Ambrosia

von Stromi
GeschichteDrama / P12
Captain Jack Sparrow Lord Cutler Beckett
21.02.2008
21.02.2008
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Ambrosia

Jacob Phillip Earl of Wiltshire



„Eins, zwei, eins, zwei und Angriff!“ Die Klinge schnellte vor, aber gewand wich der Fechtmeister aus und parierte den Hieb. Sogleich setzte er zu einem Konter an, doch sein Schüler hatte die Reaktion vorausgeahnt, duckte sich unter dem Degen fort und riss seine eigene Waffe hoch. Sein Lehrer erstarrte in der Bewegung, als die Klingenspitze das Brustpolster berührte, knapp unterhalb des Herzens.

„Ausgezeichnet, Mylord.“ Der alte Fechtmeister lächelte stolz und ließ den Degen sinken. „Ihr habt gesiegt. Ein hervorragender Schlag.“

„Ihr habt mich viel gelehrt, Master Kent“, erwiderte der junge Mann ebenso höflich und wandte sich um. Einige Zuschauer applaudierten dem Sieger, was ihm ein hochmütiges Lächeln entlockte. Jacob Philipp Earl of Wiltshire übergab einem herbeieilenden Lakaien seinen Degen und ließ sich von einem anderen ein Handtuch überreichen.

Die Fechtstunde hatte im Salon des Anwesens der Grafen von Wiltshire stattgefunden und der Haushalt hatte es sich nicht nehmen lassen, seinem Herrn bei der Waffenübung zuzusehen. Jacob war ein glänzender Fechter, er hatte Unterricht bei den Besten genossen. Schon zu Lebzeiten seines Vaters hatte der alte Graf Wert darauf gelegt, dass ein Edelmann sich zu schlagen wissen sollte. Es war eine Frage der Ehre.

Sein Sohn achtete diese Tradition und die Familienehre. Er war hochgewachsen und trug sein braunes Haar in einem modischen Zopf. Er war gründlich rasiert, nur eine alte Pockennarbe zierte seine Haut am rechten Kiefer. Sie gab ihm ein verwegenes Aussehen, weswegen Jacob die Narbe nie überschminkt hatte. Sie verschaffte ihm so manchen bewundernden Blick einer Frau und Achtung bei den Männern. Seine Hände waren gepflegt und weiß, sein Blick stolz. Seine dunklen Augen vermochten eiskalt zu blicken, aber auch verführerisch, je nachdem was ihm gerade mehr zum Erreichen seiner Ziele nützte.

Jacob trocknete sich das Gesicht mit dem Handtuch ab und fing den Blick einer hübschen, blondgelockten jungen Dame auf, die etwas Abseits von den anderen Bediensteten stand. Sie errötete und schlug die Augen nieder, als sie das Interesse ihres Herrn bemerkte. Rasch raffte sie ihre Röcke und eilte aus dem Salon, sich durchaus bewusst, dass sie heute Nacht noch Besuch erhalten würde. Jacob folgte ihr mit den Augen und schmunzelte. Hm, ein hübsches Ding, seit wann zählte sie zu seinem Hausstand? Sein Verwalter Jenkins hatte ihm nichts von dieser Neuanstellung gesagt.

Er warf dem Lakaien das Handtuch zu, der damit jedoch nicht gerechnet hatte und es ungeschickt fallen ließ. „Tölpel!“ schnauzte der Earl ihn wütend an und der Lakai zuckte zusammen. „Verzeiht, Herr. Herr, es war keine Absicht.“

Zufrieden beobachtete Jacob, wie sich der Diener tief verneigte und furchtsam auf eine Bestrafung wartete. Respekt, hatte sein Vater immer wieder betont, sei eine Notwendigkeit. Jacob hielt sich an diesen Leitsatz und ließ den Lakaien noch ein wenig länger zittern. Dann scheuchte er ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung fort und trat an den Tisch mit den Erfrischungen.

Er schenkte sich selbst einen Becher Mangosaft ein. Die Früchte aus der neuen Welt erfreuten sich größter Beliebtheit und waren beinahe unerschwinglich. Nun, der Graf von Wiltshire konnte sie sich leisten, um Geld musste er sich wahrlich keine Sorgen machen. Dennoch, vielleicht war es an der Zeit, die Steuern zu erhöhen. Der König in London sah es gerne, wenn die Abgaben nicht zu gering ausfielen.

„Jacob!“ Eine bekannte Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Eilige Stiefelschritte hallten im Salon wieder und kamen in seine Richtung, dennoch trank der Graf erst genüsslich seinen Saft aus, ehe er sich umwandte und den Neuankömmling mit einem gönnerhaften Lächeln begrüßte. „Cutler, was gibt es? Du hast meinen Sieg versäumt.“

Cutler Beckett war ein junger Mann von 23 Jahren und damit nur wenig jünger als Jacob. Er war als Waisenknabe in den Haushalt aufgenommen worden und der alte Graf hatte ihn lieb gewonnen, wie seinen eigenen Sohn, sodass die beiden sich durchaus als Halbbrüder begegneten. Als Brüder gewiss, unter denen die Rangfolge klar war.

„Gratulation. Übrigens, da wartet ein Bote dich zu sprechen.“

„Ein Bote?“

„Von Seiner Majestät.“

Jacob nickte langsam und wandte sich um, um den Salon zu durchqueren. Cutler folgte ihm auf den Fuße. „Es schien dringend zu sein.“

„Soll ich ihm so gegenüber treten?“ Der junge Graf sah demonstrativ an sicher herunter. Für die Fechtübung trug er lediglich Hemd und Hose, dazu noch den Brustschutz, den er sich im Gehen nun losband und dem verdutzten Cutler in die Arme drückte. „Geh und sage dem Boten, dass ich in einigen Minuten erscheinen werde.“

Für einem Moment schien sein Halbbruder widersprechen zu wollen, wie ein Lakai durch das Anwesen kommandiert zu werden. Aber als ihm der Blick Jacobs auffiel, schwieg er und eilte fort dem Befehl nachzukommen. Kopfschüttelnd sah der Graf ihm nach. Cutler war in letzter Zeit sehr aufsässig, diese Flausen mussten ihm wieder aus dem Kopf getrieben werden.

Ohne noch länger zu zögern begab Jacob sich in seine Gemächer und ließ sich dort angemessen ankleiden. Als er wieder vor die Tür trat, hatte er eine edlere, seinen Stand betonende Garderobe angelegt. Auf eine gepuderte Perücke hatte er dennoch verzichtet und lediglich etwas Parfüm aufgetragen. Er zupfte sich noch seinen Spitzenkragen über dem mit allerlei Goldschnallen verzierten Mantel zurecht, eher er sich in das Empfangszimmer begab.

Ein Diener öffnete ihm mit einer Verneigung die Tür und Jacob trat ein wie ein König, der einen seiner Untertanen empfing. Vor seinem Schreibtisch saß der Bote, seine Reisekleidung war vom Straßenstaub verdreckt und angewidert verzog Jacob das Gesicht, bevor er wieder eine unbewegte Miene zeigte. Cutler war im Raum und stand am Kamin in tiefes Nachdenken versunken. „Danke, Beckett. Ihr dürft Euch entfernen.“

Cutler schreckte aus seinen Gedanken und sah einen Moment verwirrt zu Jacob. Dieser erwiderte seinen Blick allerdings nicht, als wäre der Halbbruder in Gegenwart eines Fremden zuviel Aufmerksamkeit nicht wert. „Jawohl, mein Lord.“ zischte Cutler durch die Zähne und verließ das Arbeitszimmer durch die gegenüberliegende Tür.

„Seine Majestät schickt Euch?“ wandte sich Jacob dem Boten zu, als sie allein waren. Dieser setzte sich sogleich etwas aufrechter hin, als er den leicht ungeduldigen Unterton in der Stimme des Grafen hörte. „Ich habe eine Mitteilung für Euch.“

Jacob runzelte die Stirn. „Keine Depesche, nehme ich an, sonst hättet Ihr sie mir wohl schon übergeben.“

„Ja, Herr. Es ist eine mündliche Nachricht.“ Der Bote sah sich misstrauisch im Raum um, aber der Graf wischte alle Bedenken mit einer Geste beiseite. „Wir sind ungestört.“

„Seine Majestät erwartet bald eine Goldlieferung aus den Provinzen in der neuen Welt. Sie soll London sicher erreichen, darum haben die Berater des Königs eine List vorgeschlagen, in der die Grafschaft Wiltshire eine wichtige Aufgabe zugetragen bekommt.“

„Ich bin ein treuer Anhänger des Königs. Sprecht.“

Der Bote nickte, er schien diese Phrase erwartet zu haben. Und angesichts des Schicksals Karl I. war sein Nachfolger vorsichtig mit der Loyalität seines Volkes geworden. „Das Gold wird in Fässern geliefert. Es soll auf Eurem Anwesen versteckt werden, während eine zweite Lieferung ähnlicher, Sandgefüllter Fässer nach London gebracht wird. Später wird das echte Gold über geheimen Wegen die Schatzkammern des Königreichs füllen.“

„Ich verstehe. Wann wird das Gold ankommen?“

„Es ist bereits da und in Eurem Weinkeller gelagert.“

Zornesfalten bildeten sich auf Jacobs Stirn und gepresst fragte er, obgleich er die Antwort schon zu wissen ahnte: „Wer hat das veranlasst?“

„Mister Beckett, Mylord.“

Der Graf ballte eine Hand zur Faust und atmete tief ein, ehe er seine Finger wieder entspannte. Cutler! Wer gab ihm das Recht, über Jacobs Kopf hinweg zu entscheiden? Dieser... Bastard seines Vaters! Er hätte ihn ertränken sollen, als seine Mutter, eine Bauernmagd bei der Geburt krepierte!

„Ist das alles?“

„Ja, Herr.“

„Gut. Ich werde mir die Fässer ansehen. Richtet Seiner Majestät aus, dass Verlass auf Wiltshire ist.“

Der Bote erhob sich und verließ das Arbeitszimmer. Einige Minuten später folgte Jacob ihm, um Cutler zu suchen und zur Rede zu stellen. Er fand ihn in seinem Zimmer vor und knallte die Tür hinter sich zu. Der folgende Streit der Halbbrüder hallte durch die Gänge des Anwesens und sorgte noch Tage später für Gesprächsstoff unter den Bediensteten.
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