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Devil in a Midnight Mass

GeschichteMystery / P18 / Gen
06.04.2008
06.05.2008
9
15.867
1
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13 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
06.04.2008 1.843
 
Keine der hier erwähnten Figuren existiert wirklich, Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Ich habe zudem auch keinerlei Recht an „The Crow“.




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Er kam dem Haus näher, an das er nur benebelte Erinnerungen hatte. Benebelt von Drogen, die ihn hatten betäuben sollen - doch leider hatten sie nicht ewig angehalten und allen Schmerz betäubt, den er hatte erdulden müssen, wie er sich manchmal gewünscht hatte.
Es war ein Vorort, so wie man sie aus Fernsehserien kannte, mit weißen Gartenzäunen, wo eigentlich nur Familien wohnten, ekelhaft glückliche Familien, die offenbar ihre Häuser gleich noch schallisoliert hatten, damit sie nichts davon mitbekamen, was nebenan passierte...

Am liebsten wäre es ihm gewesen, er hätte vergessen können, alles, was passiert war, doch er erinnerte sich an jede Einzelheit, so sehr, dass er den Schmerz wieder so spüren konnte, als würde er ihm gerade zugefügt. Er wollte weinen, schreien, um Hilfe schreien...
Und wieder verwandelte er sich in das hilflose Kind, das er damals gewesen war...

“Du bist doch der Junge von dort gegenüber, oder?”, fragt der Mann und der kleine Junge nickt, auch wenn ihm etwas unwohl dabei ist, wie der Fremde, der in dem seltsamen alten Haus am Ende der Straße wohnt, ihn ansieht. “Ich habe dich schon öfter gesehen...mit deinen Freunden. Aber heute bist du alleine...”, er lächelt so seltsam, streichelt dem Jungen übers Haar, was diesem ebenso unangenehm ist. “Fühlst du dich da nicht einsam, ohne jemanden zum Spielen?”
“...nein”, der Junge schüttelt den Kopf, versucht dabei zu verbergen, dass er vor Angst zittert, auch wenn es dafür doch keinen Grund gibt. Der Mann ist schließlich ein völlig normaler Erwachsener, ein Nachbar, auch wenn er ihn noch nie vorher bewusst gesehen hat.
Vielleicht wohnt er noch nicht lange hier...
“Nein?”, der Mann lächelt seltsam. “Wirklich nicht?”, das scheint ihn zu amüsieren, “Wie alt bist du?”
“Fast elf...”, er ist sich damit bisher groß vorgekommen, aber nun fühlt er sich plötzlich wieder wie ein kleines Kind und will einfach nur noch nach Hause.
“Dann bist du ja schon ein großer Junge...”, der Mann streichelt ihm wieder übers Haar, lässt seine Hand dann langsam über seinen Nacken hinunter gleiten und streichelt ihm über die Wange. “Und du bist so schön...”, er berührt seine Lippe, streichelt darüber, dann beugt er sich vor, küsst den verwirrten Jungen auf den Mund. “So schön... “ Dann lässt er ihn entsetzt los, so als werde ihm gewahr, was er gerade getan hat. “Es tut mir Leid...”, er senkt die Augen, “Das wollte ich nicht....”, er sieht den Jungen ängstlich an, “Du wirst deinen Eltern doch nichts erzählen, oder? Bitte...”
“Nein, ist schon ok”, antwortet der Junge mechanisch, auch wenn er plötzlich Todesangst hat. “Aber ich muss jetzt nach Hause-“
“Aber deine Mom kommt doch erst um halb sechs von der Arbeit”, erwidert der Mann, “Warum leistest du mir nicht etwas Gesellschaft?”

„Nein, verdammt...nein“, schrie er sich selbst an. Diesmal würde er nicht schwach sein. Diesmal würde er das tun, wobei er das letzte Mal versagt hatte.
Gewalt war keine Lösung, sicherlich, aber manchmal...manchmal gab es einfach keinen anderen Weg.
„Schon Pogo könnte Gewalt sein“, hat ein Freund mal zu ihm gesagt, als er darauf beharrte, es könne doch eine Welt ohne Gewalt geben. „Aber denkst du das?...Nein, oder? Und ist es ja auch nicht...es Kommunikation, schon, sich zu schlagen ist Kommunikation.“ Er hatte gelacht. „Ist aus so einem Film, SLC Punk...voller Poser, wenn du mich fragst, aber trotzdem stimmt's, was der Typ da sagt...“
Eigentlich war er nicht der Meinung gewesen, aber nun...gut, diesmal würde er eine Botschaft überbringen.
Und die kam von niemand anders als Lady Tod, nun seiner einzigen Geliebten.


Die Krähe krächzt laut, ein einsamer Schrei - es klang fast wie das Weinen eines Kindes, stellte der Junge fest.
Oder, Moment - war das überhaupt die Krähe gewesen? Der Vogel saß auf seiner Schulter, sah ihn aus klugen, obsidianfarbenen Augen an. Doch noch immer hörte er diesen Laut...

Schon seit Tagen hat er einfach keine Tränen mehr zum Weinen. Vielleicht sind es aber auch schon Wochen, wer weiß es. Er hat jegliches Zeitgefühl verloren, was auch nicht verwunderlich ist.

Aber das ist mittlerweile etwas anderes als die Dunkelheit im Keller des alten Hauses, die ihn zu Anfang noch verschreckt hat, was ihm Angst macht; nämlich die Tatsache, dass er angefangen hat, Stimmen zu hören.
Aber nicht irgendwelche Stimmen, wie er zu Anfang einfach angenommen hat, als sie zum ersten Mal zu ihm gesprochen haben, sondern genauer gesagt scheinbar die aller, die hier gequält wurden.
Er hört ihre Schreie, ihr Flehen um Hilfe, ihr Weinen.
Ich möchte euch so gerne helfen, denkt er, So gerne, aber ich weiß doch nicht wie. Und ich habe selbst Angst.

Er lehnt den Kopf an die Backsteinwand, schließt die Augen - er wünscht sich, dass ihn jetzt, wenn er niemanden mehr sieht, auch niemand sehen kann.
Er ertappt sich sogar bei dem Gedanken, dass er lieber tot wäre als am Leben...

Er hört Schritte, Schritte, die näher kommen. Er. Wer sonst?

„Hattest du schlechte Träume, mein kleiner Engel?“, fragt er und streichelt ihm über die Wange.
„Ich habe sie gehört“, antwortet er wie in einen Traum versunken.
„Wen hast du gehört?“, erkundigt sich der Mann misstrauisch.
„Die anderen Kinder....“, wispert der Teenager, so als habe er Angst, dass sie ihn hören könnten.
Der Mann sieht ihn verwundert an, schüttelt dann nur traurig den Kopf, so als habe er den Verdacht, dass der Junge nun endgültig den Verstand verloren habe...

Ein Hund bellte leise irgendwo in der Nachbarschaft; jemand erwiderte etwas, sagte ihm wohl, er solle still sein.
So wie sie mir immer gesagt haben, ich solle still sein, dachte der Junge. Weil sie mich für einen Lügner gehalten haben.
“Hör endlich auf, solche Geschichten zu erzählen”, hatte sein Vater ihn angefahren, als er sich schließlich doch entschieden hatte, ihm von diesem seltsamen Mann zu erzählen, der ihn öfters zu beobachten schien. Er war ganz sicher kein Angsthase, aber dennoch, irgendetwas an diesem Fremden hatte ihm mehr als nur Angst gemacht. “Du willst dich doch nur wichtig machen.”
Er hatte ihm nicht geglaubt...wie immer.

“Und wenn...ist ja auch egal”, murmelte der junge Mann, streckte den Arm aus, damit die Krähe auf seiner Hand Platz nehmen konnte. “Ich will ja gar nicht, dass man mir glaubt... ich will nur, dass sie die Wahrheit endlich kennen lernen.”

Aber wie definierte man Wahrheit?

“Was hast du?”, er setzt sich neben den kleinen Jungen, legt den Arm um ihn. “Ärger in der Schule?”
Der Jüngere schüttelt den Kopf.
“Was dann?”, er sieht ihn fragend von der Seite an.
“Nichts...”, der Kleine sieht ihn nicht an, sondern weg von ihm, auf die Straße hinaus, so als sei dort etwas furchtbar interessantes - er folgt seinem Blick, doch dort ist absolut gar nichts.
“Ist ok...”, wenn er es ihm nicht sagen will, dann wird er es ihm nicht sagen. Aber dennoch, der Kleine wirkt so unsagbar traurig - ganz anders, als er ihn eigentlich kennt.

“Aber wenn du trotzdem reden willst-“, er nimmt die Hand des Jungen, “Wir sind Freunde.”
“Freunde”, der Kleine lächelt zum ersten Mal an diesem Tag, während der Ältere die Stirn runzelt, als er den dunklen Bluterguss am Handgelenkt des Jungen sieht.
“Wie ist das passiert?”, fragt er leise. Es sieht fast aus wie der Abdruck einer Hand, aber nicht der eines Kindes...eines Mannes. “Wer-?”
“Ich...bin hingefallen”, sagt der Junge schlicht, dabei klingt seine Stimme wieder so unsagbar traurig, hoffnungslos, genau wie seine Augen. “Hat ziemlich weh getan-“
“Ja...”, der ältere Junge erkennt plötzlich, wohin der Kleine sieht - das Haus schräg gegenüber am Ende der Sackgasse. Das mit dem verwilderten Garten und der schäbigen Fassade, die so aussieht, als wohne da seit Jahren niemand.
Doch so hat es auch schon damals ausgesehen...

Vor sieben Jahren...

“Das Haus da drüben”, er zeigt scheinbar desinteressiert genau dorthin, “Weißt du-?”
“Dort wohnt niemand, oder?”, der kleine Junge tut offensichtlich so, als sei es ihm gleichgültig, doch seine Stimme zittert. “Es ist....völlig verfallen...und dort spukt es.”
Genau das haben sich damals die Kinder auch schon erzählt...

“Vielleicht”, er zwingt sich zu einem halben Lächeln. Vielleicht hat er sich ja auch einfach nur getäuscht, vielleicht sieht er ja auch einfach nur immer noch die Gespenster von etwas, das ihm vor acht Jahren widerfahren ist, vielleicht ist ja auch alles in Ordnung und-
“Wir sind Freunde, oder?”, fragt der kleine Junge.
“Ja, natürlich”, versichert der Ältere, “Die besten...”, er wuschelt dem Kleinen durchs Haar.
“Wenn...wenn ich dir etwas erzähle, ein Geheimnis”, der Jüngere schluckt; es kostet ihn sichtlich Überwindung, das zu sagen, “Dann...kannst du es für dich behalten? Weil, wenn meine Eltern davon erfahren....dann werden sie mich hassen und-“
“Sh...”, der Ältere verspürt plötzlich ein furchtbar ungutes Gefühl im Magen, weil die Geister, die er so erfolgreich verdrängt hat, wieder deutlicher werden, “Du kannst mir vertrauen. Ehrenwort....” Er sieht den kleineren Jungen an, “Geht es dabei um...”, er überlegt, wie er es formulieren soll, ohne den Jungen zu verstören, “...um diesen....den Mann-?“
“Aus dem Geisterhaus”, wispert der Junge mit einem entsetzten Gesichtsausdruck, “Aber woher weißt du-?”
“Was hast er dir angetan?”, fragt er, sein Blick ist dabei Stein, “Was hat dieser Bastard dir angetan? Hat er-?” Bitte, mach, dass er ihm nichts getan hat, dass alles nur ein Albtraum ist und-
“Er....er hat mich so komisch angefasst”, die Stimme des kleinen Jungen ist leise und tonlos.
Der ältere Junge weiß nicht, was er sagen soll...
Der Albtraum seiner Kindheit hat ihn wieder eingeholt...aber diesmal wird er es nicht so enden lassen wie bei sich...

“Was hätte ich denn sonst tun sollen?”, er sah die Krähe fragend an, “Hätte ich zulassen sollen, dass er noch mehr Kindern weh tut? Ihr Leben zerstört so wie...”

Er spürt den Schmerz gar nicht mehr, als die Klinge wieder einmal die Haut seines Armes aufschlitzt - seine Nerven sind längst daran gewohnt, fast schon taub, weil er es so oft getan hat, sich selbst verstümmelt hat.
Er weiß nicht, warum er es tut, aber er weiß, wann er es tut, nämlich, wenn er einfach den Hass auf sich selbst nicht mehr erträgt, wenn der Ekel vor sich selbst zu groß wird. Weil er schwach ist. Weil er schwach war. Weil er es einfach hat geschehen lassen...

“... Meines?”, er schüttelte den Kopf, “Nein...ganz sicher nicht. Irgend jemand musste etwas tun, wenn es schon die Eltern nicht sehen wollten-“
Die Krähe krächzt leise; sie kennt die ganze Geschichte, aber es macht ihr auch nichts aus, dass er sie ihr noch einmal erzählt.


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die Rückblenden in diesem Kapitel mögen verwirrend erscheinen, doch ich denke, der kleine Dialog hier am Ende zwischen “Patch” und dem kleinen Jungen hat vielleicht etwas Licht ins Dunkel gebracht, was passiert ist...viele der Erinnerungen sind nämlich älter, nicht aus der Zeit kurz vor seinem Tod...

Anmerkung; das Zitat über Pogo ist aus dem Film “SLC Punk” (dt. “Punk”), genauer gesagt von dem Schauspieler Matthew Lillard als Stevo... Ob das Zitat hier passt, sei dahin gestellt.
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