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nevermind

GeschichteAllgemein / P12
04.01.2008
04.01.2008
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Ich stand zitternd im grau-blauen Licht der Morgendämmerung. Um mich herum surrte noch das monotone Zirpen vereinzelter Zikaden, oder Mücken, oder was auch immer. Es störte mich nicht. Die kalten Böen, die mehr oder weniger regelmäßig über das glatte Wasser des kleinen Sees wehten dagegen schon. In einem Anfall von ungekünstelter Dramatik breitete ich die Arme aus und schloss die Augen. Ich habe manchmal wirklich einen Hang zur Tragik, aber in diesem Moment passte es einfach. Es musste so sein. Dessen war ich mir sicher.
Mein Kopf war vollkommen leer, bis auf das beginnende Gezeter der ersten erwachenden Vögel. Und genau in diesem Augenblick der absoluten Ruhe, der tiefsten Verbundenheit mit dem, was ich war, wurde mir eins klar. Ich würde gehen. Und nicht mehr wiederkommen. Diesmal nicht.
Vorsichtig stieg ich über den warmen Körper auf dem Boden und sammelte lautlos meine Kleidung ein. Nein, wir hatten die Nacht nicht miteinander verbracht. Doch, schon. Aber ohne sexuellen Kontakt. Trotzdem musste die Szene für einen zufällig vorbeikommenden Spaziergänger sehr eindeutig wirken.
Zwei Menschen nackt in der aufgehenden Morgensonne an einem kleinen See im Wald, davon einer weiblich. Welche Fragen blieben da noch offen?
Aber nein, wir haben nicht miteinander geschlafen. Sie war hübsch, zweifellos sehr hübsch sogar, trotzdem aber nicht von dieser makellosen Werbe-Schönheit, die Models und Playgirls aufweisen. Gerade diese kleinen Makel rundeten das Bild ab. Die klitzekleine Falte auf der Hüfte, obwohl der Bauch einwandfrei flach war. Es zeichneten sich sogar ganz leicht die Muskeln unter der Haut ab. Man erahnte sie eher. Dann diese knubbeligen Knie, die die schlanken, grazilen Beine in zwei Hälften teilten. Diese haarscharf zu kleinen Brüste (zu klein um dem Schönheitsideal gerecht zu werden), das Grübchen auf dem Kinn, die leicht hervorstehenden, tiefbraunen, unendlich tiefen Augen, das kurze schwarze Haar, das wirr nach allen Seiten hin abstand und in dem sich ein paar Blätter verfangen hatten. Doch, sie war durchaus atemberaubend schön. Und sie war eine Hure. Trotzdem waren wir uns nicht ein Mal näher gekommen, als es nötig gewesen war um uns gegenseitig unter Wasser zu tauchen. Oh, und die drei Minuten am Abend zuvor, als ich sie aus dem Wasser ziehen musste. Aber das zählte nicht wirklich.
Sie hatte ihren freien Abend gehabt, gestern. Ich musste ihr versprechen, dass mein Anliegen nicht von sexuellen Absichten geprägt war. Das hatte ich getan. Ich wollte einfach nur einen freundlichen Menschen neben mir haben, der in aller Ruhe den Abend mit mir verbrachte. Trotzdem spürte ich, dass sie nicht abgeneigt gewesen wäre mein Versprechen zu annullieren. Die Spannung zwischen uns, dieses geheimnisvoll erotische Knistern war fast greifbar gewesen. - Aber ich hielt mein Versprechen. Ich war schließlich kein Womanizer oder Playboy, der in jedem weiblichen Wesen die potentielle Mutter meiner zukünftigen Kinder sah. Ich war kein Inkubus und kein Nymphoman - aber auch kein Heiliger. Ich wollte ihr einfach nur zeigen, dass es auch anders geht, dass sie mir vertrauen konnte.
Und wie sollte man mir nicht vertrauen? Ein Typ, der im Morgengrauen nackt an einem Waldsee aufwacht, sich nicht mal mehr an seinen eigenen Namen erinnert und drei Euro 24 - nein, 26 in den Taschen seiner Jeans mit sich trug.
Scheiße!
Ich erinnerte mich plötzlich an den zufälligen Beobachter der Szene, der vermutlich gar nicht wirklich existierte und stellte mir vor, wie die Szenerie auf ihn wirken musste.
Halbnackter Kerl, nackte Frau, zwei leere Flaschen Tequila. - Ja, zwei. Der Goldene, der schmeckt besser. - Und die herankriechende Wärme der ersten Sonnenstrahlen. Der sacht wabernde Nebel über dem See… Es musste mystisch wirken. Musste einfach. Etwas geheimnisvoll, aber auch wild und kraftvoll. Vielleicht einen Hauch Romantik und eine große Prise Freiheit. Oh ja, Freiheit. So wollte ich auf andere wirken, gab mich bewusst so. Dabei war ich vermutlich nicht halb so romantisch, wie ich meinte. Geschweige denn wild, kraftvoll oder geheimnisumwittert. Frei war ich dagegen schon. Und wie frei! Frei zu gehen. Frei, all das hinter mir zu lassen. Diese Nacht, diesen Morgen, diese Erinnerung daran.
Ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen, stahl sich die Vorstellung der nackten Alina in meinen freien Kopf. Wild und kraftvoll auf meinen Lenden sitzend, wie ihre Schreie die geheimnisvolle Stille der Morgendämmerung durchschnitten.
Während mein Blick genüsslich langsam über jeden Zentimeter ihrer dunklen Haut glitt, formten sich Sätze in meinem Kopf, die da eigentlich nichts zu suchen hatten. Sätze, die viel mit den Worten "wir" und "gemeinsam" zu tun hatten. - Ich war kein Heiliger, kein Abstinenzler, bin es auch Heute noch nicht. Aber genau hier lag das Problem. Zusammen mit ihr konnte ich nicht frei sein. Denn wirklich frei ist man erst, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Hätte ich sie aber mitgenommen, hätte ich sie verlieren können. War also nicht mehr frei.
Ich suchte mein T-Shirt, fand es unter ihrem Kopf und zog es vorsichtig darunter hervor, ohne sie aufzuwecken. In meiner Jacke fand ich einen Leergutbon über 1,28€. In diesem Moment wurde der Entschluß, sie nicht mitzunehmen unanfechtbar. Manche nannten mich deswegen arrogant, oder ein herzloses Arschloch. Meine Antwort darauf war immer, dass jeder seine eigene Prioritäten besaß. Und meine oberste Priorität war nunmal die Freiheit. Wäre sie es nicht gewesen, wäre ich nicht der Mensch gewesen, der ich nun aber war. Das brachte die meisten zum schweigen. Der Rest, der dann noch versuchte weiter zu diskutieren, war in mich verliebt, und jedes weitere Argument wäre sinnlos, oder eine zuschnappende Falle für mich selbst gewesen. Das war dann meistens der Punkt, an dem ich mich umdrehte und einfach ging. Mich gab es nur im Doppelpack. Mich, und meine Freiheit. Anders gesagt, mich gab es gar nicht. Klar, ich existierte. Sonst hätte ich mich, während ich mit einer zerknautschten Kippe im Mundwinkel noch immer über ihr stand, nicht zum dritten Mal gefragt, warum ich Alina dieses irrsinnige Versprechen gegeben hatte. Ich existiere, war ein Mensch, ein Mann. Was mir in diesem Moment unangenehm bewusst wurde. Das war auch meistens der Grund, warum ich irgendwann wieder zurückkam. Heimlich zumindest. Mich wie ein billiger Stalker versteckte und mich letztendlich doch nicht traute wieder 'Hallo' zu sagen. In diesen Momenten war ich nicht frei. In diesen Momenten war ich Gefangener meines Herzen. Meines Herzens, das sich vollkommen von meinem Willen befreit hatte und mich dadurch fesselte. Das sehe ich Heute so.
- Doch ich existierte nicht wirklich. Ich besaß weder Personalausweis, noch Reisepass, Führerschein, Videotheken-Ausweis, oder sonst irgendeine Urkunde, die bestätigte, dass es mich gab. Die einzige Bestätigung meiner Existenz waren die Blicke der Menschen. Hasserfüllt, wenn sie von den feineren kamen. Neugierig, wenn sie von Kindern kamen. Ängstlich von ihren Müttern. Berechnend von den Teens, gierig von den Straßenkötern und von Zeit zu Zeit geifernd von irgendwelchen perversen Schweinen. Hätte es sie nicht gegeben, wäre ich wohl irgendwann überzeugt gewesen, nichts weiter als ein kranker Traum eines Wahnsinnigen zu sein.
Immernoch starrte ich Alina, die Hure an. Die Kippe hatte ich hinter mein Ohr geklemmt, die Streichhölzer waren zu feucht um sie anzuzünden. Insgeheim fragte ich mich mittlerweile, was ich hier überhaupt noch tat. Ihrer ganzen nackten Schönheit zum Trotz, hatte ihr Anblick nichts spannendes mehr. Ich kniete mich neben sie und strich ihr sanft über die Wange. Ihr Gesich verzog sich zu einem zufriedenen Lächeln und sie räkelte sich. "Mhm... Thomas...?" Meine Hand stockte. Thomas? Hatte ich ihr tatsächlich gesagt, ich hieße Thomas? Auch egal.
Die Kippe fiel von meinem Ohr, direkt neben ihr Gesicht. Einen Moment lang sah ich beides an. Ich fragte mich, wie so eine Frau zu einer Hure werden konnte. In den Filmen und den Bahnhöfen waren es doch immer physische und psychische Wracks, so abgehalftert, dass sie selbst Typen wie mich anmachten. Vielleicht war sie auch gar keine wirkliche Hure. Nachdenklich nahm ich die Kippe wieder auf und tippte ihr damit gegen die Nase. Die kräuselte sich leicht unwillig und ich gab ein trockenes "Möp" von mir. Weiter passierte nichts. Albern.
Aus ihrer Jacke fischte ich ein Feuerzeug, dann legte ich sie vorsichtig über ihre Schultern. Das Feuerzeug behielt ich und zündete endlich die Kippe an. Langsam und gepresst ließ ich den Rauch aus meiner Lunge entweichen. Sie würde jeden Moment ganz aufwachen, sich verwundert umblicken, sich stöhnend den Kopf reiben und sich erinnern. Dann würde sie ihre Sachen zusammensuchen, sich anziehen, ihr Gesicht mit dem kalten Seewasser waschen, in ihren Ford Ka steigen und zurück zu ihrer Thomas-freien Wohnung fahren, ohne jemals über diese Nacht zu sprechen.
Ich drehte mich von ihr weg, griff meine Gitarre und stand auf. Gitarre, Kippen und Hosentaschen fürs Kleingeld, mehr brauchte ich nicht. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Wer keinen Namen hat, hat auch keine sonderlich großen Ansprüche mehr. Ohne sie noch einmal anzusehen stieg ich über sie und den Busch hinweg, der unseren kleinen 'Strand' vom Wald abgegrenzt hatte. Hinter mir hörte ich ein leises Stöhnen. Ich lächelte.