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Latte Macchiato mit viel Schaum

GeschichteKrimi / P16 / MaleSlash
19.01.2008
19.01.2008
26
50.815
3
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
19.01.2008 1.935
 
Autoren: Neko & Seya
E-Mail: michiru@michiru.de & sheseya@yahoo.de

Inhalt: Frederic, Student mit diversen Jobs, steckt in akuten Geldnöten, aus den er nicht mehr allein herausfindet. Er bewirbt sich auf die Anzeige einer Modelagentur und hofft, dass sich damit seine Probleme lösen. Aber er merkt schnell, dass diese Glitzerwelt so ihre Schattenseiten hat; außerdem hegt Fotograph Richard offensichtlich noch ganz andere Absichten...

Kommentar: Diese Geschichte entstand aus einer Laune und aus dem Gefühl heraus, eine kurze Fingerübung machen zu müssen. Im Ganzen ist etwas größer geworden. Im Vergleich zu anderen Projekten jedoch durchaus überschaubar.

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Prolog

"Kirsten, Benny!" Ich rief mir die Lunge aus dem Hals. Meine beiden Racker waren in den Büschen verschwunden und spielten Indianer und Cowboy. Bewundernswert, wenn man bedachte, dass sie das immer zu zweit machten und dabei eine komplette Kavallerie und einen ganzen Stamm Indianer darstellten. Im Moment waren sie auf dem Kriegspfad und beschlichen sich gegenseitig. Ich störte da nur. Aber das Essen war fertig und das Sonntagsessen nahmen wir allesamt gemeinsam ein. Es roch köstlich. Annette, meine Frau, war eine Klasse-Köchin. Bei mir gab es meist nur Bratkartoffeln, Nudeln und Tomatensoße oder Senfei. Es war nicht gesund, aber schmackhaft. Meine Frau bekam das beides hin. Ich hatte die ganzen Jahre noch nicht herausgefunden, wie sie das machte.

Es dauerte einen Moment, dann tauchten zwei zerzauste Haarschöpfe hinter den Büschen im Garten hervor. Die dazugehörigen Kinder folgten kurz darauf.

"Och Papa, dabei gewinnen ich und Häuptling Großer Fuß gerade gegen Kirsten und ihre Armee!", protestierte mein achtjähriger Sohn und verschränkte die Arme.

"Gar nicht!", maulte Kirsten sofort. Es war wie immer nicht ganz leicht, sich als die Jüngere gegen ihren Bruder durchzusetzen, aber da sie das Temperament meiner Frau geerbt hatte, machte ich mir da keine Sorgen.

"Den Krieg könnt ihr nachher weiterführen, jetzt gibt es erstmal Mittagsessen", verkündete ich und versuchte streng zu gucken.

Meine beiden Kinder guckten betreten und zupften sich gegenseitig die Blätter aus den Haaren und Sachen. "Ab ins Bad! Hände und Gesicht waschen. Sonst gibt es keinen Nachtisch. Mama hat Schokoladenpudding gemacht." Ich sah nur noch eine Staubwolke und hörte das Knallen der Türe. "Die Türen haben Klinken!", schrie ich noch nach und wusste, dass ich kein Gehör fand. Es war eine Sisyphus-Arbeit, was die Erziehung von Kindern anbelangte. Aber ich hatte nicht vor, auch nur eine Minute davon zu missen.

Ich ging zurück in die Küche. Der Braten musste auf den Tisch, genauso wie das Gemüse, der Salat und die Kartoffeln. Ich half beim Tischdecken und gab Annette einen Kuss. Sie grinste.

"Du wirst die Tür wohl bald reparieren müssen", informierte sie mich.

"Ja", brummte ich. "Ich mache eine Stahltür rein. Die hält länger."

"Dabei sollte man denken, du hättest in deinen Jahren als Lehrer gelernt, was man Kindern beibringen kann und was nicht", lächelte Annette. "Aber die beiden Racker haben dich leider völlig unter ihrem Pantoffel." Sie drückte mir ebenfalls einen Kuss auf und griff nach der Schüssel Salat. "Hier, kannst du schon auf den Tisch stellen.”

"Du mich auch!", brummte ich. "Aber ich liebe dich trotzdem. Und gib zu, sie wickeln dich auch um den kleinen Finger." Ich stellte die Schüssel auf den Tisch der Terrasse. "Sie wissen halt unsere große Schwäche.”

"Und wie." Annette sah liebevoll zu, wie Benny und Kirsten mit Unschuldsmienen aus dem Badezimmer kamen und wieder halbwegs ordentlich aussahen. Einmal mehr fand ich es verblüffend, wie wunderbar die beiden Annettes und mein Erbe verbunden hatten; Benny hatte Annettes blonde Locken und meine Sommersprossen, Kirsten meine grünen Augen und das eigenwillige Kinn meiner Frau.

"Fertig! Mama, bekommen wir Schokopudding?", wollten sie sofort wissen und kletterten auf ihre Stühle.

"Wenn eure Hände sauber sind!", stellte sie die Bedingung. Gleich darauf hatte sie vier Hände vor ihrem Gesicht und durfte sie ausführlich begutachten. "Das ist gut. Aber jetzt gibt es erst Mittag, dann gibt es Nachtisch. Alles hinsetzen!" Wir nahmen Platz und sie tat auf. Ich senkte den Kopf und faltete die Hände. Augenblicklich wurde es ruhig und ich sprach ein Gebet. Ich bezog die Namen meiner Kinder und meiner Frau mit ein. Ihr gab ich einen Kuss und darauf folgte ein breites Amen. Die Sekunden der Einkehr waren wichtig, denn jetzt aßen die beiden mit leuchtenden Augen ihr Essen.

Gefräßiges Schweigen machte sich breit, und auch Annette und ich hatten kein Bedürfnis zu reden. Die Sonntagsstille war zu angenehm. Nach einer doppelten Portion für jeden holte meine Frau unter allgemeinem Gejohle den Pudding aus dem Kühlschrank. "So, wer war denn artig?", fragte sie zwinkernd in die Runde. "Ich!", riefen Kirsten und Benny sofort und machten große Augen. Im dem Augenblick klingelte es an der Tür.

"Frederic, geh doch bitte mal hin", bat Annette und zog Kirstens Fingerchen aus der Puddingschale.

Ich schätzte meine Portion nicht als groß ein, wenn ich von der Tür zurückkam. Ich seufzte tief und bekam dafür wieder einen Kuss von meiner Liebsten. Ich lachte und ging zur Tür. Als ich sie jedoch öffnete, war jeglicher Pudding vergessen und ich bekam ein schlechtes Gewissen über eventuelle Fettpölsterchen, die ich definitiv nicht hatte, aber haben könnte.

"Hallo Richard", grüßte ich den Mann vor der Tür. Er war verdammt gutaussehend, graue Schläfen, grausilberne Augen und zählte in diesem Jahr vierundfünfzig. Dieser Mann hatte soviel Sexappeal wie Sean Connery und war genauso erfolgreich. Der Mann war einfach nur beneidenswert.

"Hallo Ricci. Darf ich reinkommen?", fragte mein Besucher, obwohl er ganz genau wusste, dass ich ihn sicher nicht draußen stehen lassen würde. Ich trat zur Seite. "Lass mich raten, du bist wegen Annettes Kochkünsten hier?”

Richard sog den Duft durch die Nase. "Mhm, wie immer ein Festschmaus allein schon nach dem Duft", machte er gleich das erste Kompliment. "Ich geb' zu, ich wusste, dass ihr esst und ich wollte mich einhaken. Nicht zum Essen, sondern einfach so. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen und ich wollte dich und deine Frau einladen.”

"Wann denn? Nächste Woche ist Schulkonferenz, da haben wir wieder einiges um die Ohren. Aber sonst gerne." Ich ging durch den Flur zurück ins Wohnzimmer und auf die Terrasse. "Annette? Hast du noch eine Portion für Richard?”

"Nun, ich dachte an heute Abend. Nichts Großartiges. Sondern einfach ein wenig grillen und Bier trinken. Ich habe auch Wein da." Ich spitzte die Ohren. Das hörte sich gut an. Der Babysitter würde sich wahrscheinlich über einen Sonderverdienst freuen und am Sonntag dauerten die Feiern nicht so lange wie Sonnabend. Es war also kein Problem, einfach mal ein wenig mehr zu entspannen.

Annette sah auf. Ihr Gesicht gefror ein wenig. Ich fragte mich, wann meine Frau und Richard endlich mal ein wenig mehr auftauen würden. Aber ich wusste, dass das noch ewig dauern würde. Dennoch sagte sie ganz sicher nicht nein. Denn Richard wiederholte die Einladung und sagte, dass Jenny und Nils mit da sein würden. Und wenn die da waren, kam sie ganz sicher.

Und Annette stimmte auch zu. "Gerne. Wir haben lange nicht gegrillt." Sie hatte tatsächlich noch etwas Schokoladenpudding übrig, und ich zog Richard einen Stuhl heran. Kirsten hob den Kopf; ihr Mund war völlig verschmiert. "Onkel Richard, hast du neue Fotos von Papa?", wollte sie wissen.
"Ja, habe ich. Willst du sie nachher sehen?”

Alarmiert hob ich den Kopf. Wie ich es hasste, wenn meine Kinder mit meinen Fotos abhauten. Ich hatte schon genug damit zu tun, meinen Beruf als Lehrer für Biologie und Chemie mit dem auseinander zu halten, was ich tat, wenn ich mit Richard zusammen war. Auch wenn es mir in der Schule niemand glauben würde: Ich machte immer wieder mal auf Fotomodel und war damit sogar erfolgreich. Nur, meine Kiddies fanden das obercool und dampften mit den Ergebnissen in die Büsche und machten sonst etwas damit.

Richard sah zu mir und erriet wie immer meine Gedanken. "Aber wir müssen sie deinem Papa hinterher wiedergeben, Kirsten", erklärte er meiner Tochter. "Er will auch was davon haben." Kirsten nickte brav, aber ich war mir da nicht so sicher. Annette schien derweil ein Grinsen verstecken zu müssen.

Richard reichte Kirsten und Benny einen Umschlag. Sie schaufelten sich ihren Pudding rein, dann liefen sie davon.

Annette und ich deckten den Tisch schnell ab, dann meinte sie, dass sie mich und Richard allein lassen wollte. Sie wollte ein Buch lesen.

Ich wusste, dass sie es wirklich nicht mochte, wenn ich mit ihm zusammen war. Aber sie hielt mich nicht davon ab, weil sie wusste, dass mein Herz ihr gehörte. Ich ging wie immer mit einem reichlich schlechten Gewissen beladen zu Richard. Er war wie eine Droge für mich. Wie Katzenminze für eine Katze.

Richard schob mir stumm eine Mappe rüber. Natürlich, er hatte auch noch die richtigen Bilder für mich. Ich blätterte darin. Es war für mich immer ein kleiner Schock. Das auf den Bildern war ich - zweifellos! Aber es waren Seiten von mir, die ich nicht sah und die wohl kaum jemand anderes sah. Dieses Mal waren es Fotos für einen Herrenkatalog. Ich gehörte mit meinem Alter zur Zielgruppe. Trotz des Themas "Verkauf von Klamotten" waren die Bilder wie immer etwas Besonderes. Arrangements, die alles kunstvoll in Szene setzten. "Die sind einfach großartig", murmelte ich. "Welche nimmst du?”

"Diesmal kann ich mich selber nicht entscheiden", gestand Richard. "Welche gefallen dir am besten?”
"Das glaube ich dir nicht!" Ich lachte.

"Trotzdem interessiert mich deine Meinung. Das hier ist bereits die engere Auswahl.”

Ich blätterte und zeigte dann nach meinem Bauchgefühl heraus auf jeweils ein Bild einer Szene. "Diese würde ich nehmen. Sie sind gut. Ich dachte, der Auftraggeber wählt aus. Na ja, mag wohl auch nicht entscheiden", mutmaßte ich.

"Genau. Deswegen habe ich ausnahmsweise mal die Wahl, und du auch." Richard holte eine zweite Mappe heraus und sah mich von der Seite an. "Die hier sind auch noch für dich. Ich hatte sie letztens wieder gefunden.”

Mein Herz schlug für einen Moment aus. Ich lächelte verkrampft und dankte. Richard erhob sich. "Wir sehen uns dann heute Abend", verabschiedete er sich noch. Er trat zu mir und beugte sich zu mir. Als ich aufsah, gab er mir einen Kuss auf die Lippen. Ich wollte noch sagen: "Nicht vor den Kindern!" Doch dazu kam ich nicht. Richard ging und ich wusste, dass er wusste, was er in mir ausgelöst hatte.

Ich sah ihm nach, bis sich Annette wieder in mein Blickfeld schob. "Hey, träumst du?" Sie setzte sich neben mich und drückte mir eine Tasse Kaffee in die Hand. "Die Kinder sind wieder im Garten. Du siehst ein bisschen müde aus.”

"Ich glaube, ich bin es auch. Danke!" Ich trank einen Schluck. Annette lächelte. "Du solltest dich vielleicht hinlegen. Heute wird es ein längerer Abend als sonst." Ich küsste Annette, dankte ihr und ging in mein Arbeitszimmer.

Schlafen konnte ich nicht. Meine Gedanken hatten zu driften begonnen. Richard wusste, was er in mir auslöste. Er machte nichts ohne Berechnung. Die Bilder waren schön. Sie waren knapp zehn Jahre alt und ich war das Motiv. Lange vor Annette, lange vor den Kindern und es war nichts, was ich ihnen jemals voll und ganz erzählt hatte.
Ich schloss die Augen und erinnerte mich zurück.
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