Anime Evolution I

GeschichteAbenteuer / P12
08.02.2008
06.12.2008
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Dieses Kapitel
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Prolog:
Was ist der wichtigste Moment im Leben eines Menschen? Wenn man seinen größten Hass aufbaut, oder wenn man die größte Liebe erfährt?
Der Moment also, in dem man am stärksten bewegt wird? Wer kann das schon sagen?
Mein wichtigster Moment kam jedenfalls, als sich für mich die Realität verzerrte.
Realität verzerrte? Richtig. Und das in einem Maße, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.
Und alles begann mit einer kleinen Unwirklichkeit…

1.
Da stand ich also. In eine schwarze Schuluniform mit Mandarinkragen gehüllt, eine braune Aktentasche auf dem Rücken und mit den genauen Informationen ausgestattet, wohin ich in dem schmucklosen Betonbau mit den großen Fenstern gehen musste, und welche Personen ich dort kannte – beziehungsweise kennen sollte.
Die Welt konnte so ungerecht sein. Warum musste ich wieder zur Schule? Und was viel schlimmer war, warum war ich wieder siebzehn? Wie hatte dieses merkwürdige Ding mir acht Jahre meines Lebens streichen können? Musste ich jetzt mühsam meinen Führerschein neu machen? Und wieso sollte ich schon wieder drei Jahre warten, bis ich ganz hochoffiziell Bier trinken durfte?
Die Welt war ungerecht, und das merkwürdige Ding war Schuld.
Ich erinnerte mich noch gut an diesen Moment am Vorabend, als ich diese dumme Frage gestellt hatte. Ich hatte mit meinem Freund Ralf über Mangas und Animes geredet, und dann die unheilvolle Frage gestellt: „Wie würde es wohl sein in einer Welt zu leben, die genau so aufgebaut ist wie ein Manga? Ich meine, mit gigantischen Mechas, mit Magical Girls,  Helden mit übermenschlicher Stärke, und so weiter?“
Dann hatte ich diese Stimme fragen hören: „Du willst wissen, wie es ist in einer Welt zu leben, die wie ein Manga aufgebaut ist? Mann, ich habe ja schon ein paar dämliche Wünsche gehört, aber der kommt in meine Top Ten.“
Die Stimme hatte mich nicht so sehr irritiert wie der Anblick des Sprechers. Oder vielmehr der Sprecherin. Ein niedliches kleines Mädchen, das aussah, als wäre es zusammen gestaucht worden, was vielleicht die Größe von zehn Zentimetern erklären konnte, stand plötzlich neben mir. Und dieses Mädchen – es hatte übrigens langes, blondes Haar und wirklich riesige blaue Augen – tippte in eine Art Laptop herum und kaute während dessen auf einem Ende der Schleife herum, welche ihr Haar bändigte.
Auf einmal strahlte sie mich an. „Na, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Dein Wunsch wurde genehmigt.“
„Was für ein Wunsch? Und wieso genehmigt?“, fragte ich verständnislos.
„Das Göttliche wird deinen Wunsch für dich erfüllen. Es sagt, dieser Wunsch ist so interessant, er wird es auf Wochen, vielleicht sogar auf Jahre amüsieren. Ja, ich weiß, das Göttliche ist etwas egoistisch. Aber dafür erfüllt es auch Wünsche. Und deiner, der mit dem Manga-Universum, den findet es echt klasse. Mach dich schon mal für den Transfer bereit.“
Mein gehetzter Blick ging zu Ralf, der mich anstarrte, als wäre ich gerade zu einer Mischung aus Zombie und Alien mutiert.
„Warte, warte, warte! Das habe ich mir doch gar nicht gewünscht! Stopp das!“
Aber die Vertreterin des ominösen Göttlichen hörte gar nicht zu. Sie klappte ihren winzigen Laptop zusammen und streckte ihre Rechte in die Luft. „Manga-Welt, wir kommen!“
Ein gleißendes Licht breitete sich von ihrer Hand aus, umschlang mich… Und dann war gar nichts mehr…

Ich bin dann in einem Zimmer aufgewacht, dessen Wände aus Papier waren. Eine nähere Untersuchung meiner Umgebung förderte drei erschreckende Dinge zutage: Ich war nicht mehr Zuhause, sondern in Tokio.
Ich verstand Japanisch wie meine Muttersprache, was ich daran merkte, dass ich den Report über den Mecha-Krieg gegen die ominösen Kronosier im Fernsehen problemlos verstand.
Und ich war um gute fünf Zentimeter geschrumpft und um eben acht Jahre verjüngt worden.
Das Zimmer gehörte zu einem großen Haus, welches ich offensichtlich alleine bewohnte. Es hatte einen gut gepflegten Garten mit einem großen Teich und war nicht sehr weit von der nächsten Bahnhaltestelle entfernt.
Alleine? Hier? Ich? Meine Verwirrung kannte kaum eine Grenze. Aber das Wissen war einfach so da. Genau so, wie ich wusste, dass ich nun wieder auf die Oberstufe ging, und das mein Name in dieser Welt Akira Otomo war. Na, das klang doch wenigstens japanisch.
Und noch eine Erkenntnis kroch langsam in mein Bewusstsein. Ich kam zu spät zur Schule!

Nach einer Hetzjagd zur Bahn, einer eifrigen Suche nach Schuluniform und Schultasche und der im Hinterkopf höhnisch pochenden Frage, warum ich dieses Spiel überhaupt mitspielte, stand ich schließlich und endlich vor dem Schultor. Zwei Minuten, bevor es geschlossen werden würde. Ich hatte es geschafft.
Ich, das war Akira Otomo, 17 Jahre, Blutgruppe A, im ersten Jahr auf der Oberstufe mit einem bemerkenswert gutem ersten Platz in der Klassenwertung und einem passablen zehnten in der landesweiten Wertung. Anscheinend war ich bei den letzten Prüfungen etwas faul gewesen. In früheren Jahren war ich auch schon mal unter den besten fünf gewesen.
Sportlich engagierte  ich mich im Kendo-Club und beim Baseball. Außerdem war ich mit weiteren Clubaktivitäten gesegnet wie der Schülerzeitung, dem Schülervorstand und einem Kochkurs.
Verzweifelt legte ich beide Hände vors Gesicht. Hatte dieser Akira, also ich, eigentlich einen winzigen Hauch Freizeit neben Schule, Sport und Clubs? Das klang so typisch nach einem Manga-Idol, dass es fast schon wieder Spaß zu machen versprach.
Wenn ich dieses Wesen, das mich in diese Welt versetzt hatte, jemals erwischen sollte, dann… Nun, meine Gedanken zu diesem Thema waren alles andere als freundlich. Und ich war erst eine gute halbe Stunde in dieser Welt.

Vor mir begann sich das Schultor zu schließen. Also setzte ich mich in Bewegung und überschritt es noch rechtzeitig. Wer später kam, das wusste ich auch ohne aus einem einzigen Anime zu zitieren, wurde mit Strafarbeiten gemaßregelt oder musste nachsitzen.
„Du kommst spät, Otomo-kohai“, mahnte mich die Stimme des jungen Mädchen, welche das Tor gerade schloss. „Als Mitglied des Schülervorstands musst du ein Vorbild sein.“
Ich musterte das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren und dem strengen, beinahe gefühllosen Blick. Kannte ich sie? Sie schien aber auf jeden Fall mich zu kennen. Und die Ansprache als Kohai sagte eindeutig, dass sie mindestens eine Klasse über mir war.
„Entschuldige, Sempai“, erwiderte ich, bevor ich richtig wusste, was ich tat, „es kommt nicht wieder vor.“
„Wartet!“, erklang eine helle, hektische Mädchenstimme, bevor die Schwarzhaarige antworten konnte. Ich drehte mich um und bekam gerade noch mit wie ein blonder Schemen durch die letzte Lücke schoss – genau auf die Stelle zu, an der ich stand!
Einen Moment später rannte etwas in mich hinein und warf mich um. Ich schlug hart auf dem Boden auf und wurde doppelt bestraft, als das, was in mich hinein gerannt war, nun auch noch auf mir landete.
„Es tut mir leid, Akira-san!“, hörte ich die hektische Mädchenstimme erneut. „Bist du verletzt?“
„Hina“, sagte die Schwarzhaarige und trat neben uns. „Erstens solltest du nicht immer so spät kommen, sonst wirst du irgendwann vor dem verschlossenen Tor stehen und nachsitzen müssen.“
Ich öffnete die Augen und erkannte ein blondes Mädchen mit langen Zöpfen, dass auf mir hockte, zu der Schwarzhaarigen hoch sah und in einer Verlegenheitsgeste beide Zeigefinger gegeneinander drückte.
„Tut mir leid, Akane-Sempai“, sagte sie bedrückt. „Aber das Frühstück war so lecker, und ich habe den ersten Zug nicht mehr gekriegt, und…“
„Wie dem auch sei“, sagte Akane. Natürlich, Akane Kurosawa, die Stellvertretende Vorsitzende der Schülervertretung. Wie konnte ich das nur vergessen? Oder vielmehr, warum wusste ich das?
„Zweitens, du solltest langsam von Otomo-san runter klettern.“
Hina starrte aus großen Augen erst Akane und dann mich an. „Tschuldigung!“, rief sie aufgeregt und versuchte aufzustehen. Was dazu führte, dass sie natürlich ausrutschte, wieder auf mich fiel und mich beinahe mit ihrem Busen erstickte. Was für ein Universum war das hier? Eins für hübsche, tollpatschige Mädchen?
Endlich hatten wir unsere Beine entwirrt, und ich beschloss als Erster aufzustehen. Wider erwarten gelang es mir recht gut. Danach reichte ich dem blonden Mädchen die Hand und half ihr hoch, wobei ich peinlich genau darauf achtete, nicht von ihr aus Versehen erneut zu Boden gezogen zu werden.
„Danke sehr.“
„Keine Ursache. Sei das nächste Mal einfach früher da“, erwiderte ich, obwohl mir eigentlich ein herzhaftes "Idiot" auf der Zunge lag. Aber so war sie eben. Hina Yamada, ein unbeholfener Tollpatsch, den man nur lieben oder hassen konnte. Ich war mir in dem Punkt jedenfalls noch nicht sicher.

Für einen Moment überlegte ich, für sie ihre Tasche aufzuheben, aber ich sah uns schon im Geiste mit den Köpfen zusammen schlagen. Deshalb schob ich nur meinen linken Fuß unter ihre Tasche und richtete sie auf.
Danach schob ich den Fuß durch den Griff meiner Tasche und machte eine schnelle Beinbewegung nach oben. Die Tasche flog durch die Luft, schlug ein paar Salti und landete dann, mit dem Griff vorneweg, direkt in meiner rechten Hand. Ich wandte mich um, legte die Tasche auf meinen Rücken und winkte zum Abschied über meinen Rücken hinweg. „Wir sehen uns in der Klasse, Hina.“
Ich war kaum ein paar Schritte weit gekommen, als ich Hinas Stimme hörte: „Akira-san ist soo cool.“
Ein schmachtender Seufzer folgte, und für einen Moment glaubte ich, dabei Akanes Stimme erkannt zu haben.
Diese Welt war merkwürdig. Und interessant. Ich beschloss, das Spiel noch einige Zeit länger mitzuspielen. Vielleicht wurde es noch ganz spaßig.
***
Ich orientierte mich erstaunlich gut innerhalb des Gebäudes und fand meinen Klassenraum auf Anhieb. Und was noch erfreulicher für mich war, bei vielen Gesichtern fiel mir nicht nur der Name der betreffenden Person ein, ich wusste auch, wie ich zu ihr stand.
Da war zum Beispiel die vollkommen unterkühlte Megumi, die in ihrer Schuluniform wirklich gut aussah. Der Rock brachte ihre langen Beine schön zur Geltung, und… Jedenfalls war ich einer der wenigen, mit denen sich Megumi unterhielt. Wir waren Freunde seit Kindertagen, das wollte mir meine neue Erinnerung zumindest weiß machen.
Megumi war mehr als etwas Besonderes. Trotz ihres geringen Alters war sie bereits Pilotin eines Hawks, also eines der riesigen Kampfroboter, welche die Erde gegen die ominösen Kronosier verteidigten,  und sie musste für ihre diversen Einsätze öfter mal die Schule verlassen. Die Erfahrungen mit Zerstörung, Tod und die Möglichkeit, selbst verletzt und getötet zu werden, während sie sich in ihrem Hawk-Mecha mit den gegnerischen, außerirdischen und meist von Verrätern gesteuerten Daishi-Mechas prügelte, hatte sie noch introvertierter und zynischer gemacht, als sie ohnehin schon war. Ich erinnerte mich an den Fernsehbericht vom Morgen. Hatten sie nicht auch ein Bild von Megumi gezeigt, in einem knallengen Druckanzug? Wie war sie genannt worden? Captain Uno? Jedenfalls war sie an diesem Morgen besonders einsilbig zu mir. Aber immerhin konnte ich sie dazu überreden, mal zur Abwechslung mit mir aus zu gehen. Verdammt, diese Scheinwelt war gut. Warum nahm ich meine neue Erinnerung nur so gut an? Noch machte mir das Geschehen Spaß, aber ich fürchtete mich vor dem Moment, wenn mir die Welt nicht mehr gefiel.

Kenji Hazegawa empfing mich. Er war ein für einen Japaner viel zu großer, schweigsamer Koloss von eins Neunzig Körpergröße, der nur aus Muskeln und Schweigsamkeit zu bestehen schien. Seine Haare waren feuerrot, weil er sie regelmäßig bleichte, und er prügelte sich oft – viel zu oft für meinen Geschmack. Aber das lag daran, dass er immer und immer wieder angegriffen wurde. Er hatte die schlechte Angewohnheit zu gewinnen. Das machte ihn zum Ziel für wirklich jeden Schläger im Distrikt. Ansonsten aber war er wirklich ein netter Kerl.
Seit ich ihm mal bei einem Krampf im Bein geholfen hatte, sah er sich als mein persönlicher Beschützer an. Und so sehr ich seine Kampfkraft auch schätzte, seine schweigsame Art und die wenigen Momente Konversation auf wirklich hohem Niveau, er zog eigentlich mehr Ärger an, als das alles wert war. Aber nichtsdestotrotz empfand ich ihn als Freund. Und das nicht nur, weil meine Erinnerung in dieser Welt darauf programmiert war.
Er begrüßte mich schweigsam und folgte mir in den Klassenraum. Hatte er etwa wieder auf mich gewartet?
Bevor ich mir darüber ernsthaft Gedanken machen konnte, hatte ich plötzlich einen Unterarm am Kinn und mein Rücken machte Bekanntschaft mit der nächsten Wand. Verblüfft sah ich auf und erkannte – Ralf!
„Du hirnloser Idiot!“, zischte er wütend. „Wie konntest du mir das antun? Was habe ich in deiner Anime-Welt verloren?“
Kenji war verblüfft und wusste nicht, was er tun wollte. Immerhin war Ralf ebenso ein Freund für ihn wie ich, wenn meine schlagartig einsetzende Erinnerung korrekt war.
Besänftigend hob ich eine Hand. „Keine Sorge, Kenji-kun. Wir unterhalten uns nur.“
Kenji nickte und setzte sich auf seinen Platz.
Ralf knurrte mich wütend an. „Unterhalten, eh?“
„Entschuldigung, Yoshi-san“, erklang eine Stimme hinter ihm. Ralf hieß Yoshi? Ich unterdrückte ein Auflachen.
Die Stimme gehörte zu einem kleinen, schüchternen Mädchen namens Shirai. Ami Shirai, um genau zu sein. Auf den ersten Blick konnte man sie wirklich für das halten, was man sah. Ein kleines, schwächliches und kränkliches Mädchen mit langen, zu zwei Zöpfen gebundenen braunen Haaren. Aber wenn man sich vergegenwärtigte, dass sie den Ersten Dan in Karate und den braunen Gürtel in Judo hatte, konnte man es mit der Angst kriegen.
„Yoshi-san, tut das Akira-san nicht weh?“, fragte sie mit traurigen Augen. Eine Art Reflex huschte darüber hinweg und Ralf – nein, Yoshi – wurde ein wenig bleich.
Er nahm den Arm von meiner Kehle und winkte beschwichtigend. „Nein, nein, ich wollte Akira nur einen neuen Griff zeigen. Wir sind doch Freunde und würden einander nie wehtun.“ Er boxte mich kräftig in die Seite. „Nicht, Akira?“
Ich legte meine Rechte um seinen Nacken und nahm ihn in den Schwitzkasten. Weit härter, als es für eine freundliche Geste sein musste. „Natürlich, Yoshi. Entschuldige uns, Ami-chan, wir haben was zu bereden.“

Im Schwitzkasten schleifte ich Ralf alias Yoshi mit mir auf den Gang und schloss die Tür hinter uns. „Du bist also auch hier.“
Yoshi nickte ärgerlich. „Ja. Ich bin auch hier. Yoshi Futabe, siebzehn Jahre alt, Blutgruppe AB Negativ, Sohn eines Anwalts, Mitglied des Schülervorstandes, diverse Clubaktivitäten und Mitglied einer Gruppe, die sich Akiras Zorn nennt. Genau. Nach dir benannt, Alter. Und wie es scheint, bin ich dein Stellvertreter. Alle Mitglieder dieser Gruppe sind recht populär. Nicht unbedingt weil sie in dieser Gruppe sind. Eher trotzdem.“
Nachdenklich rieb er sich den Nacken. „Okay, ich hätte es weitaus schlimmer erwischen können. Aber musstest du mir das antun? Was soll ich hier? Und wie kommen wir wieder zurück?“
„Ich weiß es nicht, Ralf. Yoshi. Ich habe mir das hier wirklich nicht gewünscht und ich habe keine Ahnung, wie lange es dauern wird. Ich weiß nur eines, ich bin dankbar dafür, dass du hier bei mir bist. Das ist wenigstens eine sichere Konstante.“
Yoshis Widerstand schmolz dahin wie Butter in der Sonne. Verlegen sah er weg. „Es könnte wirklich schlimmer sein. Na, vielleicht macht es sogar eine Zeit lang Spaß.“

„Aber, aber, Akira-chan, Yoshi-chan. Was macht Ihr hier noch draußen auf dem Gang? Ich will euch doch nun wirklich keine Strafarbeit aufgeben müssen, also ab in die Klasse.“
Yoshi wurde bleich. Ich bemerkte, wie ein Tropfen Blut aus seiner Nase lief. War er so empfindlich?
Ich wandte mich um – und spürte, wie mir das Blut aus dem Kopf absackte.
Die Frau, die vor uns stand, war Ino-Sensei, unsere Klassenlehrerin. Sie hübsch zu nennen war eine gnadenlose Untertreibung. Sie war der Knaller schlechthin. Groß, schlank, blond, das lange Haar kunstvoll hoch gesteckt, mit wirklich hübsch und wirklich eng verpackten Proportionen war sie, nun, perfekt. Sie lächelte uns über den Rand ihrer Lesebrille an und öffnete mit der Rechten die Tür zum Klassenraum. Ihre Stimme war zart und hell und erinnerte an den Gesang besonders begabter Vögel. „Nun aber rein mit euch, ja?“
Als wir darauf nicht reagierten, verschwand das freundliche Lächeln und eine dicke Ader begann auf ihrer Stirn zu pulsieren. Zwischen ihren Augen entstand eine tiefe Falte. „SOFORT!“, blaffte die Lehrerin. Und mit der Stimme hätte sie durchaus im U.S. Marinecorps als Drillsergeant dienen können.
Hastig drängelten Yoshi und ich uns nebeneinander durch die Tür und eilten auf unsere Plätze.
Yoshi strahlte mich an. „Du bist ein Genie, Alter. Du bist ein Genie. Das hier ist das Paradies…“ „Äh, deine Nase blutet.“
„Was?“, fragte er und suchte nach einem Taschentuch. Von allen umliegenden Pulten wurden ihm Taschentücher gereicht. Verwundert registrierte ich, dass es vier Mädchen und drei Jungen waren. Und alle hatten einen ziemlich dämlichen Glanz in den Augen.
Yoshi schluckte hart und zog sein eigenes Taschentuch hervor. „Habe schon, danke.“
Er sah in enttäuschte Gesichter, und vor allem bei den Jungen schluckte er erneut.
Ich seufzte leise. Paradies? Paradies für wen?

„So, nachdem Futabe-kun versorgt ist“, begann Ino-Sensei, „können wir ja mit der Homeroom vor dem Unterricht beginnen. Guten Morgen, Klasse.“
Wieder seufzte ich. Ach ja, das war der zweite Nachteil an dieser Welt. Ich musste schon wieder die Schulbank drücken und etwas lernen. „Guten Morgen, Sensei“, sagte die Klasse und ich fiel lustlos ein.


2.
Nach dem Unterricht bei Ino-Sensei verabschiedete ich mich mit Yoshi aus der Klasse. Ich hatte meinen Kragen geöffnet und die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Diese Welt begann mir mehr und mehr zu gefallen. Und das machte mir Angst. Yoshi hingegen schien bereits vergessen zu haben, dass er vor nicht einmal einem Tag noch Ralf hieß. Er ging neben mir her, die Augen in stillem Glück zugekniffen und summte vor sich hin. „Oh, Ino-chan. Meine süße Ino-chan.“
„Du wirst eine Menge Herzen brechen, wenn deine Begeisterung für unsere Klassenlehrerin zu offensichtlich wird, Yoshi“, bemerkte ich amüsiert. „Vor allem die armen Jungs werden am Boden zerstört sein.“
Yoshis Gesicht fror zu einer Grimasse des Entsetzens ein. „Er… innere… mich… nicht… daran!“, erwiderte er wütend.
Yoshi ging mit einer Hand durch sein kurz geschnittenes, blondes Haar – war es vorher auch schon blond gewesen, ich meine so strahlend blond? – und sagte: „Ach, es ist ein Fluch, so gut auszusehen wie ich.“
„Soll ich Amnesty International verständigen, oder kommst du auch ohne internationalen Schutz klar?“
Er verzog das Gesicht zu einer mürrischen Miene. „Danke. Schneller konntest du mich wohl nicht aus meinem Höhenflug holen, was?“
„Nein, schneller ging nicht.“

Wir waren auf dem Weg zum Raum der Schülervertretung. Ich wollte die kleine Pause nutzen, um mir ein paar wichtige Unterlagen abzuholen. Ein Wunder, dass ich mich sowohl im Unterricht als auch in diesem Leben zurecht fand. Yoshi begleitete mich, weil er hoffte, im Lehrerzimmer Ino-Sensei wieder zu sehen. Beide Räume lagen nebeneinander.
Und schon hatte er wieder dieses selige Lächeln aufgesetzt.
Ich lächelte amüsiert und war für das, was nun kam, vollkommen unvorbereitet. Ein Gefühl von Gefahr ging mir durch den Körper. Es war eine Mischung aus Eiseskälte und Adrenalinschub. Ich blieb ruckartig stehen. Bedrohung? Von wo? Vor mir auf dem Boden lag ein Foto mit der Rückseite nach oben. Vorsichtig hob ich es auf. Wirklich, ich hatte ein Gefühl, als würde es sich in meiner Hand in flüssiges Eisen verwandeln.
Als ich es umdrehte, spürte ich, wie mein Blut erneut absackte. Yoshi begann neben mir zu brodeln wie ein aktiver Vulkan. Nun, ich konnte ihn verstehen, denn das Foto war von uns. Genauer gesagt, wir beide waren in einer, nun, kompromittierenden Situation fotografiert worden.
„Akira. Sag mir, dass wir uns nicht geküsst haben!“, rief Yoshi wütend. „Sag mir, dass das Ding eine Fälschung ist!“
Ich drehte und wendete das Foto in meiner Hand und fand eine Notiz auf der Rückseite. Sie bezog sich auf Fünferset Nummer achtzehn und trug einen Preis. Fünftausend Yen pro Serie.
„Es ist eine Fälschung, reg dich wieder ab. Eine Fotomontage.“ In gespielter Dramatik imitierte ich Yoshis Geste von vorhin. „Ach, du hast Recht. Es ist ein Fluch, so gut auszusehen.“
„Mach dich nicht über mich lustig! Wer verbreitet überhaupt solche Dinger?“ Wütend sah er sich um, und die wenigen auf dem Flur anwesenden Schüler hatten es plötzlich eilig, mit irgendetwas beschäftigt zu sein.
„Ähm“, sagte ein junges Mädchen, das aus dem Klassenraum unserer Parallelklasse trat. Sie starrte uns aus großen, traurigen Augen an. „Ich kann das Bild für euch wegwerfen, Futabe-kun, Otomo-kun.“
Ich betrachtete sie genauer. Schwarze, lange, offene Haare, Gefühlvolle Augen, deren feuchter Schimmer selbst einen Stein zum schmelzen gebracht hätte, und ein unschuldiger Blick, der niemals den Eindruck erwecken würde, dies wäre ihr Foto.
„Wegwerfen? Aber du hast doch fünftausend Yen dafür bezahlt. Hier.“
Das Mädchen wurde puterrot, als ich es enttarnt hatte. Sie senkte den Kopf verlegen, schaffte es aber dennoch, das Bild zu ergreifen. „Entschuldigt mich“, hauchte sie und verschwand wieder in ihrer Klasse.
„Warum hast du das Foto nicht vernichtet? Jetzt ist es weiterhin im Umlauf“, beschwerte sich Yoshi.
„Weil es nichts genutzt hätte. Sie wird kaum die Negative haben. Und selbst wenn wir die in die Finger kriegen, es würden neue Fotos von uns gemacht werden. Lass ihnen doch ihr Hobby und ihre Träumereien von hübschen, sich küssenden Männern.“
Bei dem Gedanken, dass es nicht bei diesen Fotomontagen bleiben würde, schluckte ich einmal hart und nachdrücklich. Aber auch dagegen konnte und würde ich nichts unternehmen. Hauptsache, ich bekam diese Bilder niemals zu Gesicht. Mehr verlangte ich doch gar nicht.
„Komm jetzt, sonst ist die Pause vorbei.“

Der Raum der Schülervertretung war verlassen. Bis auf eine sehr nachdenkliche Akane Kurosawa, die auf einen laufenden Fernseher starrte. Wieder war ein Bericht über Mechas zu sehen. Und wieder erschien Megumis Gesicht als Porträtfoto, eingeblendet in einen Mecha-Kampf zwischen einem Hawk und einem Daishi. Der Hawk gewann mit Bravour.
Danach blendete der Bericht um und zeigte einen grotesk entstellten Menschen, der von uniformierten Mädchen in engen weißen Trikots und kurzen – sehr kurzen – verschiedenfarbigen Röcken in einer Art Energiefeld gefangen wurde und sich dort in einen Menschen verwandelte.
„Hallo, Sempai.“
Sie sah kurz auf und deutete auf einen voll gepackten Schreibtisch. „Deine Sachen liegen da irgendwo, Akira. Hallo, Yoshi.“
Sie seufzte tief und vernehmlich. Und ich wunderte mich. Kein Kohai? Kein San als Namensanhängsel?
„Was bedrückt dich, Sempai?“, fragte Yoshi und lächelte sie an. Dabei schien ein Scheinwerfer ein besonders helles Stück auf seinen weißen Zähnen zu treffen und einen Lichtschein zu verursachen.
Akane wandte sich für dieses Schauspiel nicht einmal um. Was Yoshi nicht wirklich gut aufnahm.
„Das da“, sagte sie ernst. „Die ganze Welt ist ein Tollhaus, und hier ist die Zentrale. Nicht nur, das wir mit Megumi Uno eine Elitepilotin der United Earth Mecha Force auf unserer Schule haben, ich habe auch Hinweise, dass diese Gruppe Mädchen, die Magischen Youma Slayer, auf unsere Schule gehen. Und als wenn das noch nicht genug wäre, haben wir auch noch in irgendeiner Klasse einen wichtigen VIP, der von mehreren Geheimagenten Undercover bewacht wird. Von den anderen Sachen, die die Schülervertretung noch gar nicht aufgedeckt hat, will ich gar nicht erst reden.“
„Verstehe“, sagte ich und ergriff meine Unterlagen. In Wahrheit schwirrte mir der Kopf. Diese Welt schien vielfach bedroht zu sein. Von angreifenden Mechas im Weltraum, von Dämonen hier in der Stadt, und dann schienen noch diverse Geheimdienste miteinander zu konkurrieren.
„Sei unbesorgt, Sempai“, sagte Yoshi und löste wieder dieses Funkeln seiner makellos weißen Zähne aus. „Als Mitglied der Schülervertretung werde ich meinen Teil dazu beitragen, um diese Schule zu einem sicheren Hort für alle zu machen, die hier für ihren weiteren Lebensweg lernen wollen.“
Machte er das Funkeln absichtlich? Konnte ich das auch? Ich warf einen kurzen Blick in den nächsten Spiegel und versuchte besonders gut zu lächeln. Der Lichtblitz, der dabei entstand, blendete mich für ein paar Sekunden.
Ich blinzelte, um die hellen Flecken vor meinen Augen zu vertreiben. Okay, das war eine dumme Idee.
Akane sah zu mir herüber. Wo hatte sie die schwarze Sonnenbrille her? „Bist du fertig mit deinen Selbstversuchen, Akira?“ Ich nickte.
„Gut, dann hör zu. Du auch, Yoshi. Wir müssen wissen, wer von unserer Schule zu den Magischen Youma Slayer gehört, und wer der VIP ist. Und wer die Agenten sind, die ihn beschützen. Es ist immer gut zu wissen, wer potentiell für Ärger verantwortlich sein könnte, um ihn oder sie im Auge zu behalten.“
„Zumindest die Youma Slayer sollten kein so großes Problem sein. Sie tragen ja nur diese lächerlichen Kostümchen, wenn sie einen Dämon vernichten“, sagte Yoshi. „Es sollte ein Leichtes sein, sie dabei zu fotografieren und sie anhand ihrer Gesichter zu identifizieren.“
Akane lachte freudlos. „Meinst du nicht, das hätten wir nicht schon mal versucht? Man kann sich nicht an die Gesichter der Mädchen erinnern, und auf Fotos sind sie auch nicht zu erkennen. Kein Computer der Welt konnte die Fotos bisher scharf stellen.“
„Das ist irgendwie unfair.“
Akane lächelte mitleidig. „Willkommen in meiner Welt.“
Die Klingel zur nächsten Stunde beendete die Konversation. „Okay, wir haben ein Auge auf die Situation, Akane-chan. So, wir müssen zurück in unsere Klasse.“
Ich winkte ihr noch mal und wunderte mich noch über die plötzliche Röte ihrer Wangen, da war ich schon mit Yoshi wieder auf dem Gang.

„Warum hast du sie Chan genannt? Läuft da was zwischen euch beiden?“
Ich erstarrte. „Habe ich das? Da kann ich wohl froh sein, dass sie mir den Fernseher nicht hinterher geworfen hat, was?“
Yoshi warf mir einen bösen Blick zu. „Mir scheint, bei dir wirkt die gleiche Magie, die auch die Youma-Slayer verschleiert, Alter.“
„Was auch immer. Zurück in die Klasse, bevor Ino-sensei uns vermisst.“
Yoshi setzte wieder sein strahlendes Lächeln auf. „Ja, auf in die Klasse. Ino-chan, ich komme.“


3.
Abgesehen vom Unterricht und den diversen Bedrohungen, die anscheinend irgendwo in dieser Welt lauerten, um dann über mich herzufallen, wenn ich es am wenigsten erwartete, war es wirklich ganz nett hier. Ärgerlich war nur, dass ich für die große Mittagspause kein ordentliches Lunchpaket mitgenommen hatte und nun auf einem eher geschmacklosen Frühstücksriegel aus einem Automaten herum kaute. Aber das war egal. Mit einem Schluck kalten Tee konnte man es runter spülen, während man auf dem Dach saß und die treibenden Wolken am Himmel bewunderte.
Es war ein schöner, strahlender Tag, und ich verbrachte die Mittagspause mit einigen Freunden auf dem Dach der Schule. Diese Freunde waren meine Gruppe. Akiras Zorn. Eine Gemeinschaft von Jungen, die gegenseitig aufeinander aufpassten. Die Oberstufe war ein raues Pflaster, und wir Youngster nicht viel mehr als Freiwild. Doch gemeinsam konnten wir uns durchsetzen. Wir, das waren natürlich ich und Yoshi, dazu Kenji Hazegawa, sowie zwei weitere Jungen aus Parallelklassen, die mit uns an die Schule gekommen waren.
Da war einmal der weißhaarige, schmächtige Kei mit der großen Lesebrille. Kei Takahara, Computer- und Bücherwurm, niedlich, aber kaum in der Lage, jemals einer Fliege etwas zu Leide zu tun. Das war aber nur eine Seite seiner Persönlichkeit. Wenn er wütend wurde, hatte es in etwa den gleichen Effekt, sich ihm in den Weg zu stellen wie einer außer Kontrolle geratenen Dampfwalze. Bevor er mit uns zusammen gekommen war, hatte man ihn viel gehänselt, was zu seinem ersten Wutausbruch geführt hatte. Durch uns und diverse Gelegenheiten hatte er gelernt, diese Wut als Kraft zu nutzen und zu steuern.
Und natürlich war da noch Doitsu Ataka, ein streng wirkender, schwarzhaariger Junge von schlankem hohem Wuchs, der selten lachte, und noch seltener unformell war. Seine Eltern hatten ihn traditionell erzogen und es hatte uns einige Mühe gekostet, aus ihm mal ein unverschämtes Grinsen heraus zu locken.
Seitdem taute er ab und an auf. Aber selbst in unserer Gegenwart gab er sich meistens förmlich. Er trug als einziger aus unserer Gruppe eine Brille, die er immer wieder in einer beinahe dramatischen Geste die Nase hinauf schob. Er war nicht gerade der stärkste Kämpfer in unserer Gruppe, aber er hatte eine gute Technik und war ein guter Stratege. Und mit seiner Art, die viele als hochnäsig und arrogant missverstanden, hatte er mehr als genügend Gegner an der Schule. Vor allem die höheren Jahrgänge hatten es auf uns abgesehen. Gut einmal die Woche gerieten sie mit uns aneinander und hatten bisher immer den Kürzeren gezogen. Das war gut zu wissen. Aber so erschreckend banal. Ich, der Anführer der vorherrschenden Schulclique. Ich schüttelte gedankenverloren den Kopf.

„…ist unglaublich!“, wetterte Yoshi, „Auf dieser Fotomontage küssen wir uns! Könnt Ihr euch das vorstellen? Weiber, pah. Womit die ihre Freizeit verbringen, will ich gar nicht so genau wissen.“
Doitsu schob seine Brille wieder die Nase hinauf und bemerkte mit dem Ansatz eines Schmunzelns: „Das kannst du ihnen aber nicht verdenken, Yoshi. Du bist nun mal der hübscheste Schüler an dieser Schule.“
Wütend fuhr Yoshi auf. „Verwende nie wieder das Wort hübsch im Zusammenhang mit mir, klar?“
Nun lächelte Doitsu. Es war ein trotziges, herausforderndes Lächeln. „Was, wenn ich es doch tue?“
„Ruhig, Jungs, ruhig“, sagte Kei und ging dazwischen. „Wegen der Mädchen und ihrer Marotten muss man sich nicht aufregen. Außerdem gibt es auch solche Fotos von dir, Doitsu.“
Der steife Schüler erstarrte. „Von… mir?“
„Ja, einen Satz auf dem du Akira küsst, einen Satz auf dem du Yoshi küsst, drei Sätze auf dem du…“
„Wieso weißt du so gut darüber Bescheid?“, hakte ich nach.
Kei grinste in die Runde. „Na, ratet mal, wer die Nachbearbeitung dieser Fotos übernimmt.“
Spontan standen Doitsu, Yoshi und ich auf.
„Regt euch nicht auf, Jungs“, beschwichtigte Kei. „Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer und verdient an den Fotos. Ratet mal, warum ich euch in letzter Zeit so oft einladen konnte. Außerdem, solange ich die Fotos bearbeite, wissen wir wenigstens immer, welche Art von Fotos im Umlauf sind, oder?“
„Du verlogener, kleiner Halunke!“, rief Yoshi und nahm den Kleineren in einen Schwitzkasten. „Da hast du also das Talent und die Software und sagst uns gar nichts?“
Er zog aus seiner Uniformjacke zwei Fotos hervor. „Hier, kannst du mein Foto mit dem von Ino-Sensei übereinander legen und es so drehen, dass wir uns küssen? Ja? Ja?“
„Na, der hat sich aber schnell wieder beruhigt“, kommentierte Doitsu amüsiert.
„So ist er halt, unser Yoshi“, murmelte Kenji. „Er sieht in allen Möglichkeiten das Beste. Vor allem für sich.“
Wir lachten über den Scherz des Riesen. Und ich wollte schon etwas erwidern, als plötzlich Sirenen aufklangen.
Doitsu seufzte ergeben. „Evakuierungsalarm. Hatten wir ja schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich sind Daishis durch die Orbitalverteidigung gebrochen.“
„Verstehe ich das richtig? Die United Earth Mecha Force hat einen oder mehrere Mechas des Gegners durchgelassen?“
„Sieht ganz so aus. Und anscheinend hat er Kurs auf Japan. Kommt, die Schutzräume bleiben nur ein paar Minuten offen.“ Doitsu erhob sich und ging vor. „Wahrscheinlich werden sie sowieso wieder irgendwo in der Stratosphäre abgefangen, und wir werden von Verwüstungen verschont. Dafür wird es aber spektakuläre Bilder in den Nachrichten geben.“

Ich nickte und schloss mich den anderen an. Bis ich den Hubschrauber bemerkte. Verwundert betrachtete ich die schlanke Maschine und wusste sofort, dass ich es mit einem Leichten Bell-Transporter zu tun hatte. Die Flugmaschine hielt genau auf dieses Dach zu.
Das erstaunte mich einen Moment. Bis Megumi auf dem Dach erschien. Schweigsam stellte sie sich neben mich und sah der langsam näher kommenden Maschine zu.
Plötzlich sah sie mich direkt an. „Du hast dich also entschieden?“
Alarmiert sah ich sie an. Entschieden? Wofür?
Der Hubschrauber kam näher und begann über dem Dach zu schweben. Eine Strickleiter wurde herab gelassen. Megumi erklomm die ersten Sprossen.
„Viel Glück, Megumi-chan“, sagte ich laut genug, um den Rotor zu übertönen.
Sie sah mich nachdenklich an, und ich spürte ihre Linke am Kragen meiner Schuluniform. „Für den Schutzraum ist es jetzt zu spät. Du fliegst besser mit, Akira.“
Meine Gedanken jagten sich. Und bevor ich mich versah, kletterte ich hinter Megumi die Strickleiter hinauf, die ganze Zeit darauf bedacht, ihr nicht unter den Rock zu sehen. Obwohl das fast unmöglich war. Aber auf diese Weise konnte ich vielleicht einen Hawk aus nächster Nähe sehen, eventuell einen echten Kampf mit den Daishis sehen.
Als wir in der Kabine waren, ruckte der Helikopter an und flog los.
Wortlos öffnete Megumi ihre Uniformbluse und zog sie aus. Ich stand da und starrte sie sprachlos an. Okay, das hatte ich nicht erwartet.
Megumi öffnete ein Staufach und zog einen blauen Druckanzug hervor. Sie warf ihn mir zu. „Anziehen.“ Für sich zog sie einen roten hervor. Sie öffnete den Verschluss ihres Rocks und ich erwischte mich dabei, wie ich sie immer noch anstarrte. Peinlich berührt wandte ich mich um und begann mich ebenfalls auszuziehen. Und bevor ich mich noch fragen konnte, warum ich einen Druckanzug tragen sollte, hatte ich ihn auch schon halb angelegt.
Megumi trat von hinten an mich heran und half mir mit den Verschlüssen. „Das kommt alles mit mehr Übung wieder.“Sie drehte mich mit sanfter Gewalt um, damit sie den Kragenwulst versiegeln konnte.
Peinlich berührt sah ich zur Seite. Hätte sie nicht zuerst ihre eigenen Verschlüsse schließen können? Sie trug zwar noch einen BH, aber selbst im Badeanzug blitzte nicht mehr Haut bei einem Mädchen.

„Nun tue nicht so, als hättest du noch nie ein halbnacktes Mädchen gesehen“, tadelte sie mich und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Das war das erste Mal an diesem Tag.
„Ein halbnacktes Mädchen oder eine halbnackte Megumi, das ist ein himmelweiter Unterschied, Megumi-chan.“
Sie errötete, und auch diese Reaktion an ihr sah ich heute zum ersten Mal. Verlegen schloss sie ihren Druckanzug.
„Wohin fliegen wir überhaupt?“, fragte ich.
„Wir fliegen zu unseren Mechas, Akira.“
„Unseren Mechas? Unseren?“
„Unseren“, bestätigte sie.
„Oh-oh…“


3.
Der Hubschrauber brachte uns zu einer Basis der United Earth Mecha Force. Das Besondere an dieser Anlage war, das sie in fünf Kilometer Höhe über der Erde, genauer gesagt über dem Pazifik schwebte, etwa zweihundert Kilometer südöstlich von Tokio.
„Das ist die untere Plattform, die Titanen-Basis“, erklärte Megumi. „Sie ist mit OLYMP verbunden, ihrer…“
„Ihrer Schwesterplattform in einer stationären Höhe von einhundert Kilometern. Damit befindet sich OLYMP nominell in der Exosphäre, der äußersten Schicht unserer planetaren Atmosphäre, die dort eine geringe Dichte hat, die man schon als Teil des Weltraums ansieht. Fünf so genannte Orbitallifts sorgen für einen Materialverkehr zwischen der Titanen-Basis und OLYMP. Jeder einzelne hat eine Kapazität von einhundert Tonnen. Dazu kommen zwei kleinere Lifte, die für den Personenverkehr ausgelegt sind. Jeder von ihnen kann zugleich zwanzig Menschen transportieren. Sowohl die Titanen-Basis als auch OLYMP unterhalten Wartungs- und Startmöglichkeiten für die Mechas der United Earth Mecha Force, die Hawks, die Eagles und die Sparrows. Die meisten Mecha-Operationen finden aber im Weltraum statt, alleine um die Materiallieferungen vom Mond zu eskortieren.
Auf der Titanen-Plattform sind permanent achttausend Soldaten aus neunzehn Nationen sowie zwanzig Mechas verschiedener Klassen stationiert.
Auf OLYMP hingegen arbeiten fünfzigtausend Soldaten und Zivilpersonen aus über vierzig Nationen unter Aufsicht der United Earth Mecha Force, einem Vertreter der United Nations. OLYMP ist nicht nur in der Lage, über hundert Mechas aller Klassen zu warten und zu versorgen, die Plattform verfügt auch über die Kapazitäten zur Wartung der Fregatten und Zerstörer der Yamato- und Midway-Klasse, die im Raumgebiet um Erde, Mond und Mars operieren. Eine weitere Basis dieser Art, die ARTEMIS, die mit der erdnahen Plattform APOLLO verbunden sein wird, ist im Bau und soll über die doppelte Kapazität verfügen und den Bau neuer Schiffe ermöglichen, die im Vergleich zur Midway-Klasse die Größe von Kreuzern haben sollen. Werften zum Bau der neuen Klasse sind fast schon fertig. Habe ich etwas vergessen?“
Megumi nahm die Flut an Informationen gelassen hin.
„Du solltest vielleicht auch noch erwähnen, dass die Titanen-Plattform über zwei Staffeln Atmosphäregebundener Jagdflieger vom Typ Hawkeye verfügt. Du bist immer noch gut informiert. Respekt“, stellte sie fest, während ein großer Schatten vor uns auf dem Meer sichtbar wurde. Ich sah aus dem kleinen Fenster hoch und erkannte den Grund. Wir näherten uns der Titanen-Plattform. Mir schauderte bei der Erkenntnis, dass das Mistding einfach nicht größer werden wollte, obwohl der Hubschrauber nicht nur verdammt schnell flog, sondern auch noch mächtig stieg. Wie groß war das Mistding?
Das Wissen, das mir vorhin über die Anlage zugeflossen war, half mir mit den richtigen Angaben aus. Titanen-Station war kreisrund, etwa einhundert Meter stark, und maß einen stolzen Kilometer.
Ihr Gegenstück OLYMP hingegen war dreimal so groß.

Zwei Hawk-Mechas fielen vor uns herab, bremsten auf ihren an den Beinen befestigten Sprungdüsen ab und flankierten uns links und rechts. Die einem Menschen nachempfundenen Hände winkten zu uns herüber. Dann zogen die Mechas wieder nach oben und verschwanden in Richtung der Plattform.
Nur wenige Minuten später schleusten wir auf der Plattform ein. Ich hatte kaum neben Megumi den Hangarboden betreten – es war lausig kalt, weil das Tor noch nicht geschlossen worden war und ein kräftiger Jet kalte Luft herein pumpte und nicht besonders standfeste Zeitgenossen umzuwerfen drohte – da drückte mir schon jemand einen Helm mit blauem Visier in die Hand. Er war kunstvoll mit blauen Blitzen übersäht. Auf der Stirnseite stand: Blue Lightning.
Megumi erhielt einen roten Helm, auf dem Lady Death stand.
Die Anwesenden sahen zu uns herüber und brachen plötzlich in Applaus aus.
Ich runzelte die Stirn. „Du bist ganz schön beliebt, Captain“, murmelte ich in Megumis Richtung.
„Natürlich bin ich das. Ich bin der derzeit beste aktive Elitepilot“, erwiderte sie und betrat einen Expressaufzug. „Aber dieser Applaus galt nicht mir.“
Wir verließen den Aufzug knapp unter der Oberfläche der Plattform.
Wie viel Zeit war mittlerweile vergangen? Zehn Minuten oder mehr, seit der Hubschrauber uns abgeholt hatte? Es war aber eindeutig zuviel Zeit, um einen Durchbruch von Mechas in Richtung Tokios abzuwehren. Die wären längst da und hätten bereits begonnen, mit dem Tokio Tower zu spielen.
Megumi führte mich über ein Laufband zu einem der Personenaufzüge nach OLYMP. Seltsam, ich hätte mich auch ohne ihre Hilfe hier sehr gut zurecht gefunden.

Der Aufzug begann langsam Fahrt aufzunehmen und Megumi sagte noch: „Halt dich fest, Akira.“
Die Warnung kam zu spät, als der Orbitallift beschleunigte und mich fast zu Boden warf. Neben uns patrouillierte ein Sparrow-Mecha, einer der schnellsten Kampfroboter, über den die Erde verfügte. Aber er blieb nach kurzer Zeit zurück.
„Der Orbitallift fährt in einer Röhre in einem künstlichen Vakuum“, erklärte Megumi sachlich.
„Verstehe. Dadurch gibt es keine Reibung. Ohne Reibung keinen Widerstand und wir können sehr schnell aufsteigen. Wie lange werden wir brauchen?“
„Für fünfundneunzig Kilometer? Etwa acht Minuten, inklusive Abbremsmanöver.“
Ich pfiff anerkennend und sah nach draußen. Das Blau des Himmels ließ etwas nach und verdeutlichte mir, dass wir bereits durch die Stratosphäre schossen und dabei waren, die Ozonschicht zu passieren. Ich sah zur Erde hinab und konnte beinahe zusehen, wie die Titanen-Plattform unter mir schrumpfte.
Ein silbriger Schleier legte sich über die Fenster der Kabine. Das war ein Schutz gegen kosmische Strahlung, die uns in dieser Höhe ohne Ozonschicht weit härter traf als auf der Erdoberfläche.
Acht Minuten, die zu einem Ritt in den Weltraum wurden. Ich spürte mein Herz vor Aufregung klopfen, aber längst nicht so stark wie ich erwartet hatte. Es kam mir fast wie Routine vor.
Über uns erschien ein fernes Blinklicht, zu dem sich weitere Lichter gesellten, je mehr das Blau des Himmels dem Schwarz des Weltalls weichen musste. Schnell wurden die Lichter mehr und ich erkannte erste Details von OLYMP. Wir rasten geradezu auf die Plattform zu und ich befürchtete für einen Moment, an ihr zu zerschellen. Unnötig, denn wir wurden  rechtzeitig merklich langsamer. Und als wir in die Untere Ebene von OLYMP einfuhren, hielt die Kabine genau so sanft an wie ein normaler Personenlift in einem zehnstöckigen Haus.

Der Orbitallift öffnete sich und entließ uns in einem Wirbel aus Hektik. Techniker, Piloten und Soldaten rannten an uns vorbei, aber Megumi schritt entschlossen in dieses Chaos.  Natürlich, als Elite-Pilotin kannte sie ihren Weg.
Wir traten auf ein Laufband, das uns zu einem Hangar brachte, in dem gerade mehrere Hawks starteten. Ein Techniker nahm uns in Empfang. „Ich habe Ihren Mecha bereit machen lassen, Captain Uno. Und Blue Lightning steht Ihnen selbstverständlich zur Verfügung, Sir.“
Mich beschlich der eigentümliche Verdacht, dass er mich mit dem "Sir" meinte.
„So kommt er also wieder nach Hause“, erklang eine Stimme über mir. Ich wandte mich suchend um und erkannten einen früh ergrauten Mann, dessen Blick aber scharf und fest war. Er trug keine Uniform, nur einen schwarzen Geschäftsanzug, aber es stand außer Frage, dass er auf OLYMP das sagen hatte. Die Personen um ihn herum, Leibwächter, hohe Offiziere, Sekretärinnen und Melder, waren bestenfalls Statisten, solange er dort stand.
„Vater“, sagte ich leise und knirschte mit den Zähnen, weil ich für einen Moment, für einen winzigen Moment knapp davor gewesen war, auf diese Animewelt herein zu fallen. Dem Konstrukt zu glauben, das ich nicht in einem obskuren Wunsch gefangen, sondern tatsächlich der Sohn dieses Mannes war. Und darüber hinaus ein ehemaliger Elite-Pilot eines Hawks, der bei der ersten Angriffswelle der Daishi-Mechas geholfen hatte, den Feind vernichtend zu schlagen – in einem Alter von vierzehn Jahren.
Mein Blick ging zu Megumi. Die aufgesetzte Erinnerung verriet mir, dass ich sie für die Hawks rekrutiert hatte. Sie hatte es nie gesagt, aber mein Ausstieg aus der Einheit musste sie damals sehr verletzt haben.
„Denk dir nichts dabei, alter Mann“, sagte ich nonchalant und winkte zum Balkon hoch. „Das wird keine permanente Einrichtung. Ich wollte nur neben der Schule ein wenig Zeit mit Megumi verbringen.“
Vaters Miene wurde ernst. Eikichi Otomo, Direktor, Konstrukteur und militärischer Oberbefehlshaber von OLYMP und Titanen-Plattform. „Du kannst nicht ewig vor deinem Schicksal fliehen, Akira.“
Ich sah zu ihm hoch und lächelte.  „Aber ich kann es versuchen, alter Mann, nicht?“ Ein Raunen ging durch die Leute auf dem Balkon.

Megumi sah zu mir herüber. Ein Techniker hatte bereits ihren Helm angelegt und diverse Anschlüsse angebracht. „Du verspätest dich, Akira.“
Ich schenkte dem alten Mann auf dem Balkon noch ein Zwinkern und folgte dann meiner Freundin aus Kindertagen.
Ein Techniker trat an mich heran und nahm mir mit zitternden Händen den Helm ab. „Es… Es ist mir eine Ehre, heute für Sie da sein zu dürfen, Colonel.“
Colonel? Meinte er mich? Soweit ich wusste, war ich als First Lieutenant ausgeschieden. Da war was von einer Beförderung gewesen, ja, aufgrund meiner hohen Abschusszahlen und so. Aber hatte ich gleich drei Ränge übersprungen?
„Schon gut. Machen Sie einfach einen ordentlichen Job“, erwiderte ich. Himmel, der Mann war zehn Jahre älter als ich, starrte mich aber an als wäre ich ein Popstar.
Im Hintergrund startete eine Gruppe Eagles. Die schwer bewaffneten Artillerie-Mechas würden uns auf lange Reichweite unterstützen.
„Da kommt Lady Death“, kommentierte Megumi beinahe ehrfürchtig. Ein mächtiger, humanoider Hawk-Mecha kam aus einer Bodenluke gefahren. Er hatte mächtige Schulterschilde, die den Maskenförmigen Kopf schützten, in dem die Sensoren untergebracht waren. Auch die Beine waren mit zusätzlichen Schilden versehen worden, und auf dem Rücken dominierten mächtige Triebwerke. In der Hand hielt der Mecha eine gewaltige Lanze, die, wie ich wusste, sowohl Stoß- und Hiebwaffe als auch Energiekanone war. Nur wenige konnten mit der Artemis-Lanze effektvoll umgehen. Megumi musste eine von ihnen sein.

Dahinter fuhr ein vollkommen in Königsblau gehaltener Mecha der Hawk-Klasse aus einer Luke. Nur Gesicht und Augen waren in einem kräftigen Rot-Ton gehalten. Auch seine Schultern und Beine waren mit Schilden geschützt. Fast hätte man ihn und Lady Death für Zwillinge halten können. Aber seine Bewaffnung war eine andere. Er trug zwei Breitschwerter in den Händen. Es fiel einem normalen Piloten schon schwer, eine Herakles-Klinge zu beherrschen. Und ich sollte beide benutzen?
An diesem Punkt fand ich es eine sehr gute Idee, mich sehr genau daran zu erinnern, wie man dieses Ding steuerte und diese Waffen benutzte. Und mich beschlich der vage Verdacht, das Wissen kein guter Ersatz für Routine und Erfahrung sein konnte.
Der Boden unter unseren Füßen hob plötzlich ab und näherte sich den beiden Mechas ungefähr auf Leibesmitte. Dort öffneten sich Mannsgroße Luken für uns. Das Cockpit war natürlich an der bestgeschützten Stelle untergebracht, nicht im verletzlichen Kopf.
„Weißt du noch wie es geht?“, fragte Megumi beiläufig.
Ich grinste sie durch mein blaues Visier an. „Das ist wie Fahrrad fahren. Man verlernt es einfach nie. Sobald ich mit dem Computer meines Mechas verbunden bin, übernimmt er die grobe Steuerung. Aber meine Instinkte, Reflexe und Gedanken bestimmen die Richtung und das Kampfverhalten. Der Hawk wird zu einer Verlängerung meiner selbst.“
„Gut. Dann lass uns fliegen. Wir sind spät dran.“
Ich nickte und stieg in meinen Mecha. Dort setzte ich mich in den pneumatischen Sessel, schnallte mich an und sah dabei zu, wie der Techniker die Anschlüsse meines Anzugs und Helms mit dem Hawk verband.
Als er fertig war und sich das Cockpit geschlossen hatte, erwachte der Mecha zum Leben.
„Guten Tag, Colonel Otomo. Blue Lightning ist hocherfreut, Sie wieder an Bord begrüßen zu dürfen. Lassen Sie mich einige Informationen zur aktuellen Lage abgeben. Es befinden sich zwei Div…“
„Blue“, fuhr ich dem Mecha dazwischen.
„Colonel?“
„Vielleicht sollten wir erst einmal starten.“
„Natürlich, Colonel.“
Ich konzentrierte mich auf eine Bewegung. Blue feuerte sein Triebwerk und begann zu schweben. Ich drehte mich in Gedanken auf das Haupttor und der Mecha vollführte die Bewegung nach. Die Synchronisation war noch nicht perfekt, aber besser als ich nach drei Jahren erwartet hatte.
Vor mir huschte ein roter Schatten auf das Tor zu und trat durch den Energieschirm in den Weltraum hinaus. „Wo bleibst du, Akira?“
„Ich komme ja schon“, rief ich, konzentrierte mich auf Beschleunigung und hoffte, nichts Wichtiges zu zerstören, wenn ich gleich voll aufpowerte, ohne über vollständige Synchronisation zu verfügen. Doch ich hatte Glück. Der Abflug gelang relativ gut.

„Jetzt wären Informationen zur Lage angebracht, Blue.“
„Wie Sie wünschen, Colonel. Wir werden von zwei Divisionen Daishi-Mechas angegriffen, also sechshundert Maschinen. Es sind zwanzig Gamma, zweihundertelf Beta und dreihundertachtundsechzig Alpha. Ein weiterer Mecha ist dabei, den wir bisher nicht identifizieren können. Wenn die Divisionen ihren Kurs und ihre Geschwindigkeit beibehalten, werden sie in fünf Minuten in Waffenreichweite der Eagles sein.
Drei Zerstörer unserer Flotte eilen mit Höchstfahrt zurück nach OLYMP, um uns zusätzliche Feuerkraft zu verschaffen, und für den Fall, dass der Feind erneut eigene Schiffe einsetzt.
Captain Uno meldet soeben, dass sie das Kommando über die Briareos-Kompanie übernommen hat. Gyes und Kottos sind bereit. Die Hekatoncheiren erwarten Ihren Befehl, Colonel.“
Das Hekatoncheiren-Bataillon, die Elite-Einheit der United Earth Mecha Force.
Die Hundertarmigen, fünfzigköpfigen Verteidiger der Menschheit. Sechsunddreißig Mechas mit den besten Piloten, über die die Menschheit verfügte. Und mir boten sie das Kommando an. Ein Drittel der Mecha-Verteidigungsstreitmacht von OLYMP. Mir wurde für einen Moment schwindlig. Der Name bezog sich wie so vieles hier auf die griechische Mythologie und bezeichnete drei Brüder, die Zeus geholfen hatten, die furchtbaren Titanen zu besiegen und im Hades unter Verschluss zu halten. Genauso wollte das Hekatoncheiren-Bataillon Schutz und Wall der Menschheit sein. Ein sehr erstrebenswertes Ziel, fand ich.

„Okay, Hekatoncheiren, hergehört. Gyes bleibt bei mir und hält die Mitte. Kottos übernimmt die linke Flanke und Briareos die rechte Seite. Keinen dreidimensionalen Quatsch, solange die Kronosier in gerader Front auf den OLYMP vorstoßen. Der Feind wartet mit einem neuartigen Mecha auf, und wir wissen nicht, was er leisten kann. Deshalb seid vorsichtig, wenn ihr den Delta zum Kampf stellt. Wenn möglich, überlasst ihn mir.
Wir fliegen ihnen entgegen und halten sie somit so gut es geht von der Station fern.
Das Titanen-Bataillon hält hier Wache und vernichtet alles, was an uns vorbei kommt.
Ich verlasse mich darauf, dass diese Zahl hart gegen null gehen wird.“
Fünfunddreißig Hekatoncheiren bestätigten.
„Na dann los!“

Fünfzig Kilometer von OLYMP entfernt traf die Briareos-Kompanie auf die ersten Daishi-Alpha. Die leichten und schnellen gegnerischen Mechas waren meistens mit menschlichen Opportunisten bemannt. Dies war teilweise die einzige Chance der Verräter an der Menschheit, ihren Wert für den Feind zu beweisen – wenn sie lange genug überlebten, um in einen Beta oder Gamma zu wechseln. Nicht dass mir ein Beta oder Gamma gewachsen war.
Der Gegner war gestellt, und auf der linken Seite schlug die Kottos-Kompanie erbarmungslos in die Flanke. Noch während der ersten Sekunden der Schlacht vernichteten wir neun Alphas ohne dass wir einen einzigen eigenen Verlust erlitten. Der Status der Hekatoncheiren als die Elitetruppe der Erde bestätigte sich wieder einmal.
Was wussten wir von den Hintermännern der ständigen Versuche, die Erde zu unterwerfen?
Wir nannten sie Kronosier, denn ihren richtigen Namen hatten sie nie genannt. Sie waren schlanker, als es Menschen in allgemeinen waren, und sie verfügten über phänomenale Technologie. Über ihre Absichten hatten sie uns hingegen nie im Unklaren gelassen: Die Erde zu unterwerfen und auszubeuten.
Größtes Merkmal waren ihre großen, dunklen Augen und der blasse, fast wie durchscheinend wirkende Teint. Ansonsten hätten sie durchaus Menschen sein können. Vor allem, was ihre Skrupellosigkeit anging. Sie rekrutierten für ihre Vorhaben nur zu gerne Menschen auf der Erde aus benachteiligten Bevölkerungsschichten, und ließen sie nach einer gewissen Ausbildung gegen die Erde kämpfen, anstatt den eigenen Hals zu riskieren. Was bedeutete, auf irgendeine Weise saßen sie nicht nur auf ihren Basen auf dem Mars, sondern auch noch auf der Erde. Irgendwo. Irgendwie. Da war hoffentlich der UEMF-Geheimdienst schon dran.

Die Zeit für Erinnerungen war vorbei. Ich erhielt Gelegenheit, neue zu machen, als ein Dutzend Betas, begleitet von fünfzig Alphas direkt auf mich zu hielt.
„Sir“, erklang eine Stimme und ein kleines Fenster mit dem Gesicht eines Piloten der Gyes-Kompanie flammte vor mir auf. „Die haben es auf Sie abgesehen. Ziehen Sie sich hinter unsere Linien zurück.“
Ich warf einen Blick auf sein Callsign. Dandy. Er war adliger Engländer und tat hier oben sein Bestes zum Schutz der gesamten Menschheit.
Ich lächelte amüsiert. „Dandy, ich bin hier um zu kämpfen, nicht um mich zu verstecken.“
Bevor der Pilot etwas erwidern konnte, warf ich Blue nach vorne, schwang die Schwerter und hatte die Linie der angreifenden Gegner passiert, bevor sie richtig wussten, wie ihnen geschehen war. Hinter mir detonierten zwei Beta. Ich hatte sie zweigeteilt.
„Wow“, sagte Dandy dazu.
„Trotzdem könnte ich etwas Hilfe gebrauchen“, ermunterte ich ihn. „Gyes zu mir!“
„Roger!“ Die Linie der Piloten setzte sich in Bewegung.

Mit diesem Angriff hatten wir die Reihen zu Briareos geschlossen und hielten nun eine gemeinsame Linie vor OLYMP. Kottos kam immer näher und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie bei uns war.
Neben mir spießte Megumi gerade einen Gamma-Daishi mit ihrer Artemis-Lanze auf und gab gleich noch einen Feuerstoß ab, der einem Alpha direkt dahinter galt. Ich nutzte die Gelegenheit, kam hinter sie und ließ Megumi für mich Sichtschild spielen, bis ich mit Höchstbeschleunigung wieder auftauchte und direkt in einen Pulk Alphas raste, die im Clinch mit drei Hawks der Kottos-Kompanie waren. Nachdem ich sie passiert hatte, explodierten vier Daishis im kalten Weltall.
„Beeindruckend. Du hast nichts verlernt, Blue Lightning“, kommentierte Megumi. Es klang irgendwie zufrieden.
„Du aber auch nicht“, erwiderte ich, als sie einen gegnerischen Mecha auf über drei Kilometer Entfernung mit einem Schuss aus der Artemis-Lanze traf und schwer beschädigte.
„Ich bin aber im Gegensatz zu dir immer in Übung.“
„Ich sagte doch“, erwiderte ich mit einem grimmigen Lachen, „das ist wie Fahrrad fahren. Man vergisst es nie, wie so ein Ding zu steuern ist.“

„Kottos meldet einen Totalverlust. Noch ein Totalverlust!“
„Kottos auf meine Linie zurückziehen!“, blaffte ich barsch. Ich ahnte, was passiert war. Der Delta-Daishi war angekommen.
„Holen wir uns ein paar gute Scans von dem Knaben und sehen wir zu, dass genügend von ihm übrig bleibt, damit die Eierköpfe nachschauen können, wie er aufgebaut ist. Nicht, Lady Death?“
„Verstanden. Ich werde ihn also nur kastrieren und nicht zerstören“, erwiderte Megumi tonlos.
„Kastrieren. Was du für Wörter kennst“, tadelte ich sie. „Sieh einfach zu, dass etwas von dem Ding übrig bleibt. Das reicht mir schon.“
„Dritter Totalverlust für Kottos.“
„Jetzt reicht mir das aber: Kompanie Kottos, absetzen, ich wiederhole, absetzen!“
Die Hawks der Kottos-Kompanie spritzten auseinander und gaben den Weg frei. Der Delta ließ sich nicht lange bitten und brach durch die Bresche, einen ganzen Rattenschwanz Alphas und drei Gamma im Schlepp.
„Kottos, bei Gyes sammeln und neu formieren. Briareos setzt Flankenangriff fort. Dandy, du übernimmst den Befehl. Vernichtet den Feind oder schlagt ihn in die Flucht.
Lady Death, folge mir.“
Ich wendete den Mecha und trat den Schub voll durch. Neben mir tauchte Megumi mit ihrem roten Hawk auf.

„OLYMP Feuerleitkontrolle, Blue Lightning hier. Unbekannter Mecha ist durchgebrochen. Ich wiederhole, unbekannter Mecha ist durchgebrochen. Erbitte Feuerunterstützung durch Bordwaffen des OLYMP und die Eagles der Titanen.“
„OLYMP Feuerleitkontrolle hier. Feuerunterstützung bestätigt. Verlinken Sie uns mit Ihrem Computer und geben Sie uns Ziele.“
„Roger. Datenstrom verlinkt. Feuert wenn bereit.“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Drei Alphas explodierten einige Augenblicke darauf bereits. Die anderen Mechas des Gegners begannen mit Ausweichmanövern, was es Megumi und mir gestattete, weiter aufzuholen.
Dann begannen die riesigen Impulsgeschütze von OLYMP zu feuern. Zwei Alphas wurden vernichtet, obwohl der riesige Waffenstrahl sie nur gestreift hatte.
„Vorsicht, wir sind auch noch hier!“, rief ich. Wieder setzte das Abwehrfeuer der Eagles ein und vernichtete weitere Mechas. Ein Chaos aus Energie und Explosionen entstand vor uns.
Ich drückte, einer Eingebung folgend, meine Maschine nach unten. Gerade noch rechtzeitig, um ein nettes Ortungsbild eines Mechas zu bekommen, der sich aus dem Angreiferpulk gelöst hatte und nun in Richtung Titanen-Plattform flog.
„Mir nach, Megumi.“
„OLYMP Feuerleitkontrolle hier. Sie befinden sich unterhalb der Plattform, Sir.“
„Der unbekannte Mecha ist ausgebrochen und geht auf Kurs auf die Titanen-Plattform. Ich nehme mit Lady Death die Verfolgung auf. Mit dem Rest werdet ihr schon alleine fertig. Ach, und warnt unsere Kollegen da unten.“
„Roger, Colonel.“

Fünfundneunzig Kilometer, teils durch immer dicker werdende Atmosphäre machten aus den drei Mechas lodernde Fackeln. Nicht, dass sie wirklich brannten, aber die Reibungshitze erzeugte einen Feuersturm um uns herum. Nun, so konnten wir den Delta wenigstens nicht aus den Augen verlieren.
Als wir auf fünf Kilometer heran waren, begann die Titanen-Station, Sperrfeuer zu schießen. Megumi und ich mussten unsere Positionen aufgeben, um nicht versehentlich getroffen zu werden. Das kostete uns wertvolle Distanz zum Delta. Außerdem stiegen fünf Hawks auf, um den Feind zu stellen.
Was hatte der Gegner vor? Wenn er die Geschwindigkeit und den Kurs beibehielt, würde er mitten in die Titanen-Station hinein rauschen. Das würde er nicht überleben. Und die Plattform würde sich nicht einmal schütteln. Was wenn der Gegner den Plan verfolgte, die Plattform ernsthaft zu beschädigen oder gar die Orbitallifte zu vernichten? Eine Beschädigung der Lifte würde uns und die Verteidigungsanstrengungen um Monate zurück werfen. Ohne die hochwertigen Ersatzteile von der Erde konnten wir die Überlegenheit unserer Mechas nicht lange durchhalten. Und solange ARTEMIS/APOLLO nicht einsatzbereit waren, würden sich die fehlenden Rohstoffe vom Mond für die Wirtschaft der Erde schmerzlich bemerkbar machen. Gewiss, wir konnten Schiffe anstelle des Fahrstuhlsystems einsetzen, aber die Frachter würden auf den Routen fehlen, und die Kampfschiffe im Abwehrkampf. Keine erstrebenswerten Aussichten für die Erde und die UEMF.

„Ist dir aufgefallen, dass der Delta gar keine Waffe trägt? Er hat die Kottos-Kompanie im Nahkampf angegriffen und drei Hawks mit bloßen Händen erledigt. Dabei hat er doch diesen hübschen Kampfstab auf dem Rücken“, sagte Megumi.
„Etwas kurz und etwas dick für einen Kampfstab“, erwiderte ich und schimpfte mich sofort einen Narren. Nun wusste ich was er vorhatte, und wie er es tun würde.
Mit einem wüsten Fluch jagte ich Blue so schnell es irgendwie ging hinab, machte den Mecha schmal und legte die Arme an, um möglichst wenig Luftwiderstand zu bieten. Zu meinem Glück musste der Delta immer wieder dem Beschuss der Hawks und der Waffen der Titanen-Plattform ausweichen und gab mir so die Gelegenheit aufzuholen.
Als ich endlich mit ihm auf einer Höhe war, griff der Mecha bereits nach dem Stab, der für einen Menschen die Ausmaße eines dreimal übereinander gestapelten Fass hatte.
Ich passte meinen Kurs an, ging in einen fast horizontalen Flug und rammte den Delta brutal, was mich sicher nicht weniger hart in meinen Sitz trieb als meinen Gegner.
Es kam zu einem Gerangel um das Dreifachfass, auf dem bereits bunte Lichter zu blinken begannen, aber ich gewann. Doch als ich das Fass – oder vielmehr die Bombe – in den Händen von Blue hielt, bekam ich einen Tritt vom Delta mit, der mich Richtung Erdoberfläche trieb. Kurz darauf wurde Blue wieder erschüttert, als der Delta mit Gewalt in mich hinein raste.
„Megumi!“, rief ich und warf der Freundin die Bombe zu. „Du weißt, was du zu tun hast!“
„Roger!“ Lady Death begann mit wahnwitzigen Werten zurück in den Weltraum zu steigen.
Der Delta wollte ihr hinterher, aber ich verhakte meinen Mecha in seinem.
„Wir gehen zusammen in eine andere Richtung, mein Freund.“
Dann passierten wir die Titanen-Plattform und für uns waren es nur noch fünf Kilometer Höhe bis zum Aufschlag auf dem Pazifik. Kein erstrebenswertes Schicksal. Ich stabilisierte so gut es ging unsere Höhe, ohne meinen Feind entkommen zu lassen, aber dabei drifteten wir nach Nordwesten ab. Mehrere Minuten rasten Blue Lightning und der Delta eng umschlungen durch die Atmosphäre dahin, und verloren dabei stetig an Höhe. So ein Aufprall war allerdings besser als ein direkter Absturz.
Mit einem Anflug von Entsetzen sah ich, dass wir mehr oder weniger in Richtung der japanischen Inseln flogen. Das war mal wieder klar. Wenn etwas schief gehen konnte und sollte, würde es das auch. Und zwar in allen Konsequenzen. Nun war ich mir sehr sicher, das unser Ringkampf uns nach Honsu tragen würde, der Hauptinsel. Und das wir irgendwo in Tokio aufzuschlagen würden. Groß genug war Tokio ja. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, das wir direkt in meiner Schule zu Boden gehen würden.

Über mir gab es eine helle Detonation. Ich hoffte, dass Megumi es noch rechtzeitig geschafft hatte, die Bombe hoch genug zu schaffen und weit genug von ihr fort zu kommen.
Und erinnerte mich an meine eigenen Probleme. Der Erdboden kam immer näher, und für eine Sekunde bekam der Daishi die Oberhand. Seine Manöverdüsen feuerten einen starken Impuls, und die beiden Mechas taumelten umeinander direkt auf den Erdboden hinab.
Den Delta los zu lassen würde aber nur bedeuten, das Ende dieses Kampfes auf später zu verschieben. Sich in den Erdboden zu bohren und zu explodieren war aber auch keine Lösung. „Blue, hast du eine Idee?“
„Bremsfallschirme. Mit dem zusätzlichen Gewicht des Daishi wird eine weiche Landung aber nicht zu erwarten sein.“
„Besser als nichts!“ Ich löste die Fallschirme aus und ein harter Ruck ging durch Blue, als seine Geschwindigkeit radikal reduziert wurde. Nur mit Mühe behielt ich den Delta im Griff. Der Erdboden kam immer noch schnell näher, aber längst nicht mehr so rasant wie noch kurz zuvor. Allerdings würde ich beim Aufschlag unten liegen, wie eine schnelle Hochrechnung Blues ergab. In Erwartung des Schlages und mit der Erkenntnis, zwar ins Stadtgebiet Tokios, aber nicht auf meine Schule zu fallen, spannte ich mich an.
Es gab ein lautes Poltern, Metall kreischte und Glas brach. Ich wurde herum geschleudert und durchgeschüttelt.
Dann war Stille.

„Blue, bist du noch da?“
„Ja, Colonel, ich bin noch da. Die Schäden an mir sind groß, aber reparabel.“
„Ist der Delta noch in unserem Griff?“
„Ja, Colonel, der Delta ist noch in unserem Griff. Sein Reaktor fährt gerade runter. Der Mecha schaltet ab.“
„Gut. Und wo sind wir gelandet?“
In meinem Blickfeld landeten zwei rote Mechabeine. Die mussten zu Lady Death gehören.
„In meinem Appartementhaus“, kam ihre Stimme über Funk. „Und wenn ich das richtig sehe, hast du gerade mein Appartement mit einem Schulterschild zerstört.“
„Oh“, erwiderte ich und begutachtete den Schaden. Anscheinend hatte der Schulterschild auch nur ein einziges Appartement zerstört. Das hätte ich erwarten sollen. „Tut mir leid. Ist aber immer noch besser, als wenn Trümmer von der Titanen-Plattform hier abgestürzt wären, oder? Blue, mach bitte die Luke auf. Sind hier Waffen im Cockpit?“
„Eine Pistole unter dem Sitz, Colonel.“
„Das hilft mir jetzt auch nicht weiter, Akira“, erwiderte Megumi wütend. „Ich wollte eigentlich nicht in eine Kaserne umziehen müssen.“
„Das brauchst du auch nicht. Du kannst zu mir ziehen. Es stehen viele Zimmer leer, und Vater kommt sowieso nie von seinem Olymp herunter.“ Ich nahm die Waffe an mich und kletterte aus der Luke. Es bereitete mir etwas Mühe, auf der immer noch warmen Panzerung Halt zu finden, während ich zu dem Delta herunter kletterte. „Ist immer noch besser als eine Kaserne, oder?“
„Hm“, erklang es über mir. Megumi kletterte ebenfalls aus ihrem Mecha hervor. „Ich nehme dein Angebot an, Akira.“
Für einen Moment wurde mir heiß und kalt zugleich. Meine Gedanken schlugen Kapriolen, als ich daran dachte, nein, als ich mir ausmalte, was alles passieren konnte, wenn wir unter einem Dach lebten. Die meisten Gedanken gefielen mir sehr gut.

Als Megumi mich erreicht hatte, stand ich vor dem Cockpit des Delta-Daishi.
„Und? Wie kriegen wir das Ding auf?“, fragte ich nachdenklich. Ich brannte darauf, den gegnerischen Piloten zu sehen.
„Vielleicht sagst du so was wie Sesam öffne dich?“, scherzte Megumi und schluckte sprachlos, als sich die Luke tatsächlich öffnete.
Ich hob die Pistole und versuchte vorsichtig ins Innere zu sehen. Megumi hob ihre Waffe, eine Schrotflinte.
„Können Sie mich hören?“, fragte ich ins Cockpit. Ich versuchte Megumis Waffe zu ignorieren und machte bei einigen meiner Phantasien Abstriche. „Sie sind hiermit offiziell Gefangener der United Earth Mecha Force. Ihnen wird nichts geschehen, wenn Sie sich ergeben.“
Ich machte den letzten Schritt und sah… Nichts. Der Sessel im Mecha war leer. Hatte sich das Ding selbst gesteuert?

Suchend ging mein Blick hin und her. Bis ich das zitternde Bündel Mensch hinter dem Sessel bemerkte. „Sind Sie der Pilot?“, herrschte ich es an.
Die Gestalt hob den Kopf und starrte zu mir herüber. Die braunen Augen und die sehr helle Haut ließen keinen Zweifel daran, wen ich hier vor mir hatte. Eine kronosianische Pilotin mit langem, weißblonden Haar. Eigentlich noch ein Mädchen. Sie sah mich Angsterfüllt an.
Der Blick aus den tiefen, dunklen Augen berührte mich irgendwie, denn ich musste mehrfach schlucken, um meine Kehle frei zu bekommen. „Verstehen Sie mich? Sie sind jetzt meine Gefangene.“
„Gefangene?“, wiederholte sie.
„Ja, Gefangene. Das bedeutet, niemand darf Ihnen etwas tun. Ich werde das verhindern.“
„Wirklich?“, fragte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Wirklich.“
Sie schnellte sich aus ihrer unmöglichen Position in die Höhe, sprang über den Sessel hinweg und rammte mich mit einiger Energie. Erschrocken über den plötzlichen Angriff ließ ich mich fallen und zog sie mit mir. Megumi, die bereits übles befürchtet hatte, riss ihre Waffe hoch.

Ich sah auf. Die Kronosianerin verfolgte keine feindlichen Absichten. Außer, man wollte es ihr als kriegerischen Akt auslegen, dass sie mich zitternd und weinend umklammerte.
„Lonne hat Angst“, heulte sie. „Du beschützt Lonne, nicht wahr?“
„Ja, natürlich. Akira beschützt Lonne, versprochen.“
„Na Klasse“, kommentierte Megumi und sicherte ihre Waffe. „Eben gerade wollte sie noch die Titanen-Plattform sprengen und jetzt versprichst du ihr, sie zu beschützen. Weißt du eigentlich, wie knapp ich der Explosion entkommen bin?“
„Sprengen? Explosion?“, murmelte die Außerirdische verwirrt. Sie löste sich von mir und hob dozierend einen Zeigefinger. „Aber nein. Was Lonne da mitgebracht hat, war ein spezieller Scanner, der den Aufbau von Titanen-Station aufzeichnen und dann mit dem eingebauten Funk direkt zum Mars senden sollte.“
„Dann ist dein Scanner mit eingebautem Funk gerade mit der Kraft von einer Megatonne TNT in der Exosphäre unseres Planeten explodiert“, bemerkte Megumi zynisch.
Die weißhaarige Außerirdische schluckte hart. „Wie viel? Eine Megatonne? Lonne hat… So eine riesige Bombe auf dem Rücken gehabt?“ Übergangslos fiel sie in Ohnmacht und sank in meine Arme.
„Also, entweder ist sie eine verdammt gute Schauspielerin“, kommentierte ich, „oder sie hat nichts von der Bombe gewusst.“
Megumi runzelte die Stirn. „Bei ihrem IQ glaube ich das sofort. Und, was machen wir jetzt mit ihr?“
Ich dachte nach. Lange würde es nicht mehr dauern, bis entweder Bodentruppen oder Einheiten der United Earth eintreffen würden.
Aber Hey, dies war eine Animewelt, und ich war mir sehr sicher, dass Lonne wirklich nicht gewusst hatte, was sie da beförderte. „Etwas richtig dummes, Megumi. Etwas wirklich dummes.“
Die Mecha-Kriegerin lächelte schief. „Ich bin dabei, Akira.“


4.
„Denkst du immer noch, das war eine gute Idee?“, fragte mich Megumi flüsternd.
„Guten Morgen!“, rief Lonne und verbeugte sich freudestrahlend vor Yoshi und den anderen aus meiner Truppe. „Mein Name ist Lilian Jones. Ich bin ab heute hier an dieser Schule als Austauschschülerin. Akira-sama ist mein Gastgeber.“
„Was denn? Die Schuluniform steht ihr doch gut?“, erwiderte ich grinsend.
Yoshi erwiderte die Verbeugung, während Doitsu, Kei und Kenji die Kinnladen herab fielen.
„Guten Morgen, Lilian-chan“, erwiderte Yoshi. „So, so. Akira ist dein Gastgeber. Heißt das, du wohnst bei ihm?“
Lonne strahlte. „Ja. Ich wohne bei Akira-sama.“
Ein böser Blick traf mich, der mich Schlimmes befürchten ließ. Yoshi lächelte Lonne freundlich an. „Entschuldige mich bitte. Kei, wärst du vielleicht so freundlich und würdest du Lilian-chan ein wenig herum führen?“
„Nicht doch, nicht doch“, ließ sich Doitsu vernehmen. Er schob seine Brille die Nase hoch, was einen schimmernden Reflex auf den Gläsern auslöste. „Selbstverständlich übernehme ich das.“
„Vielleicht sollten wir uns alle um sie kümmern“, brummte Kenji.
„Alles klar, alles klar, Lilian-chan, folge uns einfach“, rief Kei fröhlich, ergriff die Hand des weißhaarigen Mädchens und zog sie mit sich. Die anderen beiden folgten ihm.

Ich sah kurz Yoshi an und meinte beschwichtigend: „Nun vermute mal nicht das Schlimmste. Megumi wohnt ja auch bei mir und…“
Yoshi legte einen Arm um meinen Nacken. Aus der freundschaftlichen Geste wurde aber schnell ein Schwitzkasten. „Was machst du eigentlich in deinem Riesenhaus, das du vollkommen alleine bewohnst? Eine Austauschschülerin, Megumi-chan…“
„Megumis Appartement wurde gestern zerstört, als diese Mechas abgestürzt sind. Ich habe ihr nur angeboten, bei mir zu wohnen. Platz habe ich doch genügend. Und Lilian ist wirklich eine Austauschschülerin. Auf eine gewisse Weise.“
„Wie ist das denn schon wieder gemeint?“, fragte Yoshi und nahm mich stärker in den Schwitzkasten.
„Erkläre ich dir später. Lass uns erstmal in die Klasse gehen, ja?“
„Richtig. Benimm dich nicht so kindisch, Yoshi-kun. Ich wohne bei Akira. Ich bin nicht mit ihm liiert.“ Megumi sah ihn einen Moment mit starrem Blick an und ging dann vor.
„Irgendwie beruhigt mich das nicht. Okay, hör zu, Akira. Ich ziehe auch bei dir ein. Zumindest so lange, bis die beiden wieder ausziehen, klar?“
„Danke, danke, danke. Du bist ein wahrer Freund. Wann kannst du da sein? Heute noch? Das wäre so gut. Danke. Du rettest mir wirklich das Leben“, rief ich und umarmte Yoshi.
„Äh, Akira“, brummte Yoshi leise. „Akira…“
„Schon gut. Ich war nur so gerührt über deine Hilfsbereitschaft. Also heute Abend bei mir, ja?“ Ich klopfte Yoshi auf die Schulter und ging vor. Warum sollte ich den ganzen Ärger, den diese Situation versprach, auch alleine ertragen? Dafür waren Freunde doch schließlich da.