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Decisions

GeschichteAllgemein / P6
13.01.2008
13.01.2008
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Vorwort: Die Geschichte ist entstanden bevor das Band über die erste Begegnung von Teiou und Keika veröffentlich wurde, daher stimmen die beiden Versionen nicht ganz überein xD Ich hoffe, die Story gefällt euch trotzdem!

Disclaimer: Leider nicht meins -_-


- Decisions -

Nun war Keika schon fast zwei Wochen hier bei ihm, im Palast seines Vaters, und trotzdem fiel es Teiou sehr schwer, einzuschätzen, ob er sich nun schon zumindest ein bisschen eingelebt hatte oder nicht. Er zeigte viel zu wenig von seinen Gefühlen und Gedanken als dass man etwas daraus hätte schließen können.
Vor zwei Wochen hatte der jüngste Prinz des Ostens den Dämon zusammen mit ein paar Soldaten in der Menschenwelt gefangen genommen. Eigentlich hätte er ja getötet werden sollen, aber irgend etwas hatte Teiou dazu gebracht, dies zu verhindern und seinen Kindheitsfreund Tiarandear, den Shugo-Shuten, zu überreden, ihn ihm zu unterstellen, sodass er im Himmelsreich bleiben durfte. Er war nun sein Diener. Natürlich hätte er sich gefreut, wenn vielleicht eine Freundschaft hätte entstehen können, aber scheinbar hatte Keika daran wenig Interesse. Nur eins konnte Teiou mit ziemlicher Sicherheit sagen: Böse Absichten schien er nicht zu haben. Wie er sich da so sicher sein konnte, konnte er nicht wirklich sagen, er war es eben und ließ sich auch nicht davon abbringen. Weder von seinen Brüdern, noch von seinem Vater oder seinen Freunden.
An diesem Tag saß er wieder einmal in einer Ecke und beobachtete den bildschönen Dämon wie dieser wortlos seine Räumlichkeiten reinigte. Eigentlich gab es im Palast ja genug Bedienstete, aber irgendetwas musste Teiou ihm ja zu tun geben, wenn auch nur um zu rechtfertigen, dass er ihn bei sich behalten wollte.
Der Nachteil war, dass Keika sehr wohl wusste, dass er nicht wirklich gebraucht wurde und obwohl er die ihm zugeteilten Aufgaben stets gewissenhaft erledigte wirkte er auf Teiou manchmal, als sei er unterfordert und nicht wirklich zufrieden. Nun, im Grunde wurde er hier ja auch gegen seinen Willen festgehalten, es war also kein Wunder, dass er unzufrieden war. Manchmal, wenn er sich nicht beobachtet fühlte, nahmen seine dunkelvioletten Augen einen regelrecht traurigen Ausdruck an und Teiou hätte alles gegeben um diesen wieder zu vertreiben, jedoch wusste er nicht wie. Schließlich war er selbst der Auslöser.
Trotzdem wollte der Prinz nicht mehr auf seine Gegenwart verzichten. Auch wenn man ihm von klein an beigebracht hatte, dass Dämonen nicht vertrauenswürdig waren und man ihnen am besten aus dem Weg gehen sollte, trotzdem faszinierte sein neuer Diener ihn. Und zwar nur dieser eine Dämon, sonst hatten diese Wesen keine solche Wirkung auf ihn.
Er sah zu, wie Keika sein Bett frisch bezog und die Decke und das Kissen dann ordentlich hinlegte. Ab und warf er ihm einen kurzen Blick zu, die Teiou wohl gar nicht aufgefallen wären, wenn er ihn nicht so genau beobachtet hätte.
Deuten konnte er diese Blicke allerdings nicht.
Was empfand Keika, wenn er ihn ansah?
Hasste er ihn, weil er ihn hier gefangen hielt? Der Dämon hatte gleich am Anfang nur allzu deutlich gemacht, dass er den Tod einem Leben als Gefangener vorgezogen hätte.
Oder war er einfach nur genervt, weil Teiou offenbar nichts anderes zu tun hatte, als ihm bei der Arbeit zuzusehen?
Nun, das war auch möglich, ihm selbst wäre das schließlich auch nach einer Weile auf die Nerven gegangen. Am wahrscheinlichsten war wohl doch leider immer noch die erste Möglichkeit, so sehr er das auch bedauerte.
Nur zu gerne hätte er daran etwas geändert, Keika vielleicht einmal eine Freude gemacht um ihm das Leben hier erträglicher zu machen, leider aber wusster er viel zu wenig über ihn als dass er gewusst hätte, womit er dies erreichen konnte.
Außerdem - was dachte er denn da überhaupt?
Der Kerl war schließlich ein Dämon, er konnte froh sein, dass er überhaupt noch am Leben war!
Aber Keika war irgendwie ... anders.
Teiou hatte überhaupt nicht das Gefühl, dass er ihm gefälligst dankbar sein sollte, weil er ihn ja vor dem Tod bewahrt hatte, viel mehr fühlte er sich schlecht, weil er ihn hier einsperrte.
Irgendetwas musste er doch tun können. Irgendetwas musste ihm doch einfallen, das ...
"Habt Ihr noch etwas für mich zu tun?" Keika, der nun vor ihm stand, sah ihn fragend an. Offenbar hatte er seine Putzarbeiten erledigt und diese Räume hatten wohl noch nie so sauber ausgesehen, so sehr sich die anderen Bediensteten auch bemüht hatten.
Zumindest kam es dem Prinzen so vor.
"Nein, du kannst für heute aufhören. Bis morgen, Keika."
Der Dämon erwiderte sein Lächeln nicht, er verneigte sich lediglich respektvoll und zog sich dann zurück.
Selbst dieser Respekt war wohl nicht einmal ernst gemeint. Und es war bei Weitem nicht das erste Mal, dass ihm Respekt vorgeheuchelt wurde, als Prinze kannte er das nur zu gut.
Nur ... warum störte Teiou das bei Keika so?

***

Kurzentschlossen stand auch er auf und trat in den Flur hinaus.  Warum er das tat, wusste er selbst nicht, wahrscheinlich war Keika schon in seinem kleinen Zimmer - das früher einmal eine Abstellkammer gewesen war - verschwunden und er würde ihn gar nicht mehr zusehen kriegen.
Das war jedoch nicht der Fall.
Als Teiou den Flur betrat sah er gerade noch, wie der silberhaarige Dämon rechts um die nächste Ecke bog.
Wohin wollte er denn?
Zwar tat er nichts Verbotenes, denn Teiou hatte ihm erlaubt, sich frei im Schloss zu bewegen, aber wo er jetzt hinging, wollte er doch wissen. Schließlich hatte er hier ja keine Anlaufstelle, nirgends war er willkommen, was hatte er also vor?
Von der Neugier gepackt folgte der Prinz ihm mit genügend Abstand, damit er ihn nicht bemerkte wurde.
Es war auffällig, wie oft Keika auf dem Weg von irgendwelchen Leuten, die größtenteils zum Personal gehörten, beschimpft wurde. Ständig kam irgendein dummer Spruch, irgendeine Beleidigung oder Demütigung.
Irgendwie war es unheimlich bewundernswert, mit welcher Würde und zumindest äußerlicher Gleichgültigkeit er diese Demütigungen hinnahm, Teiou konnte nicht sagen, ob er auch dazu in der Lage gewesen wäre. Wahrscheinlich eher nicht, dazu war er viel zu impulsiv.
Keika jedoch ging unbeirrt weiter. Dabei schien er auf jeden Fall auch ein bestimmtes Ziel zu haben, denn er überlegte kein einziges Mal, wo er als nächstes abbiegen sollte.
Was steckte nur dahinter? Wo wollte er hin?
Er wollte doch nicht etwa weglaufen?!
Nein, das würde Teiou nicht zulassen - niemals!
Keika verließ tatsächlich den Palast, und zwar durch die Tür, die in den Garten führte. Was wollte er da?
So leise wie möglich, um bloß nicht bemerkt zu werden, folgte Teiou ihm. Die Tür öffnete er vorerst nur einen Spalt um bloß nicht bemerkt zu werden. Erst als Keika zwischen den Bäumen verschwunden war, trat er ebenfalls hinaus.
Der Dämon schöpfte offenbar keinen Verdacht, denn er ging einfach unbeirrt weiter.
Erst als er ganz sicher sein konnte, dass man ihn nicht mehr so leicht beobachten konnte blieb er stehen. Neben einem großen, alten Baum ließ er sich mit einem fast schon verzweifelten Seufzer zu Boden sinken.
Dann saß er ganz still auf dem weichen Gras, den Oberkörper hatte er an den Baum gelehnt, der Blick war ins Leere gerichtet.
Teiou musste nicht lange nachdenken um darauf zu kommen, was er hier wollte.
Hier war er allein, niemand beobachtete jeden einzelnen Schritt, den er tat, niemand beschimpfte ihn oder tuschelt hinter seinem Rücken über ihn. Natürlich war er auch in seinem 'Zimmer' allein, alleridngs auch sehr eingeengt.
Bisher war dem Teiou noch gar nicht bewusst gewesen, wie schwer Keika es im Palast haben musste.
Er selbst konnte sich gar nicht so wirklich vorstellen, wie es war, ständig nur auf Abneigung zu stoßen, niemand zu haben an den man sich wenden konnte ... eingesperrt zu sein und keine Möglichkeit zu haben, all dem zu entfliehen.
Auf einmal schämte er sich, dass er seinem Diener auch noch dieses Minimum, diese wenigen Minuten an Privatssphäre nahm.
So lautlos wie er gekommen war, zog er sich auch wieder zurück. Keika sollte nie bemerken, dass er überhaupt da gewesen war.

***

Drei Tage später saß Teiou am frühen Morgen an seinem Fenster.
Es war eigentlich nicht seine Art, so früh wach zu sein, aber er hatte für heute etwas vor und er wollte nicht, dass seine Angewohnheit, spät aufzustehen, diesen Plan verdarb.
Kaum war er aufgestanden, hatte er einer Bediensteten, die gerade an seinem Zimmer vorbeigekommen war, aufgetragen, Keika heute einmal das Frühstück in seine Räumlichkeiten bringen zu lassen. Begründet hatte er diesen Extrawunsch damit, dass er sich angeblich nicht wohlfühlte. Das hatte auch die zusätzliche angenehme Folge, dass man ihn für den Rest des Tages in Ruhe lassen würde.
Nun also wartete er auf seinen hübschen Diener.
Ob er sich wohl über seine Überraschung freuen würde?
Teiou konnte es wirklich nicht sagen, aber er hoffte es. Schließlich brachte er dafür ein nicht gerade geringes Opfer.
Warum war er nur so nervös?
Schon lange galt er allgemein als Frauenheld, ständig war er mit einem neuen Mädchen unterwegs, und doch war er vor einer Verabredung nie so nervös gewesen wie jetzt, nicht einmal vor seiner ersten. Dabei handelte er sich doch bei seinem Vorhaben nicht einmal um eine Verabredung, schließlich war Keika ein Mann und noch dazu ein Dämon! Er hatte gar keinen Grund, nervös zu sein.
Durch ein deutliches Klopfen an der Tür wurden seine Gedanken unterbrochen.
"Ja, komm rein."
Eigentlich konnte es sich nur um Keika handeln und wie erwartet hatte er Recht.
Langsam betrat der Dämon das Zimmer und schaffte es irgendwie, ein großes Tablett mit nur einem Arm zu halten, während er die Tür mit der anderen Hand wieder schloss. "Ich habe gehört, Ihr fühlt Euch nicht gut?" Noch während er diese Frage stellte, platzierte er das Tablett in der Mitte des Tisches und stellte Teiou einen Teller, sowie eine Tasse Tee und Besteck hin.
Grinsend schüttelte der Prinz den Kopf, stand völlig beschwerdenfrei auf und nahm am Tisch wieder Platz. "Ach was, mit mir ist alles in Ordnung, ich wollte nur mal einen Tag meine Ruhe."
Vielsagend zog Keika die Augenbrauen hoch. "Wenn das so ist ... Dann will ich Euch nicht weiter stören."
Noch bevor er sich umdrehen konnte, hielt Teiou ihn ab. "Warte, ich meine ... Ach, setz dich erstmal. Wir können zusammen essen. Du hast doch noch nicht gefrühstückt, oder?"
Fast hätte er erneut gegrinst als er zum ersten Mal ehrliche Überraschung auf Keikas Gesicht sah, auch wenn diese fast sofort wieder verschwand. "Ich soll mit Euch zusammen essen?"
"Ja, spricht etwas dagegen?"
"Nein ... Ich denke nicht. Aber ... ich werde einen zweiten Teller besorgen müssen."
"Gut, ich warte auf dich." Lächelnd lehnte Teiou sich zurück und wartete auf seinen Bediensteten, der nur wenige Minuten später auch schon wiederkam.
Etwas zögerlich stand er nun vor dem Tisch.
"Worauf wartest du? Setz dich schon!"
Eine weitere Aufforderung brauchte Keika nicht. Mit einem leichten Nicken nahm er auf dem freihen Stuhl Platz und begann, wie Teiou auch, schweigend zu essen.
Teiou fand diese Stille irgendwie bedrückend, da sie einfach daher rührte, dass keiner wusste, was er sagen sollte. Fast schon verlegen waren beider Augen auf die kostbaren Porzellanteller fixiert.
Als sie schon fast fertig waren ergriff er endlich wieder das Wort: "Nach dem Essen machen wir einen Ausflug. Ist doch ok für dich, oder?" Fragend blickte er seinem Gegenüber in die faszinierend violettfarbenen Augen, die ihn interessiert, jedoch mit einem Hauch von Restmisstrauen - zumindest glaubte Teiou dies zu erkennen - ansahen.
"Einen Ausflug?" Dann aber nickte der Dämon, wobei ihm ein paar Strähnen seines wunderschönen silbernen Haares ins Gesicht fiel. Dieses Haar hatte den Prinzen von Anfang an fasziniert. Mit einer elegant anmutenden Bewegung hob Keika eine Hand um es wieder zurückzustreichen. Zu gern hätte Teiou es auch einmal berührt, aber auch ohne dies zu tun war er sich ganz sicher, dass es seidenweich war.
"Stimmt etwas nicht?"
Beinahe erschrocken sah er auf. "Bitte?"'
"Ihr wirktet so abwesend. Geht es Euch gut?"
"Ja ... Ja, sicher. Tut mir leid." Was war bloß mit ihm los? Vor ihm saß ein Dämon, eine Kreatur des Bösen, die ihm sicherlich bei der erstbesten Gelegenheit ein Messer in den Rücken stoßen würde und er saß hier und fragte sich, wie sich seine Haare wohl anfühlten.
Nein!
Das konnte Teiou nicht glauben. Obwohl er nicht wirklich einen Grund für diese Überzeugung hatte, war er sich doch sicher, dass Keika ihm nichts antun würde, auch wenn er sich noch so sehr distanzierte. In den beiden Wochen, die er nun schon hier war, war ihm noch kein einziges Anzeichen von Bosheit oder Hinterlist aufgefallen. Zwar sagten alle ihm, dass er vorsichtig sein musste, selbst Tia war noch nicht von Keikas Vertrauenswürdigkeit überzeugt, aber dennoch war er oft genug mehr als unvorsichtig in der Gegenwart des Dämons. Es war einfach ein Gefühl, dass ihm ohne jeden Zweifel zuzulassen sagte, dass er von Keika nichts zu befürchten hatte.
Schließlich sah er auf. "Bist du fertig? Können wir gehen?"
"Natürlich. Ich bringe noch das Besteck weg."
"Nein lass!" Teiou stand auf, öffnete die Tür und wies eine Palastangestellte an, diese Aufgabe zu erledigen. Dann sah er Keika mit einem auffordernden Lächeln an. "Kommst du? Wir haben noch einiges vor."
Als sie Seite an Seite den Palast verließen beobachtete er Keika von der Seite. Ihm war durchaus bewusst, dass er ihn zweifellos ziemlich verwirrt hatte mit seinem Verhalten, aber anmerken ließ er sich nichts. Wie immer ertrug er die Blicke und das Getuschel um sich herum mit aufrecht erhobenem Haupt. Seine gesamte Ausstrahlung zeugte von Würde und Stolz, mit jedem Schritt, den er tat, faszinierte er Teiou mehr und mehr.
Als sie sich ein wenig vom Palast entfernt hatten erhobenen sie sich in die Luft um die Entfernung fliegend schneller zu überbrücken.
Dabei dachte Teiou fast ein wenig wehmütig an das Ende dieses Tages.

***

Es war ein wunderschöner Tag; dadurch, dass die Sonne von ein paar weißen Wolken verdeckt würde und außerdem ein leichter Wind wehte war es nicht allzu heiß, dafür aber angenehm warm.
Sie flogen über ein Gebirge, das an der Grenze zum Nordreich lag, ohne allerdings diese Grenze zu überschreiten. Über einem zu Fuß schwer zugänglichem Tal setzte Teiou zur Landung an, dicht gefolgt von Keika, der sicherlich damit beschäftigt war, sich den Kopf zu zerbrechen, was er hier sollte.
Als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten ließ der Prinz seinen Blick über die wohlbekannte, jedoch immer wieder schöne Gegend schweifen.
Um sie herum ragten hohe Berge empor, ein paar vereinzelte Bäume wuchsen, deren dicht belaubte Äste sich, wie auch das lange Gras, im leichten Wind neigten. In diesem Gras wuchsen alle erdenklichen Arten von Blumen in tausend verschiedenen Farben und Formen. Ihren Duft konnte man schon wahrnehmen, wenn man sich noch einige Meter in der Luft befand. Das Schönste an dieser Gegend war jedoch, wie Teiou fand, der Wasserfall, der aus einer Felsspalte entsprang und unablässig in den See am Fuße des Gebirges floss. Selbst auf dem See blühten einige Seerosen, unter denen kleine Fische gemächlich im warmen Wasser herumschwammen. Ab und zu und hörte man einen Frosch quacken oder den Ruf eines Vogels, ansonsten waren lediglich das Rascheln der Blätter und das Rauschen des Wasserfalls zu vernehmen.
Etwas verlegen wandte Teiou sich seinem Begleiter zu. "Das hier ist mein Lieblingsort", erklärte er. Noch nie hatte er jemanden mit hergenommen. Nicht einmal seine besten Freunde, Tia und Ashray, wussten davon; seit er als Kind zufällig hergefunden hatte, war es immer sein Ort gewesen. Er hatte einfach niemanden sonst hierhaben wollen, noch nie hatte er das Bedürfnis gehabt, ihn jemanden zu zeigen. Irgendwie hätte er dann etwas von seinem Zauber verloren, jedenfalls war es ihm so vorgekommen.
Außerdem hatte er befürchtet, dass man ihn auslachen würde - schließlich war er einer der besten Kämpfer des Himmelsreiches, wahrscheinlich sogar der beste, und dann kam er mindestens einmal im Monat in ein Tal, das von Blumen überschwemmt war, und lag stundelang im Gras und genoss die Ruhe und den Frieden, den dieser Ort ausstrahlte.
Warum also hatte er mit dieser Tradition gebrochen und hatte Keika hergebracht? Ausgerechnet ihn, einen Dämon, der ihm unterstellt war, wenn er selbst den Shugo-Shuten nie in sein Geheimnis eingeweiht hatte ...
Eine wirklich Antwort konnte er sich selbst nicht geben. Er wusste nur, dass er zum ersten Mal den Wunsch verspürt hatte, diesen Ort mit jemanden zu teilen.
Und offenbar war es kein Fehler gewesen. Zum ersten Mal, seit er Keika kannte, lächelte dieser ein klein wenig. "Es ist sehr schön hier", sagte er mit seiner ruhigen Stimme, die so gar nicht zu einem sogenannten Monster passen wollte.
"Ja, nicht?" Zufrieden lächelnd ließ sich Teiou in der Nähe des Sees ins Gras fallen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah hinauf zu den Wolken, die langsam vorbeizogen. Völlig wehrlos lag er zu den Füßen des Dämons, der ihn jetzt mühelos hätte töteten können. Er hatte ihn kämpfen sehen als sie ihn gefangen genommen hatten und das war durchaus respekteinflößend gewesen.
Und doch machte er sich nicht die geringsten Sorgen.
Als Keika sich neben ihm ins Gras setzte drehte er noch immer lächelnd den Kopf. "Ich hab noch nie jemanden von diesem Ort erzählt", gab er zu. "Und jetzt frag mich bitte nicht, warum ich dich hergebracht habe - ich weiß es nicht." Nachdenklich richtete er seinen Blick wieder auf die Wolken.
Eine Weile schwiegen sie, aber diesmal war es nicht im Geringsten bedrückend oder verlegen. Es waren einfach keine Worte nötig.
Trotzdem durchbrach Teiou sie irgendwann. Waren nur Minuten vergangen oder waren es Stunden gewesen? "Darf ich dich etwas fragen?" Wieder drehte er den Kopf um die schlanke Gestalt neben sich betrachten zu können.
Keikas Blick war fast schon nachdenklich auf den Wasserfall gerichtet und Teiou hätte einiges dafür gegeben um seine Gedanken in diesem Moment lesen zu können.
"Natürlich."
"Warum warst du in der Menschenwelt?"
Ein kurzes Schweigen folgte, dann jedoch bekam er seine Antwort, wobei Keikas Ton wie so oft neutral blieb, seine Stimme war fest und ruhig, zeigte jedoch keinerlei Emotionen. Wahrscheinlich erlaubte ihm sein Stolz nicht vor Menschen, die ihn als Diener ansahen, auch noch seine Gefühle preiszugeben. Irgendwie konnte Teiou das verstehen und irgendwie bewunderte er ihn dafür. "Ich habe es in der Dämonenwelt nicht mehr ausgehalten. Es ist dort ... furchtbar bedrückend, alles so kalt und leer, mal ganz abgesehen von den meist primitiven Bewohnern. Solche Orte wie diesen ... gibt es dort nicht", fügte er nach kurzem Zögern noch hinzu.
Teiou, der ihn die ganze Zeit angesehen hatte, war überrascht und gleichzeitig erfreut über seine Offenheit. "Hmm ... Ich kann mir vorstellen, dass es dort ziemlich trostlos zugeht." Dann, ohne jeglichen Übergang, stellte er die frage, die ihn am meisten beschäftigte. "Hasst du mich eigentlich?"
Nun erst wandte Keika seinen Blick vom Wasserfall ab und drehte überrascht den Kopf um den Prinzen des Ostreiches ansehen zu können. "Bitte?"
"Nun, meine Männer haben dich gefangen genommen und ich halte dich hier gegen deinen Willen fest." Als Keika dazu nichts sagte fuhr er fort. "Es gab keine andere Möglichkeit um dich zu retten. Man hätte dich sonst unweigerlich getötet." Ihre Blicke trafen sich und obwohl Teiou zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass jemand ihm direkt in die Seele sehen konnte, konnte er sich doch von diesen wunderschönen, unergründlichen Augen nicht abwenden.
"Warum war das überhaupt wichtig für Euch? Es hätte Euch doch egal sein können, ob man mich tötet."
"Ja, das hätte es wohl", gab er leise zu. Leugnen war zwecklos - war für ein Interesse sollte er schon an dem Leben eines Dämons haben? Mal abgesehen davon, dass dieser ihm etwas gesagt hatte, das ihm selbst, als er gerade in einem ziemlichen Tief gewesen war, wieder Mut gemacht hatte: "Wenn der Schnee taut wird es Frühling." Niemals hatte er erwartet, solche Worte aus dem Mund eines Dämons zu hören.
Und niemals hätte er erwartet, dass ein paar Worte, ihm so nahe gehen konnten.
Endlich fuhr er fort: "Aber ich wollte nicht, dass du stirbst." Erst jetzt wandte er den Blick wieder von seinem Begleiter ab, bei den nächsten Worten konnte er ihn einfach nicht ansehen. "Irgendwie ... mag ich dich."  
Seufzend stand er schließlich mit einem Ruck auf als er bemerkte, dass es bereits Nachmittag war. Die Zeit war so schnell vergangen ... Und das obwohl er sich doch gewünscht hatte, dass sie stehenbleiben würde.
Aber solche Wünsche gingen ja bekanntlich nie in Erfüllung.
"Komm", sagte er einfach. "Wir haben heute noch ein Ziel ... Wir sollten uns ein wenig beeilen."
Mit einem letzten Blick auf das Tal erhob Teiou sich, wieder dicht gefolgt von Keika, in die Luft.
Erst als sie schon fast eine viertel Stunde geflogen waren fiel ihm auf, dass der Dämon seine ursprüngliche Frage nicht beantwortet hatte.
Aber jetzt spielte das sowieso keine Rolle mehr.

***

Nach fast zwei Stunden - längst hatten sie die Nordgrenze überschritten - landete Teiou am Rand eines riesigen, dichten Waldes. Es handelte sich um einen Mischwald, dicht beieinander standen sowohl Laub- als auch Nadelbäume. Auf dem Waldboden wuchsen viele kleine Büsche.
Schon ewig war er nicht mehr hier gewesen, das Gebiet hatte sich jedoch kaum verändert. Und das war gut so, schließlich war das wichtig für seinen Plan.
Sein Plan ...
Ja, jetzt war es wohl an der Zeit, Keika einzuweihen.
Der Dämon stand still neben ihm, sein Blick ruhte auf dem Waldrand, scheinbar um ein aufdringlich wirkendes Anstarren seines Herren zu verhindern.
Dieser jedoch tat genau das, er sah ihn ganz genau an, fast als wollte er sich jedes Detail, jeden seiner Gesichtszüge, den wunderschönen Glanz seiner Augen und sein weich fallendes, langes Haar genau einprägen.
Denn er würde all das nie wieder sehen.
"Wenn du dich in diesem Wald versteckst, wird man dich nicht finden. Zu Hause werde ich erzählen, dass du mich angegriffen hast und ich dich daraufhin töten musste. Man wird nicht nach dir suchen." Er sprach schnell, ohne Unterbrechung, ohne den anderen dabei anzusehen. Diesen Entschluss hatte er gefasst als er gestern den Garten verlassen hatte. Der Gedanke, Keika weiter einzusperren und ihn der ständigen Beobachtung und dem Hohn anderer auszusetzen war ihm unerträglich geworden. Nur hatte er diesen Tag noch mit ihm verbringen wollen, deshalb hatte er ihm auch zu dem Tal gebracht, wo sie eine Weile zusammengesessen hatten. Als Abschied. "Warte bis Gras über die Sache gewachsen ist", fuhr er fort. "Dann kannst du gehen, wohin du willst." Eigentlich hatte er noch hinzufügen wollen, dass er keine Menschen angreifen durfte, aber irgendwie wusste er tief in seinem Herzen, dass Keika das nicht tun würde, es nie getan hatte. Außer vielleicht um sich zu verteidigen, aber das konnte er ihm nicht verbieten.
Die Augen des schönen Dämons weiteten sich leicht als dieser den Prinzen ansah. "Ihr lasst mich gehen?" Er klang ungläubig, mehr als überrascht; aber da war noch etwas in seiner Stimme, das Teiou nicht einordnen konnte.
Er nickte leicht, versuchte zu lächeln. Noch nie war ihm das so schwer gefallen. "Ja." Es war das beste, für Keika war es das beste. Auch wenn es Teiou das Herz zerriss, er hatte nicht das Recht, ihm seine Freiheit zu nehmen, nur weil er ... ihn liebte.
Viel zu lange hatte er es sich nicht eingestehen wollen, aber hatte sich wohl auf den ersten Blick in den Dämon verliebt. Jedoch war ihm klar, dass diese Gefühle keine Chance hatten, nie erwidert werden würden, niemals ausgesprochen werden durften.
Vielleicht war es das erste Mal, dass er etwas wirklich vollkommen Selbstloses tat und er hätte gern von sich behauptet, dass es ein schönes Gefühl war - aber das war nicht der Fall. Es tat einfach nur verdammt weh.
Die vor einigen Stunden noch weißen, vereinzelten Wolken hatten sich mittlerweile dicht zusammengezogen und waren nun von einer dunkleren Farbe. Ein trostloser Anblick, trotzdem sah Teiou weiter zum Himmel hinauf, nur um Keika nicht weggehen sehen zum müssen.
Plötzlich hörte er die Stimme des Dämons neben sich, wie immer ruhig und gefasst, und doch bildete er sich ein, einen warmen Unterton zu vernehmen, der vorher nicht dagewesen war. "Wir sollten nach Hause gehen. Es wird bald regnen."
Fassungslos starrte Teiou Keika an, der seinen Blick einen Moment lang erwiderte, sich dann aber abwandte. Allerdings nicht in Richtung Wald, sondern in östliche Richtung, zurück zum Reich, das von Soryuou, Teious Vater, regiert wurde. Dort wo das Schloss stand, das Keika während der letzten zwei Wochen doch wie ein Gefängnis vorgekommen sein musste.
Noch bevor dieser sich in die Luft erheben konnte musste Teiou sich einfach vergewissern. "Keika?!"
Der Dämon blieb stehen, wandte sich jedoch nicht um und der Prinz befahl ihm auch nicht, das zu tun. Er redete sich ein, dass er ihn nicht ständig rumkommandieren wollte und dies der einzige Grund war, aber damit belog er sich nur selbst.
"Du ... bleibst?"
"Ja." Dann folgte ein kurzes Zögern und während er die nächsten Worte aussprach war Keikas Stimme so leise, dass Teiou seine Worte beinahe nicht verstanden hätte. "Irgendwie ... mag ich Euch auch."
Mehr sagte er nicht, stattdessen lösten sich seine Füße vom Boden.
Nach nur wenigen Sekunden folgte Teiou ihm, holte schnell auf.
Das eine Wort, das er dann sprach, war ebenso leise wie die letzten, die Keika an ihn gerichtet hatte, und er bekam auch keine Antwort, dennoch wusste er, dass er ihn gehört hatte. "Danke."

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