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Schwarzer Panther, rotes Blut

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
08.02.2008
27.03.2008
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7.067
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08.02.2008 1.131
 
„Nein“, sagte meine Mutter.
Damit hatte sich die Sache für sie erledigt. Wenn ich um etwas bat, gab es für sie nur drei Antwortmöglichkeiten: „Ja“, „Nein“ und „Später“ - wobei letzteres eigentlich so etwas hieß wie „Ich zögere die Entscheidung so lange heraus, bis mindestens einer von uns das Anliegen vergessen hat“.
Ich erinnere mich noch ganz genau, daß es ein drückend heißer Tag Anfang Praios war. Meine Mutter ruhte auf einem Liegestuhl im Schatten und liebkoste eine ihrer verwöhnten Rassekatzen, während eine schwitzende Sklavin ihr Luft zufächelte. Ich konnte meine Augen kaum von dem fetten Tier losreißen, das schnurrend und gähnend auf dem Schoß meiner Mutter lag und seine Krallen in ihr sündteures Seidenkleid bohrte. Hätte ich es auch nur gewagt, dieses Kleid anzufassen, so hätte sie mir mindestens eine Woche Stubenarrest erteilt. Aber diese Katze durfte es durchlöchern wie ein Fischernetz, und es wurde abgetan mit einem verständnisvollen Lächeln und der Bemerkung, sie sei doch „so jung und reizend verspielt“.
Aha.
Meine Mutter zeigte sich sichtlich irritiert darüber, daß ich immer noch neben ihr stand. „Nein“, wiederholte sie in scharfem Ton. „Keine Diskussion. Wenn du kämpfen lernen willst, dann werde Seeoffizier wie dein Vater – Boron hab' ihn selig. Alles andere ist unter der Würde unserer Familie.“
Aha. „Unserer“ Familie. Das war das Todesstoßargument für jegliche Diskussion. Wenn etwas dem Ansehen der Familie schaden konnte, wurde es abgeschmettert.
Nur lustig, daß so etwas von einer Eingeheirateten kam.
Es hatte keinen Sinn, also drehte ich mich um und stapfte ins Haus, um mich meiner geistigen Fortbildung zu widmen. Kämpfen war mir also nicht gestattet, aber den Kampf mit meinen Privatlehrern mußte ich dennoch ausfechten. Es wollte nicht in meinen Kopf, wozu ich zum Beispiel Bosparano brauchte – eine Sprache, in der nur noch Gelehrte kommunizierten, wenn sie Eindruck schinden wollten – oder eine Ahnung von Staatsführung haben sollte, wenn ich doch um alles einen Bogen machte, was mit Politik zu tun hatte.
Gerade wurde ich mit der bosparanischen Deklination gequält. Ich sollte sie an einigen Beispielwörtern üben, hatte aber noch keinen Finger gerührt – und am heutigen Abend wollte mein Lehrer mich abfragen. Also schlurfte ich in mein Zimmer, nahm das Schreibzeug zur Hand und begann zu schreiben: „dominus – domini – domino – dominum...“
Ein langweiligeres Wort hat er nicht finden können, dachte ich mir. Also disponierte ich spontan um und versuchte es mit „gladius“, dem bosparanischen Wort für „Schwert“.
Erstaunlicherweise machte es so mehr Spaß.
Ich erhöhte den Schwierigkeitsgrad und versuchte, mir zu jeder Form einen passenden Satz einfallen zu lassen. Mein Bosparano reichte nicht ganz aus, also mußte ich mir mit Garethi behelfen. Das Schwert hängt an der Wand, die Klinge des Schwerts ist stumpf... Vor meinem Auge formten sich Bilder von eben jenem Schwert und von einer Person, die es benutzte. Erbitterte, ruhmreiche Kämpfe und große Schlachten... Irgendwann fiel mir die Schreibfeder aus der Hand, und ich verlor mich völlig in meinem Tagtraum.
Ich muß wohl kaum erwähnen, daß mein Lehrer mir am Abend eine ziemliche Standpauke hielt. Danach verweigerte mir meine Mutter tagelang das gekühlte Obst zum Nachtisch, bis sie den Grund für ihren Groll vergaß. Mir war es recht egal, da ich ohnehin keine Arangen mochte.

Die Zeit verging, und irgendwann lernte ich die Deklinationen. Ich lernte auch noch ganz andere Dinge und ließ mir von den Haussklaven Mohisch beibringen, weil meine Mutter es mir verboten hatte. Mein Mohisch war bald besser als mein Bosparano, und ich machte mir einen Spaß daraus, es zu jeder möglichen Gelegenheit zu verwenden. Das brachte meine Mutter zur Weißglut, da sie die Sprache erstens für „tierisch und primitiv“ hielt und zweitens kein Wort verstand.
Kämpfen durfte ich trotzdem nicht. Zumindest nicht offiziell. Deshalb suchte ich mir Leute, die etwas davon verstanden – die Tor- und Leibwächter der Familie oder Gleichaltrige aus den anderen Bevölkerungsschichten. Sie beäugten mich zunächst mißtrauisch, merkten dann jedoch, daß es mir ernst war.
Bald konnte ich mit diversen Waffen umgehen, notfalls auch mit einem Stuhlbein. Ich beherrschte Gatamo – den Dialekt der Unterschicht – als sei ich damit aufgewachsen. Wenn nichts zu tun war, trieb ich mich in den weniger angesehenen Vierteln Al'Anfas herum und entdeckte irgendwann auch die Faszination der Gladiatorenkämpfe.
Natürlich besaß auch unsere Familie Gladiatoren. Diese waren in einem eigens gemieteten „Stall“ untergebracht – der Name ihrer Unterkunft sagt einiges über die Wertschätzung aus, die man ihnen entgegenbrachte. Die Familie wurde regelmäßig über ihre Erfolge oder Mißerfolge informiert und besuchte auch ab und zu einen Kampf, aber wirkliche Leidenschaft kam nicht auf. Es war ein reines Geschäft, in dem man vielversprechende Kämpfer aufkaufte und ein wenig Geld investierte, um mit Wetten oder Verkäufen noch mehr Geld zu verdienen. Viele der Gladiatoren lebten nicht lange genug, als daß sich jemand ihre Namen merkte – aber was kümmerte es schon. Es waren Fanas, „einfache Leute“, oder noch Schlimmeres – Verbrecher, Sklaven, Leute aus der Fremde.
Und es waren Kämpfer.
Ich besuchte Arenaveranstaltungen, spähte in die Unterkünfte und gab sicher mehr als eine Dublone aus, um die Aufseher zu bestechen und die Trainingskämpfe zu sehen. Manchmal konnte ich kurz mit einem Gladiator sprechen und erfuhr so einiges über ihr Leben und ihren Hintergrund. Da gab es den verschleppten Thorwaler mit dem roten Vollbart und den Tätowierungen, der wehmütig von Kaperfahrten und starken, blonden Frauen schwärmte; den Gossenschläger, dessen Bestechungsgeld hoch genug gewesen war, um die Todesstrafe in Versklavung umzuwandeln; aber auch den einen oder anderen Fana, der sein Leben als Pfand einsetzte für den Geruch von Blut und das unvergleichliche Gefühl des Sieges.
Einmal unterhielt ich mich mit einem Korgeweihten, einem bulligen Mann mit vernarbtem Gesicht und tulamidischem Akzent. Er sei auch einst Gladiator gewesen, erzählte er mir. Doch nachdem er neun mal neun Kämpfe überlebt hatte – neun ist die heilige Zahl Kors und sehr symbolisch, daher kann er durchaus übertrieben haben, wie ich heute weiß – habe sein Besitzer ihn freigegeben und ihm die Weihe zum Diener des Blutigen Schnitters gestattet. Nun kümmere er sich um die Organisation der Spiele – und nein, er bedaure keine Sekunde seines Lebens. Er habe sich dem Kampf verschrieben und dadurch Erfüllung gefunden.
Naiv wie ich war, stellte ich ihm eine Frage.
„Kann ich auch Korgeweihter werden?“
Er sah mich ungläubig an, dann schüttelte er sich vor Lachen. „Paß' auf, mein Junge“, meinte er und wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. „Man wird nicht einfach so Geweihter des Schwarzen Panthers. Es ist eine Berufung, die man in sich spürt – wenn man einen Guten Kampf erlebt, wenn der Boden rot ist vom eigenen Blut. Man muß dazu geboren sein, dem Gott zu dienen, dessen Herz ein kalter Karfunkel ist. Und du, mein Junge – ich glaube nicht, daß du auch nur weißt, wie ein echter Kampf aussieht.“ Lachend stapfte er davon, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.
Er ahnte nicht, daß er mich damit nur herausgefordert hatte.
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