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Latte Macchiato mit viel Schaum

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi / P16 / MaleSlash
19.01.2008
19.01.2008
26
50.815
3
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19.01.2008 1.844
 
Die Luft flirrte.

Der Sommer war fast vorüber, aber die letzte Wärme hielt sich hartnäckig in den Straßen und trieb nach Feierabend die Menschen nach draußen.

Ich hingegen saß schon seit gut zwei Stunden an dem Lieblingstisch meines Lieblingscafés und blickte meist nur auf, wenn Jenny, die Kellnerin, die für draußen zuständig war, in meine Richtung kam und fragte, ob ich noch einen Cappuccino oder nicht vielleicht doch ein Eis haben wolle. Sie war wie bei jedem Wetter in eine warm aussehende schwarze Schürze gewickelt und huschte mit geübter Leichtigkeit zwischen den Tischen umher. Auch jetzt kam sie wieder zu mir hinüber und fragte lächelnd: "Na, Ricci, kann ich dir noch was bringen?"

Sie war eine der wenigen, denen ich es erlaubte, mich so zu nennen.

Eigentlich hieß ich Frederic. Wirklich, mit C. Meine Eltern hatten einen Faible für amerikanische Namen.

Aber so wie Jenny nicht Jenny hieß, und dennoch so genannt wurde, hieß ich eben jetzt bei ihr und bei einigen anderen Leuten Ricci. Sie selbst trug den wenig deutschen Namen Jaqueline. Französisch eben. Sie hasste diesen Namen jedoch, so dass ich sie höchstens damit aufzog, wenn mir danach war. Ich überlegte kurz, was ich noch haben wollte. Für Kaffee in jeglicher Form war es eigentlich zu heiß, auch wenn ich mich nach einem starken Espresso sehnte. "Kannst du mir einen Frozen Thai geben?", fragte ich sie.

Dumme Frage, aber wie man es eben so tat: Statt seinen Wunsch als Wunsch auszusprechen, fragte man. Doch wie hieß es schon seit ewigen Zeiten: Der Wunsch ist dem anderen Befehl.

Jedenfalls lächelte Jenny mich an, wie sie es immer tat: ein bisschen mütterlich, obwohl sie nicht viel älter war als ich, und ein bisschen verspielt, obwohl ich definitiv zu jung für sie war. "Kommt sofort", versprach sie.

Ich wandte mich wieder meiner Lektüre zu: Chemiehausaufgaben, belegt mit ein paar Kleinanzeigen für Aushilfsstellen. Das erinnerte mich daran, dass der eben bestellte Frozen Thai vermutlich der letzte in dieser Woche sein würde, wollte ich nicht riskieren, nachmittags zu Hause bleiben zu müssen.

Mir fiel ein kleiner Text auf. "Aushilfe gesucht, gute Bezahlung!" Keine Art der Arbeit und keine Höhe der Bezahlung. Was ich von solchen Angeboten halten sollte, war mir klar. Ausbeutung pur oder was Kriminelles. Wobei, wo lag da der Unterschied.

Die nächste Anzeige daneben faselte etwas von Tankstelle. Die nächste etwas von Kellner. Nichts, was mich wirklich vom Hocker riss. Aber die Arbeit in einer Tankstelle konnte ich vielleicht ganz gut mit meinem Studium arrangieren.

Mit Kellnern kannte ich mich mittlerweile aus. Keine Rücksicht und ohne jegliche Achtung der Gesundheit gegenüber wurde man da durch einen 24h-Tag gejagt, egal ob man eine Prüfung in zwei Tagen hatte oder nicht. Wenn man nicht spurte, dann warteten schon zwanzig andere Leute darauf, deinen Job zu übernehmen. Ich zerkaute das Holz eines Streichholzes. Seit ich mir aus Finanzgründen das Rauchen abgewöhnt hatte, gönnte ich mir einmal die Woche für 10 Cent eine Streichholzschachtel. Definitiv gesünder und immer den Geschmack des Waldes im Mund.

Mit der Rechten griff ich nach einem bereitliegenden Textmarker und umkringelte die Tankstellenanzeige. Seit geschlagenen zwei Wochen graste ich nun schon die Stellenangebote der Lokalzeitungen ab, ohne etwas Brauchbares zu finden. Meine Eltern wollte ich mit meinen Finanznöten nicht belasten, sie hatten noch genug damit zu tun, ihr Haus abzubezahlen. Glücklicherweise war meine Wohnung recht billig, was aber unglücklicherweise auf den Umstand zurückzuführen war, dass sie kaum isoliert, bestimmt noch vor dem letzten Weltkrieg renoviert worden war und zudem sich in einem erbärmlichen Viertel der Stadt lag. Mit anderen Worten, Ruhe zum Lernen hatte ich dort nicht, weswegen ich tagtäglich hierher kam. Jenny hatte einmal lachend behauptet, das Café wäre eben mein öffentliches Arbeitszimmer mit Familienanschluss.

Wobei ich den argen Verdacht hegte, dass sie meine Schwester war, die ich nie hatte. Nun, alles kam zu seiner Zeit und das galt eben auch für nicht vorhandene Geschwister. Wie immer war das Cafe bis zum Bersten voll. Eigentlich auch kein Ort zum Lernen. Aber der Lärm hier war eher anregend und im Moment wollte ich auch weniger intensiv lernen, als vielmehr endlich einen Erfolg für mich verbuchen zu können.

Aber das war heute wohl wieder einmal zuviel verlangt. Die ganze Seite Stellenangebote zierten nur zwei neongrüne Kringel wie einsame Inseln in einem unbekannten Meer. Aber ich konnte es mir langsam nicht mehr leisten, wählerisch zu sein. Wenn ich irgendwann einmal gemütlich verbeamtet und Lehrer an einem Gymnasium war, war vermutlich noch Zeit genug dafür.

Ich schob meine Brille zurück von der Nasenspitze auf den Nasenansatz, als mir Jenny meinen gefrosteten Thailänder hinstellte. "Nun, sieht es besser aus?", fragte sie mich.

Ich schüttelte resignierend den Kopf. "Ich probier’s damit. Aber ich habe wenig Hoffnung. Seit die das mit den 1-Euro-Jobs verbrockt haben, kriegt man kaum noch was. Selbst diese Jobs sind auf einmal so heiß begehrt, dass man kaum noch eine Chance hat, irgendwie über die Runden zu kommen.”

"Du kannst ja hier anfangen; am Wochenende sucht mein Chef immer Aushilfen", schlug Jenny halb im Scherz vor; sie wusste, dass Kellnern und Studieren sich nicht vertrug. "Und sonst... ich würde ja sagen, such dir einen reichen Mann, aber das ist wohl eher ein Rat für Frauen.”

"Ach, dann such ich mir eine reiche Witwe und lass mich von ihr aushalten. Wie wäre das als Gegenstück?", fragte ich nur halb im Scherz. Mir war langsam nicht mehr zum Scherzen zumute.

"Wenn ich welche sehe, die auch nicht allzu hässlich sind, werde ich ihnen deine Nummer geben." Jenny klopfte mir mitfühlend auf die Schulter und eilte auf den Wink eines mit Geldscheinen wedelnden Touristen hin zwei Tische weiter. Ich starrte wieder auf die Zeitung vor mir, dann faltete ich sie zusammen. Sollte ich noch einen Tag warten, ob sich etwas Besseres fand oder lieber gleich bei den Adressen anrufen?

Ich zückte kurzentschlossen mein Handy. Chancen bekam man heutzutage nicht mehr viele. Wenn ich zu lahmarschig war, dann schnappte sie sich ein anderer weg und in dieser Hinsicht war ich Egoist. Wer zuerst kam, der mahlte zuerst und ich war angesichts des Runs auf die Stellen knapp dran. Das Freizeichen war kein gutes Zeichen, als ich bei der Tankstelle durchkam.

"Rieker, Aral Tankstelle, Guten Tag", grüßte jemand am anderen Ende. Eindeutig männlich, älterer Jahrgang, vielleicht um die fünfzig und im militärisch knappen Ton.

"Guten Tag, Schmohl ist mein Name. Ich melde mich wegen Ihrer Anzeige im Tagesblatt und wollte fragen, ob ich mich bei Ihnen vorstellen kann. Ich bin an dem Aushilfsjob interessiert.”

"Tut mir Leid, ich fürchte, wir haben die Stelle schon vergeben", kam die enttäuschende, aber nicht völlig unerwartete Antwort. "Aber in den Herbstferien können wir noch ein, zwei Leute mehr an den Wochenenden gebrauchen. Wäre das auch was für Sie?”

"Gern, ich lasse Ihnen meine Handynummer da. Sie können mich darüber jederzeit erreichen." Schnell suchte ich den Zettel heraus, auf der meine Nummer stand. Ich konnte sie mir nicht merken und fluchte innerlich. Einhändig dauerte es eindeutig zu lange, einen Zettel zu entfalten. "Einen Augenblick...", schob ich Zeit nach und dann hatte ich es endlich geschafft. Der Mann am anderen Ende notierte sie sich. Dann war eine Chance weniger da. Jetzt zur nächsten Anzeige.

Der Anruf dort verlief noch niederschmetternder: Eine näselnde, weibliche Anrufbeantworterstimme erklärte mir, man habe für die Stelle bereits mehr als genug Kandidaten, weitere Bewerber müsse man leider enttäuschen. Ich ließ sie nicht zu Ende reden, sondern legte wieder auf. Na toll. So oder so musste ich also wieder auf die Zeitung morgen warten. Verärgert nuckelte ich an meinem Frozen Thai.

Aber nicht allzu lange. Ich warf die Reste der Zeitung fort. Als mir jedoch eine Anzeige ins Auge fiel, raffte ich sie schnell wieder zusammen und hätte beinahe mein Glas den Tisch heruntergefegt. Hastig sah ich mich um, ob jemand mein lächerliches Akrobatenstück aufgefallen war. Aber die meisten waren mit sich selbst beschäftigt. "Wir suchen Models. Bitte kommen Sie am 20.09. in unsere Agentur. Vielleicht sind Sie ja der Typ für die nächste Sommerkollektion!" Ich winkte Jenny.

"Na, Erfolg gehabt?", wollte sie auch gleich wissen und sah mir über die Schulter, während sie gleichzeitig ein Tablett mit einem Dutzend leerer Gläser darauf balancierte, als wäre es nur ein Kuchenteller.

Ich tippte auf die Anzeige und kam mir plötzlich ein bisschen albern vor. "Denkst du, ich hätte da eine Chance?", fragte ich, "nur so theoretisch." Frauen waren schließlich unvergleichliche Autoritäten in Sachen Aussehen. Sie schaute mir tief in die Augen und trat dann einen Schritt zurück. So gemustert zu werden, war kein Pappenstiel. "Also probieren lohnt sich durchaus", gab sie mir zum Glück ein moderates Urteil.

Nun, es hätte auch schlimmer sein können. "Na schön", räumte ich ein, "ich versuche es. Aber wenn's nicht klappt, musst du mir doch die alten, reichen Frauen vermitteln." Jenny grinste. "Mach ich. Kann ich dir denn noch was bringen?”

"Nein, ich habe kein Geld mehr", gab ich ganz offen zu. Jenny sah mich mitfühlend an. Nicht mitleidig, das hasste ich. Aber sie wusste auch, ich würde es nicht zulassen, wenn sie mir etwas spendierte; schließlich verdiente sie auch keine Reichtümer. Stattdessen fragte sie: "Wann hast du morgen Unischluss? Dann behalte ich dir noch ein paar Croissants vom Frühstücksbüfett auf." Das war weitaus unverfänglicher. Außerdem liebte ich Croissants und war durchaus zu minderen kriminellen Delikten in der Lage, um sie zu bekommen. Bisher war das Dank Jenny aber noch nicht nötig gewesen.

"Ich bin gegen 16.00 Uhr da." Ich lächelte ein Herzensbrecherlächeln und schob meine Brille an ihre Stelle. "Ich liebe Croissants", flüsterte ich.

"Ich weiß", flüsterte sie fast verschwörerisch zurück und verschwand mit ihrem Gläsertablett ins Innere des Cafés. Inzwischen waren draußen alle Tische belegt und es wurde immer lauter; mein persönliches Arbeitszimmer verwandelte sich abends bei diesem Wetter in einen Biergarten. Mit einem finalen Seufzen umkringelte ich die Anzeige der Modelagentur, faltete die Zeitung und steckte sie in meinen Rucksack.

Für heute hatte ich da keine Chance mehr. Ich packte meine Sachen zusammen und räumte meinen Schreibtisch. Es wurde Zeit, dass ich nach Hause kam. Zudem hatte ich noch einen winzigen Job für heute. Ich packte die Kisten in einem Lager für den nächsten Tag. Das brachte mir für fünf Stunden 40 Euro. Nicht die Welt, aber Kleinvieh machte bekanntlich auch Mist und das Geld war Brutto gleich Netto.

Allerdings konnte der Chef es nicht leiden, wenn man unpünktlich war, und ich hatte noch eine beachtliche Strecke mit der Straßenbahn zu fahren. Als Jenny wieder herauskam, bat ich um die Rechnung und hatte wie immer den Eindruck, dass sie ein wenig geschönt war, selbst bei den täuschend niedrigen Euro-Zahlen. Aber ich sagte nichts; das war Jennys Sache. Ich schulterte meinen Rucksack, bahnte mir einen Weg durch die dicht gedrängt sitzenden Gäste und trabte Richtung Haltestelle.
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