Mit Tränen aus Stein

GeschichteAllgemein / P16
11.03.2008
20.10.2008
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ZWEI

Schloss Wyvern, auf der Turmspitze des Eyrie Building


David Xanatos schaute über die niedrigen Zinnen des alten schottischen Schlosses, welches er auf das Hauptquartier von Xanatos Enterprises hatte bringen lassen, und suchte den vor kurzem zu einem samtenen Schwarz übergegangenen Himmel nach einem Zeichen der Gargoyles ab. Sie sollten in Kürze eintreffen, und während der Millionär an seinem von seinem Anwalt Owen gebrachten Martini nippte, lauschte er auf das vertraute Geräusch der Schwingen.
Gedankenverloren strich er über seine rechte Wange, auf der eine schmerzende, frische Narbe zu sehen war. Wie lange eine solche Verletzung wehtat, und wie langsam sie heilte! Xanatos war es gewohnt, dass seine Wunden dank bester Pflege und ein paar Dollarn mehr schnell vergingen, doch obwohl sich nicht zuletzt seine Ehefrau Fox liebevoll um ihn kümmerte, wachte er nachts zuweilen auf, weil die Wunde wieder aufgegangen war und sein Kissen nass und blutig getropft hatte. Er lächelte, als er sich die Szene ins Gedächtnis rief, in der ihm dieser Kratzer zugefügt worden war; Fox war rasend gewesen vor Wut, denn erst hatte er ihr nichts von dem ganzen erzählt… Außerdem war es in der Tat erstaunlich gewesen, wie…

„Sie kommen.“, riss ihn Owens nüchterne, kühle Stimme aus den Gedanken, und er brauchte nicht erst dem ausgestreckten Zeigefinger seines Anwalts zu folgen, um die Silhouetten von sechs großen, anmutigen Gestalten, einem riesigen Hund und einer menschlichen Frau wahrzunehmen.

Fast geräuschlos landete der gesamte Clan auf den Steinen, die einst ihr Heim waren, und in drohenden Posen und ablehnender Haltung reihten sie sich vor Xanatos auf. Bronx wurde von Brooklyn und Broadway ebenfalls zu Boden gelassen, und der hundeähnliche Gargoyle stellte sich vor den Millionär und seinen Angestellten und begann zu knurren.

„Willkommen, meine Freunde.“, säuselte Xanatos in seiner üblichen Art, und mit einer dirigierenden Handbewegung lud er den Clan und die Polizistin, die soeben von Goliaths Armen stieg, ein, sich ins Innere von Schloss Wyvern zu begeben.

„Wir sind nicht Ihre Freunde.“, bemerkte Brooklyn trocken, während Angela und Eliza sich düstere Blicke zuwarfen, wohl wissend, dass die jeweils andere sich ebenfalls fragte, welchen verbrecherischen Plan sich Xanatos nun wieder für sie ausgedacht hatte.

„Folgen Sie mir.“, sagte Owen, und zusammen mit dem Anwalt betraten sie das Schloss. Es sah fast so aus wie damals in Schottland, vor eintausend Jahren. Nur ein wenig hatte Xanatos die Einrichtung verändert, um etwas mehr Komfort für sich, seine Frau und seinen Sohn zu schaffen. Zumindest gab es kaum solche Veränderungen, die sichtbar waren; als Hudsons Blick auf Broadway fiel, welcher die Wände entlangsah, wusste der alte Gargoyle, was der Jüngere dachte. Das Schloss war mit technischen Aufrüstungen vom Kerker bis in die höchste Turmspitze vollgestopft.

Owen und Xanatos führten den Clan in den Speisesaal des Schlosses, ein großer, heller Raum, über dem eine Galerie verlief. Entlang der Galerie hingen viele Dutzend Wandteppiche und Wappen, und hinter mindestens der Hälfte davon befanden sich Geheimgänge, die überallhin ins Schloss und zum Teil auch aus ihm hinaus führten. Dort bot Xanatos den Gargoyles einen Sitzplatz und Speise und Trank an, doch selbst Broadway war- obwohl es ums Essen ging- nicht so dumm, etwas von dem Angebotenen anzunehmen. Stattdessen meldete sich Eliza zu Wort.
„Kommen Sie zur Sache, Xanatos.“

Xanatos hatte nur auf diese Gelegenheit gewartet und fuhr sich überlegen lächelnd wiederum über seine neue Narbe. Ihm war klar, dass dieses „Souvenir“ niemandem entgangen war, und ebenso kannte er die Gründe, aus denen keiner der Gargoyles danach fragte. Sie dachten sicherlich alle, dass er mehr als diese Narbe verdient habe, aber dieses Mal täuschten sie sich.
Er zögerte es noch einen Moment heraus, um die Spannung in der Luft zu genießen, doch als Goliaths Gesicht sich immer mehr in Zornesfalten legte, begann er endlich mit seiner Erklärung.

„Ich bin mir sicher, dass euch meine Verletzung aufgefallen ist, und gewiss wollt ihr wissen, wie es dazu kam…“, fing er mit seinem Monolog an, jedoch wurde dieser ziemlich schnell unterbrochen.

„Nicht sonderlich.“, kommentierte Brooklyn seine Rede mit verschränkten Armen, und ignorierte völlig den Sarkasmus, den er in Xanatos’ Stimme wahrgenommen hatte.
Goliath stimmte seinem Clansgefährten nickend zu und zog etwas aus seinem Gürtel; er hielt die zertrümmerte Hälfte des Phönixtores hoch, die er letzte Nacht von dem Millionär bekommen hatte.
„Sagen Sie uns endlich, was das hier zu bedeuten hat. Es ist der einzige Grund unseres Hierseins, und wir werden sofort wieder gehen, wenn Sie uns nicht mit dem „dringenden Anliegen“ vertraut machen, von dem Sie gestern sprachen.“

Xanatos seufzte, während sein Anwalt die Szene mit seinem üblichen distanzierten Charme beobachtete. Goliath wandte sich in diesem Moment zum Gehen, genauso plötzlich, wie der Millionär es letzte Nacht getan hatte.

„Es war ein Fehler hierher zu kommen. Kommt.“

„Schon gut, schon gut.“, hielt Xanatos die Gargoyles zurück, die sofort stehen blieben, und das Lächeln wich aus seinem Gesicht. Irgendwie wirkte er müde, abgezehrt. Die Narbe auf seiner Wange schmerzte.
„Ich denke, die Sache mit dem Phönixtor wird Loadstone euch selber erzählen wollen.“

Die Clansmitglieder sahen sich untereinander an. Eliza zog ihre Augenbrauen zusammen, als hätte sie eine Vorahnung.
„Loadstone? Das klingt wie eine Ihrer teuflischen Maschinen.“, sagte sie erst langsam, dann immer hastiger; ihre Hand schnellte zu ihrer Waffe. Xanatos hob die Hände, als die Polizistin auf ihn zielte.
„Es war eine Falle!“, rief Eliza, und ebenso wie sie dachte der Clan an Coldstone, ihren ehemaligen Clansgefährten, der von Demona und Xanatos mit Magie und Technik wieder ins Leben geholt worden war, allerdings mit mehreren „Modifikationen“.


„ICH bin Loadstone, und eine Maschine bin ich nicht.“, erklang eine heisere, strenge Stimme von der Galerie. Die Gargoyles, Eliza, und Owen sahen hoch, und Xanatos, mit dem Rücken zu der Gestalt, setzte wieder ein Lächeln auf.
„Genau zur rechten Zeit, meine Liebe.“, flüsterte er.

Eliza ließ ihre Waffe sinken, zeitgleich mit Xanatos’ Händen. Der Clan und ihre Freundin starrten mit offenen Mündern zur Galerie, wo sich die Gestalt geschickt auf die Reling stellte, sich von ihr abstieß und auf langen, kräftigen Schwingen hinabglitt. Sie schwebte langsam zu Boden, als Zeichen dafür, dass kein Angriff von ihr folgen würde, und als sie vor dem Clan im Licht des Kerzenscheins zum stehen kam, faltete sie ihre Flügel wie einen Umhang um ihre Schultern.

„Schön, euch wiederzusehen, meine Freunde.“
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