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Licht und Dunkelheit

von schwert
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
12.01.2008
12.01.2008
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Saetan beobachtete Alyssa jetzt sehr genau. Alyssa schien das nicht zu spüren. Aldred spürte die Kälte, die plötzlich von ihrem Körper ausging, und die Macht in ihrem roten Juwel pulsierte. Abrupt stand Alyssa auf: „Das Hähnchen schmeckt wunderbar, Papa. Entschuldige mich bitte, ich will mich zurück ziehen.“ „Selbstverständlich.“

„Was geschieht mit ihr?“ Marissa sprach die Beunruhigung aus, die die Freunde empfanden. Nachdem Alyssa den Raum verlassen hatte, sagte Saetan: „Sie wird der Dunkelheit bald ihr Opfer darbringen.“ „Wann? Wie?“ Marissa war ganz aufgeregt. Auch sie hatte der Dunkelheit ihr Opfer noch nicht dargebracht und war folglich voller Fragen. „Was geschehen muss, geschieht. Jedes Opfer ist anders, denn jede Person ist einzigartig. Du wirst es für dich selbst herausfinden müssen, Marissa.“ Marissa wirkte enttäuscht, gab sich aber mit Saetans Erklärung zufrieden.

Aldred war so übervoll mit neuen Erfahrungen, dass er beschloss, sich ganz auf das gute Essen zu konzentrieren, um die neuen Informationen später in Ruhe verarbeiten zu können.

Alyssa war seine Halbschwester. Unglaublich. Und bis vor kurzem hatte er nicht einmal gewusst, dass er einen Vater hatte. Es sei denn...vielleicht ist das ganze eine Falle, dachte Aldred plötzlich. Er konnte unmöglich einen Wächter zum Vater haben, denn Wächter waren zeugungsunfähig, soweit er wusste. Das jedenfalls hatte ihm Aryana, seine Mutter, erzählt, und sie musste es wissen, denn sie war eine weiße Hexe. Er würde mit ihr darüber sprechen müssen. Ob sie wusste, mit wem sie das Bett geteilt hatte? Nein, wahrscheinlich eher nicht. Oder? Aldred traute seiner Mutter einiges zu, aber das...eigentlich nicht.

‚Ich verstehe deine Zweifel, Aldred. Mir würde es nicht anders gehen, wenn ich an deiner Stelle wäre. Gerade deshalb bitte ich dich: Hab Vertrauen. Deine Halbschwester braucht dich, jetzt mehr denn je’, erklang Saetans Stimme in seinen Gedanken. Verblüfft sah Aldred ihn an: Welche Fähigkeiten hatten die Angehörigen des Blutes noch, von denen er nichts wusste?

„Darf ich mich zurückziehen, Fürst? Ich bin erschöpft.“ Saetan schob seinen Stuhl zurück und griff nach seinem Stock: „Komm, ich zeige dir deine Zimmer.“ Aldred folgte ihm und versuchte sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er, anstatt, wie er heute morgen noch gedacht hatte, Sklave zu werden, nun seine eigenen Räumlichkeiten bekommen würde. Unglaublich. Das Leben meinte es offenbar gut mit ihm.

„Wie soll ich mich hier bloß zurecht finden?“ überlegte er laut. „Das kommt mit der Zeit,“ beruhigte Saetan ihn, „Und noch etwas: Nenn mich nicht ‚Fürst’. Ich bin dein Vater.“ „In Ordnung...Vater.“

Aldred sog die Details der neuen Umgebung in sich auf. Schwere Gobelins erstreckten sich über die gesamte Länge der Wände, auf ihnen waren Szenen von einzigartiger Schönheit dargestellt, die Grausamkeit in sich bargen. Saetan folgte dem Blick seines Sohnes: „Diese Teppiche sind älter als Burg SaDiablo. Einst hat Geoffrey sie gesammelt, weil er meinte, kaum etwas würde das Wesen des Blutes besser ausdrücken als diese Szenen. Das Blut ist schön und grausam zugleich, und erst wer wahre Grausamkeit kennen gelernt hat, entwickelt einen Blick für die Schönheit, die ihn umgibt.“ „Das ist grausam.“ „Ja. Schmerz schärft den Blick, auch wenn er ihn auf den ersten Blick zu trüben scheint.“ „Bei manchen allerdings bleibt der Blick getrübt.“ „Leider,“ stimmte Saetan seinem Sohn zu.
Der Teppich unter Aldreds Füßen war so dick, dass er das Geräusch jeden Schrittes verschluckte. Die Luft war frisch, ohne kalt zu sein, und duftete nach Blumen. Erst als ihm der Blumenduft bewusst wurde, fielen Aldred die vielen Pflanzen in der Burg auf.

„Hexe liebt Blumen,“ erklärte Saetan. „Aber sie heißt Alyssa, nicht Jaenelle Angelline.“ „Ich habe sie ‚Alyssa’ genannt, weil ich der Meinung war und bin, dass sie das Recht auf eine eigene Geschichte und einen eigenen Namen hat, bis sie ihr Opfer dargebracht hat. Sie ist die Tochter meiner Lenden, und es wäre grausam gewesen, hätte ich ihr von Beginn an Jaenelles Identität aufgezwungen.“ „Wird das Opfer sie verändern?“ „Es wird sie zu gleichen Teilen verändern und nicht verändern. Der Kern ihres Wesens, das, was von Beginn an in ihr war, bleibt, doch kommt auch Neues hinzu.“ „Weißt du, was dieses Neue sein wird?“ Aldred vermochte seine Neugier kaum im Zaum zu halten. Saetan schmunzelte: „Ich bin ein alter Mann, aber nicht allwissend.“

„Wir sind da.“ Saetan stieß eine weitere Flügeltür auf, und Aldred verschlug der Anblick, der sich ihm bot, den Atem. Zu einem Garten, den er von seinem Standpunkt aus nicht sehen, aber riechen konnte, öffneten sich riesige, hohe Fenster, die Möbel waren sehr alt, aber sorgfältig und mit Liebe gepflegt, und unter seinen Füßen breiteten sich verschwenderische Mosaike aus, von denen manche Szenen zeigten, bei denen Aldred das Blut in die Wangen stieg. Saetan folgte seinem Blick: „Wir vom Blut sind nicht zimperlich, wenn es um Sex geht.“ Er muss es ja wissen, dachte Aldred leicht belustigt. Gleichzeitig fragte er sich, ob er jemals solche Freuden erleben würde wie die Männer und Frauen zu seinen Füßen. Er war noch Jungfrau, was vor allem daran lag, dass noch keine Frau sein Blut in Wallung gebracht hatte...nun ja, jedenfalls nicht auf diese Weise.

„Wir sehen uns morgen. Beim Feuer der Hölle, hab eine gute Nacht.“ „Du auch..Vater.“ „Danke. Schlaf gut.“

Saetan zog sich zurück und schloss die Flügeltüren hinter sich. Aldred war allein mit sich und seinen aufgewühlten Gedanken und Gefühlen. Familie! Er hatte einen Vater und eine Schwester. Das war mehr, als er sich je zu hoffen gewagt hatte. Und sein Vater war niemand anders als ein Mann, den die Lichten und die Nachtanbeter nur noch aus Geschichten kannten. Ruhelos ging Aldred in seinen Räumen auf und ab, sorgsam bedacht, die Mosaike nicht zu betreten, weil sie zu kostbar waren, um von seinen Füßen berührt zu werden. Doch ihnen auszuweichen, war beinah unmöglich. Als Aldred das begriff, legte er sich aufs Bett, ein großes Möbel, in dem locker bis zu fünf Personen Platz gefunden hätten. Weiche Daunendecken umschmiegten ihn, und bald fielen ihm die Augenlider zu.

Das Zwitschern von Vögeln weckte ihn. Hell schien die Sonne in sein Gemach und kitzelte ihn an der Nase. Sein Magen knurrte vernehmlich, und das veranlasste ihn, sich trotz seiner Schlaftrunkenheit aus den Daunendecken zu schälen. Allmählich klarten seine Gedanken auf, und die Erinnerung an Alyssa, Marissa und all die anderen kehrte mit Macht zurück.

Aldred freute sich schon darauf, sie wieder zu sehen. Sorge bereitete ihm nur die Frage, ob er in dem Gewirr aus Gängen den Weg zu den anderen finden würde.

Als er die Flügeltüren öffnete und heraustrat, wäre er beinah über einen großen grauen Wolf gestolpert, der sich am Boden räkelte und ihn freudig anhechelte. Aldred blieb fast das Herz stehen. Ein wildes Tier in der Burg! Ob die anderen davon wussten?

Eine amüsierte Stimme meldete sich in seinen Gedanken: ‚Die Lady hat mich eingeladen, und Saetan meinte, ich solle mich hier ganz wie zu Hause fühlen. Komm, ich bringe dich zu den anderen.’ Aldred sah sich suchend um, entdeckte jedoch niemanden außer des Wolfes, der schwanzwedelnd vor ihm herlief. Das Tier wandte ihm den schönen Kopf mit den intelligenten Augen zu und sah ihm geradewegs in die Augen. „Du?“ stammelte Aldred, als ihn die Erkenntnis übermannte. ‚Ja, ich,’ bestätigte der Wolf, ‚Ihr seid Aldred, Saetans Sohn. Mein Name ist Graufang.’ „Wer hat dir den Namen gegeben?“ ‚Saetan. Er meinte, er habe einmal einen Graufang gekannt, und ich würde ihm ähneln.’ „Das kann ich nicht beurteilen.“ ‚Macht nichts,’ plauderte Graufang weiter, ‚Wie ich sehe, beherrschst du die Gedankenrede noch nicht. Aber das kommt von selbst, wenn du erst einmal eine Weile mit uns gelebt hast.’ „Freut mich,“ erwiderte Aldred und stolperte beinah über seine eigenen Füße. Der Schlaf hatte ihn noch nicht ganz aus seinem Griff entlassen. Aldred hatte den Eindruck, den Wolf schmunzeln zu sehen. Er musste sich irren.

Dann stieg ihm ein köstlicher Duft in die Nase: Frische Brötchen und Kaffee. Gierig sog er den Duft ein. Vor einer hölzernen Tür blieb Graufang stehen: ‚Tritt ein, aber erschrick nicht. Die Lady hat heute Nacht ihr Opfer dargebracht.’ „Oh. Danke für den Hinweis.“ Unsicher, was ihn erwartete, öffnete Aldred die Tür. Alle saßen dort versammelt, die Gesichter ernst, aber strahlend. Besonders Saetans Züge schienen von innen heraus zu leuchten. Alyssa saß neben ihm und drehte sich jetzt zu dem Neuankömmling um. Ihre Augen hatten sich verändert. Sie strahlten in tiefem, klaren Blau und wirkten seltsam alt in dem jungen Gesicht, ihre Züge waren noch feinknochiger, wenn das überhaupt möglich war, und an ihrem Hals hingen zwei schwarze Juwelen, einen dritten Stein trug sie am Finger. Die Veränderung war so allumfassend und frappierend, dass Aldred sie nur in fassungslosem Erstaunen ansehen konnte.

Als sie sprach, war ihre Stimme mitternachtsschwarz und voller Gefühl, uralt und doch jung. Aldred erschauerte. „Willkommen, Bruder. Lass es dir schmecken.“ Sie schenkte ihm dampfenden Kaffee ein. „Alyssa...“ Aldred zögerte, plötzlich um Worte verlegen. Sanft korrigierte ihn die junge Frau: „Mein Name ist Jaenelle Angelline.“ Aldred schluckte. Was war während der Opferung geschehen? „Dein Blut singt zu meinem Blut. Ich höre den Drachen in dir.“ „Was bedeutet das?“ „Das musst du selbst herausfinden,“ beschied ihm Alyssa...Jaenelle. „Du hast deine Sache großartig gemacht, Hexenkind,“ beglückwünschte Saetan seine Tochter und stieß mit ihr an.
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