Full Metal Panic!: Nordatlantik

GeschichteAbenteuer / P12
14.02.2008
30.06.2016
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Prolog:
In einer unsicheren Welt, in der die Technologie aus dem Stand einen Sprung über Jahrhunderte gemacht hat, in der alte Reiche zerbrachen und neue Konflikte entstanden, in der das Faustrecht an manchen Orten über die Gerechtigkeit triumphiert, in der die großen Staaten der Erde für ihr eigenes Wohl, aber nicht das der Staatengemeinschaft arbeiten, entstand durch die Initiative von Militärs und Privatleuten eine geheime Organisation, die tun wollte, was die Welt nicht konnte. Eingreifen wo es nötig war. Bekämpfen, wo es niemand sonst konnte. Initiative ergreifen, wo ein regulärer Staat vor dem Blick der Weltöffentlichkeit paralysiert wäre.
Mithril, benannt nach dem legendären Silbermetall aus der Tolkienschen Erzählung dem man Wundereigenschaften andichtete, entstand.
Mithril war lange geplant worden und hatte schnell weltweite Strukturen erhalten. Mithril tat das, was einem regulärem Staat verboten war: In fremden Staaten intervenieren, Terroristencamps vernichten, Giftgasfabriken sabotieren, Sklavenhandel unterbinden, Waffenhandelsstrukturen zerstören und die geheimnisvollen Whispered beschützen, jene Handvoll Menschen, derem geheimen Wissen der Technologiesprung zu verdanken war.
Dafür standen Mithril gut bezahlte Soldaten zur Verfügung, Söldner zwar, aber mit Chuzpe und hoher Moral. Sie kämpften zu Wasser, an Land und in der Luft, mit der Infanteriewaffe, dem Kampfjet oder Arm Slaves.
Schnell erhob Mithril den Anspruch, die Weltpolizei zu sein.
Natürlich war allen Beteiligten von vorne herein klar, dass dieser enorme Anspruch ein zweischneidiges Schwert werden würde, wenn die Organisation unterwandert wurde und mit den vielfältigen Möglichkeiten das Gegenteil von dem tun würde, was ihre eigentlichen Ziele waren.
Dagegen konnten sie nur eines setzen: Ihre Ideale.

1.
„ Vordere Tanks anblasen, Aufwärtswinkel sieben Grad.“
„Aye, Sir, vordere Tanks anblasen, Aufwärtswinkel sieben Grad.“
Kapitän Sander betrachtete mit einer gewissen Anspannung, wie das gewaltige U-Boot die zweihundert Meter bis zur Wasseroberfläche zurücklegte. Sein Blick ging über die zwanzig Offiziere und Mannschaften, die in der Zentrale versammelt waren. Hundert Meter, fünfzig, zwanzig, zehn…
„Touchdown. Das Schiff ist an der Wasseroberfläche.“
„Ms. Allister, geben Sie Signal für das Schiff.“
„Aye, Skipper. Signal für das Schiff.“
„Hier spricht der Captain. Hiermit möchte ich mich bei der Crew bedanken für die erstklassige Arbeit, die hohe Einsatzbereitschaft und den Enthusiasmus, mit dem Ihr alle die letzten beiden Wochen verbracht habt, um der FEANOR die letzten Kinderlaunen auszutreiben. Ich bin sehr stolz auf diese Crew. Und ich bin sehr sicher, dass die Admiralität die FEANOR, das zweite Schiff der Dannan-Klasse ohne Bedenken in Dienst stellen wird.“
In der Zentrale brach spontaner Applaus aus.
Sander gestattete sich ein dünnes Lächeln. Seine Crew hatte sich wirklich gut gemacht, von der Bootsbesatzung über die Arm Slave-Piloten bis hin zu den Hubschrauber-Crews.
Es gab keinen ernsthaften Grund, dieses Schiff nicht in den Dienst zu stellen. Sie mussten höchstens noch eine oder zwei übereifrige Inspektionen über sich ergehen lassen, dann würde Mithril auch im Mittelmeer und Nordatlantik über eine mobile Basis verfügen. Bei den vielen Brennpunkten in Afrika, dem mittleren Osten und Mittelamerika eine Notwendigkeit, die jedem Betrachter ins Auge springen musste.
„Ms. Allister, bringen Sie die FEANOR nach Hause. Der letzte Tauchgang hat alle meine Zweifel ausgeräumt. Gehen Sie auf zwanzig Meter und dann auf volle Kraft.“
„Aye, Sir. Tauchen auf zwanzig Meter, dann volle Kraft. Kurs Ägäis.“

Sander erhob sich. Wieder ging sein Blick durch die Zentrale, über seine Crew. Es waren gute Leute, das Beste was man für Geld kriegen konnte. Oder für ein paar hochtrabende Ideale.
Für einen Moment musste der Captain mit sich ringen, um nicht gehässig aufzulachen. Diesen Idealen war er doch selbst zum Opfer gefallen. Den Idealen und den Zielen.
„Ich bin in meiner Kabine, Ms. Allister. Sie haben die Brücke.“
Die steife Irin nahm Haltung an. „Sir!“
Sander winkte ab. Dankbar nahm er zur Kenntnis, dass Sharon Allister darauf verzichtete, die Brückencrew darüber zu informieren, dass der Captain die Brücke verließ. Anfangs hatte die ehemalige Offizierin der Royal Navy mit dem festhalten an strikten Normen ganz schön seine Geduld strapaziert. Dies war ihre lang erhoffte Chance, endlich auf einem Unterseeboot in leitender Funktion zu dienen, weit abseits der manchmal etwas chauvinistisch eingestellten Admiralität der Navy, und sie hatte von Anfang an alles doppelt und dreifach richtig machen müssen.
Aber nachdem Sharon und er sich aneinander abgerieben hatten, ergänzten sie sich überraschend gut. Ein Gedanke, der ihn schmunzeln ließ.

In seiner Kabine angekommen zog Johann Sander als erstes die Bordschuhe aus. Dann fläzte er sich auf dem bequemen Sofa und dankte zum wiederholten mal Tai-sa Testarossa, die ja die Schiffsklasse der Dannan entwickelt hatte, dass sie damals in so großzügigen Bahnen gedacht hatte. Was bedeutete, dass seine Kabine groß war – wirklich groß. Und damit wirklich gemütlich. Was ihm als Captain ja auch zustand, fand er.
Dann zog er seine Dienstmütze ins Gesicht und war beinahe sofort weg genickt.
Im Laufe seines Dienstes für Amerika, die NATO und Deutschland hatte Sander nämlich eines festgestellt: Wenn man im Einsatz die Gelegenheit zum schlafen nicht nutzte, wirkte sich das immer gegen einen selbst aus.
Während er langsam in den Halbschlaf rüberdämmerte murmelte er: „Sie sind ein verdammtes Genie, Theresa Testarossa. Ich würde Sie zu gerne mal kennen lernen…“
**
„Yehaaa!“ Mit geröteten Wangen stellte Lieutenant Samantha Rogers ihre Bierdose auf dem Tisch im Bereitschaftsraum ab. Nachdem der Bereitschaftsalarm aufgehoben worden war und sich das Schiff mit einfacher Bereitschaft auf Heimatkurs befand, war Alkohol während der dienstfreien Zeit erlaubt. Timothy Scott, der englische Hubschrauberpilot bezweifelte jedoch ernsthaft, dass die Verfasser der Vorschriften Sams exorbitanten Missbrauch von Ethanol in Bierdosen damit hatten absegnen wollen. „Sammy, vielleicht solltest du langsam Schluss machen“, sagte er ernst und deutete auf die kleine, aus acht null Komma drei drei Literdosen bestehende Pyramide. „Du hattest schon mehr als genug.“
Die blonde Amerikanerin grinste ihn wölfisch an. „Was ist, Tim, bricht bei dir der blanke Neid aus, weil ich mehr vertrage als du?“
„Das nicht, aber wenn Kramer dich erwischt, dann…“
„Ach, der liebe Thomas. Der ist doch schon in den Federn, weil, Morgen ist doch so ein langer, mit Dienst erfüllter Tag. Dafür muß er doch Kraft schöpfen.“ Sie winkte ab. „Alles in Ordnung, alles in Ordnung, ich erkenne meine Schweine am Gang. Außerdem sind es ja nur noch zwei Dosen bis die Pyramide fertig ist, oder?“
Timothy Scott sah die Frau skeptisch an. „Und du bist sicher, dass du M9-Pilotin bist? Die Infanterie käme mit dir vielleicht besser klar.“
„Und du bist sicher, dass du Hubschrauberpilot bist?“ Misstrauisch beäugte sie den Engländer. „Du bist so trocken und freudlos, als hättest du dein Leben bei den Sowjets verbracht, jenseits jeder Lebensfreude.“
„Verwechseln Sie bitte einen weichen Engländer nicht mit einem richtigen Mann“, erklang vom Nachbartisch eine harte Stimme. Sergej Ivanowitsch Karasov, Chef der Infanterie im Rang eines Captains (wenngleich er an Bord ehrenhalber Major genannt wurde, denn an Bord eines Schiffes konnte es nur einen Captain geben), sah missmutig zu den beiden herüber, bevor er seinen fünften Wodka kippte. Der Mann machte nach außen hin den Eindruck, er wäre aus Eis geformt worden. Er verzog sein Gesicht selten, und wenn doch, dann nur um seinen Missmut über die Welt zum Ausdruck zu bringen, im speziellen über Timothy und die anderen Westeuropäer an Bord, die es natürlich viel leichter hatten als ein Mann aus der Sowjetunion. Sie tolerierten Karasovs Spleen, solange es beim jammern blieb. Was ziemlich oft geschah. Dennoch waren seine vier Teams sehr gut trainiert und niemand an Bord zweifelte daran, dass sich die gut vierzig Infanteristen auch im Einsatz bewähren würden.
Timothy fuhr auf. „Wen nennen Sie hier weich? Ist es eine Auszeichnung, in einer Planwirtschaft jenseits aller Freuden aufzuwachsen? Macht Sie das härter?“
Der Russe setzte zu einer spöttischen Antwort an, brachte sie aber nicht hervor. Stattdessen senkte er den Blick und starrte in sein Wodka-Glas.
Tim wandte sich alarmiert um, halb erwartete er den Skipper hinter sich zu sehen, aber es war glücklicherweise nur Miguel Santos, der Chief of Operations im Range eines Lieutenant Colonels. Ein sehr freundlicher, kumpelhafter Typ, der selten aufbrausend wurde. Er war streng und gerecht. Und er hatte nicht das manchmal doch recht cholerische Temperament des Skippers.

Santos setze sich zu Tim und Sam an den Tisch. „Wir sind alle nicht weich. Wir wurden alle aus dem besten aufgeboten, was Mithril aufzubieten hatte. Besser als wir ist höchstens die Einsatztruppe der TUATHA DE DANNAN.“
Tim trank hastig einen Schluck von seinem Bier, um sich seinen Kommentar verkneifen zu können. Die DANNAN war so etwas wie Santos´ heilige Kuh. Die DANNAN und ihr Skipper Theresa Testarossa waren für ihn gottgleich. Und er betete jeden Bericht an, den die Pazifikdivision über die DANNAN veröffentlichte. Im Hintergrund stöhnten ein paar Soldaten und Techniker gequält auf. Fing die Litanei wieder an wie gut die Crew der DANNAN war und wie gut die Crew der FEANOR noch werden musste?
Doch Santons schien anderes im Sinn zu haben. Prüfend sah er sich im Aufenthaltsraum um. „Kramer ist…?“
„Der heilige Thomas sollte gerade in seiner Kabine sein. Wie immer, wenn er sich auf das Ende der Welt vorbereitet“, spöttelte Samantha und riss die neunte Dose Bier auf.
Miguel riss sie ihr aus den Händen und trank einen Schluck. „Zuviel ist ungesund, Lieutenant, das wissen Sie doch.“
„Hey“, protestierte sie, fand aber kein Gehör.
„In seiner Kabine?“ Santos dachte nach. „Wenn Rogers ihn in seiner Kabine vermutet, ist er bestimmt bei seinem M9 Gernsback.“
Samantha spürte wie sie rot wurde.
Santos erhob sich, die Dose Bier in der Hand, nickte in den Raum und ging.
Die junge M9-Pilotin spürte die Blicke der Anwesenden auf sich ruhen. „WAS? Ich wette, er liegt in seiner Kabine und pennt!“
„Ich halte dagegen!“, rief Timothy spontan.
„Ich dagegen!“ „Ich auch dagegen!“ „Ich setzte fünf dafür!“ Nach wenigen Minuten hatte sich ein stattlicher Wettpool gebildet.
**
Miguel Santos war tief in seinem Herzen ein unsicherer Mann. Zwar hatte er in seiner Heimatarmee gedient – gut gedient – aber er hatte nie wirklich verstanden, warum Mithril ihn so hoch einschätzte, so weit befördert hatte. Er selbst schätzte seine Fähigkeiten als Offizier und Menschenführer weit geringer ein als das die Dachorganisation tat. Bisher hatte er gute Arbeit geleistet, aber er fürchtete den Tag, an dem sein Versagen den ersten Blutzoll für die Organisation bedeuten würde. Blut, das an seinen Händen kleben würde.
Wie Santos erwartet hatte, fand er Thomas Kramer an seinem persönlichen Arm Slave, einem Modell M9. Der Mann, dem das achtköpfige Team an Bord unterstand, widmete sich wieder mal seiner Lieblingsbeschäftigung. Er steckte bis zur Hüfte in den Eingeweiden seines Mechas und versuchte irgendetwas zu verbessern oder zu reparieren. Die humanoide Gestalt des Arm Slaves wirkte wie ein riesiger Mann, der in einer schlanken Rüstung mit klobigem Helm und eckigen Schultern steckte. Aber er verfügte im Gegensatz zum Vorgänger M6, einem eher gedrungenen, humanoiden Arm Slave, über enorme Agilität, Sprungkraft und Geschwindigkeit. Und natürlich verfügte er über die Partikeltarnung, die jeden Arm Slave von Mithril unsichtbar werden lassen konnte. Solange ein Sandsturm oder Regenschauer die Partikeltarnung nicht aufhob.

Santos war ein kleiner Mann mittleren Alters, aber sehr kompakt gebaut, stabil und durch seinen Ringersport sehr kräftig. Außerdem glomm ihm der Lausbubenschalk geradezu in den Augen. Deshalb schlich er sich an den Untergebenen heran, umfasste sein Klemmbrett und gab dem anderen Offizier einen heftigen Klaps auf den Allerwertesten.
Erwartungsgemäß fuhr dieser erschrocken auf und raste mit dem Schädel gegen das Innenleben seines Mechas.
„AUTSCH!“ Wütend und mühselig arbeitete sich der Chef der Arm Slaves aus seinem M9 hervor. „War ja wieder klar! War ja wieder klar! Wann wirst du Kindskopf endlich erwachsen, hä? Und wie viele Beulen werde ich mir bis dahin holen?“
Belustigt musterte Santos den zweiten deutschen Offizier an Bord. „Ist ja nicht so als wäre es nicht wichtig. Ich habe was für dich.“ Er hielt dem Captain sein Klemmbrett hin.
Der nahm es mit mürrischer Miene entgegen und begann sich in die Dokumente einzulesen.
Seine Miene hellte sich bei jeder Seite ein klein wenig mehr auf. „Das… Das… Das gibt es doch gar nicht! Mensch, Miguel, wie bist du denn an diese Info gekommen?“
Der Spanier lächelte. „Nun, Commander Mardukas hat mir noch einen Gefallen geschuldet, von unserer gemeinsamen Zeit auf der INDEPENDANCE. Das Ergebnis siehst du ja.“
Kramer strahlte den Mann an. „Ich… Ich kann es kaum glauben! Die Abschlussinspektion werden Tai-sa Testarossa und So-sho Mao vornehmen! Die Frau, die unsere FEANOR überhaupt erst entwickelt hat und eine der Koryphäen für den Kampf mit Arm Slaves überhaupt! Ich kann es kaum erwarten, in unsere Heimatbasis zu kommen!“
„Auf welche der beiden freust du dich denn am meisten?“, murmelte Santos grinsend.
„Was, bitte?“
Der Spanier hob abwehrend die Arme. „Nichts, nichts, schon gut. Bastle du lieber deinen M9 wieder zusammen, damit er die Inspektion übersteht.“
„Stimmt auch wieder.“ Mit glänzenden Augen verschwand der Arm Slave-Pilot wieder im Wartungsschacht.
„Kleine Geister sind mit sowenig glücklich zu stellen“, seufzte Miguel.
„DAS HABE ICH GEHÖRT!“
Der Chief of Operations schluckte hart. „Ach, so spät schon? Ich muß ja auf die Brücke. Na, dann bastle noch schön, ja? Ahaha. Hahahaha. Hahahaha.“

2.
Die mehr oder weniger freiwillig von den Griechen zur Verfügung gestellte Ägäis-Insel mit dem Codenamen Styx existierte offiziell nicht. Inoffiziell mieden die Einheimischen den Flecken Erde. Grund hierfür waren Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg. Während des letzten großen Krieges hatten die Deutschen versucht, die nautische Herrschaft der Royal Navy im Mittelmeer zu brechen – aus eigenen Kräften, denn der Verbündete Italien hatte sich durch innenpolitischen Widerstand als ineffektiv gegen die Briten erwiesen.
Also hatten die Deutschen eigene Pläne entwickelt. Teil davon war Styx gewesen, ein fertig gebauter Unterseeboothafen, der jedoch niemals in Dienst gestellt worden war, da das Afrikacorps Nordafrika aufgeben musste und die Invasionen der Allianztruppen in Italien und Südfrankreich zu schnell erfolgten.
Die Insel selbst galt als hochgradig vermint, weshalb sie auch nicht bewohnt war.
Die Regierung sah keinen Sinn darin, die Minen für einen uralten Bunker, den sie eh nicht benutzen wollte und konnte, zu räumen. Somit war es ein Leichtes für Mithril gewesen, sowohl die Insel als auch das Wissen über ihre Existenz aufzukaufen. Heute diente Styx der FEANOR, dem Oberkommando Mittelmeer und zwei amerikanischen Atom-U-Booten der Los Angeles-Klasse als Unterschlupf.
Von hier aus brach Mithril zu geheimen Kommandounternehmen auf – die mit dem offiziellen Indienststellen der FEANOR aber endlich etwas größer ausfallen würden.
Zu vielfältig waren die Aufgaben, zu groß die Kämpfe, als das es ewig damit getan war, Spezialtruppen an der Ozeanküste abzusetzen oder abzuholen. Allein die anwachsenden Unruhen in Zentralafrika hätten den Einsatz von ganz Mithril gerechtfertigt.
Die Erfolge der TUATHA DE DANNAN hatten ganz klar gezeigt, dass mobile Einheiten wie Arm Slaves vielseitig einsetzbar waren, das es sich lohnte sie aufwändig ins Ziel zu bringen. Oder zumindest so nahe wie möglich, denn die DANNAN-Einsatzdoktrin erlaubte auch Landmissionen bis zu dreitausend Kilometer vom Mutterschiff entfernt.

Captain Sander seufzte schwer. Wann hatte er nur angefangen, sich derart ernsthaft mit Mithril zu identifizieren? Seine Dienstwaffe schien heute besonders schwer an seiner rechten Hüfte zu wiegen und ihn zu Boden ziehen zu wollen. Würde er wirklich für die Ideale der Organisation sterben können, wenn er vor die Wahl gestellt werden würde?
„Brücke hier. Skipper, wir haben angelandet.“
Johann Sander erhob sich. „Sander hier. Gut, dann lassen Sie die Mannschaft auf dem Kai antreten, Eins O. Ich komme sofort.“
Er schnappte sich seine Mütze, zählte in Gedanken bis dreihundert. Dann erst war er sich sicher, dass bis auf die Deckwache, die permanent an Bord vertreten sein musste, jedes Mitglied entweder auf dem Weg nach draußen war oder bereits in Formation stand.
Schnell noch ging sein Blick über die Reflexion des großen Spiegels, er strich ein letztes Mal über seine Khaki-Uniform und über die wenigen Gefechtsabzeichen, die er im Dienste Mithrils erworben hatte. War er wirklich das Beste, was die Dachorganisation für dieses Schiff bekommen konnte?
Überhaupt schien es, als würde der Pazifik bevorzugt behandelt, während die anderen Zweige der Organisation mehr von der Hand im Mund leben mussten, so dachte er manchmal. Erst neulich hatte sich der Bereichsleiter Südeuropa bei ihm ausgeheult, weil das Oberkommando ihm seinen besten Arm Slave-Piloten weggenommen und auf die DANNAN versetzt hatte.
Was sagte das also über ihn aus? Er hatte zumindest die Dannan-Klasse weder erdacht noch erbaut. Nicht so wie Tai-sa Testarossa, das eingetragene absolute Genie bei Mithril.
„Wird schon werden, alter Junge“, machte er sich selbst Mut und verließ seine Kabine. Ein Soldat diente dort, wo er hingestellt wurde. So war es schon immer gewesen. Und so würde es wohl immer sein, bis der Soldat aufgab oder starb.

Die großzügigen Gänge des Unterseebootes lagen ungewöhnlich still vor ihm, während er sie durchschritt. Das war er gar nicht gewohnt. Während der vierwöchigen letzten Testfahrt hatte es hier immer vor Leben gebrodelt. Immer.
Das Schiff jetzt so still zu sehen, versetzte ihm einen Stich durchs Herz. Würde es vielleicht so bleiben? Würde Mithril die FEANOR nicht abnehmen? Würde das Boot damit das teuerste Wrack aller Zeiten werden, sein Kommando zerschlagen und seine Leute über die halbe Welt aufgeteilt werden? Er unterdrückte diesen Gedanken. Okay, er war wirklich nicht Tai-sa Testarossa. Aber immerhin gab er sein Bestes. Und das musste doch für irgendetwas nütze sein. Zumindest hoffte er das.
„Verdammte Zweifel“, murmelte er ärgerlich und schlug gegen die Stahlwand rechts von ihm.
Das tat ihm überraschend gut, und mit neuem Elan schritt er durch das Schiff.

Wie er erwartet hatte, waren die Mitglieder seiner Crew bereits geschlossen angetreten.
Vorneweg standen der Eins O und die Crew der Zentrale. Dann kamen die Leute vom Ingenieursstab, Lazarettbereich und Kantine. Ihnen folgten die Hangarmannschaft und die Wartungs- und Bedienungscrews für die Waffen.
Danach waren die Infanterie angetreten, die Piloten der Jets und Hubschrauber und ganz zuletzt die Piloten der Arm Slaves.
„ACHTUNG!“, gellte der scharfe Ruf von Lieutenant Commander Allister auf.
Die Crew der FEANOR nahm Haltung an. „STILLGESTANDEN!“
Ein deutlicher Ruck ging durch die khakifarbenen, grünen und schwarzen Uniformen.
„SALUTIERT!“ Die Arme der Crew ruckten zum Gruß zu ihm hoch.
Allister wandte sich um neunzig Grad und salutierte ihm ebenfalls zu. „Sir, die Crew ist wie befohlen angetreten.“
Sander salutierte ebenfalls, nahm den Arm aber schnell wieder ab. „Lassen Sie“, sagte er laut, aber mit Bedacht, „zum achtundvierzigstündigen Sonderurlaub wegtreten!“
Ein leises Raunen ging durch die Reihen der Crew. Sonderurlaub. Das war eine völlig neue Information für sie.
„Disziplin!“, zischte Miguel Santos in die Reihen.
Das Raunen verstummte übergangslos.
Allister tat so als hätte sie nichts bemerkt. „Aye, Sir.“ Sie wandte sich wieder um neunzig Grad um. „Arm ab und rührt euch!“
Die Soldaten von Mithril senkten den rechten Arm und nahmen eine bequemere Haltung mit leicht gespreizten Beinen und den Händen auf dem Rücken ein.
„Zum achtundvierzigstündigen Sonderurlaub – weggetreten!“
Nun ging lauter Jubel durch die Reihen der Anwesenden. Die ehemals strenge Formation löste sich in Chaos auf. Sander schmunzelte dazu.

„Auf ein Wort, Sir“, sagt Sharon Allister und trat leise zum Skipper. „Halten Sie es für klug, die Disziplin so kurzfristig vor der letzten Inspektion derart schleifen zu lassen? Die meisten Leute der Crew werden rüber nach Rhodos fliegen und sich die nächsten beiden Tage sinnlos vollaufen lassen. Oder die Nacht zum Tag machen. Oder beides.“
„Davon gehe ich aus“, murmelte er amüsiert.
„Und dennoch…“
„Ja. Und dennoch sollen sie meinetwegen ein Fass aufmachen. Erstens haben sie es sich verdient und zweitens werden sie wissen, wie weit sie gehen dürfen.“
„Wenn Sie es so sehen…“
„Ach, tun Sie mir doch bitte einen Gefallen. Schnappen Sie sich Kramer und sagen Sie ihm, er möchte noch mal in meinem Büro vorbei schauen bevor er seinen Urlaub antritt. Ich habe da noch was mit ihm zu besprechen.“
„Aye, Sir. Ziehen Sie dann in Ihr Büro auf Styx um?“
„Zumindest vorerst. Ich werde noch etwas Büroarbeit für die Styx-Basis erledigen, bevor ich mir meine Sachen schnappe und an den Strand gehe. Ich hoffe, es hat sich nicht so viel angehäuft.“ Sander seufzte schwer. Er war nicht nur Skipper der FEANOR, er war auch Stützpunktkommandant. Was bedeutete, dass er auch die Verantwortung für die hier stationierten Arm Slaves, Jagdflieger, Infanteristen und Unterseeboote trug. Was eine Menge Papierkrieg mit sich brachte.
„Danach gehen Sie auch in Urlaub, Sharon. Das ist ein Befehl, verstanden?“
„Aye, Sir.“
***
Thomas Kramer hatte keine Mühe, sich seine sieben Arm Slave-Piloten noch einmal zu schnappen, bevor sie aus dem Dock entkommen konnten. Sein erstes Opfer war Samantha Rogers, seine Stellvertreterin. Die half ihm dann gezwungenermaßen, die anderen Wölfe im Schafspelz zusammen zu treiben.
In einer ruhigen Ecke versammelte Thomas seine Leute noch mal und ging die letzten Übungen mit ihnen durch. „Ich weiß, Ihr wollt alle in den Urlaub. Aber der kann auch noch eine halbe Stunde warten. Vorher will ich, dass Ihr einseht, ja, einseht, was Ihr alles für Mist gebaut habt. Sergeant Sandra Ciavati, Corporal Ken Ibuto, bei den Abschussübungen mit dem Jetaufsatz wärt Ihr beide zweimal fast kollidiert. Ich will dass das besser wird. Wir arbeiten hier mit M9 und nicht mit Savages, ist das klar?“
Schuldbewusst sahen die beiden zu Boden. „Ja, Sir.“
„Sergeant Yussuf Ben Brahim, Corporal Jasmin Smith, die Schießergebnisse bei euch beiden waren unter dem Schnitt der Einheit. Ihr seid damit immer noch über dem, was Mithril von euch fordert. Aber mir ist die Lücke zwischen euch zwei Trantüten und den beiden Nächstschlechten zu groß. Schließt das in Eigenregie, oder ich lege gerne eine Übungseinheit mit euch hin. Das könnt Ihr euch aussuchen.“
„Ja, Sir.“
„Second Lieutenant Samantha Rogers und Corporal Jennifer Carthy. Ladies, eure Einstellung ist mir zu lax. Der Funkverkehr im Einsatz muß kurz und prägnant sein. Das kann einmal über Tod oder Leben entscheiden. Ihr aber haltet da per Funk einen Kaffeeklatsch ab. Wollt Ihr euch in einem Einsatz vielleicht gewaltsam umbringen?“
„Sir!“, begehrte Sam auf.
„Je kürzer, desto besser. Auf ein Minimum an Silben aber ein Maximum an Aussage geraffte Worte, das wünsche ich mir. Also geht die nächsten beiden Tage in euch und denkt mal drüber nach.“
Sam Rogers seufzte schwer. „Ja, Sir.“
„Und die letzten beiden sind meine Wenigkeit und Sergeant Cyrus Doherty. Ja, hier kriegt jeder sein Fett weg. Ich muß mich und den Sergeant ermahnen, nicht immer so weit vorzupreschen und so ein unerreichbares Vorbild für die anderen abzugeben. Wir beide müssen in Zukunft die Distanz, die uns unser Können  euch gegenüber verschafft künstlich klein halten – nicht dass Ihr die Lust verliert, uns doch noch irgendwann mal zu schlagen.“
Die Arm Slave-Piloten murrten leise, allerdings mit einem Schmunzeln.
„So, genug geschimpft. Ab in den Sonderurlaub mit euch. Und wehe, Ihr amüsiert euch nicht nach besten Kräften.“
„Ist das ein Befehl, Captain?“, hakte Corporal Carthy nach.
„Natürlich ist er das. Also los, fort mit euch.“
Die Piloten murmelten wild durcheinander und verließen die stille Ecke wieder.

Thomas sah ihnen einen Moment lang nach. „Na dann viel Spaß. Und das mir keine Klagen kommen. Nein – ein oder zwei Klagen sind in Ordnung. Dann weiß ich wenigstens, dass sie sich amüsiert haben.“
„Und wie wollen Sie sich amüsieren, Captain?“, erklang hinter ihm eine unterkühlte Frauenstimme.
Kramer wandte sich um. „Commander Allister. Nun, ich muß an meinem M9 arbeiten. Die Beinahebruchlandung hat die Knie stärker geschädigt als ich angenommen habe. Diverse Verschleißteile müssen ausgetauscht werden.“
„Na, das nenne ich doch mal einen spannenden Urlaub“, spottete sie. „Aber bevor ich Sie diesem ausschweifendem Vergnügen überlasse, melden Sie sich noch mal beim Skipper.“
„Jetzt sofort?“
„Machen Sie es besser gleich, bevor er den Papierkrieg verliert und schlechte Laune kriegt.“
„Das ist ein guter Tipp, Commander“, bestätigte Thomas grinsend.
„Ach, und ziehen Sie sich was anderes an. Wenn Ihr Körper schon nicht im Urlaub ist, vielleicht schafft es dann wenigstens Ihre Phantasie.“
„Das war Ironie, oder, Ma´am?“
Die Irin musterte ihn skeptisch. „Das müssen Sie schon selbst herausfinden, Captain.“
Seufzend ergab sich der Arm Slave-Pilot seinem Schicksal.
***
Nach einem Wechsel in den weniger förmlichen Overall, in dem er an seinem Arm Slave herumzubasteln pflegte meldete er sich bei seinem Vorgesetzten im Büro.
Ihn erwartete zu seiner Überraschung nicht nur Sander, sondern auch Pierre Duchemin, der Skipper der HOUSTON, einem der beiden Boote der Los Angeles-Klasse, die hier ebenfalls ihren Heimathafen hatten.
„Ah, Kramer, kommen Sie rein. Eigentlich wollte ich etwas anderes mit Ihnen besprechen, aber vielleicht können Sie hierzu etwas sagen.“
Der Deutsche deutete auf einen Stapel Aufnahmen auf seinem Schreibtisch, die eindeutig aus geringer Höhe gefertigt worden waren.
„Fotodrohne?“, hakte Kramer nach und griff nach dem ersten Foto. Am Rand war in weißen Lettern der Name der Drohne, das Datum und die Uhrzeit eingeprägt worden. Thomas rechnete die Längen- und Breitenangaben grob im Kopf um und pfiff erstaunt. „Wo haben Sie sich denn rum getrieben? Ist es in der Zentralsahara nicht etwas trocken für ein Unterseeboot?“
„Es ist nicht exakt die Zentralsahara. Es ist die Westsahara, zweitausend Kilometer landeinwärts“, warf Duchemin ein. „Genauer gesagt…“
„Genauer gesagt sind das hier Aufnahmen aus dem Kingdom Sahara, richtig? Einem neu gegründeten Staat, der sich auf Kosten der Territorien seiner Nachbarn aus dem Nichts gebildet hat, mitten in einer Geröllzone, in der nicht einmal Ziegen etwas zum weiden finden. Ich habe mich immer gefragt, wie sich ein Staat halten kann, der weder über Wasser noch über Bodenschätze verfügt.“
„Jetzt wissen wir es. Wenn man einen florierenden Waffenhandel mit Altbeständen der Sowjetunion betreibt, kommen eben einige Devisen ins Land“, brummte Sander und schob ihm weitere Aufnahmen zu.
„Eindeutig Savages. Verschiedene Modelle, nicht nur die ganz alten Dinger, die in Helmajistan und Irak verkauft werden.“ Thomas griff zu weiteren Aufnahmen. „Waffen für M9? Wie kommen die denn da dran?“
„Das würde uns auch interessieren. Anscheinend ist jemand auf den Gedanken gekommen, dass man nicht unbedingt einen M9 braucht, um die besser entwickelten Feuerwaffen und Messer für diesen Typ zu benutzen. Ein Savage reicht in der Tat aus – und verbessert seine Kampfkraft enorm. In dieser strukturschwachen Region, in der Savages schon extrem selten sind, ist so ein Super-Savage eine Bedrohung“, schloss Captain Duchemin.
„Vorausgesetzt, der Munitionsnachschub versiegt nicht. Wir benutzen andere Kaliber als die Russen.“
„An Nachschub kann es keinen Mangel geben“, murmelte Sander und rieb sich müde die Augen. „Denn das wäre eine Erklärung für die Unruhen und Rebellionen in Zentralafrika, die schon über zwei Monate andauern. Gäbe es Nachschubprobleme, wären die Kämpfe längst eingestellt worden. Und wir haben uns gefragt, wie sich diese relativ kleinen Truppen halten können.“
„Hm, wenn ich das richtig sehe, ist hier das Nadelöhr, über das der halbe Kontinent rebellisch gemacht wird. Kingdom Sahara lebt also vom Waffenhandel. Wenn wir hier einen schnellen, chirurgischen Schnitt ansetzen, sollten auch die anderen Konflikte in sich zusammen fallen.“
„Nur leider können wir das nicht“, gab Duchemin zu bedenken. „Wir haben keine Hubschrauber, die ein Einsatzteam zweitausend Kilometer plus die Distanz zur nächsten unserer Basen tragen können. Und ein Infanterieteam an Land auszuschleusen und dorthin zu bringen ist illusorisch.“
„Die FEANOR könnte vor der Westsahara kreuzen und Jäger und Arm Slaves rüber schicken. Oder wir werfen die Arm Slaves mit Hilfe von Langstreckenbombern ab. Wenn sie sich anschließend bis auf tausend Kilometer an die Küste zurück gearbeitet haben, dann können Hubschrauber der FEANOR sie wieder aufnehmen.“
„Sie wollen eintausend Kilometer mit ihrem Arm Slave durch die Wüste marschieren? Können Sie sich auch nur annähernd vorstellen, was das für Strapazen bedeutet?“, wandte Duchemin ein.
„Auf jeden Fall weniger Strapazen als für ein Infanteriekommando, selbst wenn es mit Fahrzeugen unterwegs ist“, konterte  Kramer.
Die beiden Kapitäne wechselten einen langen Blick.

„Es gäbe noch eine Möglichkeit. Zwei Cruise Missiles können den ganzen Stützpunkt zerstören. Ach nein, jetzt sehe ich es. Die Lagerhallen wurden taktisch klug aufgestellt. Wir bräuchten vier oder fünf, um das ganze Gelände abzudecken. Und dann gibt es vielleicht noch versteckte Hangars und andere Schweinereien. Wir bräuchten zumindest ein paar Mann vor Ort, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Soll ich mich fertig machen, Skipper?“
„Nun mal langsam mit den jungen Pferden, Thomas. Pierre, danke für die Information. Stellen Sie einen ordentlichen Bericht zusammen, den wir sofort zum Oberkommando weiterleiten. Ich werde währenddessen eine Anfrage weiterleiten, damit man einen unserer Spionagesatelliten über Kingdom Sahara postiert.“
„Das erscheint mir vernünftig. Trotzdem werde ich die Zahl meiner Cruise Missiles aufstocken, mit Ihrer Erlaubnis, Johann.“
„Genehmigt.
Thomas, deshalb habe ich Sie nicht herrufen lassen. Diese Entwicklung hat mich selbst überrascht. Ich wollte von Ihnen eigentlich eines wissen: Sind Ihre M9 bereit? Sind Ihre Piloten bereit?“
„Der Gernsback ist ein feiner Arm Slave, Sir. Wir setzen zu Recht auf dieses Modell. Und meine Piloten sind auch gute Leute. Sicher, wir brauchen noch Übung. Und wir müssen noch mehr zusammen arbeiten. Aber ja, ich würde mit ihnen sofort in die Schlacht ziehen.“
Wieder wechselte der Skipper der FEANOR einen Blick mit seinem Kollegen von der HOUSTON, bevor er unter die Fotos griff und ein Dossier hervor zog. „Hier, arbeiten Sie sich darin ein, Thomas. Es beinhaltet alle uns bekannten Informationen zum so genannten Lambda Driver und die weitaus spärlicheren Informationen eine Organisation namens Amalgam betreffend. Ich will, dass Sie das Dokument auswendig kennen, wenn Tai-sa Testarossa und Sho-so Mao hier eintreffen.“
Gierig griff der Captain nach der Mappe. Über den Lambda Driver hatte er schon viel gehört. Vor allem, dass ganz Mithril nur einen einzigem Arm Slave hatte, der über diese als unschlagbar geltende Technologie verfügte. Der jetzt schon legendäre Arbalest, der  - natürlich – auf der TUATHA DE DANNAN diente. „Ich mache mich sofort an die Arbeit, Sir.“ Thomas salutierte knapp und war schon halb auf dem Gang.

Dort schlug er das Dossier auf und las Inhaltsverzeichnis und Vorwort. Bevor er sich versah hatte er fünf Seiten des Dokuments und zwei Meter Gang geschafft.
Völlig darin versunken trottete er durch den Flur, fasziniert von den Einträgen und den Fußnoten. Verdammt, der Lambda Driver war heiß. Warum hatten sie nicht noch mehr Exemplare davon in der Einheit? Vor allem da diese Amalgam-Truppe anscheinend wesentlich mehr davon einsetzen konnte als Mithril.
Und das konnte, das war das Zauberwort. Amalgam benutzte Bewusstseinzerstörende Drogen, um seine Piloten zu befähigen, ihre Version des Drivers funktionsfähig zu bekommen.
Etwas, was für Mithril niemals in Frage kommen würde. Was automatisch ausschloss, dass sie über Mittelsmänner ein paar Arm Slaves mit Lambda Driver von Amalgam kauften, um sie selbst einsetzen zu können.
Alles in allem hatte das Dossier eher von einem spannenden Roman denn von einem nüchternen Dokument, und Thomas genoss die Lektüre sichtlich.
An einem Automaten mit Erfrischungsgetränken hielt er an. Was zu trinken war definitiv nicht verkehrt.
Er sah auf, sah dass jemand vor ihm Geld in den Automaten warf und versenkte sich wieder in den Bericht. Wartete er eben einen Augenblick.
Als er fünf Seiten später wieder aufsah, war der Automat noch immer unter Beschlag.
Stirn runzelnd sah er richtig hin und erkannte ein junges Mädchen in Freizeitkleidung mit langem, hellem Zopf, das sich anscheinend nicht entscheiden konnte.
Wieder vertiefte er sich in den Bericht, schaffte aber nur zwei Seiten, bevor er wieder aufsah. Sie stand tatsächlich noch immer da und starrte mit stumpfem Gesichtsausdruck auf die verschiedenen Flaschen.
Nun wurde es Thomas doch zu bunt. Er griff an der jungen Frau vorbei und drückte auf seinen Lieblingsdrink.
Dies ließ sie aus der Starre erwachen. Erstaunt sah sie ihn an.
Doch der Arm Slave-Pilot winkte ab, griff nach der Flasche im Auffangschacht und warf neues Geld ein. „So, jetzt kannst du meinetwegen den ganzen Tag vor dem Automaten stehen und dich entscheiden.“
„Fies“, kam es über ihre Lippen.
Thomas öffnete den Drehverschluss seiner Flasche und nahm einen kräftigen Schluck. „Fies? Hör mal, soll ich verdursten, nur weil du dich nicht entscheiden kannst?“
„Das ist es doch nicht. Als Gentleman hätten Sie warten sollen, bis ich mich entschieden habe“, murrte sie.
Thomas stieß einen spöttischen Laut aus. „Hör mal, Mädchen, erstens bin ich kein Gentleman. Und zweitens habe ich nur achtundvierzig Stunden Urlaub. Die will ich nicht in der Reihe hinter dir verbringen.“
Die junge Frau wurde rot. „Wie können Sie nur so was Gemeines sagen? Und warum duzen Sie mich überhaupt?“
„Weil ich volljährig bin und du noch nicht. Oder sehe ich das falsch?“
Erschrocken sah sie zu Boden. „N-nein, aber…“
Thomas erstarrte. Hatte er es zu weit getrieben. War er gemein geworden?
„Wenn du dich nicht entscheiden kannst, warum fragst du mich nicht einfach? Ich habe den Automaten einmal von vorne bis hinten durch. Vielleicht kann ich dir helfen? So als Ausgleich, weil ich so bissig war?“
Das Mädchen sah auf. „Es sind alles andere Sorten als bei uns. Ich meine, ich kenne die hier nicht und…“
„Als bei euch? Bist du von einem anderen Kommando?“
Sie nickte. „Pazifik.“
Thomas klappte sein Dokument zu und schob es unter den linken Arm. Er hatte es definitiv zu weit getrieben, wenn die junge Frau vor ihm nicht nur neu auf der Basis, sondern vielleicht sogar zum ersten Mal in Europa war. „Was trinkst du denn gerne? Ist Kaffee was für dich? Oder lieber Tee? Ich mag die Cola, aber ich weiß nicht, ob das was für dich ist.“
„Tee wäre nett. Grüner Tee vielleicht.“
Thomas dachte kurz nach, dann berührte er eine der Tasten. „Gibt leider nur schwarzen Tee, schmeckt aber ganz gut. Dafür ist es aber auch hoffnungslos überzuckert.“
Er nahm die gekühlte Flasche aus dem Automaten und hielt sie der jungen Frau hin.
„Danke“, murmelte sie und griff danach.
„So, du kommst also aus dem Pazifik, hm? Sidney?“
„Nein, die DANNAN.“
Anerkennend pfiff Thomas leise. „Da dient nur die Elite. Dagegen kommen nicht mal wir mit unserer schönen FEANOR an. Du musst ganz schön was auf dem Kasten haben, wenn du in der Ersten Mannschaft spielst.“
„E-erste Mannschaft? So seht Ihr uns hier? Nein, so ist es ja nun nicht. Nur weil die DANNAN das erste Schiff seiner Klasse ist, bedeutet das doch noch nicht, dass wir…“
„Hm“, unterbrach Thomas sie und legte überlegend einen Finger an den Mund. „Ihr habt mit Sagara den einzigen Arm Slave-Piloten im Team, der den Lambda Driver bedienen kann. Ihr habt neulich das Topaß der Arm Slave-Piloten Südeuropas bekommen. Ihr habt Kalinin und Mardukas, den besten Taktiker und den besten Tauchoffizier, über die Mithril verfügt. Und mit Tai-sa Testarossa den Skipper, der die ganze Schiffsklasse entworfen und gebaut habt. Und dann willst du mir erzählen, Ihr wärt nicht die Erste Mannschaft?“
Wieder wurde sie rot und sah fort. „Ich…“
„Aber keine Sorge, wir sind euch dicht hintenan“, fuhr Thomas fort und tätschelte der jungen Dame den Kopf. „Sobald die FEANOR in den Einsatz geht, bekommt Ihr einen scharfen Rivalen, der euch nichts schenkt und nicht eher zufrieden ist, bis die Leistungen der DANNAN übertroffen werden.“

„Was, bitte, glaubst du, machst du da?“, fragte eine eisige Frauenstimme neben ihm. „Nimm sofort deine Hand da weg, sonst breche ich sie dir.“
Thomas sah zur Seite. Wie war die schwarzhaarige, schlanke Frau nur so schnell – und vor allem so leise – neben ihm aufgetaucht? Er hatte sie nicht bemerkt, bis sie sich zu Wort gemeldet hatte. „Äh…“ Er nahm seine Hand zurück. Mann, wenn Blicke töten könnten, dann würde diese Frau von ihm nicht einmal die Stiefel übrig lassen.
„Entspann dich. Wir trinken nur zusammen Saft und reden über Mithril.“
„So? Entspannen? Saft trinken? Ich glaube, aus einer Schnabeltasse trinkt es sich am leichtesten. Die wirst du auch bald brauchen, wenn du so weitermachst!“
„Ruhig, ruhig… Master Sergeant. Ich beiße nicht und habe es auch nicht vor.“
„Es heißt So-sho und es ist mir reichlich egal, wen du beißt. Aber wenn es die Falsche ist, werde ich selbst bissig. Tessa, was machst du hier überhaupt?“
„Ich weiß nicht so recht“, brummte Thomas. „Hunde die bellen beißen normalerweise nicht So-sho.“
Entgeistert starrte die Frau, die offensichtlich ebenfalls zum Pazifikkontingent von Mithril gehörte, den Captain an. „Wie… war… das… bitte?“
„Melissa, du siehst das falsch. Er hat nichts Schlimmes getan und…“
Der Schlag kam aus dem Nichts, scheiterte aber an dem Block des Deutschen, der schon geahnt hatte, was die So-sho als nächstes versuchen würde.
„Nicht schlecht“, sagte sie amüsiert. „Ein guter Block.“
„Und ein deftiger Schlag. Belassen wir es dabei oder muß ich Sie erst übers Knie legen?“
„Du kannst es ja gerne versuchen. Wenn du nicht Angst davor hast es statt mit einem Kind mit einer Erwachsenen aufzunehmen.“
„Ich denke, jetzt gehen Sie zu weit, So-sho. Viel zu weit. Das ist mir gegenüber nicht fair und der Kleinen gegenüber erst recht nicht.“
Die Unteroffizierin japste nach Atem. „Kleine? Habe… habe ich das richtig gehört? Tessa, er hat dich die Kleine genannt. Das ist… Der schreit ja geradezu nach Prügel.“
„Ich sagte genug, So-sho!“, blaffte Thomas scharf. „Wir haben genug gespielt. Ich werde mir jetzt mein Dossier und mein Getränk schnappen, und Sie nehmen sich unseres Kadetten an. Und dann gehen wir getrennte Wege.“
Für einen Moment wurde die Frau unschlüssig. Langsam nahm sie den Druck von Kramers Block.
„Melissa! Hör auf ihn!“, rief das Mädchen.
Das gab den Ausschlag. Sie nahm den Arm ab und winkte zwischen sich und dem Mädchen hindurch. „Geh. Für dieses Mal lasse ich dich vom Haken.“
„Danke sehr, zu liebenswürdig“, brummte Kramer. Er nickte der Kleinen noch mal freundlich zu und ging.

Ungefähr hundert Meter weiter, schon halb im Dock der FEANOR und erneut in die Lektüre des Dossiers vertieft, blieb Thomas stehen, als hätte ihn ein Schlaganfall getroffen. Irgendetwas stimmte definitiv nicht an dem, was er gerade erlebt hatte. Wenn die Schwarzhaarige So-sho war, also Master Sergeant, dann kam sie bestimmt aus dem Pazifik.
Wie hatte der So-sho die junge Frau genannt? Tessa? Thomas atmete erschrocken aus. Tessa… Theresa? Theresa Testarossa? Richtig, sie wollte zur Inspektion herüber kommen, zusammen mit So-sho Mao. Es hieß, sie sollte noch sehr jung sein. Genaueres unterlag der Geheimhaltung. Theresa Testarossa also. Und sie hatte die So-sho Melissa genannt. Melissa Mao? Na toll, da hatten die beiden ja gleich den richtigen Eindruck von ihm bekommen. „Warum passiert so was immer nur mir? Warum?“
Ob ein Lambda Driver auch die Zeit zurückdrehen konnte? Ein schöner Gedanke.

2.
Stunden später steckte Thomas Kramer wieder mal bis zur Hüfte in seinem Arm Slave. Diesmal jedoch mit einem Pad um die Elektronik zu überprüfen. Das war der einigermaßen saubere Part seiner Arbeit, einfach hier und da die Elektroden anschließen und die Ist-Werte mit den Soll-Werten vergleichen. Obwohl er sich ein zweites Paar Hände wünschte, um zumindest die Ergebnisse zu notieren, auch wenn sich alles im grünen Bereich einpendelte.
Aber Notizen wären für einen späteren Vergleich hilfreich gewesen.
Langsam arbeitete er sich aus dem Torso zurück. Anscheinend nahm der Gernsback die neuen Elemente in den Knien gut an. Ein Belastungstest würde zeigen wie gut. Eine hilfreiche Hand hielt ihm ein Handtuch hin, mit dem er sein schweißbedecktes Gesicht abwischen konnte.
„Danke.“ Gut, der Austausch war gelungen, auch wenn es alleine schwierig geworden war. Er dankte den Konstrukteuren des M9 für die Umsicht, das Monster so zu konzipieren, dass der Pilot die meisten Reparaturen nötigenfalls alleine verrichten konnte, denn da der Skipper auch den Technikern freigegeben hatte, hatte er sich alleine um die Reparatur kümmern müssen.
Alleine? Wer hatte ihm dann das Handtuch gegeben?
Thomas sah auf.
„Gerne geschehen“, sagte So-sho Mao lächelnd und bot ihm eine Hand zum aufstehen.
Thomas griff zu und ließ sich auf die Beine ziehen. „Danke.“
„Wieder gerne geschehen.“
Er musterte die trainierte Frau. Was wollte sie von ihm? War Falschheit in ihrem Lächeln? Bedeutete die Verlagerung ihres Gewichts auf den linken Fuß, dass sie einen Angriff plante?
„Schwieriges Problem?“, fragte sie.
Thomas, der plötzlich merkte, dass er geschwiegen und sie angestarrt hatte, zuckte zusammen. „Was? Nein, ich habe nur ein paar Verschleißteile gewechselt. Nichts ernstes, nur alleine eine Heidenarbeit und Zeitaufwändig.“
„Verstehe.“
„Hören Sie, So-sho, wegen vorhin mit Tai-sa Testarossa, ich…“
„Ach, das hast du mittlerweile raus gefunden, hm?“, spottete sie. „Schon gut, ich glaube nicht mehr, dass du Tessa anbaggern wolltest. Um ehrlich zu sein bin ich hier um mich zu entschuldigen. Ich habe wohl etwas überreagiert.“
Thomas dachte an seinen schmerzenden linken Arm, mit dem er ihren Schlag abgefangen hatte. „Etwas“, pflichtete er bei.
„Wie wäre es wenn wir von vorne anfangen? Ich bin So-sho Melissa Mao von der TUATHA DE DANNAN.“ Sie bot ihm ihre Rechte an.
„Ich weiß nicht, So-sho. Immerhin sind Sie der Feind.“
„Hä?“ Mao zwinkerte verblüfft.
„Na, Sie und Tai-sa Testarossa sind doch hier, um die FEANOR und ihre Crew auf Herz und Nieren zu prüfen, oder?“
„Ja, schon, aber wir entscheiden doch nicht über Leben oder Tod. Wir geben nur eine Bewertung eurer Einsatzbereitschaft ab. Immerhin sind wir euch anderthalb Jahre voraus.“
Thomas gab sich einen Ruck und ergriff die dargebotene Hand. „Thomas Kramer, FEANOR. Sie haben Recht, So-sho, es geht nicht um Leben und Tod.“
Mao erwiderte den Händedruck fest. „Hat Thomas Kramer, FEANOR, auch einen Dienstgrad?“
„Sicher hat er den. Captain und Chef der Arm Slaves.“
„Oh.“ Melissa Maos Lächeln erstarb. „OH! Kramer, natürlich. Ich habe Ihr Dossier gelesen.“
In Kramers Ohren klangen ihre Worte aber eher nach: Wir spielen in verschiedenen Ligen.
„Merkwürdig. Sie wirken eigentlich nicht auf mich wie jemand, der vor Rängen kuscht, So-sho“, bemerkte Kramer enttäuscht.
„Das ist es nicht!“, brauste sie auf und zog ihre Hand zurück. „Ihren Rang können Sie sich sonst wohin stecken und…“ Resignierend sah sie zu Boden. „Es ist nur so, dass mir aufgetragen wurde, besonders Sie zu testen. Sie gelten als Risikofaktor für die FEANOR.“
Thomas erstarrte. „Was… bitte? Ich gelte als Risiko?“
Mao nickte. „Entschuldigen Sie mich jetzt, Captain.“

Sie wandte sich um und ging. Zurück blieb ein sichtlich irritierter Arm Slave-Pilot, der nicht so recht wusste, was er sagen sollte. Wenn das Oberkommando ihm nicht traute oder seine Fähigkeiten anzweifelte, so sehr dass er sogar als Gefahr für das Schiff angesehen wurde, warum löste man ihn dann nicht ab? Oder war das hier so etwas wie eine Art letzter Chance?
Ein leises Krachen erklang, als das Pad seinen Fingern entglitt und auf dem Boden aufschlug. Doch Thomas achtete nicht darauf. Alle Selbstzweifel, die nagenden Fragen, jede jemals über ihm abgegebene schlechte Bewertung schlugen auf einmal über ihm zusammen. „Ich weiß selbst, dass ich nicht der Beste bin“, sagte er leise und ballte die Hände zu Fäusten. „Aber solange man mich lässt, mache ich auch meinen Dienst.“
Langsam ging er in die Hocke, klaubte das Pad wieder auf. Er brauchte jetzt einen Drink. Eine Dusche. Und Ruhe. In der Reihenfolge, aber unterschiedlich lange.
***
Johann Sander kam sich vor wie ein Idiot, als er kerzengerade aufgerichtet in seinem Sessel saß und an den Lippen des kleinen, weißblonden Mädchens hing, das im Besuchersessel saß. Das war sie also. Theresa Testarossa, die geheimnisvolle Konstrukteurin der TUATHA DE DANNAN. Das Genie. Manche gingen sogar so weit und gaben ihr den Beinamen die Heilige.
„Kurz und gut, ich war von vorne herein dagegen, dass ein zweites Schiff dieser Klasse gebaut wurde“, schloss sie.
Sander sah ihr in die Augen, was dazu führte, dass ihre ohnehin schon dünne Stimme ganz verklang. Irgendetwas schien die junge Dame einzuschüchtern, denn der Skipper eines Unterseebootes musste eigentlich über mehr Selbstvertrauen verfügen. Wenngleich ihre Intelligenz und die Schärfe ihrer Aussagen außer Frage standen.
„Und ich antworte Ihnen das, was die Admiralität Ihnen ebenfalls geantwortet hat. Wenn sich die DANNAN bewährt, wenn das Konzept erfolgreich ist, werden wir noch sehr dankbar dafür sein, ein zweites, ein drittes oder sogar ein viertes Boot dieser Klasse zu besitzen, um an den vielen Brennpunkten in dieser Welt eingreifen zu können.“
Theresa strich sich eine widerspenstige Strähne aus ihrer Stirn. „Zwei Boote, drei, vier, das erhöht vor allem das Risiko, dass eines dieser Boote zerstört wird, dass man es entert. Oder das man es nachbaut. Dazu die immens hohen Kosten von Wartung und Unterhaltung.“
„Sicherlich ein gutes Beispiel, wenn ich daran denke, dass die DANNAN vor einem halben Jahr selbst kurz davor stand, entführt zu werden“, sagte Sander nickend.
Tai-sa Testarossa wurde rot.
„Nein, so habe ich das doch nicht gemeint, Tai-sa. Ich wollte damit nur Ihre Aussage unterstützen. Es ist ja so, wenn schon das beste Schiff mit der besten Crew seiner Klasse kurz davor steht gekapert zu werden, wie soll es erst dann den anderen gehen?
Dann aber sehe ich mir diese Welt an, sehe mir an, was die DANNAN bisher erreicht hat. Und dann frage ich mich, was zwei Schiffe dieser Klasse, drei oder vier erreichen könnten.
Selbst wenn sie gegen einen Nachbau der eigenen Klasse antreten müssten, bis dahin würden unsere Schiffe über trainierte Besatzungen verfügen. Und Training, Erfahrung, gleicht vieles aus.“ Sander sah der jungen Frau direkt in die Augen. „Wie Sie bewiesen haben, sogar sehr viel, Tai-sa Testarossa.“
„S-so habe ich das nicht gemeint. Ich denke nur daran, dass die Gefahr, dass diese Hochtechnologie ungefiltert in der Welt verbreitet werden könnte…“
„Verhindern können wir es nicht wirklich. Irgendwann wird es geschehen. Wir sollten dann nur zusehen, mit der Technologie bereits genügend Erfahrungen gesammelt zu haben, um im Vorteil zu sein. Verdammt, alles was ich will ist doch nur eine Chance für meine Crew und dieses Schiff, Tai-sa!“
Testarossa zuckte zusammen. Aber schließlich nickte sie. „Gut, Captain Sander. Ich bin aus genau diesem Grund hier. Ich habe dieses Schiff erdacht und konstruiert. Ich war bei jedem wichtigen Bauabschnitt beteiligt. Wenn jemand bewerten kann, wie gut Ihre Crew damit umgehen kann, dann wohl ich.“ Sie sah auf. „Sie kriegen Ihre Chance, Captain.“
**
Kingdom Sahara war wirklich ein unangenehmer Ort. Heiß am Tag, eiskalt in der Nacht und staubig. Nicht der Platz, an dem man gerne Zeit verbrachte.
Dieser Gedanke ging Robert Hausen durch den Kopf, während er sich in seiner extragroßen Wanne in eiskaltem Wasser ausstreckte und mit der Rechten nach seinem ebenfalls eiskalten Cuba Libre angelte. Nun gut, in seinen privaten Räumen war es ganz angenehm, vollklimatisiert und mit einem annehmbaren Luxus ausgestattet. Nur der Staub war auch hier ein Problem.
„Interessant“, erklang eine Stimme neben ihm. Robert sah auf und erkannte Vicomte Vogel, einen seiner wichtigsten Geschäftspartner. „Ich hätte erwartet, dass Ihnen hier ein kleiner Harem zu Willen ist, Robert.“
Hausen grinste matt. „Projizieren Sie ihre niederen Empfindungen bitte nicht auf mich. Ich bin glücklich verheiratet. Und wenn Kingdom Sahara endlich alleine laufen kann, kehre ich nach Brasilien zurück.“
Vogel setzte sich neben die große Wanne und grinste anzüglich. „Und dort haben Sie dann Ihren Harem, Hausen?“
Missmutig verzog der das Gesicht. Der Vicomte, angeblich Nachfahre eines desertierten adligen Franzosen und seiner kambodschanischen Frau, war ein wirkliches Ärgernis. Sicher, es waren vor allem die Altbestände gewesen, die der Vicomte aufgetrieben hatte, die ihr Projekt hier mitten in der Wüste, auf der Fläche so groß wie Belgien überhaupt erst ermöglicht hatte. Überhaupt erst ein einigermaßen angenehmes Leben erlaubt hatte. Und später war es die Zubehörtechnik und die Munition für die Gernsback-Waffen gewesen, die ihn so wichtig gemacht hatten. Zumindest solange, bis er die Kontakte nach Amerika selbst übernommen hatte.
Hausen war sicher kein undankbarer Mensch und vergaß nie einen Gefallen – und der Vicomte hatte ihm Dutzende erwiesen. Sicher, dafür war er sehr gut bezahlt worden, er und seine Organisation. Aber Hausen stand nicht gerne in der Schuld eines anderen. Auch wenn es eine derart sexuell verklemmte, paranoide und von Minderwertigkeitskomplexen geplagte Figur wie der Vicomte war.
Hausen winkte ab, um zu bedeuten, dass er auf die letzte Frage Vogels nicht mehr antworten würde. „Was machen die einhundert Kampfmesser, die Sie mir versprochen haben? Kongo und Zaire haben bereits erhebliche Vorauszahlungen geleistet.“
„Die Ware wird wie vereinbart eintreffen. Ich halte meine Lieferzusagen“, stellte der Vicomte pikiert fest. Weil Hausen das Thema gewechselt hatte oder weil er es gewagt hatte, am Termin zu zweifeln, konnte Robert nicht auf Anhieb sagen. Bei dem Psychopathen wohl ein wenig von beidem.
„Gut. Und was macht Ihre heiß geliebte Toybox?“
Vogels Miene verkrampfte sich. Ein gieriger Zug bildete sich darauf. Toybox war der Codename für eine neuartige Technologie, in die Hausen oberflächlich eingeweiht worden war. Eine experimentelle Unterseeboot-Klasse, die als Träger für Jäger und Arm Slaves fungieren konnte. Ein interessanter Gedanke.
„Die Toybox Nordatlantik befindet sich soweit ich weiß kurz vor ihrem letzten Test. Es wird nicht mehr lange dauern und sie wird auf Kingdom Sahara aufmerksam werden. Der Überflug der Drohne von der HOUSTON ist ein eindeutiges Zeichen.“
Hausen nickte knapp und stellte sein leeres Glas auf den Wannenrand. So ganz gefiel ihm die Geschichte nicht. Er und seine Leute, allen voran General Feysal, der als Schattenpräsident ihres fiktiven Staates agierte, verdienten hier gutes Geld. Und würden auch in Zukunft gut an der Gier nach modernen Waffen in Afrika und später in Asien verdienen. Das sie der Toybox hier quasi eine Falle stellten, ihre Waffen offen präsentierten und darauf warteten, dass ihre Arm Slaves hier zuschlugen und sie ihrerseits zupacken und die Angreifer enthaupten konnten, war ein zweischneidiges Schwert. Die Verteidigung der Basis bestand aus automatischen Raketenbatterien, T72-Panzern sovietischer Bauart sowie Infanterie und RK-72 Savages. Nicht den neuesten Modellen der sovietischen Arm Slaves, aber auch nicht den Ältesten.
„Wir rechnen in etwa einer Woche mit ihnen“, setzte Vogel seinen Bericht fort. „Deshalb schicken meine Auftraggeber einen Venom rüber, der uns bei der Verteidigung helfen wird. Keine Angst, wir rechnen nur mit vier, maximal sechs Gernsback. Das ist nichts, was wir nicht schaffen können.“
Hausen dachte da anders, sagte aber nichts. Genauso gut konnte die Toybox auch einfach ein paar Cruise Missiles schicken und das Gelände großflächig bombardieren. Zwar waren die meisten Anlagen unterirdisch angelegt, aber ein geschickter Treffer während einer Verladeaktion konnte erhebliche Verwüstungen anrichten.
„Zeitgleich werden unsere gemieteten Verbündeten die Toybox im Atlantik aufbringen und entweder zerstören oder entern. Ohne diesen Support sitzen die Arm Slaves sowieso auf dem Trockenen. Es ist an alles gedacht.“ Vogel lächelte gewinnend. In dem von Paranoia zerfressenen Gesicht des Asiaten wirkte es beängstigend.
„Keine Planung übersteht den Kontakt mit dem Feind“, schloss Hausen und ließ sich tiefer in die Wanne sinken.
„Wir haben an alles gedacht“, wiederholte Vogel. Deshalb wurde es aber nicht mehr glaubwürdig.

3.
„Und? Was hast du so gemacht, Sam?“
„Garantiert mehr als du, Tim. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass es einen Aufruhr in der Altstadt von Rhodos gegeben hätte“, spottete die Arm Slave-Pilotin. „Und auf jeden Fall war es spannender als das, was unser lieber Thomas der Heilige unter Freizeit versteht.“
„Verstehe. Du warst golfen“, neckte der Hubschrauberpilot die Kameradin.
Ein scharfes Achtung enthob sie einer Antwort. Die Offiziere und Mannschaften im Besprechungsraum sprangen auf. Der Skipper und Colonel Santos betraten den Raum, gefolgt von einer fremden Arm Slave-Pilotin und einer jungen – sehr jungen – Offizierin.
„Du, wer ist das denn?“, hauchte Sam und deutete auf das Mädchen mit dem langen Zopf.
„Nun, wenn die Abzeichen stimmen, dann ist das wahrscheinlich Tai-sa Theresa Testarossa, die Kapitänin der TUATHA DE DANNAN.“
„Kapitänin? Sie sieht so jung aus.“
„Sie ist auch jung“, raunte Timothy zurück. „Angeblich noch nicht einmal volljährig. Aber sie ist DAS Genie bei Mithril, habe ich gehört.“
„Was?“ Erschrocken war Samantha Rogers herum gefahren.
„Ruhe!“, zischte Kramer von vorne scharf.
Betreten senkte Rogers den Kopf.

„Ladies und Gentlemen, wir haben einen Auftrag.“
Stille folgte der Ankündigung des Skippers, wurde aber schnell ersetzt von Jubel. Endlich ging es für die FEANOR los. Endlich durften sie zeigen, dass sie ihren Sold nicht umsonst bekamen.
„Tai-sa Testarossa, bitte erweisen Sie uns die Ehre und leiten diese Besprechung.“
Die junge Frau nickte. Hinter ihr erwachte die Leinwand zum Leben. Satellitenaufnahmen und Schrägaufnahmen einer Drohne erschienen, wechselten einander ab und wurden von computeranimierten Bildern abgelöst. „Was Sie hier sehen ist der Hauptumschlagplatz für Waffen des Kingdom Sahara. Mithril vermutet, dass von hier aus zwei Drittel des Waffenhandels mit dem schwarzen Kontinent erfolgen. Vor allem mit Verbesserungspacks für M9 Gernsback, mit denen Savages aufgerüstet werden können.“
Ein erschrockenes Raunen ging durch den Saal.
„Kingdom Sahara ist schwach befestigt, das gilt aber nicht für die Verteidigung des Hauptumschlagplatzes. Wir rechnen mit automatischen Raketenbatterien, hoch gerüsteten Savages und T 72-Kampfpanzern. Eine bisherige Zählung ergab zehn Savages und etwa zwanzig Panzer. Dazu kommt eine Kompanie Infanterie.“
Tai-sa Testarossa sah in die Runde. „Wir werden diesen Waffenhandel unterbinden.“
Spontaner Applaus erklang. Das war Mithril. Dafür waren sie alle eingetreten. Nun, die meisten zumindest.

„Der Plan sieht wie folgt aus“, übernahm Kramer die Besprechung. „Wir werfen die acht M9 mit Langstreckentransportern vom Typ Airbus über der Basis ab. Danach vernichten wir alles, was sich uns entgegen stellt. Anschließend ziehen wir uns Richtung Ozean zurück. Wir müssen für den Rückweg knapp eintausend Kilometer zurücklegen, dies durch teils unwegsames Gelände, bevor uns das Hubschrauberteam der FEANOR aufnehmen kann. Zu diesem Zeitpunkt kreuzt die FEANOR bereits dicht vor der afrikanischen Küste und nimmt uns auf. Dies ist der Idealablauf der Operation.“
Hinter Thomas wechselten die Bilder und zeigten einen simulierten Schlag mit Harpoon-Raketen. „Sollte der Widerstand heftiger sein als wir erwartet haben oder sollten wir unsere Ziele nicht erreichen können, werden sich die M9 zurückziehen und der ranghöchste Offizier wird ausgewählte Ziele für einen Luftschlag markieren. Wir haben Befehl, dies auch zu tun falls die Situation es erfordert. Selbst wenn sich noch Piloten oder Arm Slaves in der zu beschießenden Region befinden.“
Wieder ging ein Raunen durch den Saal. Diesmal erschrocken.
„Und für den allergrößten Notfall stehen uns noch Lieutenant Valeri und seine Super Harriers zur Verfügung, die ab ungefähr eintausendzweihundert Kilometern vor der Küste unseren Rückzug decken können. Noch Fragen?“

Als sich niemand zu Wort meldete, nickte Tai-sa Testarossa und übernahm ihrerseits wieder. „Dies wird die Feuertaufe für die FEANOR. Nein, das ist falsch formuliert. Mit diesem Auftrag steht und fällt die Entscheidung, ob dieses Schiff und seine Crew einsatzbereit sind. Wir haben hier die Chance, einen erheblichen Teil des illegalen Waffenhandels in Afrika zu unterbinden. Aber vielleicht nur diese eine Chance. Wir müssen sie nutzen. Zeigen Sie mir und So-sho Mao Ihre Professionalität. Danke.“
Spontan wurde wieder applaudiert.
Johann Sander trat vor. Er musterte die Anwesenden. „Sie alle haben Tai-sa Testarossa gehört. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie dem Kommando Nordatlantik keine Schande machen. Die FEANOR bricht in zwei Stunden auf. Bis dahin werden die M9 entladen und auf das Flugfeld der Styx-Basis geschafft worden sein. Sie brechen zehn Stunden nach uns auf. Besprechung beendet.“
Geschäftige Hektik brach aus und kurz darauf leerte sich der Besprechungsraum bis auf fünf Leute.
Miguel Santos klopfte Kramer aufmunternd auf den Rücken. „Keine Sorge, Thomas. Wir werden die ganze Zeit einen Satelliten über euch parken und quasi live mitkriegen, was Ihr so anstellt. Wir können jederzeit eingreifen, wenn es sein muß.“
„Das beruhigt mich jetzt“, brummte der Arm Slave-Pilot amüsiert. „Ich denke, wir schaffen das schon.“
Verwundert registrierte er den sorgenvollen Seitenblick von So-sho Mao. Und übergangslos schlugen die Selbstzweifel wieder über ihm zusammen. Nur mit Mühe konnte er sie an den Rand seines Bewusstseins drängen. „Entschuldigen Sie mich, Colonel, Skipper, Tai-sa, So-sho, aber ich muß meinen Gernsback von Bord bringen.“

„Ich sage es nicht gerne“, erklang Maos Stimme, nachdem Kramer den Raum verlassen hatte, „aber ich habe das Gefühl, wir sehen ihn nicht wieder.“
Theresa Testarossa sah betreten zu Boden. „Ich habe auch ein schlechtes Gefühl bei dem Einsatz.“
Johann Sander räusperte sich. „Nun, meine Damen, ich denke, die nächsten beiden Tage werden Sie von zwei Dingen überzeugen. Erstens von der Einsatzbereitschaft von Schiff und Crew. Und zweitens von Thomas Kramer. Ich habe vollstes Vertrauen zu ihm. Er wurde von mir persönlich für dieses Kommando ausgesucht.“
„Und?“, hakte Mao nach. „Vertrauen Sie Ihrer Entscheidung?“
Ein spöttischer Zug spielte um Sanders Lippen. „Ich stehe zu jeder meiner Entscheidungen, So-sho.“
**
Das Airbustransporter-Pärchen war von Styx gestartet, an Bord befanden sich jeweils vier Arm Slaves. Der Flug würde fünf Stunden dauern, dann begann der Abwurf.
Sie würden getarnt abspringen, sofern nicht gerade ein Sandsturm über diesem Teil der Sahara tobte, und unangreifbar sein solange sie nicht kämpften. Aber Tai-sa Testarossa hatte nicht ohne Grund darauf hingewiesen, dass einer der mit der Partikeltarnung ausgerüsteten Hubschrauber geortet und abgeschossen worden war. Wenn die geheimnisvolle Terrororganisation Amalgam auch hier ihre Hände im Spiel hatte, war ihre Tarnung vielleicht nicht so wertvoll, wie er hoffte.
Thomas streckte sich aus und versuchte ein wenig Schlaf zu finden. Ein Kunststück bei dem Fluglärm. Militärische Maschinen waren grundsätzlich aus Kostengründen nicht schallisoliert, somit drang der Krach der Turbinen ungedämmt bis zu ihm und den anderen drei Piloten durch. Thomas hatte sich schon Oropax in die Ohren gestopft. Aber das half nicht wirklich viel.
Eigentlich wäre es seine Pflicht gewesen zu schlafen, jede Minute der fünf Stunden zu nutzen, um im entscheidenden Moment fit zu sein, aber abgesehen vom Höllenlärm der Turbinen gab es auch noch eine Menge Krach in seinem Innern, der ihn ablenkte. Der letzte Blick von Melissa Mao, den sie ihm zugeworfen hatte gab ihm zu kauen, kurz bevor die FEANOR ausgelaufen war.
„Beruhige dich, Junge. Sieh es mal nicht als Prophezeiung für die Zukunft. Sieh es lieber als das besorgte Interesse einer schönen Frau.“
„Welche schöne Frau, Captain?“, fragte Corporal Jasmin Smith nach, die einzige Frau in seinem Vierertrupp.
Scheiße, hatte er etwa laut gesprochen? „Geht Sie nichts an“, brummte er kurz angebunden.
Leider hatte er damit Öl ins Feuer gegossen, denn die braunhaarige Arm Slave-Pilotin sah sich nun mit glänzenden Augen zu ihren Kameraden um. „Hey, der Alte ist verknallt!“
Yussuf Ben Brahim, ihr Flügelleader, rutschte erschrocken von seinem Sitz. „Was, bitte?“
Sergeant Cyrus Doherty, sein eigener Flügelmann, starrte ihn mit offenem Entsetzen an. „Ihr lieben Götter, bitte lasst es nicht Sam Rogers sein. Bitte, bitte, Thomas, versprich mir, dass es nicht Sam Rogers ist!“
„Es ist NICHT Sam Rogers!“, blaffte Thomas wütend und hätte sich am liebsten dafür selbst in den Arsch gebissen. Na toll, noch mehr Öl ins Feuer!
„Und ich bin NICHT verknallt“, fügte er halbherzig hinzu.
„Hm. Schade. Wenn es nicht Sam ist, wer kommt dann noch in Frage?“, begann Jasmin zu spekulieren und hatte in den anderen beiden Piloten willige Gehilfen.
„Wie wäre es mit Allister? Sie ist zwar reichlich unterkühlt, aber es gibt Männer, die stehen auf so eine Frau“, half Yussuf aus.
„Nein, ich denke da eher unsere Bordärztin. Immer, wenn der gute Thomas verletzt ist, braucht sie ziemlich lange, um ihn wieder zusammen zu flicken“, brummte Cyrus.
„Nein, nein, nein, ich schätze eher, es ist eine von unseren Gästen. Aber welche? Die liebliche Tai-sa Testarossa vielleicht?“
„S-seit wann stehe ich auf Kinder?“, rief Kramer entsetzt.
Jasmin winkte gönnerhaft ab. „Ach, diese acht oder neun Jahre Altersunterschied sind doch in Ordnung. Außerdem hat die liebe Tessa schon soviel erlebt, dass sie längst erwachsen ist. Und sie ist ja auch niedlich, oder?“
Thomas spürte wie er rot wurde und sah zur Seite.
„Hm, nein, wie wäre es mit So-sho Mao?“, warf Cyrus ein. „Sie ist gewalttätig, habe ich mir sagen lassen. Regelt Konflikte bei ihren Leuten gerne mit den Fäusten und so. Abgesehen davon dass sie bildhübsch ist – manche Männer stehen auf die dominante Art.“
Thomas faltete die Hände und begann zu beten.
„Betest du für Liebesglück, Chef?“, fragte Jasmin grinsend.
„Nein, für Raketenbeschuss. Dann hört Ihr vielleicht endlich auf!“
Die anderen Piloten lachten.
***
„Falke eins an alle Falken: Bereitschaftsmeldungen zu mir.“ „Falke zwo bereit.“ „Falke drei bereit.“ „Falke vier bereit.“ „Falke fünf bereit.“ „Falke sechs bereit.“ „Falke sieben bereit.“
„Falke acht bereit.“
„Bestätigt. Lademeister, lasst die Falken fliegen.“
„Bestätigt, Falke eins. Erreichen Zielgebiet in zehn… neun… acht…“
Unwillkürlich krampften Thomas Kramers Hände um die Steuerung seines Arm Slaves. Das war der Moment kurz bevor ein Einsatz begann. Kurz bevor geschossen wurde, bevor er entschied, wann er welche Waffe wie und wo einsetzte. Kurz bevor er sein eigenes Leben und das seiner Leute riskierte.
„Zwo… eins… Abwurf!“
Ein Ruck ging durch seinen Arm Slave, als die Airbus ihn abwarf. Auf einem Hilfsmonitor verfolgte er den gleichen Vorgang beim Schwesterflugzeug. Falke fünf alias Lieutenant Rogers wurde als Erste abgeworfen. Der Arm Slave verschwand von der optischen Erfassung, als sie die Tarnung aktivierte.
Danach kamen die anderen sechs Arm Slaves des Kommandos und absolvierten das gleiche Spiel.
Sie fielen bis auf etwa dreihundert Meter Tiefe, bevor die Computer die Gleitschirme auslösten. Zu diesem Zeitpunkt suchten die hochempfindlichen Kameras schon nach bereits identifizierten und neuen Zielen. Sein Arm Slave markierte auf Anhieb zehn Raketenstellungen, fünf Savages sowie drei T 72. Der Computer gab ihnen automatisch Codebezeichnungen und kommunizierte mit den Computern der anderen Einheiten. Danach erschienen weitere acht Savages auf dem Bildschirm, wurden elf weitere Raketenstellungen eingezeichnet.
Ein Alarmsignal erklang. Kramer wurde von aktiver Ortung getroffen. Also doch! Amalgam!
„Wir sind aufgeflogen, Falken. Angreifen nach Plan!“
Yussuf Ben Brahim, Falke drei, begann sofort mit dem Snipergewehr auf die Raketenstellungen zu feuern. In der Gruppe von Falke fünf war die sieben,  Sandra Ciavati, die Sniperin.
Mit präzisen Schüssen hatten sie bald die meisten Raketenstellungen ausradiert, bevor diese ihrerseits feuern konnten. Denn nur sie und die Savages konnten auf diese Bedrohung reagieren. Die T 72 hingegen konnten erst feuern, wenn sie im Neigungswinkel ihrer Bordwaffen auftauchten.
Nun war es auch an der Zeit für Kramer, sein Gewehr einzusetzen. Links und rechts von ihm zog das Waffenfeuer von zwei Savages vorbei, traf aber nicht. Er erwiderte den Gruß und zerschoss den ersten Savage auf Anhieb. Danach löste er den Fallschirm, fiel über fünf Meter zu Boden, brachte sich aus der Reichweite des zweiten Savage. Die Modelle benutzten Gewehre für den Gernsback, konnten ihm also gefährlich werden.
Allerdings auch die veralteten Panzerfäuste, die von den Savages verschossen wurden. Über ihm explodierte eines dieser Dinger, ungefähr an der Stelle, wo er sich noch befunden hätte, wenn er die Knie seines M9 nicht einem harschen Belastungstest unterzogen hätte. Die Tarnung flackerte unter dem aufgewirbelten Staub und der Arm Slave-Pilot deaktivierte sie ganz.  
Thomas wirbelte herum, feuerte seine Waffe erneut ab, durchlöcherte den Savage. Zum Glück waren die Waffen, aber nicht die Panzerung hochgerüstet.
Ein Bodenfahrzeug, einem amerikanischen Humvee ähnlich, fuhr ausgerechnet neben ihm in Stellung. Es richtete zwei Raketen auf Ben Brahim aus.
Die am Kopf seines Gernsback montierten MGs bellten mehrfach auf, perforierten Fahrzeug und Raketen. Kurz darauf verging der Gegner in einer Explosion.
„Die großen Jungs sollte man eben nicht ignorieren“, raunte er wütend und rief sich einen Bericht über die Lage auf. Keiner seiner Arm Slaves war ernsthaft beschädigt. Im Gegenzug hatten sie aber schon fünf Savages, fünfzehn Raketenstellungen und acht Panzer ausgeschaltet. Zudem führte Falke fünf ihren Trupp schon zu den Lagerhallen, um dem Waffenhandel ein effektives Ende zu setzen. Das machte Thomas stutzig. So leicht konnten die Waffenhändler es den Söldnern von Mithril doch nicht machen. Oder doch?

„Vorsicht!“, gellte ein scharfer Ruf über die Funkleitung auf. Obwohl das Codewort Falke eins nicht fiel, wusste Thomas mit sicherem Instinkt, den man nur über Jahre harten Trainings erwerben konnte, dass er gemeint war. Er warf seinen Arm Slave herum und entging damit einem Messerangriff eines Savage.
Die gedrungen wirkende, an einen altertümlichen Taucheranzug erinnernde Gestalt verfehlte ihr Ziel, glitt an seinem M9 vorbei und stolperte ein paar unsichere Schritte.
Thomas Kramer grinste schief, zog sein eigenes Kampfmesser und rammte es dem hilflosen Arm Slave in den Rücken. Aus der Bresche schlagende Funken verkündeten vom Ende des Gegners.
„Danke, Falke fünf“, sagte Thomas erleichtert.
„Jederzeit wieder, Heiliger.“
Er grinste freudlos. Nur weil er nicht so viel von Partys, Kneipen und Saufen hielt, war er doch noch kein Heiliger. Wie Sam da nur immer drauf kam, war ihm rätselhaft.
„Falke eins an alle Falken. Zwischenbericht.“
„Falke zwei, Gefechtsziele erreicht. Arbeite mich auf die unterirdische Lagerhalle zu.“
„Falke drei, bekämpfe Savage.“
„Falke vier, vernichte gerade die letzte zugewiesene Raketenstellung.“
„Falke fünf, verwüste gerade unterirdische Lagerhalle.“
„Falke sechs unterstützt Falke fünf.“
„Falke sieben unterstützt Falke fünf.“
„Falke acht, im Clinch mit zwei T 72.“ Eine Explosion erklang. „Korrigiere, mit einem T 72.“
„Nicht übermütig werden, Falken. Wir sind hier draußen ohne Unterstützung. Wenn etwas schief läuft, kann es uns allen das Leben kosten.“
„Was sollte hier denn noch schief laufen?“, beschwerte sich Sam Rogers. „Wir haben fast alle Gegner ausgeschaltet und die Gefechtsziele erreicht. In drei Minuten sind wir hier raus.“
Thomas wollte etwas darauf erwidern. Die Erfahrung zeigte nur zu oft, dass unbegründete Selbstsicherheiten zu Fehlern führten, die ansonsten vermieden worden wären. Und diese Fehler summierten sich, führten zu Ausfällen und letztendlich zu Verlusten.
„Trotzdem die Augen offen halten, Falken. Dass mir niemand in ein Minenfeld stolpert. Falke zwei, passe  auf den Himmel auf. Ich habe keine Lust, plötzlich mit MiG spielen zu müssen.“
„Verstanden, Falke eins. Und da habe ich auch schon was. In achthundert Metern Höhe passiert uns eine Transportmaschine, eine deutsche TransAll.“
„Aktivitäten?“ „Keine erkennbar. Ich würde mir auch keine Sorgen machen. Seit die Luftwaffe die neuen Airbustransporter bekommen hat, wurden die alten Transporter für nen Appel und ein Ei in die halbe Welt verscheuert.“ Dohertys Worte sollten ihn beruhigen, aber stattdessen meldete sich ein sehr negatives Grummeln in seinem Magen.

Thomas führte seinen aktuellen Angriff fort, vernichtete eine Raketenstellung und überzeugte anschließend mit Hilfe der beiden Schnellfeuerkanonen am Kopf einen Zug Infanterie davon, nicht in den Kampf einzugreifen. Es war eher Zufall, dass er gerade in dem Augenblick in Richtung eines aufflackernden Großbrandes sah, als eine riesenhafte Gestalt die Flammen und den Rauch durchbrach.
Hastig spulte er die automatische Aufzeichnung des Arm Slave zurück und ließ sie verlangsamt ablaufen. Für einen Moment fühlte er sich, als würde eine eiskalte Hand nach seinem Herzen greifen. „ABBRUCH! ABBRUCH! SAMMELN AUF NAV OSCAR!“
„Falke zwei bestätigt!“ „Falke drei und vier bestätigt.“ „Falke fünf und sechs bestätigt. Was ist passiert, Falke eins?“
„Falke sieben und acht bestätigt.“
„Neuer Spieler auf dem Platz, ich wiederhole, neuer Spieler auf dem Platz! Wir ziehen uns sofort zurück! Aktiviert die Tarnung und dann Laufschritt hier raus!“
Thomas checkte seine Anzeigen und sah dass sein Flügelmann bereits die Partikeltarnung aktiviert hatte. Für die normale Optik verschwand er spurlos.
Thomas bewegte seinen M9 rückwärts, die Waffe im Anschlag.
„Du sollst mich nicht sichern, Falke zwei! Schließ zu Falke fünf auf und verschwinde mit den anderen!“, blaffte er seinen Flügelmann an.
Zögernd gab der M9-Pilot seine Feuerschutzstellung auf und lief zu den anderen sechs Arm Slaves, die sich bei einem brennenden Depot sammelten.
„Falke eins, wer ist der neue Spieler? Müssen wir wirklich vor dem kuschen?“
„Der Befehl wird nicht diskutiert!“, blaffte Thomas. „Sobald die Schäfchen alle beisammen sind, verschwinden Sie, Falke fünf! Ich folge nach, sichere aber nach hinten!“
„Nur die Ruhe, wir setzen uns bereits langsam ab, damit Falke zwei aufholen kann. Ich kann aber nichts orten.“
„Der neue Spieler verfügt über die Tarnung!“, sagte Thomas ungewöhnlich scharf. Er starrte auf den Hilfsmonitor, auf dem eine Momentaufnahme eingefroren war. Die Asche des Feuers hatte die Tarnung des neuen Spielers aufgehoben und ihn partiell sichtbar werden lassen. Der Arm Slave war nur wenig kleiner als die Gernsbacks, jedoch noch schlanker, graziler. Sein Hauptaugenmerk aber war der mehrere Meter lange Zopf, den der Arm Slave am Hinterkopf trug. Wie Thomas wusste, eine besondere Vorrichtung für Ortungsaufgaben und ein paar Feinheiten, die noch nicht vollkommen erfasst waren. Wahrscheinlich war er auch Teil der Vorrichtung zur Aktivierung eines Lambda Drivers.
„Der neue Spieler ist höchstwahrscheinlich ein Venom“, nannte Thomas die Codebezeichnung des brandgefährlichen Arm Slaves, „und verfügt über einen Lambda Driver! Damit ist er uns haushoch überlegen.“
„Lambda Driver und Tarnung? Wir sitzen in der Tinte!“
„Funkdisziplin, Falke sieben! Okay, Falke eins, du glaubst doch nicht, dass wir dich mit so einem Monster alleine lassen? Wir geben dir Feuerschutz!“
„Habt Ihr es denn noch immer nicht kapiert? Ihr könnt ihn nicht beschädigen! Ihr seid nur Kanonenfutter für solch eine Bestie!“
„Und was macht dich zu einem besseren Kanonenfutter?“, blaffte Sam Rogers zurück.
In diesem Moment gab Thomas seine Position auf, sprintete zur Gruppe der anderen Arm Slaves, als er meinte lange genug die Aufmerksamkeit des getarnten Gegners auf sich gezogen zu haben.
Wie sehr er sich irrte erkannte er, als sich der Venom hinter Falke zwei enttarnte und mit seiner Armwaffe einen Schuss  durch dessen Eingeweide jagte.
„ARH!“
„CYRUS! Verdammt, der Venom ist hier!“
Versagt, hämmerte es hinter seiner Stirn. Anstatt den Venom auf sich zu ziehen hatte er dem Gegner erlaubt, sich seinen Leuten zu nähern.
„Du Arsch!“, blaffte Sam Rogers, hob ihr Gewehr und gab einen gezielten Schuss ab.
„NICHT!“ Fassungslos sah Thomas dabei zu, wie die Kugel des riesigen Arm Slave-Gewehrs in der Luft gestoppt wurde, als wäre die Zeit eingefroren worden. Rund um die Kugel begann sich die Luft zu verfärben, Wellen zu werfen. Und dann… Dann jagte die Kugel mit einem Vielfachen ihrer Geschwindigkeit zurück zu Sam.
Der Arm Slave verschwand in einer Eruption aus Staub und Licht.
„SAM!“, brüllte jemand. Thomas konnte nicht erkennen wer es gewesen war, vielleicht sogar er selbst.
Automatisch feuerte er eine Serie von fünf Schuss ab, alle wurden auf die gleiche Art gestoppt wie die Schüsse von Rogers. Aber Thomas hielt seinen Arm Slave in Bewegung, führte ihn schräg am Venom vorbei. Dadurch wurde er von den reflektierten Kugeln nicht getroffen.

„Sieh an, sieh an. War doch ne gute Idee, dass ich heute schon hergekommen bin“, erklang eine kalte Stimme über Funk. „Sonst wäre mir ja glatt die Party hier durch die Lappen gegangen.“
Der Venom wandte sich Thomas zu, was dieser zufrieden zur Kenntnis nahm. Zwei seiner Arm Slaves waren ausgefallen, er wusste nicht wie es um die Piloten stand. Seine oberste Pflicht war es nun, den anderen zu ermöglichen, nach Navigationspunkt Oscar zu entkommen.
Selbst wenn er dafür starb, Mithril bezahlte ihn dafür.
Thomas fühlte sich vom Venom fixiert. Er hielt den Gernsback an, zog das Kampfmesser vom Rücken. Dabei dachte er fieberhaft nach.
„Falke eins, hier Falke drei. Ich habe Falke fünf aus dem Cockpit geholt. Sie ist bewusstlos und wahrscheinlich verletzt.“
„Sofort zurückziehen.“
„Was ist mit Falke zwei?“
Thomas betrachtete den zerfetzten Trümmerhaufen, der einmal Cyrus gehört hatte. Unmöglich, dass jemand daraus entkommen war. „Sie haben Ihre Befehle, Sergeant!“
Nun geht endlich, geht!, hämmerte es in seinen Gedanken.
„Interessant. Willst du spielen?“, erklang wieder die Stimme des Venom-Piloten. Er zog sein eigenes Kampfmesser und wog es nachdenklich. Dann ging der Venom auf Thomas zu. „Warum nicht?“
Seine Leute setzten sich endlich ab. In der linken Hand von Falke drei, Yussuf Ben Brahims Arm Slave, lag die bewusstlose Amerikanerin.
„Viel Glück“, knurrte Thomas. Vor seinen Leuten lag ein weiter Weg über tausend Kilometer bis zum Pickup-Point über Geröll, durch Sandwüste und ohne Vorräte, was über die Notausrüstung hinausging. Wenn sie verfolgt wurden konnte diese Strecke schnell unendlich werden.
Der Venom rückte vor, griff frontal mit seinem Messer an. Thomas blockte und registrierte erleichtert, dass der Lambda Driver im Moment nicht aktiv war. Das war wohl auch der einzige Grund dafür, dass er noch stand. Beziehungsweise sein Arm Slave noch existierte.
Ein Lambda Driver wurde durch die Emotionen des Piloten gesteuert. Die Emotionen und der Wille. Wenn der Wille stark genug war, konnte nichts und niemand einen Lambda Driver überwinden. Wenn der Hass oder die Wut groß genug war, konnte eine Kugel, die mit Hilfe eines Lambda Drivers aufgeladen und abgeschossen wurde, so gut wie alles vernichten.
Thomas gab dem Druck des Venom nach, ließ ihn an sich vorbei laufen und wandte sich um, rannte zu einer brennenden Lagerhalle.
Der Venom fing sich, verfolgte ihn. „Oi, Kleiner. Du machst es aber spannend. Ins Feuer willst du, damit meine Tarnung nicht funktioniert? Wer hat dir denn erzählt dass ich für dich die Tarnung brauche?“
Thomas steuerte den M9 direkt in die Flammenhölle hinein. Es wurde Munition gelagert. Stellenweise ging sie bereits hoch und entzündete weitere Kisten. Ein ungeschützter Mensch wäre hier regelrecht zersiebt worden.
Der Venom folgte ihm ohne zu zögern.

In der Mitte der Halle stellte sich Thomas erneut mit dem Kampfmesser. Der Venom nahm an und einen Augenblick später musste sich der Deutsche wieder in seinen Block stemmen, damit er nicht zusammen fiel.
„Langweilig. Hast du nichts Besseres zu bieten?“, fragte der Venom-Pilot.
Thomas sah den langen Schweif aufleuchten. Sein Gegner wollte den Lambda Driver einsetzen. Er grinste kalt. „Eins vielleicht.“
Er brachte den linken Arm hoch, in dem er die Hauptwaffe gehalten hatte. Dann richtete er sie auf den Boden und feuerte mehrere volle Salven ab.
Als der Boden unter ihnen merklich nachgab, sprang Thomas mit seinem Gernsback zurück. Der Venom brach durch den Boden in den darunter liegenden getarnten Schacht zum unteren Teil des Lagerhauses.
Dann jagte er eine weitere Salve in die brennenden Munitionskisten, woraufhin auch die Kisten, die noch nicht brannten, explodierten.
Bevor er durch die Rückwand brach, feuerte er eine letzte Salve in die Decke. Das malträtierte Stahlgebilde gab knirschend nach und krachte schließlich in sich zusammen, während die Munition explodierte.

Er warf den Gernsback herum, lief auf die Position zu, an der Falke zwei lag.
Aber auf den ersten Blick erkannte er, dass seine Einschätzung richtig gewesen war. Er konnte Cyrus nicht mehr helfen. Also vernichtete er die Überreste des zerstörten Gernsback mit einer gezielten Salve. Ebenso verfuhr er mit den traurigen Resten von Samanthas M9.
Thomas wusste nicht, wie lange er den Venom gestoppt hatte, deshalb musste alles Weitere nun schnell gehen. Die voll modellierten Hände seines M9 durchbrachen die Wand einer weiteren Halle. „Jackpot“, knurrte er grimmig, als die Kisten mit Rotkreuz-Aufdruck in Sicht kamen. Daneben lagerten fertig gepackte Ausrüstungen. Und schließlich und endlich stieß er auch noch auf Notrationen. Mit vier der Kisten in den Händen des M9 aktivierte er seine eigene Tarnung und setzte sich ab.
„Verdammt, der Skipper reißt mir den Kopf ab“, fluchte er unbeherrscht und dankte der Wüste dafür, dass sie die tolle Eigenschaft hatte, dass es in ihr so selten regnete. Regen konnte seine Tarnung aufheben.

4.
„Skipper!“ Miguel Santos stürmte auf die Brücke der FEANOR. In seiner Hand hielt er einen Packen Ausdrucke. „Die Satellitenbilder sind da!“
Die Köpfe der Anwesenden ruckten herum. Und erst jetzt schien Colonel Santos zu bemerken, dass nicht nur das reguläre Personal anwesend war.
„Oh, Tai-sa Testarossa. So-sho Mao.“
Johann Sander hielt fordernd die Hand auf. „Bringen Sie gute Nachrichten, Colonel?“
„Ich bringe gute und schlechte. Die gute zuerst. Offenbar wurden neunzig Prozent der Gefechtsziele erreicht.“
„Na, das ist ja immerhin was“, brummte der Skipper und besah sich die Bilder.
„Die schlechte ist, dass ein Arm Slave vom Typ Venom während der Operation über dem Gelände abgeworfen wurde. Wir… Wir haben zwei verifizierte Verluste. Des Weiteren wissen wir nichts über den Verbleib von Captain Kramer. Die Rauchentwicklung über dem Gelände war zu stark, um sie mit Radar, Optik oder Infrarot zu durchdringen.“
„Ein Venom?“ Tai-sa Testarossa sah die beiden Männer erschrocken an.
„Und dann nur zwei, maximal drei Verluste? Kramer muß seine Hausaufgaben gemacht haben“, stellte So-sho Mao fest. „Wenn ich daran denke, wie oft die Arm Slaves mit Lambda Driver mit uns normalen Piloten den Boden aufgewischt haben…“
Sander hob fragend eine Augenbraue.
„Ihr Mann hat anscheinend die richtigen Entscheidungen getroffen und seine Einheit raus gebracht, bevor der Venom ein wirkliches Gemetzel anrichten konnte. Außerdem wurde der Großteil der Anlage vernichtet“, erklärte Melissa Mao ihre Bemerkung.
Sander nickte bedächtig. „Position, Ms. Allister?“
„Wir passieren gerade Casablanca, Skipper.“
Sander erhob sich von seiner Position. „Ich nehme an, wir wissen nichts über den Verbleib des Venoms.“
Santos schüttelte bestimmt den Kopf.
„Also gehen wir davon aus, dass wir die restlichen Arm Slaves aus einer heißen Zone rausholen müssen.“ Er ging zur Front. „Karte, bitte.“
Auf dem Hauptschirm wechselte die Ansicht zu einer Karte von Westafrika. Die Position der Einsatzgruppe, die Grenzen von Kingdom Sahara sowie die anderen angrenzenden Staaten waren eingezeichnet, ebenso der bereits absolvierte Kurs sowie die noch abzufahrende Strecke für die FEANOR.
„Wie lange noch bis zu unserem Auftauchpunkt? Wie lange noch, bis wir die Hubschrauber bis zum Pickup schicken können?“
„Sir, achtzehn Stunden. Danach brauchen die Piloten je nach Wetterlage acht bis zehn Stunden bis zum Pickup.“
Johann Sander musterte die Karte angestrengt. „Wir haben den Punkt vor der Marokkanischen Küste deshalb ausgewählt, weil es die kürzeste Strecke für unsere Hubschrauber ist. Die Arm Slaves bewegen sich auch auf einer gedachten geraden Linie auf Fluchtkurs auf diese Position zu, sodass, falls sie langsamer sind, notfalls leicht gefunden werden können. Früher zu starten bedeutet nur Treibstoff zu verschwenden. Ms. Allister, wir beschleunigen.“
„Aye, Skipper. Ruder, volle Kraft voraus.“
„Aye, Aye, volle Kraft voraus.“
Sander warf Tai-sa Testarossa einen versteckten Blick zu. Wie nahm sie seine Entscheidung auf? Wertete sie sie als gut oder schlecht? Wertete sie den Einsatz als misslungen?
Sander fühlte sich unwohl dabei, dass ausgerechnet diese Frau ihn bewerten sollte. Dabei machte ihm weniger ihre Jugend zu schaffen als die Tatsache, dass sie die TUATHA DE DANNAN bereits seit über einem Jahr äußerst erfolgreich kommandierte. Abgesehen davon, dass sie die DANNAN-Klasse entwickelt und den Bau betreut hatte. Vor ihr fühlte er sich gläsern und seine Entscheidungen auf dem Seziertisch.
Er seufzte schwer. „Sie haben die Brücke, Ms. Allister. Lieutenant Colonel Santos, wir sollten über die Ausweichpläne sprechen, am besten beim Abendessen. Tai-sa, So-sho, wollen Sie uns Gesellschaft leisten?“
Achtzehn Stunden, durch die Beschleunigung holten sie maximal eine Stunde auf. Bis dahin musste das Einsatzteam auf sich gestellt überleben. Dieser Gedanke gefiel ihm noch weniger als die Erkenntnis, dass er gerade mindestens zwei Arm Slaves, womöglich mitsamt Piloten verloren hatte.
**
Der Schmerzensschrei von Samantha Rogers ging Thomas durch Mark und Bein. Sandra Ciavati, Falke sieben, sah ihn mit tiefer Verzweiflung an, während sie die Arme der Frau festhielt. Ken Ibuti fixierte die Beine, soweit das bei der um sich schlagenden, halb bewusstlosen Frau möglich war.
Währenddessen zog Ben Brahim eine Spritze mit Beruhigungsmittel auf. Er musste es intramuskulär verabreichen, weshalb es nur langsam wirkte.
Als die Frau aufhörte zu strampeln, sanken die Kameraden erschöpft zu Boden.
Seit dem Angriff im Licht der Morgendämmerung waren bereits zehn Stunden vergangen. Zehn Stunden, in denen sie soviel Distanz wie möglich zwischen sich und den Umschlagplatz von Kingdom Sahara gebracht hatten. Es war ein Wunder, dass Sam so lange durchgehalten hatte und nur natürlich, dass sie nun vor Schmerzen halb wahnsinnig war. Für einen kurzen Moment dankte Thomas Gott, dass sie nicht verfolgt wurden. Das erlaubte ihnen endlich, die Verletzte zu versorgen. Noch nicht verfolgt, fügte ein zynischer Gedanke in seinem Kopf hinzu. Der Venom war von dem Sturz in die unterirdische Lagerhalle gebremst aber sicher nicht gestoppt worden. Und wenn er die Fährte wieder aufnahm, wenn er die fünf M9 fand…

„Wie geht es ihr?“, erklang Jennifer Carthys Stimme über die Außenlautsprecher ihres M9 auf. Die Sorge um ihre Flügelleaderin ließ sie schrill klingen.
Zusammen mit Jasmin Smith bewachten sie den provisorischen Lagerplatz der Truppe, inmitten einer kleinen Geröllwüste, durch die der eiskalte Wind pfiff.
„Sie hat Verbrennungen“, stellte Thomas erschöpft fest. „Das linke Bein hat es übel erwischt. Außerdem ist es gebrochen. Dazu ein paar Rippen, soweit ich das feststellen konnte. Außerdem scheint sie innere Verletzungen zu haben. Aber auf jeden Fall hat sie sich richtig kräftig den Kopf angeschlagen. Erbrechen, Schwindel und Orientierungslosigkeit lassen auf eine deftige Gehirnerschütterung schließen.“
„Gehirnerschütterung?“
„Das Gehirn liegt nicht fest im Schädel“, erklärte Thomas ernst. „Es schwimmt quasi im Schädel und hat zu allen Seiten ein wenig Spiel. Wenn nun etwas Hartes den Schädel trifft, dann ditscht es gegen die Innenseite des Schädels. Vorne, hinten, vorne, hinten… Gewebe hat dabei die Angewohnheit, gestaucht zu werden. Im Falle des Gehirns füllt Flüssigkeit die Stauchungen an, es kommt zu Schwellungen. Schwellungen, die auf Nerven und dergleichen drücken. Die Motorik ist beeinträchtigt, das normale denken, manchmal sogar die Fähigkeit, seine Umgebung wahrzunehmen. Wir können froh sein, dass sie sich nicht den Schädel gebrochen hat. Die Schädelbasis könnte gebrochen sein, aber das können wir nicht feststellen. Das merken wir frühestens, wenn sie Fieber kriegt.“
„Schädelbasis? Ihr Kopf ist grün und blau, aber intakt“, sagte Ben Brahim ernst.
„Die Schädelbasis verläuft etwa hier, über dem Genick auf der Innenseite des Kopfes. Eine dünne Knochenplatte, die das Gehirn vom Rest des Körpers trennt. Ironischerweise schützt diese Platte das Gehirn vor vielfältigen Infektionen. Ist die Schädelbasis gebrochen, können eigentlich harmlose Keime im Körper bis zum Gehirn vordringen und… Ach Scheiße, es wäre ein Wunder wenn sie bei den Verbrennungen keine Infektion kriegen würde.“
„Was machen wir denn jetzt?“ Ciavati sah Thomas aus erschrockenen Augen an. „So ist sie doch nicht transportfähig.“
„Wir müssen sie aber transportieren. Zum Glück hat sie kein Blut verloren. Wenn wir sie stabilisieren und vor Wärmeverlust schützen, sie einwickeln und in eine Arm Slave-Hand legen, müssten wir sie transportieren können.“
„Aber was ist wenn sie das nicht überlebt?“
„Die Alternative wäre sie dem Kingdom Sahara zu überlassen oder ihr den Gnadenschuss zu geben!“, blaffte Thomas ernst. „Wollen Sie das, Sarge?“
Die junge Frau zuckte erschrocken zusammen. „N-nein, Sir.“
Thomas Kramer nickte müde. „Wir machen es wie folgt. Erst einmal versorgen wir Sams Wunden, so gut es geht. Dann essen wir und schlafen ein paar Stunden bis zum Einbruch der Nacht. Dann setzen wir uns auf der Fluchtroute zum Pickup-Punkt ab.
Ich übernehme die erste Wache.“
Thomas griff zu seinem Kampfmesser und schnitt den Pilotenanzug von Sam Rogers am verbrannten linken Bein auf. „Haben wir Brandsalbe und Verband in den Kisten?“
„Wir haben alles in den Kisten.“ Ben Brahim grinste schief. „Das einzige gute an der Situation. Die Sachen, die du geklaut hast, reichen aus um eine Kompanie zu verarzten.“
„Gut.“ Thomas schnitt das Bein frei und versuchte ein Stück Kleidung vom Bein zu lösen. Es ging schwer, riss aber die Haut nicht mit ab. Darunter war die Haut knallrot und sehr feucht.
Zuerst legte er großzügig Salbe auf, danach umwickelte er das Bein mit dem Verband. „Hätte ich beim letzten Erste Hilfe-Kurs nur besser aufgepasst“, murmelte er leise.
**
Hausen betrachtete die Verlustrechnung. Kalte Wut stieg in ihm auf. Als er aufsah, fixierte er Vicomte Vogel mit einem eiskalten Blick. „Neunzig Prozent der Arm Slaves vernichtet, der Rest schwer angeschlagen oder nahezu schrottreif. Siebzehn Piloten tot, fünf schwer verletzt. Alle zwanzig T 72 zerstört, dazu sämtliche Raketenstellungen. Verluste bei der Infanterie erfreuliche siebzehn Prozent, aber das auch nur weil sie nicht direkt zwischen die Fronten geraten sind.
Achtzig Prozent der Waren vernichtet, Landefeld zwei, drei und fünf bis auf Weiteres nicht benutzbar.“ Robert Hausen warf dem Adligen die Papiere zu. Vor dem kleinen Halbfranzosen fächerten sie auseinander, trafen ihn und gingen dort zu Boden.
„Beruhigen Sie sich, Mr. Hausen“, sagte Vogel lächelnd. „Ich sehe ja, dass Kingdom Sahara einen herben Schlag erlitten hat. Alleine die zerstörten Waren und Waffen hatten einen Wert von dreihundert Millionen Dollar. Dazu kommen die Konventionalstrafen für das Nichteinhalten der Lieferverträge mit noch einmal vierzig Millionen Dollar. Aber ich verspreche Ihnen, in zwei Monaten läuft der Laden hier wieder.“
„Von welchem Geld?“, blaffte Hausen gereizt. „Von welchem Geld, hä? Was wir bisher als Gewinn erwirtschaftet haben, reicht gerade aus, um allen Vertragspartnern die schriftlich festgelegten Abfindungen zu zahlen! Selbst wenn ich auf meine zwei Millionen verzichte, ist nicht genügend Geld da, um neue Waffen einzukaufen. Oder liefern Sie auf Kredit, Vicomte Vogel?“
Das Lächeln des Asiaten erstarb. „Nein, das tun wir nicht.“
Hausen grunzte wütend. „Ich denke, ich sollte mich mit General Feysal besprechen.“
Vogel schoss vor und legte eine Hand auf das Telefon, bevor der Waffenhändler es benutzen konnte. „Sie scheinen zu vergessen, warum wir diese Operation aufgezogen haben.“
„Und Sie scheinen zu vergessen, warum ich zugestimmt habe hier mitzumachen!“, blaffte Hausen wütend. „Ihre Toybox ist mir egal! Entern Sie das Superunterseeboot doch, nur lassen Sie meine Geschäfte dafür nicht bluten! Geschweige denn von meinem Leuten!“
„Die Toybox Nordatlantik“, begann Vogel dozierend wie ein Lehrer, „hat einen Wert von vier Milliarden Dollar. Wenn wir dieses Schiff entern und in unsere Hand bringen können, werden wir Kingdom Sahara großzügig abfinden. Sehr großzügig.“
„Sie bräuchten uns nicht abzufinden, wenn der da einen Tag früher aufgetaucht wäre!“, blaffte Hausen und deutete auf den schweigend in einer Ecke stehenden Arm Slave-Piloten.
Der Mann hatte den typischen Blick eines Verrückten, fand Hausen. Deshalb mochte er den Mann nicht. Er selbst umgab sich lieber mit Realisten.
„Seien Sie froh, dass ich heute schon eingetroffen bin, sonst hätten die acht Arm Slaves nicht achtzig sondern hundert Prozent der Anlage zerstört“, schloss der Venom-Pilot trocken und, wie Hausen fand, arrogant.
„Sehen Sie“, begann Vogel erneut in einschmeichelndem Tonfall, „wir haben zwar die meisten Waren und einen Großteil der Anlage verloren, aber das Arm Slave-Team der Toybox hat zwei Maschinen verloren. Es befindet sich auf der Flucht und hat vielleicht sogar Verletzte dabei. Sie müssen bis zur Küste zweitausend Kilometer zurücklegen, ein Umstand, der mit Verletzten unmöglich ist.
Zudem sind sie für einen Rückmarsch unter Gefechtsbedingungen nicht ausgerüstet gewesen. Sie haben nicht mit einem unserer Venoms gerechnet, sonst hätten sie den Arbalest eingesetzt, ihren einzigen Arm Slave, der über den Lambda Driver verfügt. Wir haben sie bei den Eiern, und wenn wir den Druck darauf etwas erhöhen, dann wird die Toybox das mitkriegen. Sie wird zum Rendezvous-Punkt eilen, wo bereits unsere Falle wartet. Dann kriegen wir die Toybox, Sie die Arm Slaves, und alle sind zufrieden.“
„Und wie wollen Sie den Druck auf die Eier der Arm Slave-Piloten von Mithril erhöhen?“
Der Venom-Pilot lachte. „Überlassen Sie das mir. Geben Sie mir drei, vier Ihrer Savages als Späher mit und ich radiere sie einen nach dem anderen aus. Ich lasse ihnen immer gerade genügend Hoffnung, dass sie mir entkommen können. Gerade genug, dass die Toybox glaubt ihnen noch zu Hilfe kommen zu können.“
Hausen dachte einen Augenblick darüber nach. Über die Situation, in der sich Kingdom Sahara befand, er selbst und natürlich Feysal und seine Leute. Nun, ob sie die Operation  jetzt oder Morgen auflösten und alle Beteiligten auszahlten, machte nun wirklich keinen Unterschied. Außerdem winkte immer noch die Chance, dass Vogel und seine Verbündeten tatsächlich Erfolg hatten und die Toybox kaperten.
Missmutig sah Hausen auf. „Probieren wir es. Wann wird Ihr Mann zur Jagd aufbrechen?“
Der groß gewachsene Venom-Pilot verschränkte die Finger ineinander und ließ die Knöchel knacken. „Ich warte, bis die Savages aufgerüstet sind. Das wird drei bis vier Stunden brauchen. Macht aber nichts, denn wir wissen ja auf welcher Route sie sich zurückziehen werden. Sie zu finden ist also nicht das Problem.“
„Einverstanden“, sagt Hausen ernst. Wie war noch mal die Nummer seines Schweizer Kontos?

5.
Es war etwas riskant, in Sichtweite der marokkanischen Föderation aufzutauchen. Die Nacht war nicht dunkel genug, um die FEANOR verschwinden zu lassen, solange der Mond am Himmel stand, aber Sander war nicht gewillt, auch nur noch eine einzige Stunde Verzögerung hinzunehmen, um seinen Leuten zu Hilfe zu kommen.
Der Plan war schlicht und einfach: Zuerst würde das Flugfeld der FEANOR geöffnet werden. Sechs Transporthubschrauber, flankiert von Kampfhubschraubern würden aufbrechen um die überlebenden Einheiten aufzunehmen. Sander hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, dass Kramer irgendwie überlebt hatte.
Sobald sie zwei Stunden unterwegs waren und in etwa achthundert Kilometer geschafft hatten, würden vier Super Harrier starten und hoffentlich zeitgleich mit den Hubschraubern am Rendezvous-Punkt eintreffen und ihnen Feuerschutz geben. Danach würden die Einheiten zurückkehren, auf der FEANOR landen. Anschließend würden sie das Landedeck schließen und in internationale Gewässer abtauchen. Übrig blieb dann nur noch der erfolgreiche Heimweg nach Styx.
Das war der Plan, wenn alles gut ging.
„Skipper, wir haben die Zielkoordinaten erreicht“, meldete Commander Allister.
„Gut. Wir tauchen auf. Gefechtsalarm für das Schiff.“
„Aye, wir tauchen auf, Gefechtsalarm für das Schiff.“
„Aye, wir tauchen auf“, kam es von Lieutenant Tarkin Agedi, dem Rudergänger.
„Aye, Gefechtsalarm für das Schiff“, wiederholte der Signalmaat den Befehl.
Während die FEANOR aufstieg und die Wasseroberfläche durchbrach, gellte der Alarm durch die Zellen des Unterseebootes und rief die Leute in ihre Verfügungen.
Besonders bei den Hubschrauberpiloten unter Lieutenant Scott würde es nun drunter und drüber gehen.
„Touchdown. Wir sind oben“, meldete das Ruder.
„Skipper, Touchdown.“
„Gut, Ms. Allister. Öffnen Sie jetzt das Flugdeck.“
„Aye, Flugdeck öffnen.“
Der Signalmaat bestätigte. „Aye. Flugdeck öffnen.“
Sander hatte es Dutzende Male gesehen, aber es war immer wieder ein erhebender Anblick, wenn im vorderen Drittel des Bootes die Außenhülle hoch klappte und das Landedeck mit den beiden Katapulten freigab. Die riesigen Segmente klappten zu den Seiten hoch und bildeten damit einen effektiven Flankenschutz. Kurz sah er zu Sho-sa Testarossa. Sogar daran hatte sie bei der Konstruktion gedacht. Eine bemerkenswerte Frau.
„Flugdeck ist offen.“ „Aye. Skipper, Flugdeck ist offen.“
„Gut. Mr. Santos, beginnen Sie mit der Operation.“
„Aye, Skipper. Lieutenant Colonel Santos hier, wir beginnen mit Operation Weißes Kaninchen.“
Über diesen Operationsnamen musste Sander kurz schmunzeln. Er war Santos´ Idee gewesen und angelehnt an eine Figur aus der Erzählung Alice im Wunderland. Ein weißes Kaninchen, dass die ganze Zeit jammerte: Ich komme zu spät, ich komme zu spät. Die Eindringlichkeit, mit der diese Operation ausgeführt werden musste, nachdem es laut der Satellitenaufnahmen bereits zwei Verluste gegeben hatte, sollte damit deutlich werden.
Auf den Anzeigen sah man, wie sich die Schotts der Lifte zum Hangardeck öffneten. Dies war der verwundbarste Moment für das Schiff. Offen gegen eindringendes Wasser, die Hubschrauber noch nicht auf den Hebeplattformen, das Flugdeck aufgeklappt. Wenn Sander ein Feind von Mithril wäre, würde er jetzt zuschlagen.

„Skipper, wir werden gepingt!“, rief Lieutenant Wilson vom Sonar aufgeregt.
„Aktives Sonar? Identifizieren!“, rief Allister.
„Es sind drei verschiedene Pings! Sie hämmern da draußen herum als gelte es einen Preis zu gewinnen! Wir sind beinahe eingekreist.
Wir kriegen Emissionen herein. Skipper, der eine Kontakt klingt nach der NOVOSIBIRSK! Da irre ich mich bestimmt nicht.“
„Die NOVOSIBIRSK wurde doch auf dem Weltmarkt verkauft“, meldete sich Tai-sa Testarossa zu Wort. Mithril selbst hatte versucht, das Dieselbetriebene Jagdunterseeboot der Kilo-Klasse zu erwerben, hatte aber keine Gelegenheit bekommen, ein Gebot abzugeben.
Sander warf der jungen Frau einen Seitenblick zu. Das hatte er nicht gewusst. Oder schon wieder vergessen. Deutlich spürte er eine Lücke zwischen sich und Testarossa klaffen. Dieses Mädchen war ein Genie. Er war es nicht.
„Wir werden offen angefunkt. Es ist die Küstenwache der marokkanischen Föderation.“ Erschrocken sah Second Lieutenant Sarah Steinfeld zum Skipper herüber. „Sie sagen, wir befinden uns illegal in ihrem Territorium und verlangen, dass wir eine Prisenmannschaft an Bord lassen! Es sind bereits Hubschrauber hierher unterwegs!“
„Die anderen beiden Kontakte sind Foxtrott“, meldete das Sonar.
Damit waren sie von drei Jagdunterseebooten eingeschlossen.
Bis sie das Flugdeck wieder geschlossen hatten, konnten die russischen Diesel ihre Torpedos abfeuern.  Beschädigt verbot sich das tauchen von selbst, je nachdem wie schwer die Schäden waren. Schlossen sie das Landedeck nicht, war dies gleichbedeutend mit einer Einladung, das Schiff zu entern. So oder so, Sander war zu zwei Dingen nicht bereit: Dieses Schiff aufzugeben und seine Arm Slave-Piloten in der Wüste alleine zu lassen.
„Tja, da sind wir wohl in eine hübsche Falle getappt“, schloss Sander ernst. Natürlich war es ein Leichtes gewesen, sich auszurechnen, an welcher Stelle die FEANOR auftauchen würde, um die Flugzeit für ihre Hubschrauber so weit wie möglich zu verkürzen. Und anscheinend hatte der Gegner die Marokkaner besser bezahlt als Mithril, sonst wären sie in deren Hoheitsgewässern sicher gewesen.
„Eindringlingsalarm. Hangardeck räumen. Allgemeine Bewaffnung“, sagte Sander ernst.
„Aye. Signalmaat, Eindringlingsalarm. Colonel Santos, lassen Sie den Hangar räumen. Wir teilen Waffen an die Besatzung aus.“
„Aye, Ma´am!“, gellte es Allister mehrfach entgegen.
Sander sah zu Theresa Testarossa herüber. „Ich bin offen für Vorschläge, Tai-sa.“
Theresa Testarossa senkte den Kopf. „Ich wusste, es war eine dumme Idee, ein zweites Schiff zu bauen.“
„Hören Sie“, fuhr Sander auf, „ich kapituliere nicht und ich gebe auch meine Leute nicht auf. Und erst Recht gebe ich die FEANOR nicht her. Aber wenn jemand weiß, was dieses Schiff leisten kann, wenn mir jemand sagen kann, wie sehr ich das Schiff ausreizen kann, dann die Frau, die dieses Schiff erdacht hat. Ich bin jederzeit bereit, von einem Besseren zu lernen.“
„Lernen?“ Theresa sah den Captain aus großen Augen an. „Eine Idee hätte ich schon…“
**
Aus der Not eine Tugend machen war ein sehr beliebter Wahlspruch bei Offizieren. Wie man das umzusetzen hatte, verrieten sie leider nicht.
Nun, Johann Sander war bereit aus seiner ganz eigenen Not eine Tugend zu machen, eingekreist von Dieselunterseebooten, mit offenem Hangardeck, Hubschraubern mit einer Kapermannschaft im Anflug und beim Versuch unterbrochen worden, seinen Leuten Hilfe zu schicken.
Der Gegner wollte die FEANOR, das war Sander bewusst, sonst hätten sie die Torpedos abgeschossen, kaum dass das Schiff in die Falle gerast war. So aber schickte der Feind Infanterie. Doch so leicht war ein Schiff von Mithril nicht zu erobern, und Überraschungen pflegten halt nur für den Überraschungsmoment von Vorteil zu sein.
„Ms. Allister, lassen Sie die Fahrstühle für das Hangardeck aktiviert. Wir wollen doch nicht, dass… unsere Gäste sich eigene Wege ins Innere suchen, oder?“
Das letzte was sie nun brauchen konnten waren aufgesprengte Schotts, was mit einer Schwächung der Hülle gleichzusetzen war.
„Aye, Skipper.“ Die Irin war nervös. Für ihre Verhältnisse bedeutete das schon eine mittlere Panik. Schweiß rann ihr von der Stirn, aber sie machte ihren Job.
Das alte Sprichwort, dass man Menschen dann am ehesten in ihre Seele blicken konnte, wenn sie unter enormen Druck standen, hatte wohl Recht. Und irgendwie war Sander dankbar für die Chance, seine Crew unter Belastung zu erleben. In ihre Seelen zu blicken. Sie zu erkennen, wie sie wirklich waren jenseits der Uniformen, der strengen Regeln im Militär.
„Der erste Hubschrauber ist auf dem Flugdeck gelandet“, meldete Commander Allister. „Ungefähr zwanzig Mann verlassen seine Ladefläche, bewaffnet mit halbautomatischen Schnellfeuergewehren und Pistolen. Des Weiteren trägt jeder einen Ausrüstungsrucksack mit sich. Panzerwesten sind nicht zu erkennen.
Der zweite von vier Hubschraubern landet gerade.“
„Verstanden. Lassen Sie die Infanterie auf das Hangardeck vordringen. Alarm deaktivieren. Nicht kämpfende Besatzungsmitglieder sollen sich einen festen Halt suchen.“
„Aye, Skipper. Alarm deaktivieren, nicht kämpfende Besatzungsmitglieder suchen sich einen festen Halt.“
Der Alarm verstummte, während der Signalmaat den Befehl gab, nach etwas stabilem, festen zu greifen.
Auf einem der Hilfsmonitore war zu sehen, wie die ersten Truppen über die Hebebühnen in den Hangar kamen. Sofort eröffneten sie das Feuer auf alles, was sich bewegte.
Sander grinste schief. Auf dem Notsitz hinter ihm hatte sich gerade Tai-sa Testarossa festgeschnallt. „Na, dann wollen wir Ihnen doch mal eine gute Vorstellung liefern, Theresa.“
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Die Nacht in der Wüste war kalt, lang und staubig. Während des anstrengenden Rückmarschs schweiften die Gedanken von Thomas Kramer immer wieder zu der verletzten Sam Rogers ab, die in Decken eingewickelt und betäubt, von Ciavati in der Hand ihres Arm Slaves transportiert wurde.
Solange die Giganten nur gingen war es nicht so schlimm. Aber Thomas fürchtete sich vor einer Kampfsituation, in der die Arm Slaves rennen oder sogar springen mussten. Was dann in Samanthas lädiertem Körper passieren würde, stellte er sich besser nicht vor.
Während er die Nachhut bildete und besonderes Augenmerk auf die Außenmikrophone richtete – ein Venom konnte unsichtbar werden, aber nicht lautlos – überlegte er sich, wo seine Fehler gelegen hatten. Okay, sie hatten fast die gesamte Anlage zerstört und nahezu alle Verteidiger eliminiert. Aber der Knackpunkt der Geschichte war der Venom gewesen. Dieser verdammte Teufels-Arm Slave mit dem Lambda Driver.
Waren hier Defizite? Hatte er seine Leute nicht gut genug über die Gefahr eines Lambda Driver aufgeklärt? Hatte er schlechte Anweisungen gegeben? Hätte er Cyrus mit den richtigen Befehlen retten können? Oder hätte er sich selbst opfern müssen? Aber hätte das seinen Leuten den Weg erkauft, oder nur etwas Zeit?
„Langsamer“, meldete sich Sergeant Ciavati zu Wort. „Wenn wir weiter so hetzen, dann macht es Sam nicht mehr lange. Außerdem müssen wir anhalten und die Verbände wechseln.“
Thomas erwachte aus seinen Gedanken. „Wenn wir uns nicht beeilen, dann machen wir es alle nicht mehr lange. Haben Sie das verstanden, Sarge?“
„Aber…“
„Kein aber, Ciavati. Sam ist eine Kameradin, Freundin und gute Vorgesetzte für Sie. Und genau deshalb würde sie nicht wollen, dass sich sechs gute Arm Slave-Piloten bei dem Versuch opfern, ihr Leben zu retten, nur um festzustellen, dass dann doch alle draufgehen.“
„Sir, was ich meine ist…“
„Ich tue für Sam was ich kann. Aber sie ist nicht mein einziger Soldat. Ihr alle seid mein Team. Euch muß ich nach Hause bringen. Und wenn ich Sam dafür hier zurücklassen muß, dann werde ich es tun.“
Ciavati suchte nach Worten. Ihr hektischer Atem, die stoßweise angefangenen Worte, die sie wieder abbrach, sprachen Bände. „K-können wir nicht wenigstens etwas langsamer?“
Der Bordcomputer gab Alarm. Er hatte einen Savage auf Verfolgungskurs entdeckt. Weit außerhalb der Reichweite seiner Möglichkeiten, die M9 zu orten, aber auf ziemlich eindeutiger Route. „Können wir nicht“, zischte er. „Wir kriegen Gesellschaft. Passt auf die Flanken auf und vor allem auf die Front. Ein Venom kann frontal angreifen. Mit einem Lambda Driver unter dem Arsch würde ich das auch tun.“
Was war die logische Option in diesem Fall? Mit einem überlegenen Feind irgendwo in der Nähe? Fliehen. „Herr, schick mir einen Lambda Driver“, hauchte Thomas.
**
Über elf Kameras verfolgte Captain Sander zusammen mit der Besatzung der Brücke, wie die Infanteristen aus den Hubschraubern das Hangardeck stürmten.
Sie erwartete provisorische Stellungen der Infanterie unter Sergej Karasov an den fünf Wegen tiefer in das U-Boot hinein.
Noch hatten die Infanteristen der FEANOR das Feuer nicht eröffnet; die Eindringlinge deckten sie schon mit Feuer ein, zwangen sie in Deckung.
„Siebzig sind jetzt drin, Skipper. Der Rest sichert das Flugdeck“, meldete Sharon Allister.
„Gut. Beginnen Sie mit der zweiten Phase der Operation Weißes Kaninchen.“
„Aye. Wir beginnen zweite Phase von Weißes Kaninchen. Colonel Santos?“
Der leicht übergewichtige Spanier nickte. Er ergriff ein Headset, rückte das Mikrofon zurecht und rief: „Ich komm zu spät! Ich komm zu spät!“
Seine Worte hallten durch das ganze Schiff. Das Ergebnis war sofort zu sehen.
Major Karasov brüllte Befehle und zog sich mit seinen Leuten in die Gänge zurück. Dies war der kritische Part der Operation. Wenn der Gegner zu schnell nachsetzte, hatten sie Ratten im Schiff. Ein paar würden es sicherlich schaffen und sich irgendwo festsetzen, aber bitte nicht zu viele. Ihre eigene Infanteriegruppe war nur vierzig Mann stark.
Dies war der Augenblick, in dem die Bordwaffen von Turmfalke eins, gesteuert von Lieutenant Timothy Scott, bellend zum Leben erwachten und Tod und Verderben spieen. Die Kugeln, zum Einsatz gegen gepanzerte Ziele gedacht, mähten durch die Reihen der Infanteristen. Der zweite Kampfhubschrauber, Turmfalke zwei, erwachte nun ebenfalls zum Leben.
Die überlebenden Eindringlinge spritzten durcheinander, suchten Deckung oder versuchten in die Gänge zu entkommen.
Scott, sein Begleiter und sechs der Transporthubschrauber ließen ihre Rotoren anlaufen. Nun kam es darauf an, schnell zu sein, präzise zu steuern und das Überraschungsmoment zu nutzen, das nur ein paar Sekunden anhalten würde.
Scotts Kampfhubschrauber hob als erster ab, stieg in der großen Halle ein wenig und steuerte dann zu der Öffnung in der Decke, durch die sie normalerweise der Aufzug brachte. Aber dafür war keine Zeit. Die beiden Kampfhubschrauber und die sechs Transporthelis mussten im Hangar manövrieren und durch die kleine Öffnung fliegen. Und das unter enormen Zeitdruck, ohne Rücksicht auf eigene Verluste.
Nun würde sich zeigen, wie gut seine Leute wirklich waren.

Turmfalke eins verließ als erster das Hangardeck. Sofort ging er auf sichernde Stellung, schoss auf den ersten feindlichen Hubschrauber, dessen Bewaffnung auf die Öffnung des Fahrstuhls zeigte, ließ ihn in Flammen aufgehen, bevor Pilot und Bordschütze reagieren konnten. Turmfalke zwei folgte nach, beschoss einen anderen Hubschrauber und die Infanterie, die nun wild durcheinander spritzte, während Turmfalke eins über das Flugdeck zog und in Richtung Bug flog. Dort warf er einen Torpedo ab, der sofort unter der Kontrolle der FEANOR war.
„Freundlicher Boogie ist im Wasser“, meldete das Sonar. „Freundlicher Boogie erfasst Kilo!  Kilo, Foxtrott eins und Foxtrott zwei fluten Torpedorohre!“
Sander warf nur einen kurzen Blick zur Seite, diesen kleinen Moment hatten Wanderfalke drei und vier genutzt, um sich den beiden Kollegen und den Kampfhubschraubern anzuschließen. Nummer fünf folgte problemlos, darauf die Nummer sechs.
Sander atmete auf. Sie hatten es alle geschafft. Trotz der neuen Situation. Trotz der kurzfristigen Vorbereitung. Trotz allem, was hatte schief gehen können.
„Hangardeck schließen“, sagte er ernst, während der letzte feindliche Hubschrauber in Flammen aufging.
„Aye. Hangardeck schließen!“
„Hangardeck schließen, Aye!“
„Sie haben sehr gute Piloten“, stellte Tai-sa Testarossa fest.
Sander merkte, dass dieses Lob gut tat, und das anscheinend nicht nur ihm.
„Nottauchen!“
„Aye, Skipper.“ Commander Allister lächelte dünn. „Nottauchen! Nottauchen!“
Alarm gellte durch das Schiff. Sander hoffte, dass sein Befehl ausgeführt worden war und jeder nun einen festen Halt hatte. Denn was nun folgte würde sie allesamt heftig durchschütteln. Dazu kam, dass die Schutzklappen des Landedecks noch immer ausgefahren waren. Abgesehen davon dass die Katapulte definitiv gewartet werden mussten erhöhten die beiden riesigen Paneele den Widerstand im Wasser und liefen sogar Gefahr, abgerissen zu werden, vor allem in höheren Wassertiefen, wo der Druck größer war und damit die Punktbelastung. „Es wird schon gehen“, murmelte er leise zu sich selbst. Tessa hatte es versprochen.
„Boogies im Wasser! Zwei von Kilo, zwei von Foxtrott eins und zwei von Foxtrott zwei!“, meldete das Sonar.
„Tiefe zwanzig Meter, Tauchwinkel acht Grad“, meldete das Ruder.
„Bei dreißig stabilisieren, volle Fahrt voraus. Was macht unser Torpedo?“
„Freundlicher Boogie homed auf Kilo. Distanz sechshundert Meter. Aye, Skipper, bei dreißig stabilisieren, volle Fahrt voraus.“
„Bei dreißig stabil! Volle Fahrt voraus.“
Der Skipper der FEANOR sah zu Tai-sa Testarossa und So-sho Mao herüber. „Wenn das klappt, gebe ich einen aus.“
„Wenn das nicht klappt, gebe ich Ihnen einen aus – auf der anderen Seite“, erwiderte die junge Frau flapsig. Ihr stand Schweiß auf der Stirn, doch sie verbarg ihre Angst hinter einem niedlichen, aber aufgesetzten, eisernen Lächeln.

„Boogies kommen näher. Vierhundert, vierhundert, dreihundertneunzig, dreihundertneunzig, dreihundertvierzig, dreihundertvierzig.“
Ein Ächzen ging durch das Schiff, und für einen Moment befürchtete Sander, dass die Klappen des Flugdecks doch noch abreißen und die FEANOR leck schlagen würden, aber Testarossa schüttelte trotzig den Kopf.
Wenn er die Positionen der U-Boote richtig im Kopf hatte, wenn er die Winkel richtig einschätzte, aus denen die Torpedos auf sein Schiff zurasten, dann…
„Abwehrmaßnahmen auf meinem Befehl.“
„Aye, Skipper.“
„Zweihundertachtzig. Zweihundertsiebzig. Zweihundertsechzig.“
„Abwehrmaßnahmen! Was macht unser Torpedo?“
„Freundlicher Boogie reagiert auf Abwehrmaßnahmen.“
„Torpedorohre eins bis vier laden.“
„Aye, Rohre eins bis vier laden.“
„Zwei Torpedos erfassen Abwehrmaßnahmen. Skipper, da kommen immer noch zwei Aale frontal auf uns zu!“
„Ruhig, Mr. Wilson. Auf mein Kommando Notauftauchen. Wie ist die Situation im Hangar?“
„Aye, auf Kommando voll anblasen. Major Karasov meldet Ratten im Schiff, ungefähr zwanzig. Er drückt sie aber mit seinen Leuten vom Hangar fort.“
„Hundertzwanzig! Hundertzehn! Einhundert!“
„Anblasen!“
„Aye! Notaufstieg! Luftkammern fluten!“
„Aye, Aye, Luftkammern fluten!“
Ein heftiger Ruck ging durch das Schiff, als es vom Auftrieb hart nach oben gerissen wurde.
Die Torpedos, die ihnen folgten, beziehungsweise auf sie zukamen, konnten in dem Geräuschchaos, das nun entstand, bestenfalls die Täuschkörper orten. Darauf setzte Sander. Darauf setzte Tai-sa Testarossa.
„Vierzig Meter. Dreißig Meter. Zwanzig Meter. Zehn Meter!“, meldete der Tauchoffizier.
„Boogies erfassen Abwehrmaßnahmen. Dreißig! Zwanzig! Zehn!“
Wie ein Donnerschlag hallten die Explosionen der Torpedos durch das Schiff.
„Beide Boogies von Kilo vernichtet! Beide Torpedos von Foxtrott eins vernichtet! Beide Torpedos von Foxtrott zwei vernichtet!“
„Touchdown! Wir sind oben, Skipper.“
„Wir haben die Wasseroberfläche durchbrochen, Sir.“
„Gut. Feuern Sie Rohre eins bis vier auf den verdammten Kilo ab. Danach alle acht Rohre laden. Und geben Sie Lieutenant Valeri grünes Licht!“
„Aye. Rohre eins bis vier Feuer auf Kilo! Danach alle acht Rohre laden.“
„Aye, Rohre eins bis vier Feuer! Ladebefehl für alle Rohre!“
„Jagdfalke eins bis vier! Sie haben grünes Licht und gute Jagd!“
Im Hangar brach übergangslos wieder Geschäftigkeit aus. Da Karasov die eingedrungenen Gegner beschäftigt hielt, konnte nun reguläre Besatzung ins Hangardeck und mit gröbsten Aufräumarbeiten beginnen, damit die vier Super Harrier so schnell wie möglich auf das Flugdeck gebracht werden konnten.
Der erste Super Harrier rollte bereits auf den Fahrstuhl zu. „Verstanden. Wir halten die Foxtrott beschäftigt, Colonel.“
„Sie haben gute Leute“, stellte Tai-sa Testarossa erneut fest. Irgendwie klang es zufrieden.

6.
Durch den Notaufstieg hatte die FEANOR schnell dreißig Meter Höhenunterschied überwunden. Normalerweise hätte das Unterseeboot diesen Trick nicht überleben können, nicht überleben dürfen. Denn ein wichtiger Aspekt von Explosionen im Wasser war, dass durch sie Wasser verdrängt wurde. Verdrängtes Wasser bedeutete weniger oder gar kein Auftrieb. Schiffe und Unterseeboote, die nicht direkt von der Explosion betroffen waren, konnten nun durch den fehlenden Auftrieb zerbrechen, beschädigt werden, und sinken.
Das Prinzip der Wasserminen beruhte darauf, den Auftrieb zu unterbinden.
„Schäden, Ms. Allister?“
Die Erste Offizierin der FEANOR hielt kurz Rücksprache mit den Leckkommandos. „Keine gravierenden Schäden, Skipper. Die Hülle hält.“
Sander atmete erleichtert auf. Er sah zu Tai-sa Testarossa herüber und konnte nur mit Mühe den Wunsch unterdrücken, aufzustehen und dem Mädchen den Kopf zu tätscheln. Die Frau lächelte freundlich, aber er sah sehr wohl den feinen Schweißtropfen auf ihrer Wange herab laufen. „Sehen Sie, Skipper, ich habe es doch gesagt. Die DANNAN-Klasse hat nicht nur einen breiten Rumpf, weil die Hangars und das Startdeck dies erfordern. Ich habe mich ein wenig von Minenräumern inspirieren lassen, weil deren Rumpf mich an den von Blauwalen erinnert hat. Minenräumer haben im Gegensatz zu normalen Schiffen keinen möglichst schmalen, sondern einen sehr flachen Kiel. Damit gewährleisten sie, dass sie bei fehlendem Auftrieb nicht zerbrechen. Die Gesamtauflage ist einfach höher.“
Sander ließ die junge Frau reden. All das hatte sie schon einmal erklärt, und der Deutsche gestand Tessa einfach zu, dass sie nervös war, vielleicht nervöser als sie alle, weil es ihre Idee gewesen war, den Torpedos mit Hilfe des Notaufstiegs zu entkommen und zu riskieren, dass sie unter dem Rumpf der FEANOR explodierten.
Nun, es hatte geklappt.
„Katapult meldet Jagdfalke eins und zwei bereit zum Start.“
„Start frei nach eigenem Ermessen, Ms. Allister.“
„Aye, Skipper. Katapult eins und zwei: GO!“
Ein leises Raunen ging durch das Schiff, als die beiden Super Harrier hart beschleunigt wurden und von dem Schiff starteten. Sie hätten auch mit Hilfe ihrer schwenkbaren Düsen starten können, aber möglichst schnell möglichst viel Geschwindigkeit aufzubauen erschien Sander nun essentiell wichtig. Sie standen immerhin bereits mitten im Kampf.
Allister sah zu ihrem Skipper herüber, meldete mit einem Nicken auf den entsprechenden Bildschirm, dass Super Harrier drei und vier einsatzbereit waren und der nickte zurück, unformell. Vielleicht lernte sie es ja doch noch, dass sie nicht für jeden Befehl bei ihm nachfragen musste.
„Katapult eins und zwei: GO!“

Das zweite Paar Harrier jagte in die Nacht und begann zu kreisen. Sie hatten drei Unterseeboote als Gegner, flinke und leise Dieselboote, die ihnen sehr gefährlich geworden waren. Doch nun hatte die FEANOR zwei Kampfhubschrauber und vier Super Harrier hoch gebracht, um die Chancen etwas auszugleichen.
Sander lächelte matt und warf den wirklichen Trumpf ins Spiel: Sein eigenes Schiff. „Startdeck schließen, Ms. Allister.“
„Aye, Skipper. Startdeck schließen.“
„Aye, Aye, Startdeck schließen.“
Auf einem Bildschirm war zu sehen, wie die beiden gewaltigen Flügel langsam ineinander griffen und die Katapultanlage verdeckten. Bald schon würde die FEANOR wieder ein vollwertiges Unterseeboot sein – bis an die Zähne bewaffnet.
„Mark XIV eins bis vier homen auf Kilo!“, rief Lieutenant Wilson.
„Lassen Sie sie nicht entkommen. Was machen die Foxtrott?“
„Foxtrott tauchen unter die Thermalschicht, um unseren Flugzeugen zu entkommen. Thermalschicht liegt bei achtzig Metern.“
Sander überschlug die Daten. Thermalschicht nannte man die Trennschicht zwischen Oberflächenwasser und Tiefseewasser. Gerade in tieferen Gewässern oder bei großen Temperaturunterschieden war die Thermalschicht sehr ausgeprägt.
Das ärgerliche an ihr war, dass sie teilweise das Sonar reflektierte. Ein Unterseeboot, das sich in oder unter ihr verbarg, konnte zwar selbst kaum etwas erkennen, aber es war nur schwer zu erfassen. Hier in Küstennähe lag die Thermalschicht höher.
Auch Sander hatte mit dem Gedanken gespielt, unter die  Schicht zu tauchen, aber es dann wieder verworfen. Solch ein Manöver hätten die Kapitäne der russischen Dieselboote sicher als erstes vermutet, nicht aber das er wieder auftaucht.
„Unser Ziel ist der Kilo. Feuern Sie wenn bereit, Ms. Allister.“
„Aye, Skipper. Feuern wenn bereit.“ Die Irin grinste, was Sander verwundert feststellte. Die Situation schien ihr Spaß zu machen. Zumindest genug, um ihre übliche Steifheit auszuhebeln.
Er sah kurz zur Uhr, fünf Uhr Morgens Ortszeit, anderthalb Stunden bis Sonnenaufgang. Dann zu den beiden Offizierinnen von der TUATHA DE DANNAN.
So-sho Maos Hände vibrierten leicht, sicher wünschte sie sich etwas tun zu können oder wenigstens in einem M9 zu stecken.
Tai-sa Testarossa lächelte verschmitzt. Aber aus den Schweißtropfen war mittlerweile ein dicker Film geworden. Dennoch hielt sie sich hervorragend und der Respekt für die sehr junge Frau, den Sander empfand, vertiefte sich noch mehr.
„Rohre vier bis acht, Feuer“, sagte Sharon Allister mit lauter, zufriedener Stimme. „Euch werde ich lehren, Mithril eine Falle stellen zu wollen.“
„Das nenne ich gut gesagt!“, stellte Sander fest und löste damit polternde Zustimmung auf der Brücke aus, die Allister für einen Moment verlegen hinnahm.
Dann blaffte sie: „Disziplin! Es ist noch lange nicht vorbei!“
**
Thomas Kramer warf den M9 herum, ging stark in die Hocke und stieß sich kraftvoll vom Boden ab. Er sprang über zwanzig Meter weit, fing sich mit einem Arm des M9 ab und kam so in die Seite des Savage, der ihn mit seinem Gewehr gejagt hatte. Thomas zog den Kampfdolch hervor, die Titanbeschichtete Säge lief an und zerteilte Sekunden darauf den Rumpf der klobigen Maschine.
Als Rauch aufstieg und die Sensoren des sowjetischen Arm Slave erloschen, riss er den Dolch hervor, sprang mehrere Meter zurück und lief seinen Leuten hinterher. Verdammt, verdammt, verdammt, er hatte es gewusst! Einen festen Rückmarschkorridor einzuhalten hatte sicherlich Vorteile, aber auch frappierende Nachteile, wenn der Feind diesen Korridor kannte.
„Wieder zurück, Chef?“, fragte Yussuf Ben Brahim, der für ihn die Rückendeckung übernommen hatte.
Thomas nahm seine Position wieder ein. „Es war nur ein Savage. Aber haltet die Augen offen. Wo diese Dinger sind, ist der Venom sicher nicht weit. Sergeant Ciavati, geht es nicht etwas schneller? Ich will nicht, dass uns der Venom in der Flanke nimmt.“
„Ich tue was ich kann, aber ich will Lieutenant Rogers in einem Stück auf die FEANOR schaffen.“
„Versuchen Sie es wenigstens.“
„Verstanden, Sir“, kam es frustriert zurück.

Die Gedanken in seinem Kopf überschlugen sich. Seit einiger Zeit machte ihm einer besonders zu schaffen, ein Gedanke, der so brisant war, dass er ihn seinen Leuten bisher noch nicht mitgeteilt hatte. Die Savages und damit auch der Venom verfolgten sie auf der direkten Fluchtlinie bis ans Meer. Auf der Fluchtlinie, die seine Leute einhielten, um notfalls von den Hubschraubern leichter gefunden werden zu können, falls sie Funkstille einhalten mussten.
Der Gedanke, erschreckend und grausam, lag nahe, dass der Gegner wusste, wo die FEANOR auf sie wartete. Und das bedeutete, dass sie nicht nur die Arm Slave-Gruppe erwartet hatten – der Venom sprach Bände – sondern auch das Unterseeboot.
Thomas hatte Vertrauen in seine Kameraden von Mithril, er kannte sie und wusste, dass sie fähige Leute waren, Kapitän Sander, Colonel Santos, Commander Allister, Captain Karasov, Lieutenant Valeri, Lieutenant Scott, sie waren das beste, was Europa und Nordamerika zu bieten hatten. Aber auch ihnen waren Grenzen gesetzt, auch für sie dauerte Unmögliches fünf Minuten, bis sie es vollbrachten.
Thomas schmunzelte. Wenigstens seinen Galgenhumor hatte diese ernste Situation ihm nicht nehmen können.
Neben ihm schlugen mehrere Geschosse ein. Einer der Savages hatte ihn wieder ins Visier genommen. Er schätzte, dass der Venom noch drei oder vier von ihnen vorweg schickte, als Scout und damit die Mithril-Piloten nicht zur Ruhe kamen.
Der Venom würde dann angreifen, wenn sie am verwundbarsten waren.
Thomas ließ den M9 nach hinten springen, wich den Schüssen aus. Dann riss er seine eigene Waffe hoch und gab eine Serie von Schüssen ab, um den Savage daran zu erinnern, welcher Pilot die bessere Mühle unter dem Hintern hatte.
„Noch eine Stunde bis Sonnenaufgang“, murmelte er ernst. „Und dann noch einmal eine Stunde bis zum Pickup-Termin.“
Und sie waren noch vierhundert Kilometer vom Treffpunkt entfernt, obwohl sie die ganze Nacht erbarmungslos durchmarschiert waren.
Thomas Kramer nutzte die Gunst der Stunde und lief seinen Leuten hinterher.  Schnell hatte er den kleinen Konvoi eingeholt, der Ciavati mit ihrer verletzten Last zu allen Seiten abdeckte.
„Ciavati, ich brauche Ihre Gewehrmunition.“
Ohne anzuhalten warf die Pilotin ihr Gewehr nach hinten. Dem folgten zwei Magazine. Thomas fing es geschickt auf, entlud das Gewehr und warf es zurück.
Die Italienerin fing es selbst hinter ihrem Rücken ohne Mühe.
Thomas füllte seine Waffe auf und verstaute die Reservemagazine. Wann erfand Mithril endlich Laserwaffen? Das ständige nachladen nervte.
Vor ihnen schlug eine Panzerfaust ein, aber nicht ohne eine gute Handbreit über den Kopf von Ben Brahim hinweg gesaust zu sein.
Der Araber wandte sich um und feuerte, ohne seinen Posten zu verlassen. Dieser Posten hieß, Ciavati und Sam mit seinem M9 zu beschützen. Mit den Schüssen zwang er den Savage in die Deckung des Geröllfeldes.
Der Deutsche löste sich von der Gruppe, zog sein Kampfmesser und sprang. „Ich kümmere mich um den. Haltet Ausschau nach dem Venom und den anderen Savages. Brecht die Formation nicht auf und gebt Fersengeld, wenn Ihr den Venom entdeckt.“
„Was hast du vor, Chef? Willst du dich mit dem Monster etwa alleine anlegen?“
Thomas sackte für einen Moment in sich zusammen. Es gab zwei Erfahrungen, die jeder Vorgesetzte fürchtete, ja, hasste. Und dennoch musste er sie treffen, wenn es Zeit war. Nichts schützte davor. Und nur die eigene Integrität entschied dann, was passieren würde. Die erste Entscheidung war einen der eigenen Leute, oder sogar mehrere bewusst in den Tod zu schicken. Die andere war, seinen Leuten mit dem eigenen Leben Zeit zu erkaufen.
Doch soweit waren sie noch nicht. Noch lange nicht. Außerdem war das Gelände noch nicht so, wie Thomas es brauchte. Wenn der Venom-Pilot dieses Spiel nur genoss, wenn er ihnen noch etwas Zeit ließ, damit sie das kleine Gebirge und die Felsschluchten erreichen konnten, dann waren die Karten neu gemischt.
**
Von dem Unterwasserkampf bekam Captain Karasov nicht viel mit. Er war vollkommen damit beschäftigt, die eingedrungenen Infanteristen zu werfen. Ob sie nun marokkanische Soldaten oder von Amalgam angeworbene Söldner waren, interessierte ihn herzlich wenig. Die Fakten auf die es ihm ankam waren Ausbildungsstand, Teamwork und Bewaffnung. Das war es, was ihm bei seinem Kampf weiterhalf.
Gut zwanzig Infanteristen hatten das Massaker überlebt, das Timothy Scott mit seinen Bordwaffen im Hangar angerichtet hatte.
Seine Aufgabe war es dafür zu sorgen, dass sie nicht doch noch zur Gefahr für die FEANOR wurden. Sergej Karasov lächelte kalt. Doch das waren nicht alle Gedanken, die ihn beschäftigten. Bereits in seinen Tagen in der Spetznatz, als er geglaubt hatte, einen eigenen Weg durch die Wirren der osteuropäischen Aufstände gefunden zu haben, hatte er sich durch eine ungewöhnliche Eigenart ausgezeichnet: Er dachte mit. Das war auch der Grund, warum Mithril auf ihn aufmerksam geworden war. Zusammen mit seiner beinahe schon antiquiert ritterlichen Einstellung war er ein idealer Rekrut gewesen. Und mit seinen Fähigkeiten schnell vom Ensign zum Captain aufgestiegen.
Im Moment beschäftigten ihn ein paar Fragen, die nur indirekt mit seinem Kampf zu tun hatten. Eine davon war, wie die drei Unterseeboote der FEANOR hier hatten auflauern können. Eine andere war, wie viele seiner Leute loyal waren. Im Endeffekt waren alle Soldaten bei Mithril Söldner, und um gute Leute zu bekommen, nahm selbst diese altruistische Organisation manchmal Mängel in der Persönlichkeit in Kauf und lockte mit Geld. Sergej war da ein Fall bekannt über einen Jungen, der im Krisengebiet Helmajistan aufgewachsen war. Der Bengel hatte dort zum Untergrund gehört, war ein Kindersoldat im Kampf gegen die Sowjets geworden, streng genommen damals sein Feind.
Der Junge hatte nie etwas anderes als Krieg kennen gelernt. Aber weil er überragende Fähigkeiten in Taktik, Nahkampf und in der Handhabung eines Arm Slaves besaß, hatte Mithril ihn angeworben. Gerüchte erzählten auch etwas von einem Weißen, wie die Soviets Landsleute nannten, die gegen das regierende System kämpften, der ihn mit nach Mithril genommen hatte und nun protégierte.
Defacto war der Junge Soziopath, zumindest wenn es nach Sergej ging. Dennoch bediente er einen Arm Slave und diente auf der TUATHA DE DANNAN.
Es bestand also ohne weiteres die Möglichkeit, dass es an Bord ein paar Verräter gab.
Was einiges erklären würde.

Über Sergej tauchte ein Schatten auf. Ohne nachzudenken stemmte er sich in den Leib und warf ihn über sich. Schnell wirbelte er herum und ließ seinen Fuß hart zu Boden fahren, genau dort, wo wenige Sekunden zuvor noch der Kopf seines Angreifers gewesen war.
Sergej Karasov griff nach seiner Waffe, richtete sie aus.
„Das reicht jetzt, Sir“, erklang eine Stimme neben ihm. Übergangslos fühlte er die Mündung eines Sturmgewehrs in seiner Seite. Nicht unmöglich, neben ihm stand einer seiner Leute. Und was hatte er gerade gedacht?
Der Mann, Corporal William Sumner, schnarrte ernst: „Waffe fallen lassen, Kommunist.“
Langsam senkte Karasov die Hand, ließ den Griff aber noch nicht los.
Sein Angreifer erhob sich langsam, nestelte an der Maske. Erleichtert sah er Sumner an. „Du bist einer unserer Schläfer?“
„Solange der Preis stimmt, bin ich alles.“
Der Mann nahm seine Waffe auf, überprüfte den Munitionsstand. „Erschieß ihn. Dann bring uns zur Brücke.“
„Das ist eine schlechte Idee. Mit Major Karasov als Geisel können wir uns den Weg bis zur Brücke erzwingen. Die Mithril-Leute sind nicht dumm. Ja, sehr erfindungsreich. Aber sie sind bis zur Selbstzerstörung so kameradschaftlich.“ Sumner spuckte aus. „Das kotzt mich an. Wir sind doch alle gleich und wollen alle nur Geld.“
Der Kommandosoldat grinste zufrieden. Dann winkte er den Gang hinab. Dort kamen vier Leute aus der Deckung hervor, gingen zu ihnen.
Nun bereute Karasov es, den letzten Befehl von der Brücke nicht verweigert zu haben, der seine Linie eindeutig ausdünnte. Wenngleich er einsah, dass das Hangardeck schnell hatte vorbereitet werden müssen. Aber so, nur mit der Hälfte seiner Leute, wurden die Linien hoffnungslos überdehnt. Er hatte eigentlich jede Sekunde mit einer Geiselnahme gerechnet. Nur nicht damit, dass er selbst diese Geisel sein würde.
Sumner zählte die Ankömmlinge. „Vier? Mehr seid Ihr nicht mehr?“
Der Anführer der Gruppe sah ihn wütend an. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass Mithril die Bordwaffen eines Hubschraubers einsetzt. Außerdem habe ich noch elf Mann, die sich auf dem Parallelgang voran arbeiten. Unser Ziel ist die Brücke der FEANOR.
Warum lebt der Mann hier noch? Captain Karasov ist gefährlich.“
Sumner drückte die Mündung wieder fester auf den Russen. „Wenn ich so tun könnte wie ich wollte, hätte ich dem Kommunisten längst die Nieren perforiert und ihn hier verbluten lassen. Aber er gibt ein gutes Schild ab, falls unser Verbündeter auf der Brücke uns nicht helfen kann.“
„Der Rudergänger? Er wird dafür bezahlt, dass er uns die Tür aufmacht, wenn wir davor stehen.“
Sumners Waffenmündung rutschte von Karasovs Rücken, richtete sich auf die Vierergruppe Kommandos und ihren Anführer. Sergej selbst glitt zur Seite, riss seine eigene Waffe wieder hoch und gab einen bellenden ersten Schuss auf seinen ersten Spielkameraden ab, traf ihn im Hals. Er wirbelte herum, als das Sturmgewehr von Sumner aufbellte und Tod und Verderben auf die vier anderen Kommandos rotzte. Sergej beteiligte sich so gut es ging und schoss auf den vierten Mann, der versuchte sich in Deckung zu bringen.
Dann wurde es still. Es war vorbei.
Karasov warf seinem Mann einen langen Blick zu. Sumner wurde rot und hob abwehrend eine Hand, die andere mit der Waffe zu Boden gerichtet. „Sir, ich…“
„Schon gut. Auf zur Brücke. Wir müssen da eine Ratte ausräuchern. Sobald Sie einen unserer Leute sehen, lassen Sie unsere anderen Infanteristen per Kurier informieren, dass auf dem Parallelgang noch elf von unseren Gegnern unterwegs sind.“
„Aye, Sir“, antwortete Sumner verdutzt. Karasov stockte seine Munitionsvorräte an den Toten auf und Sumner tat es ihm nach. „Sie haben gewusst, dass ich bluffe?“
Karasov grinste zynisch. „Ich habe es nicht gewusst. Aber es war meine einzige Hoffnung in dieser Situation, oder? Kommen Sie, Corporal. Wenn Sie weiter so geniale Einfälle haben, sind Sie bald Lieutenant.“
Die beiden Männer liefen den Gang entlang, Richtung Brücke der FEANOR. Ihr eigener Teil des Kampfes ging in die entscheidende Runde.
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Valeri und seine vier Harriers kreisten seit gut einer Stunde über dem Seegebiet in dem die FEANOR unterwegs war. Mit Jägern konnten sie nicht viel gegen Unterseeboote ausrichten, vor allem nicht mit der offensiven Raketenbewaffnung. Aber sie nützten wenigstens als Augen und als Schutzschild für Scott und seine Hubschrauber, indem sie immer wieder mit Flares aushalfen, wenn die Foxtrott ihre Luftabwehr-Spezialtorpedos auf die Kampfhubschrauber abschossen.
Die Hubschrauber hatten eigene Flares, aber drei waren immer besser als eine, fand Valeri.
Achthundert Meter voraus auf elf Uhr wurde eine große Wärmeentwicklung angezeigt. Zugleich verschwand das Zeichen für eines der Unterseeboote, das Kilo.
Valeri grinste matt. „Falkennest, ich melde starke Hitzeentwicklung und brennenden Diesel an der Wasseroberfläche. Sieht so aus, als hättet Ihr die NOVOSIBIRSK erwischt.“
„Bestätigt. Da waren es nur noch zwei. Machen Sie sich jetzt auf den Weg, damit die Transporter Deckung haben, wenn sie unsere Leute einladen“, erklang Colonel Santos´ Stimme.
„Verstanden, Falkennest. Ihr habt es gehört, Jagdfalken. Die Falken brauchen unsere Hilfe.“
Valeri zog den Jäger herum und beschleunigte hart. Sie würden eineinhalb Stunden bis an ihr Ziel brauchen, wenn sie dicht am Boden blieben.
Valeri verließ das Schlachtfeld ungern, auch wenn er mit seinen Super Harrier nicht wirklich viel hatte ausrichten können. Aber nun würden vier Ziele für die Abwehr der Foxtrott fehlen, ebenso seine Flares. Der Gedanke machte ihm Angst. „Viel Glück“, murmelte er, als der Harrier Land erreichte. Das Bodenwellenradar hielt ihn auf exakt zwanzig Meter. Hinter ihm formierten sich seine Leute zur Raute.
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Scott sah den davonjagenden Harrier nach, nur für einen Moment. Gerade hatte er Valeri noch viel Glück wünschen wollen, da gellte der Alarm auf. Ein Luftabwehr-Spezialtorpedos hatte ihn erfasst. Scott warf Abwehrmaßnahmen, aber es war zu spät. Er war direkt über einen Foxtrott gedriftet, ohne es zu merken. Das Ergebnis war eine Explosion in seinem Heck. Der Nebenrotor, zuständig für die Flugstabilität, explodierte. Das Ergebnis war, dass sein Flieger um die eigene Achse zu taumeln begann und dem Wasser entgegen fiel.
„Hier Turmfalke eins. Bin getroffen und gehe runter.“
„Turmfalke zwei hier. Ich komme.“
„Negativ. Ein Foxtrott lauert hier. Bleib auf deiner Position. Ich komme schon klar.“
„Aber…“ „Das ist ein Befehl!“ Scott hörte die Antwort seines Flügelmanns nicht mehr, zu sehr hatte er mit der Steuerung zu kämpfen. Immerhin war es kein Rotortreffer, das hätte ihn direkt aus dem Himmel gepflückt.
Scott schoss die restlichen Raketen ins Blaue ab, damit die Waffen nicht beim Aufschlag auf dem Wasser losgingen und seine Maschine in Fetzen rissen. Für den Fall, dass er den Absturz überlebte.
Sein Training verlangte von ihm, den internationalen Hilferuf Mayday zu geben, aber seine Kameraden hatten nun genügend eigene Sorgen. Sie würden sich schon um ihn kümmern, sobald sie Zeit dazu hatten. Also tat er das, was ihm am sinnvollsten erschien. Vorsichtig drückte er den taumelnden Hubschrauber in Richtung Festland. Wenn es sein musste, würde er bis an die Küste schwimmen.

7.
„Perfektes Gelände“, murmelte Thomas Kramer mehr zu sich selbst, als sie die Geröllwüste hinter sich ließen und in das kleine Gebirge eindrangen. Es hatte Ähnlichkeit mit dem Harz, fand er. Von außen sah es nach nichts aus, und wenn man drin steckte, merkte man erst, wie groß dieses nichts war.
Sie folgten einem ausgewaschenen Flussbett in gerader Linie auf ihrer Fluchtroute. Thomas hatte wieder die Rückendeckung übernommen. Im Moment feuerte er auf die nachrückenden beiden Savages und zwang sie so in Deckung. „Auf die Flanken achten!“, blaffte er seine Leute an, zum vierten oder fünften Mal schon. Aber wenn der Venom kam, wenn dieses Monster sie ausgerechnet in der Flanke packte, war es das für sie.
Da! Thomas warf seinen M9 herum, zielte auf die Anhöhe zur Rechten. Dort tauchte der Venom auf, ohne seine Tarnung, aber das konnte der arrogante Hund sich auch leisten!
Der Deutsche feuerte seine Waffe ab, sprang beiseite.
Wie er erwartet hatte, aktivierte der Venom seinen Lambda Driver und sandte die Kugel des M9 als explosives Paket direkt an den Absender zurück. Verdammt, wenn ihm so ein Ding nicht den Garaus machte, dann würde es der Lambda Driver selbst sein.
Seine Leute hatten begriffen worum es ging und gaben Fersengeld. Nun, mit der verletzten Sam Rogers liefen sie nicht gerade, aber der Rückzug erfolgte schnell und geordnet.

„Danke für das Feuerwerk, Falke eins. Ohne hätten wir ewig gebraucht um euch zu finden!“, erklang eine fröhliche Stimme mit hartem russischen Akzent in Kramers Cockpit auf. Sofort fügte der Computer den neuen Funkkontakt ein. Wenn Jagdfalke eins alias Alexi Valeri die Funkstille brach, dann musste er in der Nähe sein. „Gegnerischen Arm Slave erfasst. Feuere Sidewinder! Fox two! Fox two!“
„Stopp! Der Arm Slave hat…“ Thomas sah nach oben, bekam noch mit, wie der Super Harrier, begleitet von seinem Flügelmann, über das Wadi hinweg rauschte. Gleichzeitig schlugen die beiden Raketen auf den aktivierten Lambda Driver. Thomas warf seinen M9 herum, wollte laufen, aber es war zu spät. Der Venom reagierte mit der vollen Kraft des Lambda Driver, reflektierte und verstärkte den Explosionsdruck der Raketen nur noch. Sein Arm Slave wurde angehoben und wie welkes Laub davon gewirbelt. Hart schlug der M9 auf. Thomas verlor das Bewusstsein.
**
„NEIN!“, rief Yussuf Ben Brahim wütend, als die harte Explosion hinter ihnen erfolgte.
„Jagdfalke eins an alle Falken. Was war das? Haben wir ein Munitionsdepot getroffen?“
„Jagdfalke eins, der gegnerischen Arm Slave gehört zur Venom-Klasse. Venoms sind mit Lambda Drivers ausgestattet. Du hast wahrscheinlich gerade Falke eins geröstet!“, blaffte der Sergeant und warf seinen Arm Slave herum.
„Von einem Venom stand nichts im Dossier“, erwiderte Valeri erschrocken. „Wie ist Ihr Status, Falken? Wer hat das Kommando?“
„Das hatte bis eben Falke eins!“, rief Ciavati laut. „Falls Ihr ihn nicht gerade getötet habt!“
„Dann übernimmt jetzt Falke fünf.“
„Falke fünf ist schwer verletzt. Falke sieben transportiert ihn.“
„Gut. Falke drei übernimmt das Kommando!“
Ben Brahim stoppte seinen Arm Slave. „Was?“
„Sie haben mich schon verstanden. Jagdfalke drei und vier eskortieren euch von hier ab zum Rendezvous-Punkt mit Wanderfalke eins bis sechs. Dort werdet Ihr evakuiert.“
„Aber Falke eins ist…“
„Keine Diskussion, Sergeant!“, erwiderte Valeri scharf. „Ich habe einen Fehler gemacht, und ich bleibe mit Jagdfalke zwei hier, um Falke eins zu helfen, wenn es uns möglich ist. Aber Sie bringen jetzt Ihr Kommando und Falke fünf hier raus, verstanden?“
Wütend schlug Ben Brahim auf die Konsole seines Cockpits ein. „Habe verstanden, Jagdfalke eins.“
Er wandte seinen Arm Slave wieder um und nahm seinen alten Platz in der Geleitschutzformation neben Sergeant Sandra Ciavati ein.
„Los jetzt, Falken. Bringen wir nach Hause, was noch übrig ist.“ Er wusste, das klang zynisch. Er wusste, es war ungerecht seinen Leuten gegenüber, ungerecht Sam gegenüber und erst Recht ungerecht Valeri und Kramer gegenüber. Aber hätte er es nicht ausgesprochen, dann hätte es ihn zerrissen.
**
Den entscheidenden Unterschied zwischen einem Lageplan und tatsächlichen Ortskenntnissen machte die Infanterie der FEANOR den letzten Eindringlingen klar, als nur fünf Mann den zahlenmäßig überlegenen Feind einkesselten und in die Kantine drückten.
Dort hielten die fünf Spezialisten die Enterer fest, während Karasov mit seinem Begleiter die Brücke betrat. Wie der Skipper befohlen hatte, waren alle bewaffnet. Und genau das wurde nun zum Problem. Karasov hatte sein halbautomatisches Heckler&Koch am Riemen über die Schulter gehängt, griffbereit, sodass er nur zugreifen brauchte, um den Abzug zu erreichen. Die Mündung zeigte in den Raum.
„Skipper, wir haben die Entertruppen geworfen. Die letzten acht Mann wurden in der Kantine festgenagelt.“
Eine Erschütterung ging durch das Schiff, als ein Torpedo auf die Abwehrmaßnahmen der FEANOR hereinfiel, aber nahe dem Schiff explodierte. Sander verzog das Gesicht zu einem entschlossenen Grinsen. Sie hatten immer noch zwei Foxtrott als Gegner, die krampfhaft versuchten, den Koloss in die Enge zu treiben. Aber das würde und durfte ihnen nicht gelingen. Nicht solange er das Kommando führte. „Hart Steuerbord. Unter die Thermalschicht tauchen.“
„Aye, Skipper. Hart Steuerbord, unter die Thermalschicht tauchen.“
„Hart Steuerbord, unter die Thermalschicht tauchen, Aye.“
Sander schmunzelte dünn. „Die HOUSTON sollte nun bereits in der Nähe sein und auf ihren Einsatz warten. Geben Sie Duchemin die Erlaubnis, in den Kampf einzugreifen.“
Theresa Testarossa japste erschrocken auf. Sharon Allister sah nicht einen Deut besser aus. „Skipper… Die HOUSTON?“
„Unsere unbekannten Angreifer sind nicht die einzigen, die für eine Überraschung gut sind“, erwiderte Sander.
„Aye!“, rief die Irin erleichtert. „Lieutenant Steinfeld, Nachricht an die HOUSTON!“
„Aye, Aye, Ma´am!“

Der Rudergänger nestelte an seinem Waffenholster. Seine Miene zierte ein grimmiger Gesichtsausdruck.
„Wenn ich du wäre, Tarkan“, erklang die eiskalte Stimme von Sergej Karasov in seinem Nacken, „würde ich mir jetzt drei Fragen stellen. Erstens, wer bezahlt das bessere Geld, Amalgam oder Mithril? Zweitens, willst du wirklich die Menschen, mit denen du ein halbes Jahr trainiert hast, dem Feind ausliefern? Und drittens: Ist es das wert?“
Agedi erstarrte. Er nahm die Hand vom Waffenholster und rief: „Wir sind unter der Thermalschicht, Ma´am.“
„Gute Entscheidung“, lobte Karasov und trat zurück. Aber die locker über die Schulter gehängte Waffe sagte genug.
„Antwort von der HOUSTON. Sie haben schon auf die Freigabe gewartet.“
„Boogies im Wasser, zwei von der HOUSTON. Sie visieren Foxtrott zwei an.“
„Guter Schachzug, Skipper“, sagte Tai-sa Testarossa anerkennend.
„Tut gut, das zu hören“, murmelte Sander leise.
**
Als Thomas wieder erwachte, wusste er nicht so Recht, ob es das wert gewesen war. Ein schneller Tod im Vergessen wäre eventuell gnädiger gewesen als das, was der Venom-Pilot vor ihm nun plante.
Der riesige Mecha mit dem Pferdeschwanz beugte sich zu ihm vor. „Du bist doch der Bastard, der mich in der Halle durch den Fußboden geschickt hat. Kommst dir deswegen sicher mächtig schlau vor, was? Hm, wer ist jetzt der Schlaue von uns beiden, häh?“
Verzweifelt analysierte Thomas seine Lage. Er lag bäuchlings mit seinem Arm Slave auf dem Grund des Wadis, links und rechts von ihm die Ausläufer des Gebirges. Über ihnen kreisten Jagdfalke eins und zwei, beobachteten die Situation, konnten aber wegen dem Lambda Driver nicht eingreifen.
Wenn er doch nur selbst einen Lambda Driver gehabt hätte…
Thomas schob diesen fruchtlosen Gedanken beiseite. Im Gefecht musste man oft genug improvisieren, und dann musste man mit dem auskommen, was man zur Verfügung hatte.
In diesem Fall war es der M9, der leicht beschädigt langsam wieder zum Leben erwachte, ein Wadi in einem Mittelgebirge und zwei Super Harrier, die über ihnen kreisten.
Mühsam drehte Thomas den Arm Slave auf den Rücken und bewegte ihn mit strampelnden Bewegungen weiter das Wadi hinab.
„Was denn, was denn? Dein Schrotthaufen funktioniert noch? Na, das wollen wir doch ändern, oder?“
Der rechte Arm des Venoms sauste herab, in der Hand ein Anti-Arm Slave-Messer. Thomas blockte mit seiner Klinge, richtete den M9 dafür auf.
Wie er erwartet hatte setzte der Pilot des gegnerischen Arm Slaves den Lambda Driver ein.
Das Ergebnis war, dass er meterweit davon geschleudert wurde, sich mit dem M9 mehrfach überschlug und dann liegen blieb.
Thomas stieß einen derben Fluch aus und richtete die Maschine wieder auf. Langsam zog er sich vor dem nachrückenden Venom zurück.
„Was denn, was denn? Zögerst du das Unvermeidliche hinaus? Warum? Willst du deinen Leuten Zeit erkaufen? Die kommen nach dir dran, glaub mir.“
Thomas aktivierte den Funk. „Jagdfalke eins von Falke eins.“
„Jagdfalke eins hier“, erklang die erleichterte Stimme von Alexi Valeri. „Dir geht es gut, verdammt. Was kann dich eigentlich töten? Eine Atombombe vielleicht?“
„Halt die Klappe und hör zu, Alexi. Du kannst deinen Fehler von vorhin wieder gut machen und Geschichte schreiben. Greif den Venom noch einmal mit Raketen an.“
„Aber du weißt doch selbst am besten, was dann passiert. Ich meine…“
„Ich sagte, halt die Klappe. Greif dafür in genau einer Minute aus der Richtung hundertfünfzig Grad an, komm steil über den Bergkamm und gib mir einen fünfsekündigen Countdown, bevor du die Raketen abfeuerst.“
„Verstanden. Du bist verrückt, weißt du das?“
Thomas grinste dünn. „Ist nichts neues, oder?“
Nun wich er wesentlich langsamer zurück, zog mehr auf die Südseite des Wadis. Wie er erwartet hatte, folgte der Venom wie ein treuer Hund. Oder vielmehr wie eine Hyäne auf der Spur der sich dahin schleppender Beute. Ja, der Vergleich war gut.
Thomas ließ das Gewehr fallen, hob die eigene Klinge.
„Du willst schon wieder spielen?“, erklang die Stimme seines Gegners. „Du stehst aber nicht gerade vor einem verborgenen Schacht oder so?“
Thomas wich schnell drei Schritte zurück.
„Hey, abhauen gilt nicht!“ Der Venom sprang, landete knapp vor ihm. „Das fehlte noch, dass du mir das Vergnügen des Tages nehmen willst!“
„Das Vergnügen des Tages kommt erst noch!“, antwortete Thomas gepresst.
In diesem Moment stieg die Sonne hinter dem Venom auf, erhellte das Wadi. Vor ihm wurde der gegnerische Arm Slave zu einem schattenhaften Schemen.
„Und jetzt bist du auch noch geblendet. Ist wohl echt nicht dein Tag“, spottete der Venom-Pilot.
„Fünf!“, gellte Valeris harte Stimme im Funk auf.
„Deiner aber auch nicht!“, blaffte Thomas, warf den M9 herum und lief los.
„Drei!“
„Nicht abhauen!“
„EINS!“
Die beiden Harriers kamen über den Südhang herüber, feuerten vier Raketen ab und zogen sofort hoch. Die Sidewinder hielten auf den Venom zu. „Nett“, murmelte der Venom-Pilot amüsiert.
Thomas versuchte Distanz zwischen sich und den Venom zu bringen, viel Distanz.
Der Gegner hingegen vertraute völlig auf den Lambda Driver, um die vier Raketen abzuwehren. Die vier Geschosse schlugen in dem Schutz ein, wurden reflektiert und enorm verstärkt. Und rasten direkt in den steilen Abhang hinein. Diesen Gewaltakt nahm die Bergflanke nicht wirklich freundlich auf. Während die Gewalt der Reflektion den M9 erfasste und davon trug, löste sich in dem Berghang tonnenweise Geröll und Erde, nun, wo in der Flanke des Wadi fast zwanzig Meter fehlten. Wie eine Lawine flutete es in das alte Flussbett.
Wieder reagierte der Lambda Driver, wieder wurde der M9 von Thomas erfasst und davon gewirbelt. Und wieder griff die Dunkelheit nach ihm.
**
Als Thomas Kramer erwachte, fuhr er reflexartig auf. Nur um zu merken, dass das eine ganz dumme Idee gewesen war. Haltlos fiel er wieder zurück und musste schwer kämpfen, um die Schwärze vor seinen Augen zu vertreiben.
„Ruhig, Major, lassen Sie es langsam angehen“, riet eine sanfte Frauenstimme. Lydia Henrik, die Chefärztin? Dann war er auf der FEANOR. Dass sie ihn ehrenhalber mit Major angesprochen hatte, sprach dafür. Aber wenn er auf der FEANOR war, dann…
Wieder wollte er hochfahren, wurde diesmal aber von zwei Händen zurück gedrückt. „Ich sagte ruhig. Sehen Sie das als Befehl, Thomas.“
„Meine… Meine Leute. Das Team! Die FEANOR! Ich…“
„Vielleicht sollte ich das übernehmen, Doktor Henrik.“
„Natürlich, Tai-sa.“
Mühsam öffnete Thomas Kramer erneut die Augen. Neben der Ärztin stand nun Theresa Testarossa.
„Tai-sa?“
„Du kannst mich ruhig Tessa nennen“, erwiderte sie. „Ich bin doch immer noch jünger als du.“
Thomas wollte lachen, stellte fest, dass ihm das Kopfschmerzen verursachte und ließ es. „Mist. Was ist passiert?“
„Du hast den Venom besiegt. Das war die kurze Version.“
„Logisch. Sonst würde ich hier ja nicht liegen. Geht es etwas länger?“ Leise fügte er hinzu: „Bitte, Tessa.“
Die junge Frau nickte und gab dem Arm Slave-Piloten einen ausführlichen Bericht, angefangen bei dem Angriff auf die FEANOR über das Eingreifen der HOUSTON bis letztendlich zu seiner Rettung, nachdem seine Leute evakuiert worden waren.
„Du hast eine leichte Gehirnerschütterung. Wenn du noch ein paar Stunden liegen bleibst, darfst du aber wieder leichten Dienst aufnehmen. Lieutenant Rogers ist versorgt und außer Gefahr. Aber ich habe mir sagen lassen, dass sie stinksauer auf dich ist, weil du für ihre Rettung die ganze Einheit gefährdet hast.“
„Egal wie man es dreht“, kommentierte Thomas und ließ sich auf sein Kissen sinken, „Sam ist und bleibt die Prinzessin auf der Erbse. Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen sollte?“
„Nur noch, dass wir Foxtrott eins haben ziehen lassen, nachdem die HOUSTON Foxtrott zwei versenkt hat. Im Moment kreuzen wir vor der marokkanischen Küste.“
„Warum vor der Küste? Wir könnten doch längst auf dem Heimweg sein. Die Mission war doch mehr oder weniger ein Erfolg.“
„Nicht ganz. Etwas gibt es da noch, was wir tun müssen“, klang die Stimme von Melissa Mao von der anderen Seite seines Bettes auf.
Erschrocken fuhr Thomas herum. „Wie lange stehst du da schon?“
„Die ganze Zeit“, erwiderte sie schmunzelnd.
„Ich muß echt was abgekriegt haben, wenn ich dich nicht bemerkt habe“, murmelte Thomas verzweifelt.  „Und was müssen wir hier noch tun?“
Melissa Mao kniff lächelnd die Augen zusammen und fragte: „Kriege ich deinen Arm Slave und deine Leute für eine Stunde, Thomas?“

8.
Timothy Scott hockte in einer dunklen, nassen Zelle. Er trug noch immer seinen Pilotenoverall, der noch immer vollkommen durchnässt war. Aber er würde lieber verrecken, als sich in der klammen kalten Zelle auszuziehen und zu hoffen, dass die Kleidung trocknete. Mist, Mist, Mist, konnte es schlimmer kommen? Als illegaler Einwanderer in einer Hinterhof-Polizeistation eingesperrt zu sein, dazu in Isolationshaft, fern von jedem Telefon und jedem Anwalt. Konnte die Welt nicht ungerecht sein?
Das wenige Geld, das er bei sich gehabt hatte, war ihm ebenso abgenommen worden wie seine Steyr-Handfeuerwaffe. Ein paar Stunden Prügel und der Entzug von Wärme und Nahrung hatten ein Übriges getan. Außerdem fehlten sanitäre Einrichtungen in diesem Loch.
Wenn er so drüber nachdachte, dann war die Idee, nach dem Absturz aufs nahe Festland zu zu schwimmen eine dumme Idee gewesen. Vielleicht hätte er es bis zu den Kanaren versuchen sollen. Oder gleich nach Hause. Er hatte mal eine Geschichte über einen Piloten gelesen, der hatte es von Süditalien nur mit einem Rettungsfloß bis nach Schweden geschafft. Da war die Distanz von hier bis Styx doch ein Pappenstiel, oder?
Tim machte sich keine Illusionen. Die örtlichen Behörden waren von Amalgam geschmiert worden. Und er war der Trostpreis der misslungenen Mission geworden. Ein Offizier von Mithril, bitte einmal durch alle Teileinheiten durch reichen. Was dann noch übrig blieb, konnte man mit einem Arm Slave zertreten. Lausig war für seine Situation noch zu optimistisch.

Das war eine Sekunde, bevor das typische Geräusch eines arbeitenden Arm Slave-Messers erklang. Bevor Tim es sich versah, fiel das Licht des vergehenden Tages auf sein Gesicht. Jemand hatte tatsächlich das Dach von diesem Loch aufgeschnitten und abgehoben.
Die Polizisten gaben Fersengeld. Sie wussten nur zu gut, dass sie mit ihren Handfeuerwaffen gegen einen Arm Slave keine Chance hatten.
Über ihm stand ein M9. Der Gigant streckte eine Hand aus. „Thomas schickt mich. Er sagte, er braucht noch einen dritten Mann zum Skat. Wenn Sie Lust haben, Timothy, steigen Sie auf.“
„Ich hoffe, das mit dem Skat ist ein Scherz“, erwiderte Timothy schmunzelnd und kletterte in die Arm Slave-Hand. Er beherrschte das deutsche Spiel zwar leidlich, aber er gewann zu selten. Bridge war da schon eher was für ihn, aber das mochten die anderen ja wieder nicht.
„Ich habe Befehl Sie zurückzulassen, wenn Sie nicht mitspielen“, drohte die Arm Slave-Pilotin amüsiert.
Tim zuckte mit den Achseln. „Was soll´s, schlimmer als hier kann es auch nicht sein.“
Er lachte und die Frau fiel ein.
Rings um die Anlage enttarnten sich fünf weitere M9, sicherten zu allen Seiten.
Ein wahres Hochgefühl griff nach Tim. Eine so große Operation, um nur einen einzigen Offizier zu retten, der zudem seinen Hubschrauber verloren hatte… Jetzt mehr denn je war er sich sicher, dass Mithril der richtige Ort für ihn war.
**
„Yehaaa!“ Mit einem breiten, hoch zufriedenen Grinsen stellte Samantha Rogers die fünfte Bierdose auf den Tisch.
„Solltest du die Dinge nicht etwas langsamer angehen lassen, Sam?“, tadelte Tim Scott. „Du wurdest gestern erst entlassen und sollst dich noch schonen.“
„Tu ich doch, tu ich doch. Hier, lies selbst. Es ist Diät-Bier.“
Über soviel Ignoranz konnte Tim nur den Kopf schütteln.
„Lassen Sie sie einfach“, meldete sich Sergej Karasov zu Wort. „Das ist ihre Art, mit der Sache umzugehen.“
Sam Rogers erstarrte für einen Moment. Ihre Augen wurden kurz wehmütig.
Dann riss sie sich die nächste Bierdose auf und trank einen kräftigen Schluck.
„Ich kann es kaum glauben“, murmelte sie leise. „Ich werde vom Lambda Driver fast getötet, nur weil ich auf den Venom schieße. Und was macht der Heilige Thomas? Lässt einfach einen Berghang auf den Venom rutschen in der Hoffnung, dass selbst der Lambda Driver ein Limit hat. Und dann hat er auch noch die Frechheit, Recht zu haben! Wo steckt der Knabe überhaupt?“
„Nun, sie haben ihn heute Morgen entlassen. Seitdem hing er einige Zeit mit Valeri zusammen, der hat immer noch diese miese Laune, weil er den Venom nicht erkannt und Thomas fast umgebracht hat. Was er jetzt macht, weiß ich aber nicht.“ Tim griff selbst zu einer der Dosen, öffnete sie und nahm einen kurzen Schluck. „Diätbier schmeckt nicht.“
„Ach. Und das sagt ausgerechnet ein englischer Dünnbiertrinker“, spottete Sam. Sie erhob sich, schnappte sich die angebrochene Bierdose und winkte in die Runde. „Na, dann gehe ich den Heiligen doch mal suchen.“
„Er ist bestimmt bei seinem Arm Slave“, sagte Tim grinsend. Diese Feststellung hatte ihm neulich dreißig Dollar beschert.
„Danke für den Tipp.“
**
„Da kriegst du für eine einzige Stunde meinen Arm Slave“, tadelte Thomas die Frau, die ihm das Werkzeug reichte, „und schon muß ich die Knieaktivatoren wieder warten. Ich habe die meisten Teile erst neulich ausgetauscht.“
„Ich habe doch schon gesagt, es tut mir Leid. Dein M9 ist eben auf dich geeicht, und beim Sprung habe ich die Distanz nicht richtig geschätzt. Deshalb bin ich so hart aufgekommen.“
„Jetzt erzähl mir noch, dass ich größere Schritte als du mache, Melissa, und der Tag ist komplett.“
„So ist es aber in der Tat. Lassen Sie es nur einen halben Meter sein, der zwischen So-sho Maos Fortbewegung des M9 und Ihrer Art liegt, Thomas. Es ist eine Frage der Gewohnheit.“
Der Captain zog den Kopf aus dem Wartungsschacht hervor. „Skipper. Was verschafft mir die Ehre?“
Sander war nicht alleine gekommen. Neben ihm stand Tessa, den Blick gesenkt, dahinter Miguel Santos.
„Wir müssen uns mal mit Ihnen unterhalten, Major. Nein, bleiben Sie ruhig, So-sho. Ihre Meinung dürfte wichtig sein.“
Unwillkürlich straffte sich Thomas. Kam jetzt der Moment, den er erwartete, seit der verdammte Venom in den Flammen aufgetaucht war?
„Major Kramer. Ihr Verhalten und Ihre Befehle bei der Operation Kingdom Sahara haben einem ihrer Piloten das Leben gekostet. Ich bin sicher, Sie sind sich dessen bewusst.“
„Ja, Skipper.“
„Moment“, begehrte Melissa Mao auf. „Aber er hat…“
Sander brachte die Arm Slave-Pilotin mit einem Blick zum schweigen.
„Und unter Ihrem Kommando gingen zwei Arm Slaves vom Typ M9 verloren.“
„Ja, Skipper.“
Sander tauschte einen langen Blick mit Theresa Testarossa aus.
„Nun, ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass…“
„Wenn Sie glauben, dass Sie es so einfach haben, dann irren Sie sich!“ Wütend stapfte Second Lieutenant Samantha Rogers in den Hangar und stellte sich vor ihren Vorgesetzten. „Okay, er hat zwei M9 verloren. Okay, Cyrus ist tot. Aber ich wäre jetzt auch tot, wenn er nicht gewesen wäre. Und ich bin mir verdammt sicher, von den anderen Arm Slave-Piloten hätten auch nicht besonders viele überlebt!“ Die Hände der jungen Frau zuckten unkontrolliert. „Thomas Kramer ist nicht nur mein vorgesetzter Offizier, er ist auch ein guter Freund. Abgesehen davon der beste Arm Slave-Pilot und Offizier, den ich je kennen gelernt habe. Wenn Sie für die FEANOR einen Arm Slave-Kommandeur brauchen, dann ist er Ihr Mann und niemand sonst. Wenn Sie ihn aber nicht brauchen…“ Ernst sah sie Sander in die Augen. „Dann trete ich ebenfalls aus.“
Wieder wechselten Sander und Tessa einen langen Blick. Nur diesmal schmunzelten die beiden.
Sam, deren Wut nun verraucht war, begann leicht zu zittern, als ihr bewusst wurde wen sie da angeschrieen hatte.
„Lieutenant Rogers, Ihren Enthusiasmus und Ihre Loyalität sind ein gutes Beispiel für das, was ich sagen wollte.“ Sander bedeutete ihr, an Kramers Seite zu treten.
Melissa sah erstaunt in die Runde.
„Wie ich gerade sagen wollte, Major Kramer, brauche ich nicht erst zu erwähnen, dass Ihre Leute Ihnen vorbehaltlos vertrauen… Was wir übrigens gerade erleben durften.“
Sam wurde rot und fand plötzlich ihre Bordschuhe höchst interessant.
„Und das waren ja auch nur die Soll-Posten in der Missionsbilanz. Auf der Haben-Seite sind ein erfüllter Auftrag, achtzehn abgeschossene Savages, etliche Raketenstellungen, Waren im Wert von schätzungsweise zweihundert Millionen Dollar und fast zwei Dutzend T 72-Kampfpanzer. Nicht zuletzt ein vernichteter Venom. Bisher gingen wir davon aus, dass ein Arm Slave mit Lambda Driver nur mit Hilfe eines anderen Arm Slave vernichtet werden kann, der ebenfalls über den Lambda Driver verfügt. Was Sie vielleicht wissen sollten, Major Kramer, ist…“
„Was du wissen solltest, Thomas“, übernahm Tessa das Wort, „ist, dass der Lambda Driver direkt mit deinen Emotionen, deinem Willen zusammen arbeitet. Wenn Du also restlos von dir überzeugt bist, dann kann der Driver alles von dir abhalten – bis auf einen anderen Lambda Driver. Wenn du es aber nicht bist, wenn dein Selbstvertrauen erschüttert wird, einen Knacks kriegt, dann versagt der Lambda Driver.
Du hast den gegnerischen Piloten im Kingdom Sahara schwer erschüttert, als du ihm den Boden unter den Füßen fortgezogen hast. Damit hatte er nicht gerechnet. Er fühlte sich plötzlich wieder verwundbar.
Als dann im Wadi der Berghang ins rutschen kam, kochten seine Zweifel hoch, er verlor die Kontrolle über den Driver und wurde mitsamt seinem Arm Slave zertrümmert.
Was ich damit sagen will ist, dass du Glück gehabt hast. Ein zweites Mal klappt das vielleicht nicht.“
„Oder erst recht, wenn man die Sache richtig anpackt“, schmunzelte Melissa amüsiert. „In meinem Bericht an das Oberkommando wird jedenfalls stehen, dass Thomas Kramer der richtige Mann am richtigen Ort ist.“
„Ihr Team hat sich bewährt, und das unter katastrophalen Zufallsbedingungen. Ich gratuliere Ihnen. Wenn Sie so weitermachen, werden Sie auch bald außerhalb dieses Schiffes Major genannt werden, Thomas.“
„Ich danke Ihnen, Sir. Ich danke dir, Melissa. Danke, Tessa.
Und Sam, ich hätte nie erwartet, dass du so energisch für mich Partei ergreifst. Danke.“
„Muss am Bier liegen“, brummte sie unwillig. „Es schwächt meine Abwehrhaltung.“
Thomas grinste.
„Und, Sir, was ist mit der FEANOR? Haben wir die Überprüfung bestanden?“
„Das werde ich wissen, wenn wir Morgen Styx anlaufen, Major.“
„Morgen also.“
Tessa ließ den Kopf hängen. „Wenn es nur nach mir ginge, dann… Schon gut.“

Die Stille, die sich ausbreitete, hatte etwas Bedrückendes. So bedrückend, dass Thomas Kramer schließlich die Arme hochwarf und rief: „Das hält man ja nicht aus! Ihr tut ja alle so, als würde es wirklich in Frage stehen, dass die FEANOR in Dienst gestellt wird! Kommt, ich gebe in der Kantine einen aus.“
„Das ich das noch erleben darf…“, murmelte Sam nachdenklich.
„Was? Das er einen ausgibt?“ Melissa trat neben die junge Frau und sah Santos, Kramer, Sander und Tessa nach, die vorgingen.
„Nein, das er selbst mal etwas trinkt. Ansonsten lebt er nur für seinen Job, sieht in jedem Schatten eine Bedrohung und…“
„Ja, ich weiß. Und hat nicht den Hauch einer Ahnung, was ein Privatleben ist, richtig?“
Sam nickte überrascht.
„Schon gut, ich kenne diesen Typ Mensch. Einer meiner Arm Slave-Piloten ist auch so einer. Im Arbalest nicht zu schlagen, aber lass ihn mal alleine in einem Restaurant etwas bestellen.“
Sam lachte. „Sie gefallen mir, So-sho Mao.“
„Sagen Sie Melissa zu mir, okay?“ Die beiden Frauen folgten der Gruppe.
„Dann sagen Sie aber Sam zu mir. Wie wäre es? Wollen wir uns über unsere beiden Problemkinder austauschen?“
„Sie meinen, ihre Probleme offen breittreten und weitertratschen? Klingt gut.“
**
„Das war es also“, murmelte Robert Hausen leise. Kingdom Sahara war Geschichte. Unten begannen seine überlebenden Leute mit dem Abbau aller transportablen Sachwerte. Die meisten würden froh sein, dass es endlich nach Hause ging. Die wenigsten hatten so luxuriös gelebt wie ihr Boss Hausen und waren froh, endlich in ein freundlicheres Klima wechseln zu können. Und das als reiche Leute. Keiner würde mit weniger als fünfzigtausend Dollar Abfindung von dieser Basis verschwinden.
General Feysal hatte bereits Transporter geschickt, um all das von den Waren zu verladen, was nach dem Angriff Mithrils übrig geblieben war. Damit würde er für sich und seine Truppen einen netten Posten bei der Marokkanischen Föderation einkaufen und fortan im Luxus leben. Ein Jahr früher als geplant und nicht ganz so reich wie erhofft.
„So, so“, murmelte Robert, mehr für Vicomte Vogel als für sich selbst. „Der Venom wurde also zerquetscht.“
In der spiegelnden Glasfläche konnte Hausen sehen wie der Halbasiat zusammen zuckte. Er hatte einen Lambda Driver verloren. Hausen konnte sich nicht vorstellen, dass Amalgam das wirklich positiv aufnahm. Letztendlich gab es weder Piloten noch Maschinen dieses Typs in unendlicher Zahl.
„Der Pilot hat versagt. Wenn er mehr Selbstvertrauen in sich und seinen Lambda Driver gehabt hätte, dann…“
Auf dem Landeplatz ging gerade eine Militärmaschine nieder. Ein schwitzender Anzugträger kam zum Vorschein, eskortiert von acht schwer bewaffneten Kommandosoldaten.
„Ich glaube nicht, dass ich der richtige Ansprechpartner bin, um sich zu rechtfertigen, Vicomte. Für mich war Kingdom Sahara von vorne herein eine temporäre Angelegenheit, die nun etwas früher als gedacht zu Ende geht. Wenn Ihre Organisation wieder meine Hilfe will, wird sie schon von selbst an mich heran treten. Sie aber werden sich wohl für Ihre Niederlage verantworten müssen.“
Hausen sah in der Reflexion, wie Vogels Kopf hin und her ruckte. Der Vicomte wirkte auf ihn wie ein scheues Kaninchen, das verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit suchte. Was für ein Vergleich. Vom Wolf zum Kaninchen, wie schnell ging das doch, wenn ein Raubtier dazu kam, dass noch um etliches größer als man selbst war.
Und dieses Raubtier bahnte sich gerade seinen Weg vom Landeplatz ins Gebäude, durch die Gänge, bis an sein Büro.
„Wo wir gerade von Verantwortung sprechen. Braucht General Feysal nicht noch einen Mann mit guten Waffenkontakten?“
Hausen wandte sich um. „Sicher braucht er den. Aber leider werden Sie das nicht sein, mein lieber Vicomte.“
Als es an seiner Bürotür klopfte, fuhr Vogel erschrocken herum. Hausen drückte einen Knopf auf seinem Schreibtisch und entriegelte die Tür.
Sofort kamen zwei Kommandosoldaten herein, die Waffen im Anschlag und auf Vogel gerichtet.
Danach kamen die anderen Soldaten und der schwitzende Geschäftsmann.
„Ein unmögliches Klima. Wie kann man nur freiwillig hier leben? Aber damit ist es jetzt ja für Sie vorbei, oder, Mr. Hausen?“
„Sicher, Mr. Conrad. Ich gehe nach Hause.“
„Schön für Sie. Ich wurde ermächtigt, Ihnen als Entschädigung einen Bonus von fünf Prozent zu versprechen. Aber dafür halten Sie sich bitte bereit, falls wir ein neues Projekt planen.“
„Nun, den Bonus in allen Ehren. Aber ob ich mit Ihnen wieder zusammen arbeite, werde ich entscheiden. Vor allem in welchen Projekten, Mr. Conrad.“
„Stur wie immer, mein lieber Hausen. Leider sind Sie es wert, dass man Sie am Leben lässt.“
Der Mann wischte sich die Stirn trocken, doch sofort bildeten sich neue Schweißperlen. Er sah Vogel an. „So, wir müssen dann gehen. Kommen Sie, Vicomte?“
Wortlos, überrascht und überzeugt von zwei Waffenmündungen, die permanent auf ihn zeigten, folgte Vogel Mr. Conrad aus dem Büro.
Hausen erwartete nicht, den Vicomte jemals wieder zu sehen. Letztendlich war er eben doch nur ein kleiner Fisch gewesen, der irgendwann von den Größeren gefressen wurde.
Und er selbst, Robert Hausen, war der größere Fisch in der Geschichte.
„Mithril, hm? Klingt interessant genug, um sich mehr damit zu beschäftigen“, murmelte Hausen und wandte sich wieder dem Fenster zu.

8.
Es war ein Ritual, das sich in den Jahren seit der Gründung Mithrils etabliert hatte. Nach einer Mission schritt der kommandierende Offizier seine Leute ab. Dabei war es üblich, einzelne Leute, die gut gearbeitet hatten, aufzurufen. Dazu die Teileinheitsführer.
Für Johann Sander war dieser Gang immer schwer, vor allem wenn es Verluste gegeben hatte.
„Lieutenant Commander Allister.“ „Sir.“
„Lieutenant Colonel Santos.“ „Sir.“
„Second Lieutenant Scott.“ „Sir.“
„Captain Valeri.“ „Sir.“
„Captain Kramer.“
Thomas salutierte und meldete: „Sir, Sergeant Doherty ist auf Patrouille.“
Sander zögerte kurz. Ein Mitglied von Mithril verließ nie den Dienst. Und wenn es starb, dann ging es für die Kameraden auf die Patrouille…
„Master Chief Kuyper.“ „Sir, Techniker First Class Kenneth Lyman ist auf Patrouille.“
Wieder zögerte Johann Sander. „Stabsarzt Dr. Henrik.“ „Sir.“
„Captain Karasov.“ „Sir, Private Johnston und Corporal Nasahati sind auf Patrouille.“
Vor ihnen standen vier Särge, bedeckt mit Mithrils Flagge. Einer nur symbolisch weil von Cyrus Doherty nichts mehr gefunden werden konnte, was für eine Sargfüllung ausgereicht hätte. Wieder stockte Sander.
„Eins O, lassen Sie wegtreten.“ „Aye, Sir.“
Johann Sander ging zu den beiden wartenden Frauen herüber, die der Zeremonie schweigend beigewohnt hatten. Mit ihnen zusammen und seinen beiden wichtigsten Offizieren würde er auf den schwersten seiner Wege gehen. Vor die Hauptversammlung.
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Diesen Konferenzraum gab es auf allen Stützpunkten Mithrils. Eine auf der Black Technologie, dem fortgeschrittenen Technologieschub der Whispered basierende Hologrammtechnik ermöglichte es, in Nullzeit und mit Sichtkontakt mit den wichtigsten Offizieren und Vorgesetzten zu kommunizieren. Sie wurden per Hologramm einfach hinzugeschaltet, während sie selbst, Captain Sander und Tai-sa Testarossa sowie die Umstehenden ihrerseits in die Konferenzräume der anderen Stützpunkte und Büros übertragen wurden.
Diese Konferenz hatte schon einige Zeit hinter sich und näherte sich der kritischen Phase. Die hinter ihnen stehenden Offiziere, Lieutenant Colonel Santos, So-sho Mao und Lieutenant Commander Allister verfolgten den Verlauf besorgt.
„Die Gesamtverluste der Operation belaufen sich auf zwei M9 Gernsback, einen Kampfhubschrauber Werewolf NX, einen Arm Slave-Piloten, zwei Infanteristen und einen Techniker der FEANOR. Im Gegenzug erreichte Operation Kingdom Sahara neunzig Prozent aller Gefechtsziele und vernichtete einen Venom mit Lambda Driver.
Der FEANOR und der HOUSTON gelangen der Abschuss eines feindlichen Kilo und eines Foxtrott. Ein zweites Foxtrott hat sich beschädigt zurückgezogen.
An dieser Stelle möchte ich noch mal anmerken, dass die FEANOR in eine Falle gelaufen ist. Sie hat sich aus eigener Kraft daraus befreit, mit Erfindungsreichtum, Hingabe und Leistungsbereitschaft. Nicht zuletzt die Initiative von Captain Sander hat die Situation entschieden. Ich empfehle deshalb nachdrücklich, die FEANOR mit der jetzigen Crew in Dienst zu stellen.“
Theresa Testarossa warf Sander einen aufmunternden Blick zu. Der Kommandant der FEANOR und Stützpunktkommandeur von Styx erwiderte den Blick mit einem Lächeln.
„Es gab Einwände bezüglich des Kommandeurs der Arm Slaves, Captain Thomas Kramer“, wandte der Bereichsleiter Logistik ein, während er in seinen Unterlagen blätterte.
„So-sho Mao?“
Die ehemalige Marine trat vor. „Von meinem Standpunkt aus gibt es keine Einwände gegenüber Captain Sander. Der Mann ist sehr gut ausgebildet, hat das Vertrauen seiner Leute und macht keine Fehler. Ich empfehle nachdrücklich, ihn auf seinem Posten zu belassen.“
„Das ist es nicht. Es gibt Bedenken gegen ihn, weil er dazu neigt, sein Material als… Material zu betrachten. Er ist verschwenderisch.“
„Was? Deshalb sollte ich ihn beobachten? Wegen übermäßigen Materialverlusten?“
„Was erstaunt Sie so daran, So-sho Mao? Eine militärische Einheit steht und fällt mit ihrem Material. Wir können nicht alles sofort ersetzen, manches wie den Arbalest vielleicht nie. Ein guter Kommandeur kümmert sich immer auch um sein Material. Und wie wir wissen, liegen die Hauptverluste bei den Arm Slaves, richtig?“
„Schon, aber in diesem Fall müssen die Verluste als moderat angesehen werden“, wandte Tai-sa Testarossa ein. „Die Falken wurden ohne Vorwarnung mit einem Venom konfrontiert. Normalerweise hätte das bedeutet, dass die gesamte Truppe ausgelöscht worden wäre. Mit nur zwei Verlusten und lediglich einem Toten können wir ganz zufrieden sein. Sofern das bei dem Verlust von Menschenleben überhaupt möglich ist.“
„Das ist ein Argument. Nun, ich denke, wir haben zuviel Zeit, Geld und Personal in die FEANOR investiert und es sprechen sehr viel mehr Argumente dafür als gegen das Schiff. Ich denke, wir stellen sie in Dienst.“
Die anderen anwesenden Bereichsleiter murmelten zustimmend.
Sander stand auf. Kurz sah er hinter sich, wo Lieutenant Colonel Santos und Lieutenant Commander Allister standen. Er nickte zufrieden und sah in die Runde. „Ich danke Ihnen, meine Herren. Die FEANOR und die Besatzung des Styx-Stützpunktes werden Ihnen keine Schande machen.“
„Das erwarten wir auch, Captain Sander.“
Nach und nach gingen die Hologramme off.

Johann Sander reckte beide Arme nach oben. „JAAAA! Wir sind im Rennen!“
Übermütig ergriff er Tessas Hände und schüttelte sie. „Ich danke Ihnen, Tessa, oh, ich danke Ihnen! Ihnen auch, So-sho Mao!“
Sander schüttelte auch ihr übermütig die Hand und lief nach draußen, Colonel Santos und Commander Allister dicht auf den Fersen.
„Ich habe Johann immer für einen der Stillen gehalten“, murmelte Tessa und betrachtete nachdenklich ihre Hände. „Aber die Seite an ihm mag ich auch.“ Sie lächelte Melissa an.
„Die FEANOR ist offiziell in Dienst gestellt!“, klang Sanders aufgeregte Stimme aus dem Flur herüber. Mehrstimmiger Jubel antwortete ihm. Es verwunderte die Kommandantin doch, dass die Stimme von Allister so klar über dem Jubel zu hören war. So hatte sie den Eins O nicht eingeschätzt. Der Jubel von Santos aber passte wiederum zu seiner Persönlichkeit, fand sie.
Tessa erhob sich und ging mit Melissa ebenfalls in den Flur.
„Es tut eben ab und zu gut, aus seiner eigenen Rolle auszubrechen, Tessa. Merk dir das als Lektion fürs Leben.“ Sie zwinkerte ihrer Vorgesetzten zu.
Der Jubel wurde immer lauter, je mehr Leute von der guten Nachricht erfuhren.

„Unten am Strand läuft nachher eine Feier“, erklang hinter ihnen die Stimme von Thomas Kramer. „Ihr kommt doch auch, oder?“
„Ihr habt die Feier schon organisiert?“
Thomas stieß sich von der Wand ab und schloss zu den beiden auf. „Entweder hätten wir die Indienststellung gefeiert, oder aber das Ende.“ Er zuckte mit den Schultern. „Irgendwas gibt es immer zu feiern.“
Thomas legte Tessa eine Hand auf die Schulter. „Ich habe deine Fürsprache gehört. Ich danke dir, Tessa. Das hat wirklich gut getan. Das hat wirklich, richtig gut getan.“
Die Tai-sa wurde rot. „Thomas…“
„Und dir danke ich besonders, Melissa. Von Arm Slave-Pilot zu Arm Slave-Pilot, dein Kommentar war ein riesiges Lob für mich.“ Er schüttelte ihre Hand und legte die Linke auf ihre Schulter. „Ich kann dich nicht zufällig abwerben? Da ist ein Posten für einen Sergeant in meiner Einheit frei.“
„Keine Chance“, erwiderte Melissa lächelnd. „Da wo ich bin habe ich zuviel Spaß. Aber das heißt ja nicht, dass wir nicht mal zusammen arbeiten werden.“
„Das würde mich freuen. Dann kann ich dich wieder sehen.“
„H-hör mal, Thomas, du…“
„Rein dienstlich, versteht sich“, sagte Kramer hastig und trat einen schnellen Schritt zurück.
So-sho Mao runzelte die Stirn. „So?“
„Wie dem auch sei, kommt Ihr? Die Party hat schon angefangen, wie es scheint.“
„Klar!“ Tessa lächelte verschmitzt und ging neben Kramer den Gang hinab.
Melissa Mao betrachtete die beiden einen Moment lang. Dann schüttelte sie den Kopf. „Bin ich denn nicht mit Kurtz schon geschlagen genug? Ich frage mich, ob die beiden sich mögen würden. Oder gibt es Überschlagsblitze, wenn sie sich die Hand geben?“
Melissa Mao lachte kurz und folgte den beiden. Für eine Party war sie immer zu haben. Und ehrlich gesagt gefiel ihr der Gedanke, mal wieder mit dem Arm Slave-Team der FEANOR zusammen arbeiten zu können.