Volle Distanz

GeschichteMystery / P12
02.04.2008
03.08.2008
17
43.562
 
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Dieses Kapitel
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02.04.2008 2.241
 


Summary:
Jayne ist nach Hause zurückgekehrt und versucht, sich in ihrem Leben zurechtzufinden. Eigentlich klappt das auch ganz gut, doch wirklich wie früher fühlt es sich nicht an, zumal nicht mehr alles so normal zu sein scheint wie Jayne zu wissen glaubte. Die Dinge, die sie in New York erlebt hat, holen sie einfach immer wieder ein. Außerdem hat sie das Gefühl, eine bestimmte Angelegenheit dort ungeklärt zurückgelassen zu haben, was ihr so manche schlaflose Nacht bereitet…

Anmerkung:
Hier ist also die Fortsetzung zu „(K)Ein Held sein…?!“, zu der ich mich habe hinreißen lassen. Ich weiß nicht ob es zwingend notwendig ist, den ersten Teil zu kennen, aber von Vorteil ist es auf jeden Fall *Werbung mach* Außerdem werde ich mich mit kleinen oder größeren Spoilern für Staffel zwei nicht zurückhalten können… also, ich habe euch gewarnt^^

Disclaimer:
Alles (außer die von mir erfundenen Charaktere) gehört Tim Kring und NBC, ich verdiene hiermit nichts… außer Unmengen von Reviews natürlich, um die ich euch hiermit bitte *g*





Kapitel I - „Sag schon, an wen denkst du?“



„Hm… ich weiß nicht… muss das so sein?“, war meine Frage nachdem ich den Teig – oder besser gesagt das, was ein Teig sein sollte – eine Sekunde lang kritisch beäugt hatte. So viel ich wusste brauchte eine Pizza einen Boden um eine Pizza zu sein. Und diesen Boden macht man aus Teig. Das, was sich in der Schüssel vor mir befand sah allerdings nicht unbedingt nach einem Teig aus. Es waren eher unförmige Krümel.

Tara tauchte hinter mir auf, warf einen kurzen Blick über meine Schulter in die Schüssel und stöhnte genervt auf. „Das ist eine fertige Teigmischung, Jayne. Wie blöd muss man sein, um das zu vermasseln?“

„Keine Ahnung… ziemlich blöd?“, erwiderte ich etwas beleidigt und schob die Schüssel in einer eingeschnappten Geste von mir. „Du weißt genau, dass ich nicht kochen kann. Und backen erst recht nicht. Wenn du es besser kannst – bitteschön.“

„Das hat weder was mit Kochen, noch mit Backen zu tun. Man rührt einfach nur das Zeug zusammen“, belehrte sie mich und versuchte mit Wasser, Mehl und anderen Zutaten zu retten, was von dem Teig noch zu retten war. „Zu entschuldigen wäre deine Unfähigkeit höchstens, wenn du in Gedanken mit dem dunkelhaarigen, gutaussehenden Junioranwalt beschäftigt warst, der im Wohnzimmer sitzt.“

„Denkst du eigentlich nie an was anderes als an Männer?“, fragte ich etwas empört. Dabei war meine Frage für mich selbst durchaus nachvollziehbar. So langsam schwante mir außerdem auch, warum Tara mich zu diesem netten Beisammensein in ihrer Wohnung eingeladen hatte. Ihr Blick traf mich und sie versuchte es doch tatsächlich mit der Unschuldsnummer. „Tu bloß nicht so als wäre es purer Zufall, dass dieser Typ hier ist“, warnte ich sie wenig ernsthaft obwohl ich mit der Kuppelei ganz und gar nicht einverstanden war.

„Ach komm schon.“ Tara verdrehte die Augen. „Wie lange bist du Single? Das mit Mark zählt nicht, also würde ich sagen… mehr als zwei Jahre? Ich will doch nur dein Bestes!“

„Mein Bestes? Das ist das ist das Dümmste was ich gehört habe seit meine Mutter mir mit neun das mit den Bienchen und Blümchen erklären wollte“, beschwerte ich mich und sog am Strohhalm  meiner Caipirinha, deren crushed Eis mittlerweile geschmolzenes Eis war. „Ich glaube ich weiß selbst ganz gut was mein Bestes ist. Und Mr. Junioranwalt da draußen gehört nicht dazu“, murmelte ich vor mich hin und blickte etwas gedankenverloren zum Fenster hinaus.

„Uh-oh, du hast ihn schon wieder“, sprach meine sogenannte Freundin und blickte mich an. „Den ich bin mit meinen Gedanken in New York-Blick“, erklärte sie sich, nachdem ich sie fragend angesehen hatte. „Den hast du öfter seit du wieder da bist. Aber mit mir redest du ja generell nicht darüber, was in dort so los war.“ Der beleidigte Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Sag schon, an wen denkst du?“

„An Molly natürlich“, sprach ich. Selbst für meinen Geschmack kam diese Aussage allerdings etwas zu prompt. Eine fiese, gemeine Stimme in mir lachte laut auf.

Tara lachte nicht. Ganz im Gegenteil. Sie blickte mich gekränkt an. „Am Anfang war das ja noch ganz witzig. Die Geheimniskrämerei, meine ich. Aber mittlerweile… “, Sie seufzte. „Ach, vergiss es. Ich reg mich nicht schon wieder darüber auf“, meinte sie dann kopfschüttelnd und begann, den glatten Teig auszurollen, den sie aus meinen Krümeln gezaubert hatte.


---


Eine Stunde später machte ich mich auf den Heimweg. Das lag nicht mal unbedingt daran, dass mir dieser Junioranwalt, dessen Namen ich schon wieder vergessen hatte, so unsympathisch war. Viel mehr lag es daran, dass ich einfach nicht in Partylaune war. Und das obwohl man behaupten könnte, dass für mich alles bestens lief.
Nachdem ich aus New York zurück gekehrt war hatte ich nach Weihnachten ohne große Probleme meine beiden Prüfungen bestanden. Zusammen mit Tara hatte ich das gebührend gefeiert. Auch mit meiner Abschlussarbeit kam ich ganz gut voran, auch wenn es unheimlich schwer für mich gewesen war, wieder in das Thema hineinzukommen. In den ersten Tagen hier waren mir die vergangenen Ereignisse im Kopf herumgeschwirrt und ich hatte kaum einen Nerv gehabt, mich mit meiner bereits fertigen Gliederung und diversen Literaturangaben zu beschäftigen. Mittlerweile aber war ich optimistisch, die Arbeit sogar noch vor Fristende abgeben zu können.
Trotzdem war ich in letzter Zeit ohne erkennbaren Grund unzufrieden und mürrisch, vor allem wenn man mich auf gewisse Dinge ansprach. So wie Tara es ab und an tat.

Dabei hat sie nicht mal Unrecht, dachte ich und blickte in den rötlich schimmernden Nachthimmel über San Diego. Ich hatte ihr kaum etwas über das erzählt, was ich in New York erlebt hatte. Eigentlich hatte ich ihr gar nichts erzählt. Aber warum sollte ich auch? Die Wahrheit würde sie mir nicht glauben und sie anzulügen erschien mir unpassend. Also hielt ich die Klappe, auch wenn ihr das nicht recht war. Mir gefiel es ja auch nicht, meine beste Freundin über das, was ich erlebt hatte, im Unklaren zu lassen. Und das vor allem, weil sie mich des Öfteren darauf ansprach und ich ihr immer wieder eine Abfuhr erteilen musste.

Ich überlegte einen Moment, grübelte über die Zeit nach, die ich nun wieder hier verbracht hatte. So wie es aussah hatte ich mein normales Leben wieder. Tara wollte mich verkuppeln, ich stellte mich dämlich an was das Kochen anging und nirgends schien ein Irrer unterwegs zu sein, der Leuten die Köpfe aufschnitt – alles war also wieder normal und das war auch gut so. Endlich hatte ich wieder Zeit, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das bedeutete im Groben, dass ich meine Abschlussarbeit fertig schreiben und mir dann einen Job suchen würde. Blöderweise war das leichter gesagt als getan. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie mein Leben nach dem Abschluss weiter gehen würde. Ich wusste nicht mal, wo es weiter gehen würde.

Als ich zu Hause ankam warf ich einen Blick auf mein Handy. Wie so oft hatte ich es liegen lassen, als ich mich in die Bibliothek und von dort zu Tara aufgemacht hatte. Dafür zeigte es mir jetzt einen unbeantworteten Anruf an. Eine New Yorker Nummer. Seine Nummer. Ich überlegte einen Moment, spielte kurzzeitig mit dem Gedanken, sofort zurück zu rufen. War irgendwas passiert? Höchstwahrscheinlich nicht, sonst hätte ich wohl mehr als einen unbeantworteten Anruf zu verzeichnen. Trotzdem wählte ich eine Sekunde später die Nummer auf dem Display meines Mobiltelefons. Warum, wusste ich nicht so richtig.

„Hallo?“, meldete sich eine verschlafene, bekannte Stimme nach mehrmaligem Klingen. Verdammt, fluchte ich innerlich. Die Zeitverschiebung. Jayne, du Trottel. Langsam solltest du es wissen.

„Ich bin’s“, sprach ich und überwand damit den unbändigen Drang, lieber sofort wieder aufzulegen.

„Jayne? Es ist ein Uhr Nachts. Zumindest… hier.“ Der Vorwurf war nicht zu überhören. „Was gibt’s denn?“

Wie immer jagte mir seine Stimme einen Schauer über den Rücken. Daran hatte sich nichts geändert. Lächerlich bei den viereinhalb tausend Kilometern, die zwischen uns lagen. „Ich hatte einen Anruf von deiner Nummer auf meinem Handy. Ich dachte es wäre vielleicht wichtig.“

Er schien eine Sekunde zu überlegen. „Ach ja, das war Molly. Sie wollte dir von unserem Besuch im Tierpark erzählen und hören wie es dir geht.“

„Verstehe“, antwortete ich leise. Ein paar endlos anmutende Sekunden schwiegen wir beide. Wieder war da dieser Drang, einfach aufzulegen. „Tut mir leid, dass ich jetzt noch-“

„Halb so schlimm“, unterbrach er mich. Erneutes, gespanntes Schweigen lag in der Luft, dann hörte ich ein leises Seufzen. „Also dann… gute Nacht.“

„Nacht, Mohinder“, murmelte ich fast lautlos, doch das Klicken in der Leitung hatte das Gespräch schon beendet. Ich seufzte, warf das Telefon auf das Sofa. Was dachte ich mir eigentlich dabei, mitten in der Nacht bei ihm anzurufen? Das war einfach nur dämlich und selbst die Sorge um Molly konnte so eine Aktion nicht rechtfertigen. Während ich noch über mich selbst den Kopf schüttelte, schaltete ich den Wasserkocher an. Irgendwie musste ich diese Gedanken loswerden und vielleicht würde ich das bei einer guten Tasse Tee schaffen.
Als ich nach oben in den Küchenschrank griff spürte ich das altbekannte Ziehen in meiner linken Schulter. Bei so mancher komischen Bewegung schmerzte sie noch immer, obwohl diese Nacht jetzt mehr als drei Monate her war. Mein Physiotherapeut, ein bulliger Glatzkopf mit Fingern so dick wie Bockwürste, hatte durchblicken lassen, dass ich mich mit dem Schmerz arrangieren müsste weil er durchaus ein halbes Jahr anhalten könnte. Und selbst dann wäre es nicht unwahrscheinlich, dass ich mir bei einer schnellen, unbedachten und heftigen Bewegung die Schulter erneut auskugeln würde. Rosige Aussichten also.

Sie hatten den Tierpark besucht. Zu dritt, wie ich vermutete. Zugegebenermaßen war ich neidisch und hatte das Gefühl etwas verpasst zu haben weil ich nicht dabei gewesen war. Aber dafür hatte ich mich nun mal entschieden. Und so ungern ich es zugeben wollte, war es mir schwer gefallen an diesem verregneten Sonntagmittag in den Flieger nach San Diego zu steigen. Ich erinnerte mich noch ziemlich genau daran. Als wäre es gestern gewesen.


****** vor dreieinhalb Monaten, JFK, New York City******

„Die Passagiere des Fluges 4205 nach San Diego bitte zum Boarding an Gate 23a. Ich wiederhole: Die Passagiere des Fluges 4205 zum San Diego International Airport werden gebeten, sich unverzüglich zum Gate 23a zu begeben.“ Die Stimme, die aus den Lautsprechern drang, klang etwas genervt. Als würde sich die Frau dahinter fragen wie dämlich die Passagiere des Fluges 4205 waren, dass sie es nicht schafften, sich zum Boarding zu begeben.

Ich nahm den Riemen meiner Tasche zur Hand. „Also dann…“, sprach ich und sah auf die Anzeigetafel. Irgendwie hoffte ich, hinter der Flugnummer plötzlich ein
cancelled lesen zu können. Mein Blick wanderte zu Molly, ich ging in die Knie. „Du wirst brav sein, Zwerg. Klar?“

„Bin ich das nicht immer?“, fragte sie mich und ein unschuldiges, aber verschmitztes Lächeln huschte über ihre Lippen. Dann umarmte sie mich fest. „Kommst du bald wieder?“

„Du weißt doch, dass ich erst noch meine Prüfungen schreiben muss. Wenn ich dann alles geregelt habe und weiß wie es weiter geht komme ich wieder, versprochen.“ Es war schwer für mich, die Kleine so zu vertrösten, aber es ging eben nicht anders. Ich stand auf, schulterte meine Tasche und strich Molly noch einmal durch ihr Haar. Dann sah ich zu ihm. In den letzten fünf Tagen hatte ich mir diesen Moment oft ausgemalt. In meinen verrücktesten Fantasien hatte ich ihn vor mir gesehen, wie er mich mit einem Dutzend roter Rosen und Tränen in den Augen auf Knien anfleht, nicht zu gehen. Wie in einem schlechten Kitschroman oder so manchem schnulzigen Liebesfilm eben. Die Wahrheit hatte mit dieser Vorstellung nicht viel gemeinsam.

„Komm gut Heim“, sprach er mal wieder und ich hasste ihn dafür, dass es so ehrlich klang. Hätte er mich in diesem Moment gebeten, zu bleiben – die Maschine wäre ohne mich geflogen. Natürlich tat er es nicht.

„Pass auf, dass sie wenigstens ab und zu Gemüse isst“, erwiderte ich dümmlich weil mir einfach nichts Besseres einfiel. Außerdem war die Situation mehr als unangenehm und ich wollte ihr schnellstmöglich entfliehen. Selbst wenn das hieß, in den Flieger zu steigen.

„Mach dir keine Sorgen, Matt und ich… wir kriegen das schon hin“, beschwichtigte er mich. „Alles Gute für deine Prüfungen.“

„Danke“, murmelte ich und fragte mich, wie zum Teufel er in diesem Moment an meine absolut nebensächlichen Prüfungen denken konnte. Na ja, Männer eben. Keinen Sinn für Dramatik.

„Letzter Aufruf für die Passagiere des Fluges 4205 nach San Diego. Bitte begeben sie sich umgehend zum Boarding an Gate 23a“, hallte es nun wahrscheinlich wirklich zum letzten Mal aus den Lautsprechern.

„Bis bald“, verabschiedete ich mich, holte meine schon ziemlich mitgenommene Boarding Card aus meiner Jackentasche und verschwand in Richtung Schalter. Als ich zurück blickte sah ich wie Molly Mohinders Hand ergriff. Du wirst doch nicht anfangen zu heulen, Jayne?, fragte ich mich selbst und versuchte, mich zusammenzureißen.

„Ihre Familie?“, fragte die offensichtlich überfürsorgliche Dame am Boarding-Schalter als sie sah, dass ich mir über die Augen wischte. „Da fällt der Abschied besonders schwer, was?“

„Äh, wir sind nicht…“, nuschelte ich, brach dann aber ab und nickte leicht. „Ziemlich schwer, ja“, meinte ich dann nur, zeigte ihr meine Karte und rang mir ein Lächeln ab.


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Seufzend kuschelte ich mich in die Sofakissen und schlürfte von meinem Tee. Es war die richtige Entscheidung gewesen, hierher zurück zu kommen. Selbst wenn es sich ab und an nicht so anfühlte  und es Momente gab, in denen ich am liebsten auf der Stelle die Koffer gepackt und ein Ticket nach New York gebucht hätte.



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