Die Republik des Himmels

von LeS Lenne
GeschichteDrama / P6
27.01.2008
27.01.2008
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Ein Mann mit runzligen Händen saß an einem Fenster und schaute hindurch. Dort wo er saß schien die Sonne von der Tapete, doch wenn er durch das Fenster sah, dann regnete es dort in Strömen. Das Gras knickte ein und klebte am Boden, der bestimmt schon matschig war, und wenn er mit seinen Schlappen darüber laufen würde, dann wären sie in wenigen Sekunden so nass, dass es keinen Sinn mehr hatte, sie überhaupt noch zu tragen.
Er rollte die Zehen ein und ließ die Schlappen von seinen Füßen fallen. Ein zahnloses Grinsen schlich sich auf sein Gesicht – er hatte seit langen Jahren nicht einmal mehr geschmunzelt. Seine Frau, die vor dreizehn Monaten und vier Tagen gestorben war, hatte sich Sorgen deswegen gemacht und ihn zu vielen Ärzten geschickt, und alle hatten zu ihr gesagt: „Depressionen in diesem Alter kommen häufig vor. Da können wir nichts machen. Oder wollen Sie ihn tatsächlich jetzt noch zur Therapie schicken?“ Sie hatten ihr freundlich zugelächelt, und sie hatte gewusst, die Ärzte dachten nur daran, dass er bald sterben würde und sie selbst auch.
Wenn sie gesehen hätte, dass er jetzt grinste wie ein Schuljunge! Doch sie war schon längst im Totenreich. Sie konnte gut erzählen, also war sie inzwischen mit Sicherheit zu vielen kleinen Atomen geworden, die in allen Welten durch die Gegend sausten.
Will streckte die Hand aus, durch das Fenster. Es war keins der Fenster, wie er sie einmal hatte öffnen können. Er spürte den Regen auf seiner faltigen Haut. Die Tropfen waren weich und kalt. Er drehte die Hand um, sodass der Regen auf seine Handfläche traf. Die Finger verbog er zu einer Höhle und fing so das Wasser auf. Den Kopf streckte er langsam, wie es Greise waren, auch aus dem Fenster. Die wenigen Haare auf seinem Schädel kräuselten sich, bevor sie sich an seine Kopfhaut schmiegten. Sie sahen aus wie Spinnfäden, weiß wie Schnee und dünn wie der Faden einer Seidenraupe.
Als er bis zur Brust aus dem Fenster lehnte, sich sein Hemd mit seiner Haut zu vermischen schien, und oben am Himmel zwischen den dichten Wolken ein Lichtstrahl seinen Weg zur Erde hinuntersuchte, fiel er kopfüber aus dem Fenster. Er stürzte nicht tief, es war der erste Stock, doch war er schon Staub, bevor er spürte, wie sein Kopf auf den Boden traf, sein Genick brach und er starb. Als glänzender Ball Atome flog er durch die Spalten zwischen den Welten, jede so dünn und doch so dick, dass die Wesen in ihnen nicht wissen konnten, was noch neben, über, unter ihnen existierte. Will sah andere Staubbälle, manche größer, andere kleiner, die neben ihm rasten, doch als er das Reich der Toten passierte, blieben sie fast alle an der Wand hängen, wurden hindurchgezogen. Als sich seine Atome umdrehten, sah er noch, wie die Menschen vor ihrem Tod erschreckten, der sie bei der Hand nahm und weiterzog.
Er krauste die Stirn. Wenn er gestorben war, dann hätte er doch auch dorthin müssen. Machte er noch eine Ehrenrunde? Seine Atome wandten sich wieder nach vorn. Er sah Lyras Welt unter sich vorbeischnellen, und hätte er bremsen können, oh wie gern hätte er das jetzt getan, doch der Sog nach vorn wurde immer stärker und die Welten immer weniger, bis er sich in einem Raum befand, der aus Zuckerwatte gebaut zu sein schien. Seine Atome hüpften auf und ab, sahen sich links, rechts, unten, oben um. Kein Mensch war zu sehen.
Aber leuchtende Schemen, die immer klarer wurden. Die aufgebrochene Sicht durch seine einzelnen Staubkörner vermischte sich stetig, und nach ein paar Minuten sah er besser, als er es kurz vor seinem Tod getan hatte. Als er an sich herunterschaute, sah er wieder aus wie Anfang zwanzig, mit dem Unterschied, dass er damals nicht aus leuchtendem Material bestanden hatte. Verwundert streckte er die Flügel – Flügel spürte er auf seinem Rücken!
Neben ihm tauchte eine Frau auf. Sie sah keinen Tag älter aus. „Du bist Xaphania.“
„Ja, Will. Ich wusste, wir würden uns wiedersehen.“ Sie nahm seine Hand. Damals hatte er die Berührungen der Engel als kühl empfunden, doch jetzt, da er selbst einer war, fühlte es sich warm an. „Lass mich dir etwas zeigen.“
Sie führte ihn durch einen langen Gang, länger noch als die Gänge des Altenheims, in dem er seine letzten Jahre verbracht hatte. Er hörte bald ein herzzerreißendes Weinen. Xaphania führte in direkt zur Quelle des Jammerns. „Da, schau.“
Er betrachtete die gekrümmte Engelsgestalt neugierig. Es war eine junge Frau. Sie hatte ihre langen weißen Flügel über ihren Körper gelegt, den Kopf auf die Knie, und sie schluchzte und zitterte. „Wie lange weint sie schon?“, fragte Will Xaphania.
„Sie starb vor vier Tagen. Nicht sehr lange für einen Engel, eigentlich. Aber sie ist ja noch ein so junger Engel, da kam es ihr sicher länger vor.“
Will streckte seine Hand aus, berührte das goldene Haar des weinenden Engels. „Sieh her, Lyra, wir sind in der Republik des Himmels."
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