Totenvogel

von ayesha
GeschichteMystery / P6
25.12.2007
02.01.2008
1
706
 
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25.12.2007 706
 
Totenvogel

Von den Lebenden verschmäht und nicht selten gehasst,
saß sie dort, still und regungslos auf einem dürren Ast.
Die Botin des Todes war sie seit Menschengedenken,
wer ihr begegnete, über den begann sich die Nacht zu senken.

Doch sie selbst kannte diese Gedanken der Menschen nicht,
sie kannte weder Gut noch Böse - sie kannte nur ihre Pflicht.
Im dunklen Sturm hatte sie den Ruf der Seele vernommen,
hatte ihre Gefährten verlassen und war zurück gekommen.

Sie machte sich bereit, die ihr verbundene Seele zu leiten,
zu führen auf dem Weg zur Unbekannten der beiden Seiten.
Die Stimme rief sie und langsam öffnete sie ihre Schwingen,
es war soweit - der Totenvogel begann sein Lied zu singen!



Nacht

Die Nacht war erfüllt von verzweifelten Schreien,
von den Todesschreien unschuldiger Seelen.
Der Geruch von brennenden Häusern lag in der Luft,
die heiß und stickig ihr entgegenschlug.
Sie war angekommen.
Sie hatte den Ort ihrer Bestimmung erreicht.
Ihre feinen Sinne hatten den Ruf vernommen,
den immer leiser werdenden Schrei
der Angst – der Verzweiflung – der Agonie.
Als ihre Schwingen sie durch die Stadt trugen,
spürte sie die Berührung seiner Seele,
der Seele, die ihr anvertraut war.
Und sie war sich ihrer Verantwortung bewusst.
Es würde lange dauern.
Doch sie war bereit.
Bereit zu suchen und zu finden – zu wissen!
Und die Nacht tobte weiter durch die Stadt,
die Nacht des Teufels.
Es würde dauern.
Doch sie würde bereit sein, ihr Lied zu singen...



Bereit

Viele Tage und Nächte hatte sie gewacht,
ihre Augen hatten sie Dunkelheit durchdrungen.
Geduldig hatte sie gewartet.
Orte, Menschen, Gewohnheiten  -
alles hatte sie gesehen, alles in sich aufgenommen.
Wachsam musste sie sein.
Nicht verbergen sollten sie sich können,
ihrem Blick niemals entgehen.
Verantwortung war ihr auferlegt.
Und die Zeit kam, der Tag der Abrechnung,
sie wusste, dass ihre Arbeit jetzt erst begann.
Bereitschaft zeigte ihr Wille.
Sie war bereit, ihr Lied zu singen...



Regen

Nässe durchdrang ihr Federkleid,
während sie geduldig auf ihn wartete.
Während um sie herum die Nacht tobte,
die Nacht des Teufels.
Er würde kommen, sie wusste es,
sie spürte es. Seine Seele war nah.
Die Kraft wurde stärker, mächtiger,
und die weiße Rose begann zu zittern.
Er war zurückgekehrt in die Welt,
in die Welt, die sie beide zerstört hat.
Zurückgekehrt, um Rache zu nehmen,
um die Frau zu rächen, die er liebt,
um Vergeltung ob ihrer beider
vergossenes Blut einzufordern.
Erregung bemächtigte sich des Vogels,
als er in seine noch ahnungslosen
und unwissenden Augen blickte.
Sie würde ihn dorthin leiten,
wo er all das wieder durchleiden sollte,
um danach bereit zu sein für seine Mission.
Und sie begann ihr Lied zu singen...



Leiden

Feuchter Modergeruch lag in der Luft,
als sie ihm den Ort zeigte.
Den Ort, an dem ihrer beider Schicksal begann.
Es tat ihr weh, ihn diesen Gedanken auszusetzen,
aber er musste das alles noch einmal durchleben,
durchleiden – er musste sich erinnern können!
Sie konnte ihm in diesem Moment nicht helfen,
auch wenn sie es wollte.
Diesen Kampf musste er selbst ausfechten.
Wie Blitze trafen sie ihn, gnadenlos geißelten
die Erinnerungen seinen ahnungslosen Geist,
rissen ihn zu Boden, ließen ihn
in fassungslosem Schmerz aufschreien.
Es war zuviel!
Doch der Vogel wusste, was zu geschehen hatte,
seine Mission durfte jetzt nicht scheitern!
Und als im geborstenen Spiegel
die Clownsmaske ihn verzerrt anstarrte,
da war es nicht nur seiner Begleiterin bewusst:
in dieser Nacht würde der Tod zu ihnen kommen.
Der Feldzug hatte begonnen –
ihr Lied hatte in seiner Seele ein Echo gefunden!



Blut

Sie waren bereits tot,
doch das wussten sie noch nicht.
Der Todesschatten hatte sich bereits
über sie gebreitet,
als sie ihr das nahmen,
das für ihn das Wichtigste war.
Wichtiger als er selbst.
Wichtiger als sein Leben.
Ihr Leben!

Sie spürte seine Erinnerung,
fühlte seinen Anspannung,
während sie ihn durch die Straßen führte,
hin zu denen,
die ihr Leben verspielt hatten.
Um sie zu jagen,
gnadenlos in den Tod zu jagen.
Ebenso gnadenlos, wie sie es waren.
Gefühllose Mörder!

Er meinte das Blut zu spüren,
meinte es zu schmecken,
das Blut, das mit jedem Herzschlag
mehr Leben aus seinem
sterbenden Körper fließen ließ.
Er hörte ein letztes Mal
den Aufschrei zweier Seelen –
dann war sein Geist bereit,
bereit es fließen zu lassen.
Das Blut der Mörder!