Die Verwandlung

von Jaderegen
GeschichteAllgemein / P12
28.12.2007
06.09.2009
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Hallo liebe Leser!

Dies war vor einiger Zeit mal eine Deutsch-HA, die ich nun einfach hier rein stellen möchte. Ich würde mich freuen, wenn ihr sie kommentiert und wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Aufgabe war es, den Traum zu beschreiben, den Gregor Samsa vor seinem Erwachen zu Beginn von Kafkas Werk hat.

LG Jadie
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Lautes Getuschel erfüllte den Gang vor dem Konferenzraum.
Ich musterte die Kollegen, mit denen ich eigentlich nie ein Wort rede, aber diesmal schien es interessant zu sein.
Wie alle anderen blickte ich auf die geschlossene Tür und lauschte den Geräuschen, die aus dem Raum zu hören waren. Pfeifen, Schaben, Kratzen … Was ging da nur vor sich?
Eigentlich wollte ich doch einfach nur meinen Bericht abgeben und mich dann wieder der Arbeit widmen, die ich ohnehin noch verrichten musste.
Plötzlich schien sich etwas zu tun.
Die Tür begann sich zu öffnen …

Guten Tag, werter Leser.
Mein Name ist Gregor Samsa.
Ich nehme an, Sie haben meine Geschichte verfolgt, wissen, welches Schicksal mir widerfahren ist?
Dann dürften Sie diese Zeilen sicher interessieren.
Eine Frage haben Sie sich sicher schon gestellt, als Sie von diesem Papier gehört haben.
Wie ist es möglich, dass ein Ungeziefer Buchstaben zu Papier bringt?
Ich muss Sie enttäuschen, ich habe nicht vor, mich darüber auszulassen.
Strengen Sie doch einfach ihre Fantasie an …
Habe ich es vielleicht jemandem diktiert?
Bin ich im Endeffekt gar kein Insekt?
Existieren diese Zeilen wirklich?
Existiere ich wirklich?
Existieren Sie wirklich?
Es ist nicht Sinn und Zweck, dieser Schrift, Ihnen zu erklären, wie es möglich ist, ein solches Leben zu führen.
Vielmehr verspüre ich den Drang, Ihnen zu zeigen, wie es zu dieser Verwandlung kam …
Zumindest glaube ich, dass es so war …
Aber wer weiß das schon zu beurteilen?

Ich bin ein Reisender, ich besuche ferne Länder, bin mit anderen Sitten konfrontiert, habe schon einiges erlebt, aber das sorgte dann schon dafür, dass mich Verwunderung überfiel.
Das erschreckte Aufstöhnen und den einen oder anderen Schrei meiner Kollegen beachtete ich gar nicht, ich blickte nur auf das riesige Etwas, dass sich aus der Tür schob.
Mit einem Blick, der an Ängstlichkeit nicht mehr zu übertreffen war, erschien mein Chef hinter dem Tier und rannte, sobald es ihm möglich war, an ihm vorbei.
Ich wich ein Stück zurück, stieß mit dem Rücken gegen eine Wand und konnte mich nicht weiter zurückziehen.
Eigentlich wollte ich das auch gar nicht.
Eine unerklärliche Faszination hatte mich ergriffen.
Einen riesigen Käfer, der sich aus dem Konferenzraum schiebt, sah man nicht jeden Tag.
Und, so unwahrscheinlich und unmöglich es auch klingen mag, irgendwie kam mir das Tier seltsam vertraut vor …
Die anderen hatten längst das Weite gesucht, ich hörte Rufe nach Hilfe, jemand wollte die Polizei informieren, aber mich ließ das alles kalt.

Seltsam, solche Träume, nicht wahr?
Ich stand vor diesem Tier, eine weiße Wand im Rücken und anstelle von Panik konnte ich es nur interessiert anstarren.
Es war mir klar, dass es nur ein Traum war, aber es fühlte sich realer an, als so manches andere, was ich schon erlebt hatte.
Kennen Sie solche Träume?
Sie sollten sie schnell wieder vergessen … sonst werden Sie die Gedanken daran nicht mehr los

„Gregor Samsa.“
Es konnte sprechen!
Ich nickte vorsichtig, beinahe zögernd, mich fragend wie ein riesiger Käfer meinen Namen wissen konnte.
„Nein … ich spreche nicht … Du kannst mich verstehen, Gregor.“
Ich nickte erneut, der Unterschied war mir zwar nicht ganz klar, aber was sollte man schon anderes in einem Traum erwarten.
„Wo … woher kennen Sie meinen Namen?“, wollte ich schließlich wissen und zwang mich, dem Tier in die Augen zu blicken, nicht ständig den fremdartigen Körper zu betrachten.
„Ich bin deine Zukunft.“
Zum ersten Mal verspürte ich wirkliche Beunruhigung.
„Meine Zukunft?“
„Deine Zukunft … eine Zukunft …“
Diese im Grunde nichtssagende Antwort brachte mich auch nicht wesentlich weiter.
Wie sollte ich dass nun verstehen?
Sollte ich ein Käfer werden?
Was für ein abstruser Gedanke!
So etwas gab es nicht!
„Warum bist du dann nicht schon längst aufgewacht?“
Ich löste mich ein Stück von der Wand.
Zumindest darauf würde ich angemessen reagieren können.
„Ein Traum. Man kann sie nicht steuern und erwachen, wann man möchte. Es sieht also aus, als hätte ich keine Wahl, nicht wahr?“
Ein Lachen seitens des Tieres brachte mich aus dem Konzept.

Bedeutet die Tatsache, dass man weiß, dass man träumt, nicht, dass man erwachen müsste?
Zumindest in diesem Traum war dem ganz und gar nicht so, ich wusste, es war Unsinn, was geschah, aber dennoch konnte ich nicht erwachen.
Vielleicht weil ich nicht wollte?
Vielleicht hatte mich das Wesen schon zu diesem Zeitpunkt in seinen Bann gezogen.

„Du weißt, dass es ein Traum ist. Du willst es nur nicht erkennen. Dir gefällt der Gedanke, dass dein Chef und die Kollegen voller Verunsicherung geflohen sind. Du genießt die Tatsache erleben zu dürfen, wie es ist, die Menschen, denen du nur ungern begegnest, weil ihr Verhalten deiner Person nicht gerecht wird, in Panik davon laufen zu sehen.“
Ich blieb stumm, lauschte in mich hinein.
Konnte das Ungeziefer recht haben?
War ich ein Mensch, der zu solcher Denkweise fähig war?
Zu meinem Leidwesen musste ich selbst innerhalb dieses Traumes feststellen, dass es so war.
Nicht zum ersten Mal wünschte ich mir, einfach mal als das Bild auftreten zu können, als das meine Kollegen mich so gerne sahen.
„Ich sehe, du verstehst, was ich meine.“
Ich schwieg kurz und sprach dann weiter.
„Ich muss ein Ungeziefer sein, damit meiner Umwelt klar wird, wie ich mich zu verhalten habe?“
Ein einem Schnauben sehr ähnliches Zischen erklang aus Richtung des Käfers.
„Du bist es schon zur Hälfte … du weißt es nur nicht. Wie sonst könntest du mich verstehen?“

Erst beim weiteren darüber Nachdenken, nachdem die Entwicklungen schon längst geschehen waren, kam mir in den Sinn, dass dieses Ungeziefer meine Frage nicht wirklich beantwortet hatte. Es hatte überhaupt nur nichtssagende Antworten gegeben, nichts, was mich wirklich davon abgehalten hätte, eine sehr dumme Entscheidung zu treffen.

„Es scheint also, ich könnte es nicht verhindern?“
Der Käfer schüttelte den Kopf, ein wahrlich befremdlicher Anblick.
„Natürlich. Aber du wirst es nicht wollen, oder?“
Ich lehnte mich wieder mit dem Rücken an die Wand und ließ die Worte und Andeutungen des Ungeziefers Revue passieren.
Eine solche Verwandlung … wäre doch sicher recht eindrucksvoll …
Meine Familie würde vielleicht endlich einmal einsehen, dass ich nicht nur der Mensch bin, der zu arbeiten hat. Mein Chef würde erkennen, dass er mich nicht wie einen wertlosen Arbeiter behandeln konnte.
„Ist es eine Sache auf Zeit?“
Das Insekt nickte.

Im Nachhinein ist mir klar, dass die Frage, ob es eine Sache auf Zeit war, viel Spielraum für Interpretation gab und nichts damit ausgeschlossen wurde.
Das Ganze ging so schnell vonstatten, ich hatte gar keine Muße, um darüber nachzudenken, was ich da eigentlich tat.
Obwohl es mir unglaublich real vorkam, rechnete ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht damit, dass es sich wirklich um eine Sache handelte, die durchaus möglich war.
Wie sollte ich so etwas auch annehmen?
Immerhin bin ich ein realistisch denkender Mensch.
Ich wusste nicht, dass mein Ruhigbleiben nicht daher rührte, dass ich es als unsinnigen Traum abstempelte, sondern dass ich schon zu diesem Zeitpunkt verstanden hatte, worauf das alles hinaus laufen würde.
Ich wollte es bloß noch nicht erkennen.

„Dein Wecker klingelt. Du musst zur Arbeit“, riss mich der Käfer aus meinen Gedanken, wollte anscheinend wissen, was ich nun wollte.
Wecker?, fragte ich mich kurz, bis mir in den Sinn kam, dass ich mich ja in einem Traum befand.
„Ich will sehen, wie die Menschen darauf reagieren!“, sprach ich schließlich die Entscheidung aus, die ich im Grunde schon seit dem ersten Anblick des Tieres getroffen hatte.
Das Ungeziefer nickte, aber seine Geste erschien beinahe schon resignierend …
„Du wirst noch verstehen, worauf dass alles hinauslaufen wird.“
Das Insekt schwieg, beinahe als wartete es auf eine Umänderung meiner Meinung, die es allerdings nicht gab.
Ich nickte noch einmal um meinen Entschluss zu bekräftigen.
„Es wird ein bisschen wehtun“, warnte mich das Ungeziefer und nur wenige Sekunden später fand ich mich auf dem Boden wieder.
Der Korridor, in dem ich mich befand, verschwamm vor meinen Augen, mein Körper begann sich zu verformen, Schmerzen brandeten durch mich, ich wünschte mir sehr schnell das Ende dieses Prozesses vorbei.
Die letzten Worte, an die ich mich aus diesem Traum entsinnen konnte, erreichten mein Ohr.
„Bis zum Ende …“

Die nächste Erinnerung war dann mein Erwachen.
Ich musste mich hin und her geworfen haben, mein Körper schmerzte noch leicht.
Die Tatsache, dass ich nun wirklich ein Insekt geworden war, überraschte mich nur im ersten Moment.
Es schien, als hätte ich es schon immer geahnt.
Die weiteren Entwicklungen allerdings nicht, im Grunde ging alles nach hinten los. Meine Familie reagierte geschockt und abweisend, das was ich ihnen zeigen wollte, nämlich meine Verzweiflung ob meiner Lebenssituation, erreichte sie nicht.
Sie sahen nur, was aus mir geworden war und kümmerten sich nicht darum, wie es dazu kam, nicht einmal meine geliebte Schwester.
Auch von der Außenwelt konnte ich keine Hilfe erwarten.
Ich stehe nach wie vor allein mit diesem Problem.
Im Laufe der verstrichenen Tage war mir schnell klar geworden, dass ich nicht darauf zu hoffen brauche, wieder ein Mensch zu werden.
Meine Familie interessiert sich immer weniger für mich und wenn ich ehrlich bin … es ist so einfach, den Instinkten eines Insektes nachzukommen …
So seltsam das alles …
Ich weiß, dass es kein gutes Ende geben kann … Aber ich fühle mich seltsamerweise gar nicht so schlecht, wie ich eigentlich sollte …
Dabei war schon im Traum klar geworden, dass nichts so funktionieren würde, wie es meiner Meinung nach sollte …
Wer weiß, vielleicht ist es besser so.
Jetzt wieder ein Mensch?
Könnte ich so leben?
Ich glaube, ich wäre gar nicht mehr fähig dazu …
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