Der Gesang der Nachtigall

von Lywhn
GeschichteRomanze / P16
Aragorn Elrond Eomer Gandalf Gimli Legolas
15.01.2008
26.09.2009
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1. Kapitel – Ein mieser Trick

„Und Ihr seid Euch ganz sicher, dass diese Steine aus den Glitzernden Grotten von Helms Klamm stammen?“

Der Händler an dem Marktstand verzog leicht genervt das Gesicht und blickte über seine teure Ware hinweg auf den potentiellen Kunden, der nun schon seit einigen Minuten die Auslagen bewunderte, Fragen stellte, auf die er kaum eine Antwort wusste und nicht nur ungewöhnlich kritisch, sondern auch noch ungewöhnlich klein war. Klein, aber stämmig. Gutes Essen schien eine Leidenschaft von ihm zu sein. Das Alter des Mannes war schlecht zu schätzen, denn alles was man von dem Gesicht sah, waren der obere Teil der Wangen, die dunklen Augen und die Nase, die etwas Knollenartiges an sich hatte. Der Rest wurde von einer wahren Flut dicken, rötlichen Bartes und einem verzierten Helm bedeckt, als wolle dessen Besitzer in eine Schlacht ziehen. Auch die Streitaxt, die auf seinem Rücken hing, hatte etwas Beunruhigendes – genau wie der ganze kleine Kerl, der von Natur aus sehr mürrisch zu sein schien. Sein Begleiter dagegen war das genaue Gegenteil. Groß, schlank, ruhig und mit einer angenehmen, weichen, melodischen Stimme von Mutter Natur ausgestattet, lehnte er neben dem kleinen Knurrhahn an der Stange, die den Baldachin des Verkaufsstandes hielt, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wartete geduldig. Auch von seinem Gesicht war wenig zu sehen, was bei ihm allerdings an der Kapuze seines langen, grauen Umhanges lag, die er sich tief in die Stirn gezogen hatte. Das Kinn war bartlos – was für einen erwachsenen Mann Gondors (und auch Rohans) beinahe schon ein Unding darstellte – und das lange, glatte seidige Haar, von dem ihm einige Strähnen auf die Brust fiel, war von einem hellen, strahlenden Blond.

Überhaupt unterschieden die beiden Männer sich dermaßen extrem voneinander, dass es schon beinahe lustig anmutete sie beisammen zu sehen. Und das nicht nur wegen der unterschiedlichen Größen und ihrem Gebaren, sondern auch aufgrund der Kleidung. Der Kleine war in ein Kettenhemd gehüllt, trug erdfarbene Beinkleider, eine erdfarbene Tunika unter dem Kettenhemd und seine Füße steckten in schweren Stiefeln. Der größere – und nach Meinung des Händlers auch wesentlich jüngere – Mann dagegen trug silbergraue, enge Beinkleider, eine silberne Untertunika (die aus Seide zu bestehen schien) und eine schlichte und dennoch mit zarten Ornamenten bestickte Obertunika, die in einem warmen Beige gehalten war. Die Schafte der gleichfarbenen Stiefel umschlangen seine Fesseln und Waden wie Blätter und um die Taille trug er einen dünnen, verzierte Gürtel, in dem ein Dolch steckte. Auf dem Rücken hingen Pfeil und Bogen und er hielt ein schlohweißes Pferd am Zügel, das friedlich neben ihm stand und hin und wieder mit ihm zu schmusen begann, was ungewöhnlich war. Pferd und Reiter mussten eine sehr innige Beziehung zueinander haben, wie man sie eigentlich nur den Pferdemenschen Rohans nachsagte – oder den Elben.

Der Kleine räusperte sich. „Also, was meinst du?“ wandte er sich an seinen hoch aufgeschossenen Begleiter und deutete auf den Stein, der fein behauen war und in einer Silberfassung ruhte, so dass er als Anhänger getragen werden konnte.

„Kahani wird er sicherlich gefallen – soweit ich mir erlauben kann, den Geschmack einer Zwergenfrau beurteilen zu dürfen“, entgegnete der Jüngere der beiden freundlich und der Händler riss die Augen auf. Zwergenfrau? Er musterte seinen potentiellen Kunden und dann schimpfte er sich selbst mit Blindheit geschlagen zu sein. Der Mann war ein Zwerg! Nicht ein kleinwüchsiger Mensch mit einer Vorliebe für gutes Essen und Ale, nein, sondern ein echter Zwerg! Und das war in Minas Tirith eine Seltenheit! Ein waschechter Zwerg im Herzen Gondors! Nun, als der Ringkrieg vor einem knappen Jahr seinen grausamen Höhepunkt erreichte, war ein Zwerg in die Weiße Stadt gekommen und hatte an der Seite eines Elben und des neuen, damals noch ungekrönten Königs gekämpft.

Der Sieg über Sauron und die Vernichtung des Einen Rings waren nun fast ein Jahr her und auch, wenn der Ringkrieg offiziell erst mit dem Tod Sarumans als beendet erklärt wurde (was ein reichliches halbe Jahr nach Saurons Fall geschehen war), so gab es dennoch zwei Daten, die eng beieinander lagen und die für Gondor ausschlaggebend waren: der 15. März, als Saurons Heer Minas Tirith angriff und die Menschen als Sieger aus einer Schlacht hervor gingen, die für sie anfangs aussichtslos gewesen war, und der 25. März, als der Eine Ring zerstört und Saurons Macht zerschmettert wurde. Und der Sieg auf den Pelennor-Feldern rund um Minas Tirith würde sich in neunzehn Tagen (Anm. der Autorin: Im Kalender Mittelerdes hat der Februar 30 Tage!) das erste Mal jähren, und Gondor bereitete sich auf die angesetzten Feierlichkeiten vor, die zehn Tage anhalten und mit dem Jahrestag des Falls Saurons ihren Höhepunkt erreichen würden. In diesem Zusammenhang ging das Gerücht um, dass zu diesem Anlass nicht nur König Éomer aus Rohan kommen würde, sondern auch, dass die anderen Ringgefährten nach Gondor einen Besuch abstatten würden, um hier mit König Elessar, der die Gefährten während des Krieges angeführt hatte, zusammen zu treffen und die Feierlichkeiten an seinem Hofe zu begehen.

Wenn Letzteres stimmte, so mutmaßte der Schmuckverkäufer, dann könnte der Zwerg vor ihm vielleicht einer der Ringgefährten sein: Gimli, Glóinssohn!

Der Händler erstarrte ein zweites Mal, als der junge Mann mit schlanker, auffallend wohl geformte aber blasser Hand sanft die Nüstern des Schimmels liebkoste und leise etwas ihm zuflüsterte, was wie ein gesprochenes Lied klang. Wenn der Zwerg hier wirklich Gimli sein sollte, dann konnte sein Begleiter eigentlich nur…

„Ich nehme ihn!“ riss ihn der Zwerg aus seinen Überlegungen, der damit vom potentiellen zum wahren Kunden wurde.

Der Händler blinzelte, orientierte sich kurz und setzte dann ein strahlendes Lächeln auf. „Eine ausgezeichnete Wahl, Meister Zwerg!“ lobte er und nahm das Schmuckstück auf. „In ganz Gondor werdet Ihr kein schöneres Exemplar finden – und Eure Frau Gemahlin wird ganz hingerissen sein.“

Von unter der Kapuze des Jüngeren erklang ein gedämpftes Schnauben und Hüsteln, so, als würde er ein Lachen unterdrücken wollen, während die Miene des Zwerges sich verfinsterte. „Kahani ist nicht mein Weib, sondern meine Schwester!“ stellte er entrüstet richtig, was den Händler etwas belämmert ein „Entschuldigung!“ entlockte – und dem jungen Mann nun doch ein leises, glasklares Lachen, welches so sanft und lieblich war, das nicht nur der Händler verzückt aufsah, sondern einige Menschen, die in Nähe waren, sich ebenfalls verwundert umwanden. „Wie soll der Mann das wissen, mein Freund? Er kennt weder dich noch deine Schwester!“ tadelte er den Kleinwüchsigen mit einem belustigten Unterton.

Der Händler war jetzt von einem überzeugt: Der Mann in der Begleitung des Zwerges war ein Elb! Es gab keine andere Erklärung für so viel Schönheit der Stimme – von all den anderen kleinen Indizien ganz zu schweigen. Und es war nicht irgendein Elb, nein, wenn er sich richtig entsann, dann war der Elb, der ein persönlicher Freund des Königs war, sogar ein Prinz; der Thornerbe Düsterwalds (oder auch Grünwald, wie das riesige Waldgebiet in Nordwesten Mittelerdes seit dem April des vorherigen Jahres wieder hieß). Der arme Mann fühlte Aufregung in sich aufwallen und vermochte es nur mühsam, seine Gefühle zu beherrschen. „Mögt Ihr auch etwas, Herr?“ fragte er mit leicht heiserer Stimme die hoch gewachsene Gestalt, die den Kopf schüttelte und dankend ablehnte: „Eure Steine sind wahrlich schön, aber ich kenne niemanden, der einen tragen würde. Wir ziehen eine andere Art des Schmuckes vor.“

Der Zwerg verdrehte die Augen. „Ja, ja, ihr braucht gar keinen Schmuck, nicht wahr? Ihr seid selbst schon Schmuckstücke genug!“ Ein Hauch von Spott klang in seinen Worten mit, den der andere gutmütig ignorierte. Seinen kleinen Lederbeutel mit den, in Gondor und Rohan üblichen Geldstücken vom Gürtel lösend, wandte der Kleinwüchsige sich wieder an den Händler, bezahlte und nahm den Stein in der Silberfassung mit dicken, aber kräftigen Fingern entgegen.
Der junge Mann nickte nochmals freundlich und schubste dann den Schimmel sacht an. „Noro, Arod!“

Der Händler sah den beiden ungleichen Kameraden nach und schüttelte leicht benommen den Kopf, als der Gewürzverkäufer vom Nachbarstand zu ihm trat.

„Das waren zwei komische Vögel, was?“ fragte er belustigt. „Dick und dünn, klein und groß!“ lachte er und legte seinem Kollegen eine Hand auf die Schulter, woraufhin dieser herum fuhr und zischte: „Sprich nicht so über sie!“

Der Gewürzhändler runzelte die Stirn. „Wieso? Die beiden waren doch…“

„Ein Zwerg und ein Elb!“

Ein verständnisloser Blick war die Antwort und der Schmuckwarenhändler pochte ihm sacht an die Stirn. „In siebzehn Tagen ist der erste Jahrestag als unser König Elessar gemeinsam mit König Théoden die vereinten Heere Gondors und Rohans zum Sieg führte. Darum kommen die Ringgefährten noch einmal zusammen und ein Zwerg und Elb sind hier in Minas Tirith! Dämmert’s dir nicht ein wenig?“

Der Gewürzhändler hob eine Braue, schüttelte leicht den Kopf, erstarrte, fuhr halb herum und sah in das dichte Treiben, in das die beiden verschwunden waren. „Das waren…?“

„Ja! Nur sie können es gewesen sein! Gimli Glóinssohn und Legolas, König Thranduils Sohn – zwei der Gefährten und enge Freunde unseres erlauchten Königs Elessar!“

****************

Gimli Glóinssohn band seinen Geldbeutel wieder an seinem Gürtel fest und steckte den Schmuckstein in eine kleine Tasche, die er in seinem Wams verschwinden ließ. Sein Freund hob eine Braue, was von der Kapuze jedoch verdeckt wurde.

„Binde deinen Geldbeutel nicht zu weit hinten fest, mellon nîn, sonst könnte man ihn dir stehlen, ohne dass du es merkst. Nicht alle Menschen in Minas Tirith sind ohne Arg!“

Der Zwerg brummte amüsiert. „Erstens hat es noch nie ein Mensch geschafft, einen Zwerg zu bestehlen wenn er wach und klar bei Verstand ist und zweitens bist du zu misstrauisch!“

„Nein, mein Freund, ich habe nur reichliche Erfahrungen gesammelt! Immerhin bin ich schon länger auf der Welt als du“, gab Legolas Thranduilion mit dünner Belustigung zurück.

Gimli schnaubte und murmelte etwas von „…Junge…“ und „… elbischer Stolz…!“, lenkte das Thema aber in eine andere Richtung, da er wusste, dass sein Elbenfreund im Grunde Recht hatte. „Kannst du mir mal sagen, warum der Gute zum Schluss so aufgeregt war?“ fragte er und machte mit dem Kopf eine Geste rückwärts.

Sein Begleiter sah auf ihn hinunter. „Vielleicht warst du heute sein erster Kunde?“ schlug er vor und hielt den Schimmel mit einer Hand zurück, als mehrere Kinder direkt vor ihnen entlang jagten – offenbar in ein Fangspiel vertieft. Lächelnd sah er den Kleinen nach, wie sie johlend und sich gegenseitig anfeuernd durch die Menschenmassen streiften, dabei den einen oder anderen ein wenig zum Wanken brachten und sich um das Schimpfen der Erwachsenen nicht im Geringsten scherten. Es war gut, dass die Kleinen wieder so sein konnten. Kinder sollten lachen und spielen – und nicht weinen und sich verstecken müssen.

„Hm… Die Steine, die er hat, sind gut! Ich frage mich, woher sie wirklich stammen. Die Art, wie sie behauen sind, zeigt mir, dass sie zwergischen Ursprungs sein müssen – oder zumindest von Zwergen bearbeitet wurden“, überlegte Gimli laut und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

Legolas sah kurz um sich. Seine scharfen Elbensinne nahmen das Geschehen um ihn herum wesentlich stärker wahr, als es je ein Mensch oder Zwerg vermocht hätte. Wie immer war es auf dem Markt im untersten Ring der Weißen Stadt brechend voll – und jetzt, kurz vor den Feierlichkeiten, noch mehr. Marktschreier priesen ihre Waren, Frauen feilschten um Obst, Eier und Fleisch, Männer tauschten Neuigkeiten aus (die keine mehr waren) und Packtiere stapften unruhig mit ihren Hufen. Die ersten Strahlen der frühen Märzsonne waren schon erstaunlich kräftig und beschienen die weißen Mauern, in denen noch immer. Teilweise grobe Spuren von dem erbarmungslosen Kampf zeugten, der noch vor einem reichlichen Jahr in dieser Stadt getobt hatte. Selbst das große Tor, welches von dem Hexenmeister zerstört waren war, war nur durch ein festes Holztor ersetzt worden, da eines zu schmieden lange dauerte.
In manchen Winkeln und Gassen, in die die Sonnenstrahlen nicht gelangten, lag noch ein Rest von Schnee, der jedoch schon grau und schmutzig war. Der Geruch von frisch geernteten Früchten, die aus dem süd-östlichen Ilithien stammten, wo das Klima wärmer war als hier an den Osthängen des mächtigen Gebirges Ered Nimrais, hing in der Luft, begleitet von dem Duft nach frisch gebackenem Brot, gemalzenem Ale und vieler anderer Köstlichkeiten, die auf diesem Teil des Marktes feil geboten wurden; vermengt mit dem unverkennbaren nicht so angenehmen Wohlgerüchen, die in jeder Stadt zu finden waren.

Der zurückliegende Winter war für diesen Teil Gondors ungewöhnlich hart gewesen und hatte das Land bis vor zwei Wochen in einem eisigen Griff gehalten, als wollen die letzten Schatten Mordors noch einmal etwas von ihren Schrecken zeigen. Es war besonders schwer für die Gondorer gewesen, da die Schergen Saurons viele Felder Gondors während ihres Durchzuges vernichtet hatten, gerade in der angrenzenden Lehen, von denen einige über sonst so üppige Felder und Wälder verfügten, bzw. verfügt hatten. Dennoch konnte sich der Großteil der Bevölkerung nicht über Hunger beklagen. Aragorn, Athos’ Sohn und der Erbe Isildurs, hatte alles daran gesetzt, um die drohende Not seines Volkes so gering wie möglich zu halten, hatte die Schatzkammern des ehemaligen Stadthalters geöffnet und lebensnotwendige Lebensmittel aus den süd-westlichen Ländern und aus Anórien, der so genannten ‚Kornkammer Gondors’, im Austausch dafür kommen lassen. Sicher, nicht allen konnte geholfen werden. Legolas und Gimli hatten während ihres Ritts nach Minas Tirith einige halb verlassene Dörfer gesehen, in denen manche Menschen wie stumme Geister wandelten, aber wenn man die Zerstörung zugrunde legte, die Sauron über Gondor hatte kommen lassen, dann grenzte es fast an ein Wunder, was Aragorn in der kurzen Zeit, die seit seiner Thronbesteigung vergangen war, geleistet hatte.

Legolas schreckte aus seinen kurzen Überlegungen wieder auf und erinnerte sich, dass sein Freund auf eine Antwort wartete. „Du könntest Recht mit deiner Vermutung haben!“ sagte er neckend – wohl wissend, was seine nächsten Worte bei dem impulsiven kleinen Mann auslösen würden: „Die Steine sind kantig und eckig!“

Und richtig! Der Zwerg blieb abrupt stehen und schnappte hörbar nach Luft. „Was weißt du schon von der hohen Kunst des Steinwerkens, Herr Elb, wie wir Zwerge es beherrschen? Unsere Bauten, Kammern und Höhlen sind an Kunstfertigkeit, Pracht und Schönheit nicht zu überbieten, wie sogar ein paar von euch Elben festgestellt haben! Ansonsten hätten sie nicht ihre teilweise unterirdischen Paläste von meinem Volk ausbauen und verzieren lassen. Selbst dein Vater hat darauf zurückgegriffen, bevor er sich daran erinnerte, dass er uns Zwerge nicht leiden kann. Und da nennst du unsere Steinmetzkunst kantig und eckig?“ empörte er sich lautstark.

„Nun, ich verstehe so viel von den Kunstwerken deines Volkes, wie du von der hohen Schmiedekunst des meinen, Herr Zwerg!“ versetzte sein Freund und ging lachend weiter, als Gimli zu schnaufen begann und rot anlief. „Legolas! Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen!“ rief er und stemmte die Hände an die Stelle, wo bei anderen die Taille war, als der Elb sich noch immer lachend entfernte. „Und stehen lässt dieses Spitzohr mich auch noch!“

Ein Mann neben ihm, der mit drei Stiegen beladen war, sah verwundert zu ihm hinab. „Spitzohr?“ fragte er ungläubig, doch Gimli bemerkte ihn noch nicht einmal, sondern warf die Hände in die Höhe und polterte los: „Und so etwas nennt sich Freund! WARTE GEFÄLLIGST!“

Noch immer feixend führte Legolas Arod vorsichtig durch die lärmenden Menschen. Der Hengst vertraute ihm zwar blind und ging bereitwillig dorthin, wo auch er hinging, aber bei dem Krach und dem Gedränge bestand durchaus die Gefahr, dass der Schimmel scheute und ein um sich schlagendes Pferd konnte fatale Folgen haben. Der Elb blickte über die Schulter zurück und sah, dass sein Zwergenfreund noch immer an der gleichen Stelle stand und dem Fuchteln seiner Hände (und den amüsierten Blicken einige Passanten) nach zu urteilen, war er gerade dabei, sich in Fahrt zu reden. Legolas grinste in sich hinein. Es machte dem jungen Elb einen nahezu diebischen Spaß, Gimli dermaßen aufzuziehen, dass dieser in die Luft ging. Umgekehrt hatte der Zwerg es schließlich auch schon mehrere Male geschafft, die sprichwörtliche elbische Gelassenheit des Prinzen einzureißen und ihn an den Rand der Verzweiflung zu treiben. Aber so war es nun einmal, wenn zwei Mitglieder von so unterschiedlichen Rassen wie Elben und Naugrim (wie die Zwerge auf Sindarin hießen, oder Khazâd, wie sie sich in ihrer eigenen, geheimen Sprache nannten) miteinander verkehrten. Früher wäre aus solch einem verbalen Necken böse Zwistigkeiten entstanden, wäre es doch völlig missverstanden worden, doch die beiden hatten diesen Kreis durchbrochen und galten langsam, aber sicher, bei ihren beiden Völkern als Beispiel für Toleranz und Umdenken. Sicher, Schwierigkeiten gab es noch immer, besonders von Seiten Thranduils und Glóins her, obwohl diese jeweils den Freund ihres Sohnes nicht kannten, und es war in der Tat seltsam, dass die beiden Väter eine tiefe Abneigung gegeneinander hegten (um nicht zu sagen: Feindschaft), und ihre beiden Söhne die besten Freund geworden waren.

Legolas schüttelte den Kopf, als er sah, wie das Gesicht des Zwergs inzwischen bedenklich rot angelaufen war und einige Passanten amüsiert um ihn herum standen. Das feine Gehör des Elbs verstand zwar so ziemlich alles, was der kleine Kerl da von sich gab, überging es aber. „Gimli, spar deinen Atem für den Weg in die Oberstadt und komm endlich! Estel wartet sicherlich schon!“ rief er vergnügt.

Nicht umsonst hatte er des Königs elbischen Namen benutzt, den in Gondor keiner kannte. Schließlich und endlich wollte er keine Aufmerksamkeit erregen – zumindest nicht mehr, als es Gimli bereits tat. Er wandte sich zum Weitergehen in der Hoffnung, dass der Naugrim ihm einfach folgen würde, und erschrak, als er urplötzlich mit jemanden zusammen stieß, der mit heller Stimme leise aufschrie. Rascher als das menschliche Auge es zu erblicken vermochte, schnellte seine freie Hand vor und umfing den schlanken Oberarm der Person, die in ihn hinein gelaufen war, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie das Gleichgewicht verlor und halb zu Boden fiel. Arod bäumte sich mit einem schrillen Wiehern erschrocken auf, beruhigte sich aber wieder rasch, als der Elb einige Worte an ihn richtete. Dann wandte Legolas seine Aufmerksamkeit der zierlichen Gestalt zu, die vor ihm im Straßenstaub hockte. Schlanke, schmutzige Hände klaubten das Obst auf, das aus einem Beutel rollte, der bei dem Zusammenstoß als erster Bekanntschaft mit dem harten Pflaster der Straße gemacht hatte. Leicht lockige, braun-rote Haare fielen wie eine Kaskade über eine herunter gerutschte Kapuze und schmale Schultern, und ergossen sich über ein braunes Mieder und einen kurzen Umhang, der von einer dunklen Farbe war und nur halb den sandfarbenen Rock bedeckte, der sicherlich schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte.

Hastig kniete der Elb sich nieder. „Habt Ihr Euch verletzt, Milady?“ fragte er besorgt und die Gestalt hielt in ihrem Bestreben, das Obst vor den trampelnden Füßen der anderen Marktbesucher zu schützen, inne. Die Frau hob den Kopf und sah ihn aus grau-grünen Augen überrascht an. Legolas verharrte einen Moment. Sie war noch jung; sehr jung. Der Elb hatte lange genug unter Menschen gelebt, um ihr Alter ganz gut einschätzen zu können – und dieses Mädchen, das vor ihm hockte, zählte noch keine zwanzig Sommer. Ihr Gesicht war herzförmig und selbst der Schmutz konnte nicht verbergen, wie ebenmäßig und zart die Züge waren. Sie hatte eine angedeutete, kleine Stupsnase, was ihr gemeinsam mit den beiden Grübchen in den Wangen ein schelmisches Aussehen verlieh. Dieser Eindruck wurde noch durch die Augen verstärkt, die zwar groß, aber dennoch leicht schräg wie die einer Katze waren. Ihre Haut war blass und zeugte von einem harten Leben und sicherlich dem einen oder anderen Schicksalsschlag, was nicht verwunderlich war. Es gab kaum jemanden, der im Ringkrieg nicht irgendeinen Verwandten oder Freund verloren hatte.

Das Gesicht des Mädchens verriet Ungläubigkeit, während es sich die vollen Lippen befeuchtete. „Herr?“ fragte sie zögernd mit leiser, angenehmer Stimme und Legolas begriff, dass sie wahrscheinlich mit einer Beschimpfung gerechnet hatte, aber nicht mit einer Frage nach ihrem Befinden. Der verschlissenen Kleidung nach stammte sie aus sehr ärmlichen Verhältnissen und die Standesunterschiede waren während und nach dem Krieg noch gewachsen. Auch Aragons Bestreben, diese Kluft zu verkleinern, hatte dem Dünkel mancher ‚hoher Herren’ noch keinen Abbruch getan. Und Legolas war davon überzeugt, dass dieses Mädchen ebenfalls die eine oder andere unangenehme Erfahrung mit den Würdenträgern Gondors (und deren Gefolge) gemacht hatte.

„Habt Ihr Euch wehgetan?“ wiederholte er seine Frage leicht abgewandelt und schnappte sich einen davon rollenden Apfel, bevor dieser ein matschiges Ende unter einem gerade zutretenden Stiefel finden konnte, als ein Marktbesucher die beiden, am Boden kauernden Gestalten einfach übersah und fast über sie gestolpert wäre. Arod schnaubte empört und wieherte den Mann drohend an, der es gewagt hatte, seinem Herrn so nah zu kommen! Hastig brachte der Mensch sich in Sicherheit und der Hengst schnaubte laut – beinahe zufrieden.

Legolas musste für einen Moment schmunzeln, denn natürlich war ihm diese kleine Szene nicht entgangen, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Mädchen zu, das ihn schüchtern anlächelte. „Nein, Herr. Bitte verzeiht. Ich… ich war in Gedanken und…“

„Es war auch mein Fehler“, unterbrach Legolas sie sanft und gab ihr den Apfel zurück. „Ich habe mich nicht vergewissert, ob nicht jemand neben mir war, als ich mich zum Gehen wandte.“
Die junge Frau starrte auf seine Finger, errötete leicht und nahm mit einem leisen „Danke, Herr“, das Obststück entgegen, um es zu den anderen in den Beutel zu verfrachten. Mit seinen feinen Sinnen spürte der Elb die wachsende Nervosität der jungen Frau, was ihn ein wenig verwunderte. Ja, er wusste aus Erfahrung, dass viele Menschen auf Elben mit Unsicherheit reagierten, doch er war sich beinahe sicher, dass das Mädchen ihn nicht als Angehörigen des Schönen Volkes erkannt hatte. Immerhin wurden seine Ohren von der Kapuze verdeckt und sein Gesicht lag größtenteils im Schatten. Vermutlich war die Nervosität der jungen Frau darauf zurück zu führen, dass seine Kleidung auf einen gewissen höheren Status hinwies und sie diesbezüglich Hemmungen hatte.

Mit einem raschen Blick vergewisserte Legolas sich, dass nicht noch mehr fruchtige Ausreißer im Straßenstaub waren, erhob sich geschmeidig und reichte dem Mädchen die Hand. „Ihr gestattet, Milady?“

Die junge Frau sah ihn verblüfft an, blickte hinter sich – nein, da war niemand, den der fremdartige höfliche Mann gemeint haben könnte – begriff, dass er sie meinte und ergriff zaudernd und erneut errötend die dargebotenen Finger, die warm und mit ungewöhnlicher Kraft die ihren umschlossen. Ein Ruck und sie stand wieder auf ihren Füßen; den Beutel mit dem Obst an sich pressend. „D… Danke, Herr“, wisperte sie und legte leicht den Kopf schief.

„Kaum lässt man dich eine Minute aus den Augen, Junge, und schon stellst du was an!“ erklang eine brummige und dennoch vergnügte Stimme neben ihnen. Die junge Frau sah überrascht neben sich und riss die Augen auf, als sie der kleinwüchsigen, gedrungenen Gestalt mit dem mächtigen Bart gewahr wurde, die breit grinsend zu ihrer Rechten stand. „Soviel zu elbischen Reaktionsfähigkeiten und der Möglichkeit des Voraussehens“, fuhr der Kleine stichelnd fort. „Ich hab’ ja schon ein paar Mal erlebt, dass es dir hin und wieder an der berühmten elbischen Geschicklichkeiten mangelt, aber eine junge Dame über den Haufen zu rennen, ist die Krönung!“

Legolas seufzte lautlos auf. „Nun, immerhin falle ich nach fast zwei Jahren Reitunterricht nicht andauernd von einem Pferd, wenn dieses auch nur zu traben beginnt!“ konterte der Elb trocken und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Mädchen zu, das noch nervöser wirkte, als zuvor und sogar einen kleinen Schritt bereits zurück gewichen war. Er legte sich die rechte Hand auf die Brust und deutete eine leichte Verneigung an. „Milady, nochmals mein Bedauern über mein Ungeschick.“

Die junge Frau sah ihn merkwürdig an, öffnete den Mund, schloss ihn wieder, schluckte dann und ließ den Beutel mit dem Obst wieder sinken. „Es ist nichts passiert, Herr. Und danke für Eure Hilfe!“ Damit verschwand sie beinahe fluchtartig im allgemeinen Gedränge. Zwerg und Elb sahen ihr verwundert nach, dann schüttelte Gimli den Kopf. „In einem muss ich euch Elben Recht geben: Menschen sind manchmal wirklich schwer zu verstehen!“

„Mae!“ nickte der Thronerbe des Großen Grünwaldes, nahm Arod kürzer am Zügel und setzte seinen Weg fort. Gimli folgte ihm; noch immer ein breites Grinsen auf dem Gesicht, sah er doch eine Möglichkeit gekommen, dem Elb es für die Schmähung der zwergischen Steinmetzkunst heimzuzahlen. „Ts, ts, Legolas, ich mache mir langsam Sorgen um dich! Vor vier Tagen verlierst du am Flussufer fast den Halt und nur mein beherztes Zupacken hat verhindert, dass du ein Vollbad hast nehmen müssen, und jetzt läufst du auch noch ein Mädchen um. Wenn sie wenigstens hübsch gewesen wäre, dann…“

„War sie!“ warf der Elb ein und sah auf seinen Freund hinunter, der skeptisch mit dem behelmten Kopf wackelte.

„Sie war ein Dreckspatz und es bedürfte mehr als nur ein bisschen Wasser, um sie zu säubern!“

Legolas spitzte belustigt die Lippen. „Dass unter Schmutz und Dreck sich etwas Schönes verbergen kann, müsste ein Zwerg doch am besten wissen. Immerhin grabt ihr ja ständig in der dunklen Erde nach Erzen und Edelsteinen!“

Der Naugrim schnitt eine Grimasse. „Gut, dass du Letzteres hinzu gesetzt hast, sonst hätte ich…“

Legolas stoppte so plötzlich im Schritt, dass Gimli, der aufgrund der engeren Gasse, durch die sie gerade gingen, halb hinter ihm war, praktisch in ihn hinein lief. „Warne mich doch vor!“ murrte er und beobachtete, wie sein Elbenfreund hektisch seinen Gürtel abtastete. „Suchst du was?“

Der Elbenprinz fuhr zu ihm herum. „Mein Geldbeutel!“ entfuhr es ihm schockiert. „Er… er ist weg!“

Der Zwerg runzelte die Stirn. „’Weg’ wie richtig weg, oder ‚weg’ wie verlegt?“

Legolas sah ihn unwirsch an. „Wie und wann hätte ich ihn denn verlegen können, wenn er noch gerade eben an meinem Gürtel hing?“

Gimli schürzte die Lippen. „Nun, dann hast du ihn verloren. Vielleicht, als du mit dem Mädchen zusammen gestoßen bist?“ Er strich sich über seinen üppigen, teilweise geflochtenen Bart und beobachtete den jungen Elb, dessen blaue Augen verrieten, wie scharf er nachdachte. „Sie prallte gegen mich, ich griff nach ihr, um sie festzuhalten, dann ging sie dennoch zu Boden und…“ Das elbische Erinnerungsvermögen war ungewöhnlich präzise und so spielte sich die Szene in seinen Gedanken nochmals genau ab. Und dabei wurde ihm klar, dass die rechte Hand der jungen Frau während des Zusammenpralls kurz an seiner Hüfte gewesen war. Eine zufällige Berührung, wie er geglaubt hatte, ausgelöst durch den Schwung, aber jetzt wurde ihm klar, dass…

„Sie… sie hat mich bestohlen!“ entfuhr es ihm fassungslos. „Dass sie in mich hinein gerannt ist, war Absicht!“ Er starrte den Weg zurück, den sie gerade gekommen waren, aber von der Taschendiebin fehlte natürlich jede Spur. „Dieses Mädchen hat mich beraubt!“

Gimlis Mund bildete ein perfektes ‚O’, während er groß zu seinem Freund aufsah, der eindeutig mit seiner Fassung rang. Dann trafen sich ihre Blicke und der Zwerg begann langsam zu blinzeln, holte mehrfach tief Luft, räusperte sich, biss sich auf die Lippen, zupfte an seinem Bart, riss die Augen noch mehr auf, schnaubte kurz – und brach in schallendes Gelächter aus. „Ein Elb, der sich beklauen lässt!“ grölte er. „Der weit gereiste, gegen Sauron in den Krieg gezogene, unbesiegbare Herr Elb ist auf den ältesten Trick der Welt reingefallen! Ich glaub es nicht!“ Er klopfte sich auf die Schenkel vor Lachen, während ihm die Tränen über die pausigen Wangen in den dicken Bart kullerten.

„Auf einen ganz miesen Trick!“ knurrte Legolas und beobachtete aus schmalen Augen, wie sein Zwergenfreund sich den Bauch hielt. Beständig drangen neue glucksende Geräusche aus seiner Kehle, die bewiesen, dass seine Heiterkeit noch eine Weile anhalten würde. Und dass Legolas über diesen gezeigten Mangel an Mitgefühl nicht gerade erfreut war, störte den Zwerg im Moment herzlich wenig: „Da geht der Junge davon aus, dass ich, ein Zwerg, beklaut werden könnte – und dann passiert es ihm selbst!“ Erneut schlug Gimli sich auf einen Schenkel und jappsend nach Luft, bevor er den Ellenbogen des Elbs umklammerte; eindeutig darum bemüht, etwas Weiteres sagen zu wollen. Schließlich brachte er ein „Nimm’s nicht tragisch!“ zuwege, bevor er einer erneuten Lachattacke zum Opfer fiel. „Hättest wohl besser auf deinen Geldbeutel geachtet, anstatt auf den meinen! Aber ein ‚hübsches’ Mädchen kann einen schon mal ablenken!“

Legolas verzog säuerlich das Gesicht. Wenn er dieses… kleine Biest zu fassen bekam, war ihr ein Aufenthalt im Kerker gewiss! Gut, in seinem Geldsäckchen war nur ein Teil des Geldes gewesen, das er mitgenommen hatte; dennoch hatte die Diebin nicht gerade eine kleine Summe erbeutet. Und von diesem Verlust einmal ganz abgesehen, war es ungemein… peinlich! Wer hatte schon mal von einem Elb gehört, der im wachen Zustand um sein Eigentum gebracht worden war, das er auch noch direkt bei sich getragen hatte – und dies obendrein erst nach einer kleinen Weile bemerkte? Und genau das war auch der Auslöser für Gimlis ungemeine Belustigung, hatte der Zwerg doch vor wenigen Minuten erst damit geprahlt, dass dies einem seines Volkes nie passieren konnte. Und dass nun ausgerechnet er – als Elb – diesen dummen Fehler begangen hatte, unaufmerksam genug zu sein, um am hell erlichteten Tag bestohlen zu werden, musste wie Wasser auf die Mühlen Gimlis sein, der immer wieder die ach so hervorragenden Eigenschaften der Zwerge hervor hob und über die Fähigkeiten der Erstgeborenen (inzwischen nur noch scherzhaft) stichelte.

Leicht wütend (insbesondere auf sich und seine eigene Leichtsinnigkeit) ergriff der Elb wieder die Zügel des Schimmels. Es wäre aussichtslos gewesen, die Diebin zu suchen. Bei den Menschenmassen jemanden zu finden, wäre genauso hoffnungslos, wie die berühmte Nadel im Heuhaufen zu entdecken. „Wenn der Herr Zwerg sich irgendwann mal wieder beruhigt hat, wäre es sehr nett, wenn er nicht länger trödeln, sondern mit mir kommen würde! Immerhin werden wir erwartet!“ knurrte er und eilte mit langen Schritten die schmale Gasse hinauf.

Gimli wischte sich über die dunklen Augen und versuchte vergebens, sein Zwerchfell unter Kontrolle zu zwingen. Noch immer kichernd schloss er sich seinem Freund an; es kaum erwarten könnend, Aragorn und den anderen von dem Missgeschick des ‚Herrn Elb’ zu erzählen.

**************

In der Nähe des Stadttores drückte sich eine zierliche Gestalt in die Schatten einer kleinen Nebengasse und versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Wachsam sah sie nochmals um die Ecke zurück, aber niemand hatte sie verfolgt. Elinha grinste leicht und zog sich weiter in die Schatten zurück, wo sie in einer Hausnische sich nieder kauerte. Hastig öffnete sie den schmalen Sack mit dem Obst und zog den kleinen, ledernen Beutel heraus, den sie erbeutet hatte und in dem es verheißungsvoll klimperte. Sie begutachtete ihn kurz. Die feinen Stickereien, die ihn zierten, wirkten fremdartig und ungewöhnlich schön in ihrer verschlungenen Form. Sie kam nicht umhin die Fingerfertigkeit seines Machers zu bewundern. Die Ornamente waren artverwandt wie jene, die auf die Tunika des jungen Mannes gestickt gewesen waren, den sie um diesen Beutel ‚erleichtert’ hatte. Und bei der Erinnerung an ihn überkam erneut ein schlechtes Gewissen sie – genau wie vorhin, als sie das Obst einsammelte, welches sie mit Absicht hatte fallen lassen, um ihn abzulenken und den gestohlenen Geldbeutel darin verschwinden zu lassen.

Elinha hatte eigentlich kein Mitleid mit denjenigen, die Opfer ihres diebischen Geschicks wurden – sie alle waren reiche, aufgeblasene und auf die Armen arrogant herab blickende Kerle! – aber dieser junge Mann war anders gewesen. Freundlich! Er hatte das Obst mit eingesammelt, hatte ihr aufgeholfen, sich nach ihrem Befinden erkundigt und sich entschuldigt, obwohl er eigentlich für diesen Zusammenstoß nicht das Geringste konnte. So etwas war ihr noch nie widerfahren. Jeder, mit dem sie bisher ‚versehentlich’ zusammen gestoßen war, hatte sie beschimpft – oder ausgelacht – aber so, wie der junge Mann vorhin, hatte noch keiner reagiert.

Für einen Moment sah sie wieder die strahlend blauen Augen vor sich, die sie aus dem Schatten der Kapuze so besorgt gemustert hatten, und auch das beinahe schon silbern wirkende blonde, feine Haar, welches aus purer Seide zu bestehen schien. Sicher, die hohen Herren konnten es sich leisten, sich stundenlang zu pflegen. Immerhin mussten sie nicht die teilweise noch von den Orks nieder gebrannten und vom harten Winter noch gefrorenen Felder bestellen, das Vieh versorgen oder sonstige schweißtreibende Arbeiten verrichten! Aber dennoch war Elinha sich sicher, dass sie noch nie so feines, weiches Haar gesehen hatte – weder bei den Adeligen Rohans, noch Gondors.

Ihr Blick glitt hinunter auf die ihre rechte Hand. Die Hand, die den jungen Mann bestohlen hatte. Die Hand, die die seine ergriffen hatte, als er ihr beim Aufstehen behilflich gewesen war, als wäre sie eine feine Dame und nicht ein einfaches Bauernmädchen, und ein schlechtes Gewissen regte sich in ihr. Noch immer prickelte es in ihren Fingerspitzen bei den Gedanken an diese warmen, starken Finger, deren Haut so weich gewesen war.

Das Mädchen schnaubte kurz und rief sich zur Ordnung. „Natürlich hat er weiche Hände! Sicherlich haben sie noch nie auch nur mehr tun müssen, als ein Buch zu holen, nach dem Diener zu läuten oder einen Zügel während der Jagd zu halten!“ sagte sie abfällig.

‚Und der Bogen auf seinem Rücken wird auch von einem Lakaien bedient?’ fragte eine innere Stimme sie spöttisch, und die junge Frau schüttelte unwirsch den Kopf. „Auf die Jagd gehen – das können diese hohen Herren! Und wenn unsereins aus lauter Verzweiflung ein Wildtier schießt, weil er von der Hand in den Mund lebt, muss er sich verantworten!“ Mit einem Ruck öffnete sie den Geldbeutel. Ein Blick hinein bewies, dass sie wirklich ein gutes Auge bei der Auswahl ihres Opfers gehabt hatte. Das Geld würde reichen, damit Ceron, Thalon und die anderen ihre Schulden beim Viehhändler bezahlen, Kalor seinen Wagen reparieren und Ariena Medizin für ihren kleinen Sohn kaufen konnten. Und für sie und Kaya würde auch noch genug übrig bleiben, um sich neue Kleidung leisten zu können; trugen sie doch kaum mehr als mehrere Lagen Fetzen am Körper.

Vergnügt lächelnd – und die Gedanken an den zuvorkommenden, jungen und ausgesprochen höflichen Mann energisch beiseite schiebend – erhob sie sich, ließ den Geldbeutel wieder in dem Obstsack verschwinden, trat aus der Gasse auf die Hauptstraße zurück und folgte dem Strom der Leute, die das Marktgeschehen verließen. Sie musste untertauchen und wusste auch schon wo. Morgen, wenn sie sich sicher sein konnte, dass der fremde junge Mann und sein zu kurz geratener dicker Freund nicht nach ihr suchten, würde sie rasch das einkaufen, was sie für sich und die anderen brauchte und dann nach Hause gehen.

Zumindest das, was sie jetzt zu Hause nannte.

Die kleine, armselige Ansammlung von Häusern am Fuße der Berge, in denen sie und die anderen lebten, lag südlich der Weißen Stadt im Lehen Lossarnach und der winzige Ort, der von dessen Bewohnern nur Grünfeld genannt wurde (zumindest waren die Felder einst grün gewesen), bevor von den Orks und Uruk-hais angegriffen wurde, war von den Folgen des Ringkrieges stark betroffen worden. Die dunklen Diener Saurons hatten den Ort praktisch verwüstet und die letzten Überlebenden waren jene, die in das Weiße Gebirge geflohen waren, die sich hinter dem Wäldchen des Ortes erhoben, und erst später wieder zurückkehrten.

Offiziell existierte das Dorf gar nicht mehr, und dementsprechend kümmerte sich auch niemand um ihn (außer dem zuständigen Lehnsherrn, der die Bewohner gerne daran erinnerte, dass das gesamte Land des Wiederaufbaus bedurfte und jeder etwas dazu bei zu tragen hatte in Form von Abgaben). Dass aber ansonsten niemand mehr Notiz von den wenigen Häusern nahm, gereichte Elinha momentan zum Vorteil gereichte. Falls man nach ihr suchen sollte, würde man sie dort niemals vermuten, zumal sie durch das Blut ihres Vaters nicht wie ein typischer Mensch Lossarnachs aussah, die ansonsten eher kleiner, stämmiger und dunkler waren.

Falls?

Was machte sie sich vor?

Sie wusste, dass sie eine gesuchte Person war. Immerhin war der junge Mann mit der warmen, melodischen Stimme nicht ihr erstes Opfer gewesen, und Taschendiebe wurden selbstverständlich von der Garde verfolgt. Das war auch der Grund, warum sie ihr Gesicht während ihrer ‚Arbeit’ mit Schmutz einrieb und möglichst ihr auffälliges Haar unter einer Kapuze verbarg. Man konnte sie somit schlechter wieder erkennen. Dass bei dem Zusammenprall mit dem jungen Mann ihre Kapuze herunter gerutscht war, stellte einen bedauerlichen Umstand dar, ließ sich aber nicht mehr ändern. Sie konnte nur hoffen, dass sich ihre Wege nicht noch einmal kreuzten.

Elinha seufzte leise. Bis vor ein reichliches Jahr hätte sie niemals gedacht, dass sie so weit herab sinken könnte, um zu stehlen, doch der Krieg hatte vieles verändert und zwang Menschen noch heute Dinge zu tun, die sie innerlich verabscheuten. Aber hier ging es nicht nur um sie, sondern um andere, die noch schwächer waren als sie. Die paar Überlebenden von Grünfeld in dem schmalen Bergtal des Weißen Gebirges waren bettelarm, teilweise gezeichnet vom Krieg und zudem wurden sie zur Entrichtung von Tributen gezwungen, die sie nicht aufbringen konnten. Und dann war da noch Kaya – die kleine Tochter der jungen Frau, die kurz vor Ausbruch des Krieges gemeinsam mit ihrer etwas über dreijährigen Tochter von ihrem Gehöft auf dem Pelennor zu ihnen geflohen war. Sie hatte gehofft, in dem kleinen Bergtal sicher zu sein, und doch war sie dem Treiben der Orks dort zum Opfer gefallen war. Der Vater des Kindes war mit Faramir, dem zweitgeborenen Sohn des ehemaligen Stadthalters Denethor, in den Krieg gezogen und hatte in den Ruinen von Osgiliath den Tod gefunden. Kaya blieb allein zurück und Elinha, die die sterbende Frau in den Armen gehalten hatte, versprach ihr, sich um das Kind zu kümmern, welches Eru sei Dank noch zu klein gewesen war, um das ganze Entsetzen um sich herum voll bewusst wahrzunehmen. Sicher, anfangs hatte Kaya ihre Mutter schmerzlich vermisst – und auch ihren Vater, zu dem sie anscheinend die typische enge Tochter-Vater-Verbindung gehabt hatte – aber Elinha hatte es geschafft, das Vertrauen der Kleinen zu gewinnen und behielt sie bei sich, als wäre sie ihre leibliche Tochter.

Und alleine schon um Kayas Willen, musste Elinha auf die einzige Art kämpfen, die für schnelle Abhilfe der tagtäglichen schweren Probleme wie Hunger, mangelnde Kleidung und dergleichen sorgte: Stehlen. Und so lange sie sich an jenen schadlos hielt, die ohnehin im Überfluss lebten, hielt sich auch ihr schlechtes Gewissen in Grenzen.

Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, zu dem erstmals ihr Opfer jemand gewesen war, zu dem sie nicht voll Widerwillen, sondern erfüllt mit Respekt hätte aufschauen können…

+ + +

Kurze Zeit später näherte sie sich dem Gasthaus „Zum wilden Hahn“, in dem sie immer nächtigte, wenn sie in Minas Tirith war. Der Schankraum war laut, verräuchert und voller Leute – selbst zu dieser späten Nachmittagstunde. Elinha bahnte sich einen Weg durch die Menge zum Tresen und rief nach dem Wirt, der soeben mit einem Lappen die Becher auswischte, der so aussah, als würde damit auch gleich noch der Boden gesäubert werden. Die schlanke Hand der jungen Frau klopfte auf den Tresen, um die Aufmerksamkeit des Wirts zu wecken, während sie ihre Stimme etwas hob. „He, Brandhol! Hast du noch ein Zimmer frei?“

Der Wirt, ein Mann in seinen mittleren Jahren, mit schulterlangen Haaren – die dringend einen Kamm und noch mehr eine Wäsche benötigten – warf sich den Lappen über die Schulter und schloss die kurze Distanz zu ihr.

„Mädchen, wenn du eine Bleibe für die Nacht suchst, kannst du gerne mit zu mir!“ ließ sich ein Besucher neben Elinha vernehmen, noch bevor der Wirt etwas sagen konnte. Die junge Frau warf ihm einen scharfen Seitenblick zu. „Wenn du Vergnügen suchst, dann geh die Straße weiter hinunter! Da findest du genug Frauen, die für eine Handvoll Münzen dich in ihr Zimmer nehmen!“ knurrte sie. Bei Eru, konnte sie hier nicht einmal ein Zimmer bestellen, ohne dass einer der Kerle ihr unverschämte ‚Angebote’ machte? Sicher, als Frau alleine in einem solchen Gasthaus musste sie mit so etwas rechnen, aber die Zimmer waren günstig und vor allem stellte Brandhol keine Fragen!

Der Mann runzelte die Stirn und beugte sich leicht vor, während er ihr Kinn fest umfasste. „Warum so unfreundlich, Kleine? Du bist zwar schmutzig wie ein Spatz, aber ich bemerke ein hübsches Gesicht, wenn ich es sehe und…“ Er verstummte abrupt, als etwas Spitzes, Scharfes sich drohend in seinen Bauch bohrte.

„Und ich erkenne ein Schwein, wenn ich es sehe!“ zischte die junge Frau und verstärkte den Druck des kleinen Messers, welches sie immer bei sich trug. „Es ist dick, dreckig, stinkt und quiekt! Für Letzteres kann ich gerne Sorgen tragen!“

Die Augen des Mannes quollen fast aus seinem Kopf, während er sie losließ und einen Schritt zurück trat. „Schon gut, du Furie! Kein Grund so rabiat zu werden!“ sagte der abgewiesene Freier und hob beide Hände. „Ich wollte bloß nett zu dir sein!“

„Das habe ich gemerkt!“ fauchte Elinha und ihre grün-grauen Augen funkelten ihn dermaßen zornig an, dass er lieber noch einen weiteren Schritt zurücktrat. Um ihn herum begannen einige der anderen Männer zu lachen und etwas von „…Feuer…“ und „…Temperament…“ zu murmeln, während ein Greis, der kaum noch Zähne im Mund hatte, eine zittrige Hand auf die Schulter des Mädchens legte, das ihm einen drohenden Blick zuwarf.

„Recht hast du, Kleines! Gib’s ihm und lass dir nichts gefallen! Die jungen Kerle haben keinerlei Anstand mehr heutzutage!“ sagte er mit hoher Fistelstimme und die müden, wässrigen Augen schauten sie aufmunternd und ehrlich an.

Elinha entspannte sich leicht und sah wieder den Wirt an, der die ganze Szene schweigend beobachtet hatte. „Was ist nun? Hast du noch ein Zimmer frei?“

Branhol nickte. „Ja! Kannst du zahlen?“

„Habe ich das schon einmal nicht gekonnt?“ erwiderte die junge Frau spitz, während sie ihr Messer wieder wegsteckte, und der Wirt grinste kurz.

„Das Zimmer, das du sonst auch bewohnst, ist frei! Geh ruhig nach oben! Ich lass dir von Milice Wasser zum Waschen und etwas zu essen und zu trinken bringen.“ Er beugte sich leicht über den Tresen und senkte die Stimme. „Ich glaube kaum, dass du hier unten bleiben willst!“

Sie nickte grimmig. „Verdammt richtig!“ Dann lächelte sie dünn. „Danke, Brandhol!“

Er richtete sich wieder auf und angelte sich den Lappen von der Schulter. „Alle Zeit gerne, Elinha!“

Die junge Frau nickte dem Greis nochmals zu – der ein zahnloses Lächeln aufblitzen ließ – und drängte sich durch die anderen Gäste zur Treppe. Die Tochter des Wirts, Milice, folgte ihr und brachte ihr den Schlüssel. Noch einmal wanderte der Blick Elinhas über die anderen Anwesenden im Raum, von denen einige sie ziemlich doppeldeutig anstarrten. „Der alte Funhial hat Recht!“ ließ Milice sich vernehmen. „Die Kerle von heute sind alle gleich! Wollen nur das eine und sind dabei so plump und unverschämt, dass einem schlecht wird!“

Elinha nickte langsam. Die Wirtstochter sprach die Wahrheit. Die Männer hier hatten weder etwas von Zuvorkommen- noch von Höflichkeit gehört. Von der Art, wie man eigentlich sich gegenüber einer Frau verhielt, ganz zu schweigen.

Für einen Moment hörte sie wieder eine warme, melodische Stimme in ihren Gedanken, die sie besorgt danach fragte, ob sie sich wehgetan hätte, während schlanke Hände ihr dabei halfen, das Obst wieder einzusammeln. Ein leichtes Lächeln spielte um einen weichen, ausdrucksstarken und bartlosen Mund, während im Schatten einer Kapuze azurblaue Augen wie Kristalle schimmerten.

Elinha atmete tief durch. „Es tut mir leid!“ murmelte sie, einmal mehr das Schicksal verfluchend das sie zwang, zu stehlen.

Milice, eine junge Frau Anfang zwanzig mit dunklem Haar und dunklen Augen, sah sie erstaunt an. „Was tut dir Leid?“

Das Mädchen schüttelte unwirsch den Kopf. „Nichts!“ Damit stieg sie die Treppe hinauf. Der Geldbeutel des jungen Edelmannes würde ihr und den anderen Essen und Kleidung einbringen, und vor allem die Forderungen des Lehnsherrn und des Viehhändlers erfüllen. Und das war alles, was zählte!


TBC…
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