This one Day

GeschichteDrama / P6
13.01.2008
13.01.2008
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Vorwort: Das ist meine erste Story zur "His Dark Materials" Trilogie, ich hoffe sie gefällt euch!


- This one Day -

„Es fällt mir immer leichter, das Alethiometer zu lesen“, sagte Lyra leise. Wie mindestens einmal in jedem Jahr saß sie auf der Parkbank in Oxford, wo sie nun schon seit mehreren Monaten nicht mehr lebte, hatte Pantalaimon auf ihrem Schoß, der ganz sich ganz still zusammengerollt hatte, und sprach zu Will.
Sie hatte ihn nun schon seit 9 Jahre nicht gesehen und doch hatte sie sein Gesicht noch vor Augen als wäre es gestern gewesen.
Wie sah er wohl jetzt aus? Ob er wohl auch genau jetzt hier saß, so nahe und doch so unendlich weit entfernt … so weit wie zwei Welten, die sich in mancherlei Hinsicht doch so ähnlich waren und sich andererseits wieder so sehr voneinander unterschieden,  nur voneinander entfernt sein konnten.
Der Park war leer, nicht nur wegen der späten Stunde sondern auch aufgrund des leichten Regens. Aber das machte ihr nichts aus, im Gegenteil, sie war lieber allein wenn sie ihre alljährliche Verabredung mit Will hatte. Obwohl sie natürlich nie ganz allein war. Mit einem leichten Lächeln streichelte sie ihren Daemon durch das weiche Fell, so wie Will es vor Jahren einmal getan hatte. Von dieser intimen Geste träumte sie noch immer manchmal.
Dieses Jahr war ereignisreich gewesen und wie immer wollte sie Will davon berichten, aber es fiel ihr so viel schwerer als sonst, wo die Worte nur so aus ihr heraussprudelten und die Zeit kaum zu reichen schien für all das, was passiert war seit sie zum letzten Mal auf dieser Bank gesessen hatte.
Warum eigentlich? Hören im eigentlichen Sinne konnte er es ja nicht wirklich, auch wenn sie zu spüren glaubte, ob er da war oder nicht und wie sie kam er weitaus häufiger als einmal im Jahr.
Außerdem … hatten sie doch schon von dieser Sache gesprochen, davon dass sie eines Tages eintreten würde, und doch fiel es ihr jetzt schwer. Fast hatte sie das Gefühl etwas Falsches zu tun.
„Sag es ihm“, drängte Pantalaimon sanft. „Er versteht es. Ganz bestimmt.“
„Du hast ja recht, Pan.“ Sie seufzte leise, fasste sich ein Herz und sprach weiter. „Ich hab dir ja letztes Jahr erzählt, dass ich Oxford verlasse. Naja, ich wohne jetzt in London und arbeite dort an der Universität. Die Arbeit dort macht Spaß und die Kollegen sind nett. Einer davon besonders … Sein Name ist Demian und wir … naja, wir wollen nächstes Jahr heiraten.“ Jetzt war es raus und sie war froh darüber.
Nun fiel es ihr auch wieder leichter weiterzusprechen.  „Weißt du noch, wie wir uns versprochen haben, dass wir, wenn wir einmal heiraten, unseren Partner nicht immer vergleichen dürfen? Das geht gar nicht.“ Nun lachte sie sogar leise. „Demian ist ganz anders als du, aber auch unheimlich liebenswert. Sein Daemon ist ein Papagei, ein blauer Ara und das passt total gut zu ihm. Naja, er redet ziemlich viel und er bringt mich viel zum Lachen.“ Wieder unterbrach sie sich kurz, fuhr aber gleich fort. „Aber das ist nicht das Wichtigste. Seit wir uns damals Lebewohl  gesagt haben hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass mich jemand so versteht wie du es getan hast. Bei Demian habe ich das Gefühl wieder und du glaubst gar nicht wie schön das ist. Ich hoffe von ganzen Herzen, dass du auch so jemanden gefunden hast.“
Tränen schossen ihr in die Augen und sie wischte sie ungeduldig mit dem Handrücken weg, auch wenn sie bei dem nun etwas stärker werdenden Regen nicht aufgefallen wären und sowieso keiner da war, der sie sehen konnte.
Auch wenn keine mehr nachkamen brauchte sie eine Weile um weitersprechen zu können.

Als sie sich endlich dazu in der Lage sah war es schon fast dunkel. Die Stunde, die sie immer zusammen auf dieser Bank verbrachten war längst vorbei, aber sie wusste ganz genau, dass Will ebenfalls noch da war. Sie wusste es so genau als säße er neben ihr.
„Ich hab ihm alles erzählt, was uns damals passiert ist. Weißt du, die meisten Menschen, denen ich auch nur einen winzigen Teil erzählt habe, haben mich ausgelacht und mir nicht geglaubt und ich habe gedacht, dass er das auch tun würde. Aber das hat er nicht. Er hat mir geglaubt, jedes Wort, und er sagt auch, dass er akzeptieren kann, dass ich dich niemals vergessen werde. Auch jetzt weiß er wo ich bin und er sagt, ich soll dich von ihm grüßen.“
Pan lachte leise. „Das ist typisch für ihn.“
„Oh ja, das ist es.“ Ebenfalls grinsend strich sie wieder durch das mittlerweile ziemlich durchnässte Fell ihres Daemons. „Vielleicht feiern wir unsere Hochzeit im Norden, sehr wahrscheinlich sogar. Ich möchte, dass Serafina Pekkala und Iorek Byrnison da sein können. Die beiden kann ich nur so selten sehen! Demian war sofort begeistert von der Idee und freut sich richtig darauf, die beiden kennenzulernen, auch wenn seine Familie das alles sicher merkwürdig finden wird“, fügte sie grinsend hinzu. „Aber es sind wirklich nette Leute, ich habe sie schon kennengelernt und ich glaube sie mögen mich. Nur das Hochzeitskleid, das ich eigentlich wollte ist für die Temperaturen dort sicherlich zu kalt.“
Wieder lachte sie und Pantalaimon auf ihrem Schoß kicherte.
Wie immer wenn sie hier war war es eine reine Achterbahn der Gefühle. Einerseits war da das Wissen, dass sie Will nie wieder sehen würde, nicht solange sie lebten, und das schmerzte nicht weniger als am ersten Tag. Doch andererseits war es schön ihm nahe zu sein, ihm von allen zu erzählen, was sie bewegte und ihm nicht selten auch Geheimnisse anzuvertrauen, über die sie sonst nur mit Pan reden konnte.
Der Regen wurde immer schlimmer und von irgendwoher grollte Donner. Aber Lyra wollte noch nicht gehen, noch ein paar wenige kostbare Minuten wollte sie sich Will nahe fühlen.  Das nächste Mal wenn sie herkommen würde würde sie eine verheiratete Frau sein. „Ich hab mir schon länger überlegt, ob ich Demian mal mitbringen soll um ihn dir vorzustellen und ich denke, das werde ich auch. Aber nicht an diesem Tag. Der gehört nur uns, nicht wahr?“ Nur an diesem Tag konnte sie sich sicher sein, dass er auch hier saß, genau an dieser Stelle, genau um diese Zeit, wenn auch nicht in dieser Welt.
Dieser eine Tag gehörte wirklich ihnen und niemand, auch wenn sie ihn noch so sehr liebte, konnte ihr das nehmen.

~ Ende ~
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