Schnee und Gold

von Aelea
GeschichteRomanze / P16
06.01.2008
06.01.2008
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Er beobachtete sie vom Schatten der Tür aus, wissend, dass sie ihn nicht sehen konnte, solange sie sich so verzweifelt gegen ihre Fesseln stemmte sie jetzt.
Er hatte sie noch nie so gesehen.
Immer war sie kühl gewesen und beherrscht, anmutig, verführerisch und bisweilen, wenn sie die oberste ihrer vielen Masken ablegte, voller Leidenschaft, doch nie verzweifelt.
Wie jetzt.
Ihre schlanken Beine, die sie sonst so bedacht platzierte und die sich nun so unkontrolliert zuckend gegen die Seile stemmten, die ihre Knöchel zusammenhielten. Die eleganten Hände, die so kraftvoll zugreifen und zugleich so zärtlich berühren konnten und die nun aufgeschürft waren, blutig und bizarr verdreht.
Die weiche Haut ihres Halses, weiß wie Schnee und noch immer bar jedes Zeichens fortgeschrittenen Alters. Selbst hier noch glaubte er den Geruch ihres Parfums riechen zu können, einen Hauch von Gold, Sonnenschein und Honig.
Ihre glänzenden, weichen Haare, die sonst so kunstvoll in Locken gelegt waren und so sanft über seine Haut geglitten waren und die nun in wirren, noch feuchten Strähnen an ihren Schläfen klebten.
Und ihr Gesicht, das schönste Antlitz, das ihm jemals begegnet war während all seiner Reisen, ein makelloses Abbild des Ideals aller Frauen. Die vollendet femininen Züge, vollkommen symmetrisch und dennoch ausreichend gerundet, um nicht streng zu wirken. Rote, geschwungene Lippen, an deren Kuss er sich noch so gut erinnern konnte und ihre Augen, die ihn von ihrer ersten Begegnung an fasziniert hatten, unergründlich, geheimnisvoll und voll heimlicher Intelligenz.
Nun schien nichts mehr davon übrig geblieben; Schmutzstreifen zogen sich über ihre Haut und nichts in ihrem Gesicht erinnerte mehr an die frühere Eleganz, Sinnlichkeit und die Unnahbarkeit, die ihn so sehr fasziniert hatten.
Lange Zeit stand Lord Asriel da, beobachtete sie, die schönste Frau, die er jemals getroffen hatte, wie sie sich hilflos gegen die Fesseln stemmte, die er ihr hatte anlegen lassen, und versuchte, zu ergründen, ob er nun ihr wahres Gesicht sah oder ob dies wiederum nur eine Maske war, die sie aufgelegt hatte, um ihn zu täuschen.
Als er den Raum – und ihr Blickfeld – betrat, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass er nicht darauf vorbereitet war. Er war sich nicht über seine Gefühle im Klaren, darüber, was er mit ihr tun wollte.
Wollte er ihr seine Überlegenheit beweisen?
Sie um ihr Leben flehen lassen?
Sie davon überzeugen, sich ihm anzuschließen?
Sie töten?
Sie laufen lassen?
Sie befreien, an sich drücken und küssen?
„Asriel!“ Er erinnerte sich noch an ihre Stimme, süß und berauschend wie ein schwerer Wein, unergründlich wie der Ozean und so bedrohlich wie das ferne Grollen eines Gewitters, stets erfüllt von der Andeutung nach Gefahr. Als sie zum ersten Mal mit ihm gesprochen hatte, hatte er gewusst, dass sie sich nie erobern lassen würde, oder besitzen oder kaufen. Nur zu ihrem Vorteil oder bloßen Vergnügen würde sie sich auf andere einlassen.
Vom ersten Moment an hatte sie Verlangen in ihm geweckt.
Er hatte sie begehrt. Geliebt? Nein.
Also warum ergriff ihn dieses merkwürdige Gefühl angesichts ihrer Verzweiflung?
„Marisa. Wie schön dich zu sehen.“
Sein Spott traf sie, weckte jedoch auch ihren Ehrgeiz; er sah einen Funken des alten Feuers in ihren Augen.
„Deine Gastfreundschaft lässt zu wünschen übrig“, bemerkte sie spitz.
„Entschuldige vielmals, ich hatte nicht mit dir gerechnet. Was verschafft mir die Ehre deines Besuches?“
Sie gab auf. Er meinte sehen zu können, wie sie in sich zusammensank. „Lyra. Ich habe versucht, sie zu beschützen. Wo ist sie?“
Gleichgültig zuckte er die Schultern. „Ich weiß es nicht.“
Einen Augenblick lang starrte sie ihn sprachlos an, dann senkte sie den Blick. In einer unwillkürlichen Bewegung hob sie die Schultern, als wolle sie den Kopf in ihren Händen vergraben.
Überrascht sah er eine Träne über ihre Wange rollen.
Impulsiv trat er auf sie zu und hob die Hand an ihr Gesicht.
In diesem Moment sah sie auf, sah seine erhobene Hand und zuckte so heftig zusammen, dass auch er selbst zurückwich.
„Wo“, begann er langsam zu sprechen, „hast du all die Jahre verbracht, dass du denkst, ich würde dich schlagen?“ Demonstrativ streckte er die Hand aus und wischte die Träne von ihrer weichen, schmutzigen Wange, grober, als er beabsichtigt hatte.
„Nun, du hast dich verändert“, gab sie zu bedenken und versuchte vergeblich, das Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken.
Er sah ihr fest in die Augen.
Früher hatte sie diesem Blick standgehalten, bis einer von ihnen den anderen dazu gebracht hatte, aufzuhören. Diesmal sah sie sofort beiseite.
„Du dich auch.“ Nachdenklich stand er auf, ging zu seinem Schreibtisch und schrieb einige Notizen. Beachtete sie nicht mehr. Ordnete seine Gedanken.
„Was hast du jetzt mit mir vor?“ Plötzlich war ihre Stimme wieder ruhig.
Nur als sie von Lyra gesprochen hatten, hatte sie die Beherrschung verloren.
„Ich weiß es nicht“, beschied er sie. „Ich plane einen Krieg, Marisa, den größten, der jemals ausgetragen wurde. Truppen aus zahllosen Welten stehen unter meinem Befehl, wir bauen Waffen, die unsere Gegner nie zuvor gesehen haben und Spione aus allen Welten schicken Berichte über die Bewegungen des Feindes.“
Jetzt erst sah er sie an. „Was, glaubst du, mache ich mit Spionen?“
„Du denkst, ich wäre eine Spionin?“, fragte sie und lächelte verächtlich. Da war er wieder, der Ausdruck herablassender Überlegenheit, an den er sich noch so gut erinnerte. „Dann hätte ich mich niemals hierher bringen lassen.“
„Vielleicht ist das auch nur deine Taktik.“ Er wandte sich wieder seinen Aufzeichnungen zu. „Ich kenne dich, vergiss das nicht. Ich weiß, dass du imstande wärst, dich fangen zu lassen, um deine Aufrichtigkeit vorzutäuschen.“
„Sieh mich an.“ Er gehorchte ihr, bevor er darüber nachdenken konnte und wunderte sich beinah im selben Moment über die Macht, die sie noch immer über ihn hatte. „Ich habe versucht, Lyra zu beschützen. Unsere Lyra. Für sie habe ich alles aufgegeben, wofür ich gelebt habe, bevor ich von ihr erfuhr. Das wurde dir von deinen Spionen noch nicht berichtet?
Nur ihretwegen wurde ich gefasst. Und sie ist alles, was mich jetzt noch interessiert.
Ich bin keine Spionin mehr.“
Lächelnd schüttelte er den Kopf. „Du würdest mich sofort an sie verraten, wenn du sie dafür bekommen würdest.“
„Aber das werde ich nicht! Sie wollen sie töten! Ich habe von ihnen nichts mehr zu erwarten; du hast von mir nichts mehr zu befürchten.“
Gedankenverloren schob er die oberste Schicht von Berichten beiseite, auf der Suche nach einer bestimmten Nachricht. „Und ich werde dafür sorgen, dass das so bleibt.“
„Hörst du nicht? Sie wollen sie töten! Sie haben schon Truppen entsandt, die nur deswegen nicht erfolgreich waren, weil deine Soldaten sie aufgehalten haben. Jetzt ist sie allein!“
„Das ist nicht mehr mein Problem. Ich habe versucht, sie zur Vernunft zu bringen und sie ist weggelaufen; ich bin jetzt nicht mehr für sie verantwortlich.“
„Dann lass mich gehen. Bitte lass mich sie finden.“
„Nein. Und wenn du mich jetzt bitte nicht mehr stören würdest – ich habe zu tun.“
„Asriel! Es geht um meine Tochter – und auch deine!“
„Nicht mehr.“ Mit mildem Interesse zog er das Papier hervor, nach dem er gesucht hatte und überflog einen der älteren Berichte von Lord Roke auf der Suche nach einem Hinweis, den er zuvor übersehen hatte.
„Du kannst nicht einfach …“
Er fuhr herum. „Marisa“, unterbrach er sie betont ruhig. „Ich plane einen Krieg. Ich muss mich konzentrieren. Also bitte sei jetzt still.“
Ihre Augen sprühten Funken. Er sah es mit stiller Belustigung und legte seinen Federhalter beiseite. Er wusste, was kommen würde. Schon immer war er der einzige gewesen, der sie manchmal berechenbar gefunden hatte. „Glaubst du, sie wissen nicht, was du vorhast? Frau Pavel liest ihnen das Alethiometer zuverlässiger als jeder Spion, sie sind in der Überzahl und …“
„Du hast es so gewollt“, stellte er ruhig fest, zog sein Taschentuch hervor und wollte es zwischen ihre Mundwinkel schieben.
Natürlich ließ sie sich das nicht gefallen. „Bitte, Asriel.“
Er hatte nicht vorgehabt, nachzugeben, doch der Klang ihrer Stimme ließ ihn innehalten. „Bitte worum? Dass ich dich gehen lasse? Dass ich mit dir Lyra suche? Den Krieg abbreche und der Kirche die Treue schwöre?“
„Bitte demütige mich nicht so.“
Seine Hand hielt inne.
Langsam sah er auf in ihre Augen. Hielt sich angestrengt davon ab, sich ein weiteres Mal in ihnen zu verlieren. „Was willst du?“
„Binde mich los. Lass mich ein Bad nehmen und  …“, sie warf einen sehnsüchtigen Blick auf ihren Daemon, der außerhalb ihrer Reichweite festgebunden war. „Lass ihn mich berühren. Ich weiß, du wirst ihn nicht freilassen, aber lass ihn in meiner Nähe.“
Sie sagte nicht noch einmal bitte. Das hatte er auch nicht erwartet.
Doch noch sagte er nichts. Wartete. Wusste, dass sie wissen würde, was er hören wollte.
Schließlich senkte sie den Blick. „Ich werde nicht weglaufen, spionieren oder … dir sonst wie schaden.“
Amüsiert fragte er sich, ob diese Nachgiebigkeit ehrlich war oder ihn nur überzeugen sollte. „Warum sollte ich dir das glauben?“
„Ich verspreche es dir.“
Er sah ihr in die Augen, wissend, dass er eine Lüge nicht würde erkennen können. Er verzichtete darauf, sie zu fragen, was dieses Versprechen wert war.
„Ja, Marisa.“

In den angrenzenden Zimmern, Asriels persönlichen Räumen, nahm sie ein dampfend heißes Bad, genoss das Gefühl der Wärme, die in ihre ausgekühlten Glieder zurückkehrte, und blieb, bis ihre Haut gerötet war. Sorgfältig wickelte sie sich in eins der groben Handtücher, kämmte sich das nasse Haar und betrachtete sich kurz im Spiegel.
In einem Winkel des Zimmers saß, nur mehr eine zusammengerollte Kugel aus goldenem Fell, ihr Daemon. Asriel hatte eine Handschelle um seinen Hals befestigt und den Schlüssel an einer Kette um seinen Hals befestigt – seine Garantie dafür, dass sie nicht versuchen würde, zu fliehen.
„Denkst du darüber nach, wie du ihn befreien kannst?“
Sie wandte sich langsam zu ihm um. Das Handtuch bedeckte nur den mittleren Teil ihres Körpers und betonte ihre schlanke Gestalt. Ungeschminkt sah ihr Gesicht ehrlich aus, beinah unschuldig.
„Ja“, gab sie zu und zuckte die Schultern. „Ich werde nicht aufhören, darüber nachzudenken, bis ich nicht Lyra in Sicherheit weiß.“ Sie musterte ihn sekundenlang, den Blick, mit dem er sie maß. „Du könntest so höflich sein und den Blick abwenden.“
Langsam ging er auf sie zu, bis er direkt vor ihr stand.
Sie wich nicht zurück. Das hatte sie nie getan.
„Was willst du, Asriel?“ Ihr Blick war wieder furchtlos, wie damals, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Was musste Lyra getan haben, um sie so zu verändern?
„Wissen, dass du mir nicht schaden kannst.“ Nachdenklich sah er auf sie herab, sich nur zu deutlich der Wärme bewusst, die von ihrer Haut aufstieg. „Was willst du von mir?“
„Dass du sie rettest. Du hast die Mittel dazu, das weiß ich.“
„Und du wärst bereit, alles dafür zu tun, nicht wahr?“ Obwohl er überzeugt gewesen war, sich nichts anmerken zu lassen, zögerte sie. Nur kurz.
„Ja.“
Er nickte langsam. Abrupt wandte er sich ab, brachte den Abstand zwischen sie beide, den er so dringend benötigte.
„Asriel.“ Ihre Stimme war so leise, so weich, wie er es nie zuvor von ihr gehört hatte. Er blieb stehen.
„Wirst du es tun.“
Sekundenlang verharrte er. Dann drehte er sich um, stürmte auf sie zu und packte ihre Schultern, drängte sie rückwärts, bis sie an die Wand stieß. Ihr Daemon wimmerte leise.
„Hast du angst vor mir?“
Er achtete darauf, ihr nicht weh zu tun.
Sie sah ihm in die Augen. „Nein.“
Er lächelte, zum ersten Mal nicht voller Spott und Ironie, sondern bitter. Ruhig beugte er sich herab und küsste sie, spürte erst ihre Überraschung, dann ihre Nachgiebigkeit.
Er wich zurück.
Verwirrt öffnete sie die Augen. „Was …?“
„Wenn ich dir verspreche“, er sah sie fest an, „Lyra zu suchen, zu tun, was ich kann … dir sage, dass ich dich nicht gehen lasse, dass nichts sich ändern wird, egal, was du tust … was würdest du dann tun?“
Sie hielt seinem Blick stand. Wie früher. „Du verlangst nichts von mir dafür?“, fragte sie mit dem Argwohn einer Frau, die ihr Leben lang Verhandlungen mit Lügnern geführt hatte.
„Nein.“
Als er die aufblitzende Dankbarkeit in ihrem Blick sah, den winzigen Funken von Erleichterung, fragte er sich, ob dies ihr wahres Gesicht war.
Dann schmiegte sie sich an ihn, drückte ihre Lippen auf seine und wie von selbst legten sich seine Hände um ihren so trügerisch zerbrechlichen Körper und lösten den Knoten, der das schwere Handtuch hielt.

„Lass mich dir helfen“, sagte sie plötzlich, noch immer an ihn geschmiegt.
Er atmete tief ihren Duft ein, bevor er antwortete. „Was meinst du?“
„Ich kann für dich spionieren. Lass es so aussehen, als hätte ich dich bestohlen, lass sie uns täuschen.“ Sie sah ihn an, die Augen voller Begeisterung. „Lass alle denken, ich hätte dich verraten. Sie werden es glauben. Und ich kann dir von den Plänen des Magisteriums berichten.“
Lange Zeit schwieg er. „Wie kann ich dir vertrauen?“
Er fragte nicht, warum er das tun sollte. Nicht, warum sie das tun wollte. Nicht, warum er sie gehen lassen sollte.
Wollte nur einen Grund dafür, es zu tun.
„Sie haben versucht, Lyra zu töten. Nie wieder werde ich mich auf ihre Seite stellen.“
„Beweise es mir.“
„Wie?“, fragte sie schlicht.
Er atmete tief ein. „Nachher findet eine Besprechung meiner Befehlshaber statt. Bring sie dazu, zuzustimmen, dass du bleiben darfst. Ich werde euch nachher unsere neue Waffe zeigen – den Intentionsgleiter.“
Er atmete aus.
„In einer Halle daneben findest du eine wesentlich verbesserte Version davon. Sie wird – davon gehen meine Ingenieure aus – den Ausgang der Schlacht zu unseren Gunsten beeinflussen.
Du kannst uns den Sieg kosten, wenn du ihn stiehlst. Ich werde dich nicht bewachen lassen. Bring ihn in euer Magisterium und wir werden verlieren.
Falls du mir wirklich helfen willst, frage mich nach einem Rundflug. Ich werde dir alles erklären und wenn wir landen, wirf mich aus dem Gleiter und bring ihn zurück in deine Welt. Dann wirst du deine Loyalität bewiesen haben.“
„Warum gehst du dieses Risiko ein?“
Er sah sie nur an. „Das Treffen beginnt bald. Wir sollten uns vorbereiten.“
Sie nickte ruhig und wollte aufstehen, doch Asriel hielt sie zurück.
„Sag mir nur eins, Marisa. Und ich bitte dich – sei ehrlich. Deine Antwort wird keine Konsequenzen haben.“
Sie nickte.
„Vertraust du mir?“
Sie lächelte. „Ja.“

Nach der Magisteriumssitzung, bei der ihr Einsatz für die richtige Seite, den sie durch Aufbringung gefährlicher Militärtechnologie bewiesen hatte, nur leidlich gewürdigt worden war, hielt sie Frau Pavel zurück.
„Entschuldigen Sie“, gurrte sie mit samtweicher Stimme. „Ich habe drei Fragen, die für den Ausgang des Krieges von entscheidender Bedeutung sein könnten.“
Der Geistliche sah nur kurz in die schönen, von goldenen Locken umrahmten Augen und schluckte schwer. „Na-natürlich, Mrs. Coulter.“
„Vielen Dank. Und …“, sie beugte sich verschwörerisch vor, „diese Angelegenheit betrifft … nun … andere Bereiche der theologischen Institutionen, die großen Wert auf Diskretion legen, es wäre daher besser, Sie würden diese Angelegenheit mit der entsprechenden … Vertraulichkeit … behandeln.“
Der Geistliche wurde eine Spur blasser, nickte jedoch.
„Gut.
Erstens:
Als ich das Fluggerät stahl, konnte ich nichts sehen, meine Frage ist daher: War der verbesserte Intentionsgleiter“, bewusst vage vermied sie es, auszusprechen, dass sie diesen nicht gestohlen hatte, „unbewacht?
Zweitens:
Bevor ich ging, stellte Lord Asriel mir eine verfängliche Frage, die ich mit einer Lüge beantwortete. Glaubte er diese Lüge?
Drittens:
Er gab mir ein Versprechen – entsprach das der Wahrheit?
Das wäre alles.“
Der Geistliche nickte wie gebannt und verschwand.

Stunden später erklang ein leises Klopfen an ihrer Tür und riss sie aus dem Schlaf.
„Ja?“
Leise schlich Frau Pavel herein, bedacht darauf, jede Aufmerksamkeit zu vermeiden und schlichtweg lächerlich dabei.
„Ich habe die Antworten auf Ihre Fragen, Mrs. Coulter. Sie lautet … in den ersten beiden Fällen … nein, im dritten Fall ja.“
Die Angesprochene verbarg ein Lächeln und nickte knapp. „Ich danke Ihnen.“
Unter vielen Verbeugungen zog der Geistliche sich zurück und schloss die Tür.
Marisa ließ sich zurücksinken und lächelte still.
Er hatte gewusst, dass sie gelogen hatte und genauso hatte auch er nur vorgetäuscht, ihr zu vertrauen.
Hatte er erkannt, dass sie solange mit Lügen gelebt hatte, dass diese bereits ein Teil von ihr geworden waren?
Vielleicht.
Doch er wollte sein Wort halten, nicht Lyra zuliebe, sondern für sie selbst, weil er hatte sehen wollen, wie sie reagierte.
Gedankenverloren strich sie sich über die Lippen.
Auf eine unerklärliche, seltsame Art, auf die sie nie empfunden hatte, bevor Lyra auf so dramatische Weise in ihr Leben getreten war, berührte sie der Gedanke, dass Asriel derart für sie gelogen hatte.

Auf eine unerklärliche, seltsame Art, auf die er nie empfunden hatte, bevor er Marisas Veränderung gesehen hatte, erleichterte die Nachricht von Lord Roke über Marisas halbwegs sichere Lage Lord Asriels Herz.

Und unsichtbar für beide sammelte sich über und zwischen ihnen Staub in einem endlos langen Band, das sich von einer dichten Wolke direkt über ihnen bis zu einer haarfeinen Verbindung an den Nahtstellen ihrer Welten ohne eine Unterbrechung zog.
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