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Licht und Dunkelheit

von schwert
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
12.01.2008
12.01.2008
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„Ich muss euch etwas offenbaren, Kinder.“ Saetans Züge waren von tiefem Ernst erfüllt, doch Aldred spürte plötzlich den schneller gewordenen Herzschlag des anderen Mannes – eine Gabe des Lichts. Eine Geschenk, wie gemacht um zu jagen und zu töten. Die Lichten waren Raubtiere, und nie zuvor war sich Aldred dessen so deutlich bewusst gewesen wie jetzt.

Saetan sah ihm mit seinen goldenen Augen offen ins Gesicht: „Deine Mutter hat dich viel gelehrt, aber nicht alles, und manchmal das Falsche – zu deinem Schutz, bis du alt genug bist, um dich selbst zur Wehr zu setzen. Du bist nun alt genug. Du bist von Blut, und wer von Blut ist, ist von Natur aus ein Raubtier.“ Verwirrt starrte Aldred den älteren Mann an. Konnte er vielleicht doch Gedanken lesen? Wie auf seine unausgesprochene Überlegung hin nickte Saetan.

Saetan holte tief Luft, forschte in den Mienen der jungen Menschen um ihn herum und ergriff schließlich das Wort:

„Mein Name ist Saetan Daemon SaDiablo. Seit ihrer Gründung bin ich der Herr dieser Burg, und einst nannte man mich den Höllenfürsten. Heute wie zu allen Zeiten diene ich der Dunkelheit – und dieser Burg, denn diese Burg und die Dunkelheit sind eins. Wir haben uns heute hier versammelt als Familie. Nicht alle an diesem Tisch sind von meinem Blute, doch ich zähle jeden einzelnen von ihnen zu meiner Familie, die im Laufe der Zeit viele Zweige bekommen hat. Einst diente ich Hexe. Und ich sage euch: Hexe wird zurück kehren, wenn die Zeit gekommen ist.“

Das Schweigen war beinah greifbar. Die jungen Leute – und mit ihnen Aldred – hingen an Saetans Lippen. In Aldreds Kopf herrschte ein solches Durcheinander von all dem, was er an diesen einen Abend erfahren hatte (und vielleicht noch erfahren würde), dass er Mühe hatte, Ordung in das Chaos zu bringen.

„Schon einmal, vor langer, langer Zeit, habe ich erlebt, wie das Blut verdarb und sich Königinnen über Männer erhoben, um sich zu ihrem Vergnügen zu quälen. Und nicht allein das, sie gingen sogar noch weiter und verachteten das eherne Gesetz, alles Leben zu lieben und zu respektieren. Sie zerstörten, was schön und gut war in der Welt, weil ihnen die Zerstörung an sich Genugtung bereitete. Einst schwor ich mir selbst, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Leider hatte die Zeit anderes mit mir vor, und Hexe nahm mir letztendlich die selbstgestellte Aufgabe ab, indem sie das Blut reinigte. Hexe...“ Saetan stockte. Mitgefühl stahl sich in Aldreds gedankliches Wirrwarr. Er fühlte, dass das Weitersprechen dem anderen Mann schwer fiel.

Saetan rang um seine Fassung. Dann jedoch straffte er sich. „Hexe liebte das Leben mehr als alles andere, und als sie aufhörte, Hexe zu sein, prophezeite mir jemand, dass sie wiederkehren würde, wenn sie gebraucht würde, wenn sich das Böse erneut erheben würde. Eines Tages starb Hexe, und kurz danach folgte ihr aus Kummer über ihren Verlust auch ihr Gefährte nach.“ Saetan unterbrach sich.

Tiefe Stille lag über der Gruppe. Manch ein Gesicht spiegelte das Nachdenken über diese Eröffnung, die so ungeheuerlich war, dass Aldred der Atem stockte. Die Anhänger des Lichts – seine Mutter – hatte ihm erzählt, der Höllenfürst habe nie existiert. Er sei eine Legende unter den Angehörigen des Blutes, ein Märchen, nichts weiter, und selbst wenn es ihn jemals gegeben haben sollte, sei der längst zu Staub zerfallen. Das war der Glaube, den Aldred sein Leben lang in sich getragen hatte. Und jetzt stand dieser Mann mit den goldenen Augen – solche Augen gab es selbst unter den Nachkommen der Hayllier nicht mehr – und erklärte, er sei der Höllenfürst. Na ja, der Gewesene.

„Aldred, Marissa, Janas, Olam, Ela, Alyssa, auf die eine oder andere Weise seid ihr alle meine Kinder. Hexe wird zurückkehren, und ich habe dieses besondere Mahl zubereitet, um sie an diesem Tisch willkommen zu heißen.“ Seine goldenen Augen hefteten sich auf Alyssa: „Du hast Hühnchen in Honig schon immer besonders gemocht. Du bist Hexe...oder wirst es sein, wenn du wieder du selbst bist.“

„Ich trage Rot!“ protestierte Alyssa. „Du hast der Dunkelheit noch nicht dein Opfer dargebracht, und du bist jetzt schon stärker als alle anderen heute noch lebenden Angehörigen des Blutes. Du wirst Schwarz tragen, wenn du wieder du selbst bist.“

Aldred sah die Verunsicherung und den Schock auf ihrem zarten Gesicht, und sie tat ihm leid. Nach Saetans Worten musste sie sich ähnlich fühlen wie er sich selbst. „Heißt das, ich war nie die, die ich hätte sein sollen? Habe ich deinen Ansprüchen nicht genügt?“ Aldred hörte Bitterkeit aus ihrer Stimme heraus.

Mit zärtlichem Blick streifte Saetan Alyssa: „Hier geht es nicht um Ansprüche, Hexenkind. Hier geht es um Liebe und Magie, und manchmal ist Liebe die stärkste Magie. Dir steht eine Veränderung bevor, das wollte ich damit sagen. Und was immer dir widerfährt: Ich werde bei dir sein – weil ich dich liebe.“

Alyssa senkte den Blick, noch immer bemüht, den Schock zu verdauen, den ihr Vater ihr zugefügt hatte. Mitfühlend sah Saetan Alyssa an: „Manchmal ist die Wahrheit schwer zu verkraften, doch wer sich ihr stellt, wächst mit ihr statt zu zerbrechen. Du bist stark, Alyssa. Du bist meine Tochter.“

„Sie...du warst doch nicht einmal stark genug, zu verhindern, dass Burg SaDiablo geschleift wurde!“ platzte Aldred heraus. Traurig blickte Saetan ihm in die Augen: „Manche Dinge geschehen, weil sie geschehen müssen, und nicht immer ist Stärke gleich Wehrhaftigkeit. Manchmal bedeutet ‚stark sein’, das Leben mit all seinen Wendungen ertragen zu können und den Schmerz zu verkraften, den sie hervorrufen können. Die Lichten mussten geboren werden, weil das Leben an dem Punkt angelangt war, wo Neues entstehen musste, weil sich das Alte überlebt hatte. Aber Lichte oder Dunkle...alle sind von Blut, die einen mehr, die anderen weniger. Die Lichten haben dem Blut neue Facetten gebracht, neue Ideen, neue Gaben. Eines Tages werden sie an der Seite der Dunkelheit sein, und du, mein Sohn, bist der erste Schritt dorthin.“

„Nun iss, Alyssa, lass es dir schmecken.“ „Nach deiner Rede kriege ich keinen Bissen mehr herunter.“ „Du wirst den Appetit wiederfinden, wenn du erst gekostet hast,“ beruhigte Saetan seine Tochter. Zweifelnd blickte sie zu ihrem Vater auf. „Ich diene dir, Kind, und ich leiste dir keinen guten Dienst, indem ich dir unbequeme Wahrheiten verschweige.“ Marissa schaltete sich ein: „Da gebe ich Saetan...ich meine, dem Höllenfürsten...ich gebe ihm Recht, auch wenn es dir nicht passt.“ Alyssa seufzte und nahm sich ein Stück goldbraun gebratenes Fleisch. Saetan korrigierte Marissa: „Ich bin nicht mehr Höllenfürst. Die Hölle ist verloren, solange Hexe nicht regiert.“ „Und wie lange müssen wir auf das Erscheinen von Hexe warten?“ erkundigte sich Olam, ein Mann mit krausem schwarzem Haar und schalkhaften blauen Augen.

„Ich weiß nur, dass sie kommen wird und ihr Erscheinen nicht mehr fern ist,“ gab Saetan bereitwillig Auskunft. „Werden wir ihr Erscheinen noch erleben?“ scherzte Olam.
„Ja. Darum seid ihr hier. Hexe wird den ersten Kreis letztendlich selbst auswählen, doch soweit ich das sagen kann, hat sie ihre Wahl bereits getroffen.“ Olam errötete und warf Alyssa einen Seitenblick zu. Alyssa tat, als habe sie die Bemerkung nicht gehört, und konzentrierte sich stattdessen ganz auf ihr Hähnchen. „Es schmeckt köstlich,“ stellte sie fest. Saetans Augen leuchteten auf: „Freut mich, Hexenkind.“ „Wie viele Kinder hattest du eigentlich im Laufe der Zeit?“ erkundigte sich Aldred, der vor Neugier schier platzte. Saetan lachte, ein volles, warmes Lachen: „Du bist so direkt wie deine Mutter. Und um deine Frage zu beantworten: Ich habe nicht nachgezählt.“ Beeindruckt sagte Aldred: „Dann  muss deine Familie viele Zweige haben.“ „Die Lichten sind ein Zweig,“ erläuterte Saetan. „Wie alt warst du bei Hexes Erscheinen?“ wollte Alyssa wissen, der die Neugier anzusehen war. „In Erdenjahren gezählt, fünfundvierzig Jahre. In realen Jahren fünfzigtausendvierhundertfünfzig.“ „Aber das ist..wie lange liegt die Schleifung  von Burg SaDiablo zurück?“ erkundigte sich Olam. „Ich habe nicht gezählt. Als ein ums andere Jahr verstrich ohne Hoffnung auf Hexes Wiedergeburt, gab ich das Zählen irgendwann auf. Nur so viel: Es ist lange her.“

„Du sagtest, du seiest Hüter. Wie alt können Hüter werden?“ Saetan lehnte sich zurück: „Der älteste Hüter meiner Zeit war Geoffrey, und ich habe nie herausfinden können, von welchem Volk er stammte, geschweige denn, wie alt er wirklich war, obwohl er einer meiner engsten Freunde war.“ „Zu Hexes Zeiten war er Bibliothekar,“ merkte Alyssa an.
Saetan sah sie mit einem merkwürdigen Blick an. Er wirkte plötzlich angespannt. Aldred hatte den Eindruck, dass er erregt war, dies aber zu verbergen suchte.

„Wie hieß Hexe eigentlich wirklich?“ fragte Marissa. „Ihr Name ist Jaenelle Angelline.“ Das gute Essen schien Alyssas Zunge gelöst zu haben. Saetans Herz klopfte, Aldred spürte den Herzschlag des anderen Mannes in den eigenen Knochen.

Erkennen zuckte plötzlich über Marissas Gesicht: „Was hast du mit dem Essen gemacht?“
„Nichts. Ich habe mit Liebe gekocht. Liebe vermag mehr als jede Magie zu vollbringen, und Liebe ist stärker als jeder Zauber.“
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