desto besser für dich und desto weniger Ärger für mich. Comprende?“

Richard gab ein verächtliches Schnauben von sich. „Und du sprichst von Vertrauen.“

Er rieb sich die Stirn. „Ich bin eigentlich hergekommen, um dir noch einmal zu danken, Nicky“, fuhr er in versöhnlicherem Tonfall fort. „Du hast meinen Arsch gerettet. Ich weiß zwar nicht, wie du das angestellt hast, aber ich bin froh, dass du den Typen gefunden hast, der den Streifenpolizisten umgebracht hat. Der Staatsanwalt hatte mich echt auf dem Kicker. Wäre ja auch ne große Show gewesen, ausgerechnet den Sohn von „Chicagos verdientestem Polizisten“ in den Knast stecken zu können.“

Nick sah auf die Coladose, die zwischen ihnen auf dem Tisch stand. Dann auf den rosa Gummiball, den Sean aus den Rückständen des Fettmonsters hergestellt hatte. Er konnte sich gar nicht erinnern, eines der Dinger eingesteckt zu haben.

„Ich konnte dich schlecht im Knast verrotten lassen. Du bist mein Freund“, entgegnete er leise.

„Aber du bist immer noch sauer auf mich.“

Nick sah auf. „Du hast nicht nur die Vorschriften und einen ausdrücklichen Befehl deines Captains missachtet, Rich. Du hast auch die Ermittlungen gefährdet. Ganz zu schweigen von deinem Leben.“

Richard starrte ihn an. „Was zum Teufel ist wirklich in diesem Hotel passiert?“, fragte er und sprang auf. „Wenn ich nur eine über den Schädel bekommen habe, woher kommt dann das?“ Er knöpfte hastig sein Hemd auf und entblößte eine Reihe kreisförmiger Hämatome, die sich über seinen Brustkorb verteilten. „In meinen Klamotten sind winzige Löcher wie von Nadeln.“

„Ich kann dir das nicht erklären“, entgegnete Nick ruhig. „Ich bin kein Arzt.“

Richards Augen verengten sich. „Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass du ganz genau weißt, was hier gespielt wird?“

Er erhielt keine Antwort.

Mit wütenden, fahrigen Bewegungen brachte Richard seine Kleidung in Ordnung und griff nach seinem Mantel. „Ich habe einen Antrag auf Versetzung gestellt“, sagte er. „Weg von Chicago, irgendwohin wo man mich nicht nur an meinem Vater misst, sondern an meinen eigenen Leistungen. Und weg von dieser Geheimniskrämerei.“

„Ich wünsche dir viel Glück.“ Nick sah ihn nicht an.

Der rosa Ball war verschwunden. Er strich mit den Fingerspitzen über die Oberfläche des Couchtisches, die von einem schmierigen Schimmer überzogen war. Dann roch er an seinen Fingern. „Tut mir leid, wenn ich das ganze jetzt ein wenig abkürzen muss, aber ich hab’s eilig. Danke für deinen Besuch, Rich.“

Er stand auf, nahm Richards Arm und bugsierte ihn zur Tür. „Ich habe noch was zu erledigen.“

„Hey, sag’ mal was soll das...?“ Den Rest von Richards Protest schnitt die zufallende Wohnungstür ab.

Nick griff in seine Manteltasche und wie er gehofft hatte, schlossen sich seine Finger um eine der Patronen, die mit der Enzymlösung gefüllt war, die das Fettmonster zum Schmelzen gebracht hatte. Besser als Spülmittel war es auf jeden Fall.

Er zog die Waffe aus dem Holster und lud sie mit der Patrone. Dann entsicherte er sie. Ein Schuss, das war verflucht wenig Spielraum. Nick trat in die Mitte des Raumes. „Komm’ Monsterchen, komm’ zum netten Onkel Nick und lass uns spielen...“
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