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Gooodbye, Ernest....

GeschichteAllgemein / P6
Ernest
21.03.2008
21.03.2008
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Die Göttinnen standen still, außer Betrieb.
Kaum ein Laut war zu hören, nur ein leise Tippgeräusche und ein noch leiseres Piepen unterbrachen von Zeit zu Zeit die Ruhe in der gewaltigen Halle.
Bis auf eine Lotsin war es dort menschenleer.
Am Kontrolltisch vor Luhma Klein stand Tune Young. Ihre Hände glitten rastlos über die Tasten. Ohne den geringsten Laut von sich zu geben, checkte sie die Ingrid vor sich durch. Die anderen Lotsinnen hatten ihre Arbeit schon vor etwas mehr als einer Stunde ruhen lassen und sich schlafen gelegt, doch Tune hatte sich geweigert schon zu gehen. Sie wollte sicherstellen, dass mit Luhma Klein alles in Ordnung war. Deshalb ließ sie nun schon zum zweiten Mal alle Funktionen überprüfen und den Status der Göttin feststellen.
Tunes Augenlieder fühlten sich allerdings schon schrecklich schwer an. Am liebsten wäre sie schon mit den anderen mitgegangen, aber sie wollte keinen Fehler machen. Luhma Klein hatte sich für den Bruchteil einer Sekunde seltsam verhalten, hatte nicht so reagiert, wie es der Pilot, Erts Virny Cocteau, von ihr erwartet hatte. So etwas durfte nicht noch einmal passieren! Es lag in Tunes Verantwortung, dafür zu sorgen, dass dieser Fall wirklich nie mehr eintrat.
Doch auch wenn ihr Wille eisern war, sank ihr Kopf immer tiefer. Die leisen Geräusche, die der Computer von sich gab, wirkten wie ein Wiegelied auf sie, als wollte die Ingrid, dass sie sich endlich etwas Ruhe gönnte…
„Tune!“
Die Lotsin riss ihren Kopf abrupt hoch. War sie schlussendlich doch auf ihren Armen eingeschlafen?
Wütend über sich selbst schüttelte sie ihren Kopf, versuchte wieder Klarheit in ihre Gedanken zu bringen. Sie blickte sich suchend um, denn sie war gerufen worden. Es musste also jemand hier sein.
Ihre Augen konnten jedoch niemanden der Halle entdecken. Eigentlich war sie sich auch sicher zu wissen, zu wem die Stimme gehörte. Aber es war unmöglich.
„Ich habe es mir sicher nur eingebildet…“, redete sie sich also einfach selbst zu. „Nur wir beide sind hier!“, fuhr sie fort, während sie ihren Kopf hob und ihren Blick auf den Kopf der Ingrid richtete. Sie hielt jedoch abrupt in der Bewegung inne.
Für den Bruchteil einer Sekunde hatte es den Anschein gehabt, als hätten die Augen der Göttin geleuchtet, wie sie es sonst immer tat, wenn sein Pilot sich in ihr befand.
Es musste Einbildung sein.
Schlussendlich waren die Programme mit ihrem Durchlauf fertig, und es war schier unmöglich, dass sich auch nur noch ein Fehler im System der Ingrid befand. Tune gähnte noch einmal ausgiebig, bevor sie den Computer der Kontrollstation herunterfuhr und die Systeme der Ingrid ab- oder auf Stand-by-Modus schaltete.
„Gute Nacht, Luhma Klein!“, verabschiedete sie sich von der Maschine. Sie ließ ihre Finger über das Metall der Maschine gleiten, dann wandte sie ihr endgültig den Rücken zu und marschierte an den anderen Göttinnen vorbei zum Ausgang.
In der gesamten GIS Station herrschte Ruhe. Obwohl Tune wusste, dass noch immer hunderte von Menschen an ihrer Arbeit saßen und ständig die Umgebung von Zion im Auge behielten und die unzähligen Maschinen an Bord warteten und bedienten, hatte es fast den Anschein, als würde alles ruhen. Stille herrschte in den Gängen, und aus keinem der Schlafzimmer drang ein Laut. Als sie in den Schlaftrakt der Piloten und Lotsinnen kam, schien die Stille noch durch etwas anderes erweitert zu werden. Sie war sich nicht sicher, ob es ein angenehmes Gefühl der Ruhe war, das sich immer in ihnen ausbreitete, wenn sie wussten, sie hatten einen Angriff erfolgreich überstanden, oder vielleicht das Gefühl der Sorge vor dem nächsten Mal, welches einem selbst im Schlaf keine Ruhe ließ.
Sie stützte sich mit der Hand an der Wand ab. Einerseits, weil sie vor Müdigkeit fast ohnmächtig wurde. Andererseits, weil dieses seltsame Gefühl in der Luft sie zu Boden zu drücken schien.
Sie fühlte sich schrecklich einsam.
Sie schlich den Gang entlang, darauf bedacht kein Geräusch zu viel zu machen. Schließlich kam Tune in ihrem Zimmer an.
Sie war todmüde, weshalb sie es sich ersparte ihren Schlafanzug anzulegen. Sie schlüpfte bloß aus ihrer Hose, welche sie auf den Sessel vor ihrem Schreibtisch legte, und ließ sich dann in ihr Bett fallen.
Kaum hatte sie die Decke über sich ausgebreitet, schlossen sich ihre Augen schon, und der Schlaf übermannte sie.

„Tune!“
Wieder diese vertraute Stimme…
Tune blinzelte verschlafen. Hatte sie überhaupt geschlafen? Warum weckte man sie denn schon wieder? Etwa ein Angriff?
Aber in der Stimme lag keine Angst, keine Hast. Es war nicht so wie sonst, wenn man ihren Namen rief, da ihre Fähigkeiten als Lotsin nötig waren, um Erts und Luhma Klein sicher durch den Kampf zu bringen. Diese Stimme sagte ihren Namen weil sie es so wollte, nicht weil es nötig war. Vielleicht sagte die Stimme dies auch aus dem einfachen Grund, den Klang ihres Namens zu hören.
Vermutlich träumte sie aber noch immer, denn diese Stimme konnte ihren Namen gar nicht gesagt haben.
„Schläfst du noch, Tune?“
Nein, es gab keine Zweifel mehr. Wenn es diese Stimme wirklich gab, dann sagte sie Tunes Namen, weil die dazugehörige Person mit ihr sprechen wollte. Und wenn es sie gab… Nein, das konnte nicht sein. Es war vergebene Hoffnung. Oder etwa nicht?
Aber sie musste es wissen. Sie brauchte Gewissheit.
„Nein, ich bin schon wach…“, murmelte sie, noch immer etwas im Halbschlaf gefangen. Sie zwang ihre Augen sich endgültig zu öffnen. Doch vor sich konnte sie nur ihre Kommode sehen.
„Es tut mir Leid, dass ich dich geweckt habe. Ich hoffe, du bist nicht mehr allzu müde.“
Die Sorge um sie, das Mitgefühl, die Wärme… Diese Stimme musste echt sein, sie konnte nicht bloß aus Erinnerungen entstanden sein, um ihr ein trügerisches Bild der gewünschten Wirklichkeit zu liefern, um ihr den Schlaf zu versüßen.
„Ernest, bist du es?“
Tunes Stimme war zittrig, denn sie konnte selbst kaum glauben, was sie da sagte. Er konnte es doch gar nicht sein, es war unmöglich. Aber warum hörte sie seine Stimme dann so klar…?
Als das Schweigen anhielt, setzte Tune sich zaghaft auf. Sie musste es wissen. Sie musste sehen, ob er wirklich hier war, oder ob ihr die Geister der Vergangenheit einen bösen Streich spielten.
Sie schob die Decke ein kleines Stück zurück, um es sich selbst leichter zu machen. Dann stützte sie ihre leicht zitternden Hände auf die Matratze und setzte sich auf.
Vor der Türe, im kaum vorhandenen Licht, stand er. Er trug Alltagskleidung, und sein Gesicht wirkte entspannt. Seine Haare waren perfekt gerichtet, wie auch sonst immer. Seine Augen strahlten vor Ruhe.
„Aber… Ernest, was machst du hier! Träume ich?“
„Dies hier ist realer als ein Traum… Es ist so wirklich, wie das, was du erlebst, wenn du wach am Pult von Luhma Klein stehst und den Piloten führst. Aber es ist eine andere Form von real… Hier, an diesem Ort, gibt es keinen Ryo, keinen Gareas, keine Piloten oder Lotsinnen.“
Tune ließ seine Worte kurz auf sich wirken. Sie schnappte kaum hörbar nach Luft. „Aber dann ist das hier doch…“
„Ja.“
„Und… wie komme ich an diesen Ort?“ Die Angst in ihrer Stimme war vermutlich nicht zu überhören.
Ernest machte einen Schritt auf sie zu. Die Spur eines Lächelns huschte über sein Gesicht während er antwortete: „Ich habe dich hierher geholt.“
Tune spürte wie ihre Wangen sich röteten, aber sie hoffte, Ernest könnte es im schwachen Licht, welches den Raum erhellte, nicht sehen. Zur Sicherheit senkte sie aber ihren Kopf ein wenig.
Sie hörte wie er sich langsam in Bewegung setzte. Die Geräusche seiner Schritte waren leise, vorsichtig. Kam er etwa auf sie zu?
Tatsächlich spürte sie kurz darauf, wie sich die Matratze am Fußende ihres Bettes senkte. Als sie ihren Blick ein kleines Stückchen hob, sah sie, dass er sich zu ihr gesetzt hatte. Unwillkürlich wich Tune ein Stück zurück. Seine Präsenz war noch immer unfassbar. Aber sie konnte sich so nicht weiter verhalten. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und hob ihren Kopf, um ihm in die Augen zu sehen.
„Du bist sehr müde, nicht wahr, Tune?“, fragte er.
Seine blauen Augen strahlten eine solche Wärme, solches Mitgefühl aus, dass es Tune fast zu viel wurde. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht einfach los zu heulen. Sie hatte diesen Blick so sehr vermisst…
Tatsächlich war sie noch immer etwas müde, wenn sie es sich auch nicht eingestehen wollte.
„Du bemühst dich sehr, alles richtig zu machen… Erts hat Glück, dich als seine Lotsin zu haben. Genauso wie ich Glück hatte, dass du meine Lotsin warst.“
Tune blinzelte verwundert bei diesem Lob, aber sie musste lächeln. Er hatte Recht. Sie hatte sich tatsächlich die letzten Wochen lang jede Nacht um die Ohren gehauen. Sie hatte nach jedem Flug die Systeme doppelt und dreifach gewartet, jede noch so kleine Funktion auf ihre Richtigkeit geprüft. Wann immer Luhma Klein zurückgekehrt war, hatte sie einen vollständigen Systemcheck durchgeführt, obwohl dies nur bei einer Beschädigung der Göttin nötig gewesen wäre, und Erts bisher immer unbeschädigt mit Luhma Klein zurückgekehrt war.
„Ja“, begann sie mit leicht zitternder Stimme. „Erts will nicht kämpfen… Es widerstrebt ihm, sich Tag für Tag in die Göttin zu begeben und gegen die Victims in den Kampf zu ziehen. Aber er macht es für dich, denn er will deine Aufgabe weiterführen. Er weiß, dass er es tun muss. Und ich will ihn nicht enttäuschen… Es darf kein Fehler in der Göttin sein. Alles muss gut gehen… Ich will nicht, dass er wegen mir in Schwierigkeiten kommt und so vielleicht das Vertrauen in seine Fähigkeiten verliert und nicht mehr zurück in die Göttin kann, weil ihn sein Geist blockiert. Ich will nicht, dass ihm etwas passiert…“
Bei den letzten Worten erstarb ihre Stimme. Sie wollte nicht noch einmal ihren Piloten verlieren…
Für einen Moment herrschte Stille im Raum.
„Weißt du, warum ich dich hierher geholt habe, Tune?“
Ernests Frage überraschte Tune. Sie überlegte kurz, doch dann fiel ihr auf, dass sie tatsächlich nicht wusste, warum er sie zu sich geholt hatte…
„Eigentlich… Nein, ich weiß es nicht“, gab sie zögernd zu. Hätte sie es wissen müssen?
Sie hatte ihren Blick wieder gesenkt, denn sie schämte sich, dass sie nicht einmal das wusste. Sie fühlte sich dumm… Unterlegen.
„Du wolltest mir noch etwas sagen, aber ich bin nicht zu dir zurückgekommen. Was war es, dass du mir nicht mehr sagen konntest, Tune?“
Ihre Augen weiteten sie sich und sie schnappte nach Luft. Ihr Kopf schnellte auf, sodass sie Ernests Blick traf. Seine Augen schimmerten im schwachen Licht, und sein Blick war geduldig und neugierig zugleich. Konnte es sein, dass er es wirklich nicht wusste?
„Ich…“
Ihre Stimme erstarb wieder. Was hatte es denn für einen Sinn, es ihm jetzt noch zu sagen? Sie würde ihn vermutlich nie wieder sehen. Sollte sie es ihm wirklich sagen und ihn damit belasten, dass er sie nie wieder sehen würde? Selbst wenn… Vielleicht würde er verschwinden, sobald sie es gesagt hatte? Das wollte sie auf keinen Fall! Sie wollte ihn noch länger bei sich haben. Sie hatte ihn so lange nicht mehr gesehen…
„Hab keine Angst!“
Erst als Ernest wieder sprach, fiel ihr auf, dass sie ihn immer noch ansah. Ob er wohl mitbekommen hatte, was in ihr vorgegangen war? Hatten sich ihre Gedanken so offensichtlich in ihren Augen zu Erkennen gegeben? Und selbst wenn ihr Gesicht sie nicht verraten hatte, so konnte man deutlich sehen, dass ihre Hände zitterten, obwohl sie auf der Decke auflagen.

„Ich werde nicht verschwinden, sobald du es mir gesagt hast. Ich bin hier, weil ich dir die Chance geben will, es nachzuholen. Ich habe dir keine Gelegenheit mehr gelassen, ehrlich zu mir zu sein. Du kennst mich, Tune. Ich werde nicht einfach wieder weggehen, sobald du es gesagt hast. Ich werde hier bleiben, auch wenn du mir sagen solltest, dass du mich hasst.“
Tune schnappte abermals nach Luft: „Wie kommst du darauf, dass ich dich hassen könnte?“
Sie fuhr sich mit der Hand vor den Mund. Sie hatte das doch gar nicht sagen wollen… Aber es war ihr einfach so herausgerutscht.
„Vielleicht hasst du mich dafür, dass ich gegangen bin, ohne Lebewohl zu sagen.“
Ernests Worte waren ruhig. Er meinte es tatsächlich ernst.
Tune schluckte als ihr bewusst wurde, wie es ihm zusetzte, dass er so einfach gegangen war. Er wusste, wie viel Schmerz sein plötzliches Ableben hinterlassen hatte. Für Tune gab es nun kein zurück mehr. Er hatte es verdient, nach all diesem Leid die Wahrheit zu erfahren.
„Ernest?“ Sie sagte zum ersten Mal seit so langer Zeit seinen Namen. Es war ein für sie fremd gewordenes Wort, aber trotzdem steckte noch so viel Erinnerung darin, so viel Wärme, so viel Gefühl…
„Ja?“, antwortete er sofort. Anscheinend fiel auch ihm auf, dass sie zum ersten Mal seinen Namen gesagt hatte.
„Ich werde es dir sagen… Wenn du mir einen gefallen tust…“, begann Tune zaghaft.
Seine Augen erwiderten fragend ihren Blick. Sie konnte es nicht aussprechen… Wenn sie es sagen würde, klänge es seltsam. Nur die Geste an sich zeigte wirklich, wie viel sie bedeutete.
Ihre Hand zitterte noch stärker, denn sie wusste, was gleich kommen würde. Die Angst blockierte ihre Stimme, ihre Gedanken, einfach alles. Es gab so viele Möglichkeiten wie das ausgehen könnte, aber eine schien ihr schlimmer als die andere. Sie wusste nicht, was er wirklich tun würde. Sie konnte es nur versuchen.
In einer Bewegung hob Tune ihre Hand, streckte sie nach vorne und erreichte Ernests Hand, welche er leicht auf der Decke aufgestützt hatte. Sie nahm ihm seine Stütze und hob seine Hand im Bruchteil einer Sekunde etwas an, um ihre Finger mit seinen zu verhaken.
Ihre Wangen fühlten sich heiß an, als sie ihren Kopf senkte. Noch nie hatte sie ihn berühren können. Er hatte es Aufgrund seines EX immer gemieden, ihr zu nahe zu kommen. Nun spürte sie zum ersten Mal seine Haut auf ihrer.
Aber die Erleichterung konnte die Angst nicht verjagen, denn Ernest hatte noch nicht auf ihre Aktion reagiert. Sie schluckte schwer und erklärte mit zitternder Stimme: „Ich will nur sicher sein, dass du nicht plötzlich aufstehst und verschwindest…“
Plötzlich spürte sie, wie seine Hand ihren Griff festigte und seine Finger sich auf ihren Handrücken legten.
„In Ordnung, Tune.“
Ihr Herz raste, denn der Klang seiner Stimme war nicht wütend oder irritiert, sondern wirklich einwilligend und freundlich.
„Was wolltest du mir sagen?“, bohrte er noch einmal nach.
Tunes Herz begann zu rasen. Sie hoffte, Ernest könne ihren Puls nicht fühlen, und sie hoffte auch, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Ihre Wangen schienen zu brennen, und ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Wie sollte sie das bloß sagen? Sollte sie vielleicht eine Ausrede erfinden, um ihm die Wahrheit nicht sagen zu müssen? Aber es wäre gemein, ihn an diesem Punkt anzulügen!

Ein Schauer lief über ihren Rücken, als ihr einfiel, dass Ernests EX ihm erlaubte, die Gedanken andere zu lesen. Und als hätte er es wirklich getan, flüsterte Ernest: „An diesem Ort gibt es kein EX. Ich kann deine Gedanken nicht hören. Du musst mir alles sagen, was du sagen willst, Tune.“
Zuerst zögerte sie noch, doch dann holte sie einmal tief Luft. Sie wusste nicht, wann sie ihn das nächste Mal wieder treffen würde, und sie wollte kein Risiko eingehen, sodass sie es ihm vielleicht nie sagen könnte. Sie musste es ihm sagen. Sie war es ihm schuldig.
Tune holte einmal tief Luft, versuchte ihre Lungen bis zum Rand mit Luft zu füllen, damit sie auch wirklich genug davon hatte, um die Worte zu sagen. Ihr Mund fühlte sich trocken an, aber das sollte kein Hindernis sein. Sie schloss ihre Augen für einen Moment, senkte ihren Kopf.
Dann hob sie ihn abrupt, öffnete ihre Augen und erwiderte Ernests Blick.
„Ich liebe dich!“
Im ersten Moment sah Ernest ungerührt zurück. Tunes Herz schien für ein paar Schläge auszusetzen. Warum reagierte er nicht? Die Spannung, die sie mit diesen drei Worten für sich selbst aufgebaut hatte, schien ihr die Luft zum Atmen zu rauben. Was würde jetzt passieren?
Doch plötzlich spürte Tune, wie ihre Hand sanft gedrückt wurde.
„War es das, was du mir sagen wolltest, Tune?“, fragte Ernest, während sich seine Mundwinkel leicht nach oben hin verzogen.
Sie nickte stockend, noch immer gefangen in ihrer Angst.
Plötzlich spürte sie eine weitere Berührung. Sie ließ ihren Blick hinabschwenken, und sah, dass Ernest ihre zweite Hand genommen hatte.
Aber diese Berührung hielt nicht lange an. Noch bevor sie verstehen konnte, was gerade geschah, spürte sie, wie Ernest sie in den Arm nahm.
Es war ein seltsames Gefühl, denn als er noch Pilot gewesen war, hatte er sich ihr nur selten mehr als einen Meter genähert, aus Angst, ihre Gedanken zu lesen.
Und nun?
„Tune“, hörte sie seine Stimme leise an ihrem Ohr. „Ich liebe dich auch…“
Seine Antwort war so leise, beinahe nicht hörbar, aber sie war so nah. Er flüsterte sie direkt in ihr Ohr, sodass sie seinen warmen Atem auf ihrer Haut spüren konnte.
Zaghaft, da sie noch immer nicht wusste, ob sie das richtige tat, legte sie auch ihre Arme um ihn.
„Wirklich?“, fragte sie zaghaft.
Ein Schock fuhr durch ihren Körper, als er sich langsam, wieder von ihr löste. Sie wollte das nicht, und am liebsten hätte sie laut „Halt!“ geschrieen. Aber Ernest entfernte sich nicht weit von ihr. Nur gerade so viel, dass er ihr in die Augen sehen konnte.
Erst jetzt bemerkte Tune, dass sie weinte. Mit einer Hand wischte Ernest ihr die Tränenspuren von den Wangen.
Und dann spürte sie plötzlich seine Lippen auf ihren.
Es war ein seltsames Gefühl, dass er auf einmal so nah war. Seine Wärme so eng bei sich zu fühlen war ungewohnt, aber trotzdem fühlte es sich vertraut an…
Als er den Kuss wieder gelöst hatte, legte er seine Stirn gegen die ihre und murmelte mit geschlossenen Augen: „Ja, Tune.“
Sie wollte nie wieder von seiner Seite weichen, ihn nie wieder verlassen!
Aber sie wusste, bald schon musste sie in die Realität zurück, in der sie Lotsin von Luhma Klein war. Sie musste in die Realität zurück, in der es keinen Ernest Cuore gab.  
„Mach dir keine Sorge, Tune!“ Als hätte er ihre Sorge erraten, versuchte Ernest sie zu beruhigen. Und das, obwohl er vermutlich genau dieselbe Sorge teilte. „Ich weiß nicht, wann wir uns das nächste Mal sehen werden. Aber spätestens dann, wenn du deinen Platz in der anderen Realität verlierst, wirst du wieder zu mir kommen. Wenn es sein muss, werde ich bis dahin auf dich warten.“
„Kannst du mich nicht noch einmal zu dir holen, so wie heute Nacht?“, fragte Tune, die Hoffnung in ihrer Stimme kaum hörbar.
Ernest schüttelte traurig den Kopf. „Es tut mir Leid, Tune, aber das kann ich nicht.“
Tune wollte noch etwas sagen, als sie auf einmal spürte, wie ihr Bewusstsein schwand.
„Die anderen brauchen dich, Tune“, hauchte ihr Ernest leise ins Ohr.
„Wir sehen uns wieder, das verspreche ich dir. Bitte Tune… Vergiss mich nicht!“
Tune wollte noch etwas sagen, aber ihren Augen schlossen sich bereits, und Ernest verschwand vor ihrem Gesicht. Doch selbst mit geschlossenen Augen, konnte sie noch immer den Blick der seinen vor sich sehen.
„Ich liebe dich!“, war das Letzte, was sie von ihm hörte. Dann konnte sie nur noch seine Hände spüren, und seine Lippen, die sich sanft auf ihre legten.

„Tune! Beeil dich!“
Leenas Stimme riss Tune endgültig von Ernest fort, und sie fand sich wieder in ihrem Bett, Leena über sich gebeugt.
„Eine Horde Victims ist in Zone 3 aufgetaucht! Die Ingrids müssen raus!“
Tune sprang aus ihrem Bett und schlüpfte rasch in ihre
Hose. Sie stürmte zu Erts’ Türe und weckte ihn auf, um anschließend den anderen Lotsinnen hinterher zu den Göttinnen zu laufen.
Als sie die Systeme hochfuhr, warf sie einen Blick auf die Augen von Luhma Klein. Wieder dieses Leuchten… Das konnte keine Einbildung sein.
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie ihre Hände berührte.
Sie waren noch warm.
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