Freiheit

von cora-baby
GeschichteAllgemein / P12
15.03.2008
07.04.2008
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Teil 1

Leise drehte ich den Türknauf und ließ die Tür aufschwingen. Ich hörte keine Geräusche vom Inneren des Hauses, doch das musste nichts bedeuteten. Franklin war gut – für einen Normalen. Langsam schlich ich ins Wohnzimmer. Baby folgte mir wie stets geräuschlos. Wir sahen uns in dem großen hellen Raum um, gingen von dort aus in die Küche, die Abstellkammer, den Keller und schließlich ins Obergeschoss. Auch dort untersuchten wir jedes Zimmer und jedes Bad. Als die Inspektion abgeschlossen war und ich keine Veränderung festgestellt habe, lief ich die Treppe wieder hinunter, schloss die Haustür und sah den kniehohen, struppigen Mischling an, der mir vor einigen Wochen zugelaufen war. Baby war meine einzige Begleiterin, doch das störte mich nicht. Selbst die totale Einsamkeit wäre besser gewesen als zurück nach Manticore zu gehen.

Wir liefen beide in die Küche. Während sich Baby unter dem Tresen zusammenrollte, durchstöberte ich dem Kühlschrank. Er war fast leer, doch ich machte mir nicht die Mühe zu überlegen, wie ich ihn wieder füllen konnte. Die Familie der dieses Haus gehörte würde in zwei Tagen von ihrem Urlaub zurückkommen und dann wären Baby und ich bereits wieder weg. Ich nahm mir einen Apfel und ein Stück Kuchen und setzte mich an den Tresen. Während ich aß studierte ich eine Landkarte. Wohin sollte ich als nächstes gehen? Meine Erfahrung in den letzten Monaten hat mich zu der Überzeugung gebracht, dass ich in den reichen Gegenden bleiben sollte. Woanders konnten sich die Leute keinen Urlaub leisten und sie hatten sowieso nur Wohnungen. Mir gefielen die hübschen Einfamilienhäuser besser. Ich sah mich nicht wirklich als Eindringling. Eher als Bewacher. Die Zeiten waren gefährlich und öfter als einmal habe ich bereits Einbrecher davon abgehalten die Familien, bei denen ich Unterschlupf gesucht hatte, auszurauben. Ich bestahl die Leute nicht und zerstörte auch nichts von ihrem Eigentum. Es war eine Symbiose, bei der ich annahm, dass alle damit leben konnten. Ich entschied, mich südlich zu halten. Da kam ich zwar her, aber es war ratsam nicht allzu berechenbar zu sein. Ich hatte mich die letzten sechs Wochen stets nördlich gehalten, wenn Franklin das herausfand, würde er annehmen, dass ich weiter in diese Richtung unterwegs war. Vielleicht würde er annehmen, dass ich nach Kanada wollte, aber das war schließlich nicht so. Bisher jedenfalls nicht. Ich wusste nicht, wohin mich mein Weg führen würde, nur, dass er nie wieder nach Manticore zurückführen würde.

Als ich aufgegessen hatte ging ich ins Wohnzimmer hinüber und stellte mich vor das große Bücherregal. Ich hatte nur noch zwei Tage, also sollte ich mir ein Buch auswählen, dass ich in dieser Zeit schaffen würde. Da ich mich nicht entscheiden konnte warf ich einen Blick auf das Familienfoto im Regal. Wie immer lächelte ich. Sie sahen so fröhlich und unschuldig aus. Vor allem die drei kleinen Kinder. Sie lächelten und strahlten und hatten keine Ahnung von der bösen Welt die um sie herum tobte, weil ihre Eltern sie beschützten. Seufzend nahm ich mir einen Krimi und machte es mir auf dem Sofa bequem. Baby kam zu mir und legte sich zu meinen Füßen auf den warmen, weichen Teppich. Kurz beugte ich mich zu ihr und kraulte sie hinter den Ohren, bevor ich mich der Lektüre widmete.

Als es dunkel wurde nahm ich noch einen Snack und verließ mit Baby das Haus zu unserer ausgiebigen abendlichen Runde durch das Viertel. Da ich die Sachen der Hausherrin trug, sah ich vornehm aus und auch so, als würde ich dorthin gehören – in dieses Viertel. Das war es, was ich an meinem Leben am Meisten mochte. Ich gehörte dazu. Und zwar nicht zu einer mordlustigen, nüchternen militärischen Einheit sondern zu echten, lebendigen, glücklichen und vor allem freien Menschen. Ich war frei. Es hatte so viel Mut und Überwindung gekostet nach dem letzten Einsatz nicht, wie üblich, nach Manticore zurückzureisen und stattdessen einen anderen Zug und eine andere Richtung zu wählen. Doch der Entschluss war richtig gewesen. Ich musste mich immer nach Verfolgern umsehen, durfte nicht auf mich aufmerksam machen, aber all diese Einschränkungen waren die Freiheit wert. Ich wurde zum Töten geboren, aber ich war nicht dafür gemacht. Es fiel mir schwer Menschen zu töten, nicht von der Aktion her sondern von meinen Gefühlen. Mir taten die Opfer stets Leid. Die meisten hatten nie eine Chance gegen mich gehabt und ich durfte ihnen keine geben.

Eine alte Lady saß im Schaukelstuhl auf ihrer Veranda und betrachtete die hübschen Blumen in ihrem Garten.

Sie sah mich und winkte: „Guten Abend, Hope.“

Hope war der Name den ich mir selbst nach meiner Flucht gegeben hatte. Denn darauf basierte mein Leben. Hoffnung darauf frei bleiben zu können. Die Hoffnung darauf, dass Franklin mich nicht finden würde. Die Hoffnung, dass ich irgendwann Freunde haben und ein normales Leben führen könnte.

„Guten Abend, Mrs. Nathey.“

„Kommen Sie doch einen Moment mit Ihrem zauberhaften Hündchen zu mir herein, Hope.“

„Aber gern“, hocherfreut öffnete ich das Gartentor, während ich Baby zuflüsterte, „Sei schön brav.“

Sie trottete neben mir her und legte der alten Frau sofort ihren Kopf auf die Knie. Die Dame freute sich darüber, zog einen Hundekeks aus der Schürzentasche und fütterte den Hund damit.

„Ihre Baby ist so reizend. Sie erinnert mich an meine Magda, Gott hab sie selig.“

Mrs. Nathey erzählte mir fast jeden Abend von ihrer Hündin, die bereits seit über zwanzig Jahren tot war.

„Sie muss eine tolle Hündin gewesen sein, Mrs. Nathey.“

„Ja, das war sie. Sie mochte alle Menschen und alle Tiere. Sie hat uns nie auch nur eine einzige Sekunde Ärger gemacht. Sie wurde fünfzehn Jahre alt. Ein sehr stolzes Alter für einen reinrassigen Hund. Sie war ein Golden Retriever, wissen Sie. Sie war etwas größer als Ihr Hündchen und auch blond, nicht so dunkelbraun wie Baby. Sehr hübsch“, sie strich der Hündin liebevoll über den Kopf, „Alle beide.“

„Ich hätte sie gern kennen gelernt“, ich hatte mich auf den Gartenstuhl gesetzt, der ein paar Meter von dem Schaukelstuhl entfernt stand.

„Sie hätten sie gemocht, Hope. Sie war ein ebenso sanftes Wesen wie Sie und Baby. Die Hunde hätten sich großartig verstanden. Aber es hat nicht sollen sein. Wie sind Ihre Pläne, Liebes? Sie sagten, Sie würden eine Weile weggehen?“

„Ja. Ich überlege in den Urlaub zu fahren.“

„Wohin soll es gehen?“

„Ich weiß nicht. Ich werde wohl einfach losfahren und sehen wohin der Wind mich treibt.“

Die alte Dame lächelte mich an: „Das klingt wundervoll.“

„Ich denke, es wird Baby und mir gefallen.“

„Wann werden Sie abreisen?“

„Morgen Abend.“

„Werden Sie sich bei mir verabschieden?“

„Auf jeden Fall, Mrs. Nathey.“

„Wie lange werden Sie weg sein?“

„Ich weiß nicht“, ich wusste, dass ich es nicht riskieren konnte jemals wieder einen Fuß in den Ort Kentville zu setzen, doch das wollte ich mir selbst nicht eingestehen, „Es wird wohl ein Weilchen dauern, bis wir beide die Welt gesehen haben. Aber in ein paar Wochen werden wir zurück sein. Sie werden es zuerst erfahren, Mrs. Nathey.“

Sie lächelte: „Das freut mich. Na, dann macht mal euren Spaziergang, Mädchen. Er wird euch gut tun.“

„Komm, Baby. Ich wünsche Ihnen noch einen wunderschönen Abend, Mrs. Nathey.“

„Ihnen auch, Hope. Ihnen auch.“

Baby und ich verließen den kleinen Vorgarten und begannen zu joggen. Irgendwann waren wir aus der Stadt heraus und ich begann um ein dunkles, unbeleuchtetes Feld zu rennen, während Baby sich hinlegte und wartete, bis ich mich ausgepowert hatte. Als wir nach Hause kamen, führten wir dasselbe Ritual wie bereits früher am Tag durch. Wir durchsuchten jedes Zimmer und jeden Winkel, fanden jedoch nichts. Ich zog mich aus, nahm ein Bad, anschließend legte ich mich ein letztes Mal in das große weiche Ehebett. Ich liebte diese Betten. In Manticore hatte ich nur eine kalte, harte Pritsche. Manchmal, wenn ich ein Tagesziel nicht erreicht hatte, nicht einmal das. Nur wenn ich dran war mit den medizinischen Experimenten waren die Betten weich, doch das wog den Schmerz und die Angst nicht auf.

Fortsetzung folgt...
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