Freiheit

von cora-baby
GeschichteAllgemein / P12
15.03.2008
07.04.2008
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@Dhana: Ja :D normalerweise erinnere ich mich auch nicht so klar an meine Träume, umso wichtiger war es mir, ihn sofort festzuhalten :-)
Ich finde es auch interessant mal mit einem anderen Charakter zu arbeiten als Alec und Asha ;-) Im folgenden Kapitel kannst du sehen, wie wenig sie ein perfekter Soldat ist - vielleicht war es bei ihr nicht Mut sondern Verzweiflung, der sie aus Manticore heraustrieb...aber das interpretierst du am Besten selbst ;-) Franklin...den lernst du im nächsten Kapitel kennen...und erfährst auch, wer er ist. Also...noch etwas Geduld ;-)

Teil 2


„Gerade stehen, ’728!“, brüllte Ausbilder Pike.

Die Vierjährige bemühte sich um eine möglichst gerade Haltung, doch das war hart, weil die Ausrüstung und die Waffe die sie trug dreimal so schwer waren wie sie selbst. Während der Gruppenübung war sie gefallen und deshalb hatte sie ein zusätzliches Training bekommen. Die größte Strafe für das Mädchen, weil sie in der Gruppe ihre schlechteren Leistungen gut verbergen konnte, auch weil die Geschwister sie deckten, doch wenn sie mit dem Ausbilder allein war, sah er all ihre Schwächen. Ängstlich sah sie zu dem alten, weißhaarigen Mann auf.

Er deutete in Richtung des finsteren Waldes: „Vorwärts.“

Das Mädchen hatte Angst vor dem Mann, doch sie hoffte, dass er mit ihr mitkäme, denn der dunkle Wald ängstigte sie noch viel mehr. Doch ein Soldat durfte keine Angst haben. Er musste stark, gemein und schnell sein. Wer Angst hatte war so gut wie tot. Und das Mädchen wollte doch nicht tot sein. Sie wollte nur einmal in den Arm genommen werden, wenn sie sich wehtat. So wie vor einer Woche, wo sie in der Nachtübung gestürzt war und sich das Bein gebrochen hatte. Doch der Ausbilder hatte sie mit dem verletzten Bein zurück zur Kaserne humpeln lassen und sie dort dem unfreundlichen Pflegepersonal überlassen.

Der Ausbilder befahl ihr stehen zu bleiben: „Du wirst die abgesteckte Route durch den Wald gehen. Dein Zeitlimit beträgt acht Minuten. Schaffst du es in der Zeit nicht, werden wir die Übung wiederholen. Mach dich bereit!“

Das Mädchen hatte solche Angst, dennoch befolgte sie den Befehl. Sie sah in den Wald und entdeckte ein Fähnchen an einem Strauch. Sie musste den Fähnchen folgen. Die waren gelb, deshalb konnte sie sie gut sehen.

„Abmarsch!“, rief der Ausbilder.

Automatisch setzte sie sich in Bewegung und lief auf das Fähnchen zu. Kurz darauf schloss sich der dunkle Wald hinter ihr. Sie konnte den Ausbilder nicht mehr sehen, aber sie hörte die Geräusche, die die Waldtiere machten.

Vor lauter Angst verlor sie die Orientierung. Sie stolperte durch den Wald und fand keine Bändchen mehr und auch nicht den Weg zurück zu dem Ausbilder und der Kaserne. Hinter ihr knackte es im Wald, deshalb lief sie in die andere Richtung. Immer weiter in den Wald hinein, immer tiefer in die Dunkelheit.


Keuchend fuhr ich aus dem Schlaf. Baby sprang vom Boden auf und winselte. Um sie und mich zu beruhigen, strich ich über ihr struppiges Fell und murmelte ein paar Worte. Es war weniger ein Alptraum als eine Erinnerung gewesen.

Ich hatte schließlich den Weg aus dem Wald herausgefunden, doch ich hatte zwanzig Minuten gebraucht. Absolut inakzeptabel, deshalb musste ich wieder in den beängstigenden Wald und wieder und wieder, bis ich vor Erschöpfung zusammengebrochen war.

Fröstelnd stieg ich aus dem Bett, richtete die Decken und zog meine Camouflagehose und das schwarze T-Shirt unter die Militärjacke. Ich hatte eigentlich wirklich bis zum Abend bleiben wollen, doch die Erinnerungen an Manticore trieben mich weiter. Wir verließen das Haus im Schutz der Dunkelheit und joggten zum Bahnhof drei Kleinstädte weiter. Niemand sollte sich an uns erinnern.

Der Bahnhofsschalter war noch unbesetzt, deshalb kaufte ich am Automaten ein Ticket für mich und setzte mich auf die Bank. Laut Aushang sollte der nächste Zug in den Süden in zwei Stunden gehen, also hatten wir noch etwas Zeit.

Je später es wurde, desto voller wurde der Bahnhof. Die Berufspendler. Wie gern wäre ich eine von ihnen gewesen. Sie führten ein normales Leben, meckerten mit ihren Kollegen oder Familien über die Arbeit und das knappe Geld. Erzählten sich Gesichten von ihren Kindern, Ehefrauen, Ehemännern oder anderen Verwandten und waren sich der herrlich simplen Tatsache ihrer Freiheit gar nicht bewusst. Ich genoss jeden Augenblick den ich nicht damit verbringen musste auf den nächsten Befehl von irgendjemandem zu warten. Der Zug fuhr ein und nur wenige Leute stiegen aus. Doch viele wollten in dem kleinen Zug einen Sitzplatz ergattern. Mir jedoch war es egal. Ich stand gern an der Tür, beobachtete das vorbeiziehende Land und das Treiben an den Bahnhöfen.

Baby und ich sahen zwölf Stationen vorbeiziehen. An der Dreizehnten sah ich einen Schmetterling über den Bahnhof fliegen. Ein genervter Mittvierziger im Anzug wedelte vor seinem Gesicht um sich das Tier vom Leib zu schaffen, doch für mich war es ein Zeichen

Deshalb sah ich auf meine Begleiterin hinunter: „Komm, Baby. Hier versuchen wir es.“

Wir stiegen aus und sahen uns um. Es war ein wunderschöner, heller Tag. Eine ganze Weile spazierten wir durch die Kleinstadt. Am Rande der Stadt war mir wieder einmal das Glück hold. Ein Ball rollte vor mir auf den Gehweg. Baby rannte direkt dorthin und stupste den sonnengelben Gummiball an. Ein Mädchen stand etwas unschlüssig einen Meter davon entfernt.

Ich lächelte sie an: „Hallo. Mein Name ist Hope, das ist Baby“, ich deutete auf den Hund, „Sie tut dir nichts, Kleine. Baby, bring ihr den Ball.“

Baby gehorchte und rollte den Ball vorsichtig auf das Kind zu. Sie griff danach und lächelte dann, als sie erkannt hatte, dass von dem Hund wirklich keine Gefahr ausging. Sie war brünett, trug ein grünes Kleid und weiße Sandalen, sie konnte nicht älter als sechs sein.

„Lucille!“, rief eine schwarzhaarige Frau von einem Familienauto aus.

„Ja, gleich, Mama“, rief sie zurück und sah wieder mich an, „Kann sie das noch mal?“

„Natürlich. Wirf ihr den Ball hin!“, ermunterte ich sie.

Lucille tat es und lachte, als Baby den Ball zurückrollte.

Die Schwarzhaarige sah etwas gestresst aus, als sie auf uns zukam: „Hallo. Belästigt das Kind Sie?“

„Nein, gar nicht. Sie spielt mit dem Hund.“

„Mama, das Hündchen ist ganz lieb.“

„Ja, offensichtlich. Komm, Lucille. Wir wollen los.“

„Fahren Sie weg?“, fragte ich und deutete auf das beladene Auto.

„In den Urlaub. Wir haben es uns redlich verdient“, sie schnaufte leicht und wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn, „Obwohl es erholsamer wäre die Kinder für zwei Wochen bei meinen Eltern unterzubringen, haben wir uns entschieden sie mitzunehmen“, die Schwarzhaarige zwinkerte mir zu, deshalb nahm ich an, dass es ein Witz war.

„Wohin fahren Sie?“

„An die Chesapeake Bay. Sonntag in zwei Wochen kommen wir schon wieder zurück, aber ich freue mich trotzdem darauf.“

Ich lächelte verabschiedend um sie nicht misstrauisch zu machen: „Dann wünsche ich Ihnen eine schöne, erholsame Reise. Komm Baby, wir gehen weiter. Hat mich gefreut, Lucille.“

Sie winkte: „Auf wieder sehen, Hope.“

Am Abend sahen Baby und ich uns in der Stadt um. Im Schaufenster eines Waschsalons klebte ein unauffälliger, kleiner Aufkleber mit einer Rose und einem A in der oberen linken Ecke.

Erfreut wandte ich mich an den Hund: „Ich werde eine Weile dort drinnen brauchen.“

Baby verstand und trabte davon. Sie war eine Überlebenskünstlerin und natürlich war ihr Leben angenehmer, wenn ich dafür sorgte, dass sie an einem warmen Plätzchen schlafen und sich den Magen voll hauen konnte, doch sie kam auch allein ganz wunderbar zurecht. Vor allem deswegen hätte ich es nie gewagt sie als meinen Hund zu bezeichnen. Wir waren uns Gefährten und Freunde, gehören taten wir aber niemandem. Wir waren beide frei und brauchten auch diese Freiheit.

Ich betrat den dunklen Waschsalon.

Direkt öffnete sich eine Hintertür: „Wir haben geschlossen“, knurrte ein großer Schatten.

„Wenn ihr noch einen Platz an euren Tisch freihabt, würde ich gern mit zweitausend einsteigen.“

„Glücksspiele sind illegal“, brummte er unhöflich.

Ich ging auf ihn zu und zeigte ihm den Anhänger einer Kette, die ich um den Hals trug. Es war eine Rose. Nickend ließ er die Tür weiter aufschwingen. Ich verschaffte mir sofort einen Überblick. Fünf Männer, inklusive dem, der mir die Tür aufgemacht hatte. Alle angetrunken und bewaffnet, aber sie machten keinen aggressiven Eindruck. Sie sahen mich alle an, musterten meinen Körper aber das war mir egal. Niemand von denen würde mich anfassen, dafür sorgte ich schon. Alle trugen Halsketten oder Armbänder auf denen in irgendeiner Form eine Rose zu erkennen war. Diese illegalen Spielclubs waren im ganzen Land verteilt und jeder der wusste wie es ging konnte sich beteiligen.

Sie spielten Black Jack, wie ich erkannte. Eines der besten Spiele für Transgenos. Kombinieren und Karten zählen war für uns ein Leichtes. Ich spielte nie zweimal in derselben Runde, denn ich gewann stets hohe Summen und verärgerte so die Leute. Wir begannen zu spielen. Am Anfang gab ich mir keine sonderliche Mühe dabei mir zu merken, welche Karten schon aus dem Spiel waren, denn ich musste erstmal sehen wie gut die anderen spielten. Nach einer Stunde begann ich ernsthaft meinen Kopf einzusetzen. Karten zählen war verboten und wenn man dabei erwischt wurde, konnte es schnell hässlich werden, doch niemand bemerkte es bei mir. Am Ende hatte ich das Fünffache meines Einsatzes gewonnen und verabschiedete mich. Ich machte mich auf den Weg zu einem Motel, welches ich bei meinem Schlendern durch die Stadt gesehen hatte.

Ich mietete ein Zimmer im Erdgeschoss. Man kam vom Parkplatz heran und hatte somit mehr Fluchtmöglichkeiten, wenn man schnell weg musste. Außerdem hätte ich, um ins Obergeschoss zu kommen durch die Lobby gemusst und Tiere waren verboten. So rief ich Baby, als ich das dreckige, kleine Zimmer bezogen hatte und legte mich mit ihr sofort schlafen.

Fortsetzung folgt...
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