Die Tanzkarte

GeschichteRomanze / P6
Anne Shirley/Blythe Diana Barry Gilbert Blythe
21.12.2007
21.12.2007
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„Die Tanzkarte“


Als Anne und Diana den Tanzsaal betraten war dieser schon gut gefüllt. Damen wie Herren standen in kleinen Grüppchen zusammen, unterhielten sich und lachten. Im Raum war es warm und die Atmosphäre schien heiter und gelöst. Freudige Erregung erfasste Anne als sie den Saal und die Menschen in sich aufnahm, jede Kleinigkeit betrachtete und die Musik das Bild fröhlich komplettierte. In der Mitte des Raumes war ein kleiner Tanzboden, auf dem die Herren die Damen im Kreise schwenkten. Auch Gilbert war da und führte seine Dame über das Parkett. Anne musste zugeben, dass er heute Abend wirklich gut aussah in seinem Anzug. Und auch als Tänzer machte er gar keine schlechte Figur.

„Ich fall in Ohnmacht“, hörte Anne Diana neben sich, „sieht Gilbert nicht hinreißend aus?“

„Gilbert? Den hatte ich noch gar nicht bemerkt“, log Anne, den Blick von der Tanzfläche abgewandt.

„Schade, dass du so hässlich zu ihm gewesen bist“, fuhr Diana fort, „vielleicht würde er sonst mit dir tanzen.“

Als das Pärchen erneut an ihnen vorbei schwelgte, trafen sich Annes und Gilberts Blicke. Blicke, in denen soviel mehr lag als bloßes Erkennen und die doch keiner von beiden wahr haben wollte.
„Wenn ich das wünschte“, sagte Anne stolz und ihre Stimme nahm einen fast hochmütigen Ton an,  „was nicht der Fall ist, würde ich ihn dazu bringen! Gilbert Blythe würde sich für mich auf den Kopf stellen, wenn ich das wollte!“

„Oh“, rief Diana aufgeregt, „er hat schon wieder zu dir rübergeguckt.“ Sie wandte sich Anne zu: „Ich wette, du schaffst es nicht, dass er mit dir tanzt.“

Anne sah ihre Freundin herausfordernd an.
„Na gut“, sagte sie trotzig, „ wenn du meinst.“

Und mit diesen Worten kniff sie sich in die Wangen, glättete ihr Haar und ging langsam zu Gilbert hinüber, der in ein Gespräch vertieft war. In seinem Rücken stehend verschränkte sie die Hände ineinander und brachte ein stolzes „Guten Abend, Gilbert Blythe“ über die Lippen.

Doch anstatt einer erwarteten Antwort ignorierte er sie völlig! Im Gegensatz zu der Dame am Buffet, die Anne sorgsam ein Glas Punsch anbot, während Gilbert über die tanzende Gesellschaft blickte. Diana lächelte als sie die Szene von weitem sah und ging zu ihrer Freundin, um ihr Trost zuzusprechen als sich Gilbert dem Duo plötzlich zuwandte und überschwänglich auf das dunkelhaarige Mädchen zutrat.

„Diana“, hörte Anne die Stimme des jungen Mannes, der sie zuvor noch gefließentlich übersehen hatte, „du siehst ja wundervoll aus!“

Mit einem Lächeln nahm er ihre beiden Hände in die seinen und wünschte ihr „Frohe Weihnachten“. Röte überzog Dianas Wangen als sie dem bestaussehendsten Jungen auf ihrer Schule ebenfalls ein schönes Fest wünschte und verzückt Anne anschaute.

Diese hingegen war verärgert und schalt „Wie kann man einem solchen Menschen nur frohe Weihnachten wünschen?!“

Innerlich wäre sie selbst gern an Dianas Stelle gewesen, wollte seine Aufmerksamkeit haben,  seinen warmen Händedruck spüren und in seine braunen Augen sehen.

Das dunkelhaarige Mädchen blickte zu Boden bevor sie langsam antwortete: „Dieser Mensch wollte also doch nicht mit dir tanzen?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, und doch  tat sie Anne weh, brachte für wenige Momente eine Seite in ihr zum Klingen, von der sie nicht einmal wusste, dass sie existierte.

Annes enttäuschter Blick holte Diana aus ihrer Euphorie. Ihr tat ihre Busenfreundin leid und sie wollte die schöne Stimmung nicht verdorben wissen. Mit dem Anflug eines aufheiternden Lächelns sah sie sie an und fragte zögernd „Würdest du mir die Ehre geben?“

Als Anne ihre Tanzkarte zur Seite legte lächelte sie und ihr Gesicht hellte sich merklich auf. Mit einem „Danke, mit dem allergrößten Vergnügen“ nahm sie Dianas Hand und zog sie enthusiastisch  auf die Tanzfläche, wo die beiden Freundinnen lachend über das Parkett stolperten.

Keiner von beiden fiel der junge Mann auf, der Annes Tanzkarte an sich nahm und schweigend an seine Brust drückte.

*********************

(Gilberts POV)

Als Anne den Ballsaal betrat verschlug es mir den Atem. Sie hatte ein hellblaues Seidenkleid an, ihre Haare, leicht zurückgebunden, wallten offen über ihre Schultern.
Mein Gott, sie war so schön!
Während sie dastand und alle Eindrücke in sich aufnahm, wanderte mein Blick immer wieder zu ihr. Und obwohl ich es nicht wollte, konnte ich es nicht lassen herüberzuschauen. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass Anne hier sein würde. Marilla war angeblich recht streng, was den Besuch solcher Veranstaltungen betraf und ich hatte mich schon mit dem Gedanken abgefunden sie erst wieder in der Kirche zu sehen. Dass sie plötzlich in der Tür stand, war zuviel und ich spürte einen Kloß im Hals. Während Josie meine volle Aufmerksamkeit forderte, bemerkte ich erst bei Annes Worten an mich, dass sie hinter mir stand. „Guten Abend, Gilbert Blythe“ hörte ich ihre klare Stimme.
Soso, Gilbert Blythe. Kein freundliches „Gil“, sondern Vor- und Zuname. Das Spielchen kannte ich, das konnte sie haben! Wut keimte in mir auf. Wie lange wollte sie mir noch böse sein, wegen meiner dummen Worte von damals. Sie waren dahingesagt und beileibe nicht so ernst gemeint wie Anne sie aufgefasst hatte. Mein Gott, ich hatte mich doch entschuldigt! Doch für die sture kleine Miss Shirley war ich seit dem Tag Luft.
Von den Erinnerungen übermannt ignorierte ich sie einfach. Mein Blick ging zu den Tanzpaaren und ich tat als sähe und hörte ich sie nicht. Der kurze Moment der Rache war süß und bitter zugleich! Was hätte ich darum gegeben mit ihr zu sprechen. Ihr zu sagen, dass es mir Leid tat und sie zu bitten Freunde zu sein. Wie sehr wollte ich ihre Hände halten und ihr ein „Frohes Fest“ wünschen, wie sehr...
Diana kam herüber, und erneut handelte ich ohne vorher zu denken. Als ich auf sie zutrat spürte ich Annes Blicke in meinem Nacken. All das, was ich mir wünschte Anne zu sagen, sagte ich nun zu Diana und blickte in zwei freudige braune Augen, die nett und einfühlsam schienen, aber nicht Annes waren. Verwirrt wandte ich mich von den beiden Freundinnen ab und suchte mir eine stille Ecke am Buffet.
Was hatte ich getan? Warum hatte ich mich so dumm benommen? Weshalb konnte ich nicht einfach auf Anne zugehen und ihr die Hand reichen?
Ich wusste, dass ich falsch gehandelt hatte und doch spürte ich eine innere Genugtuung. Auch wenn es weh tat, ich hatte Anne gezeigt, dass man mit mir nicht umgehen konnte wie man wollte. Vielleicht hatte es ihr gut getan von ihrer eigenen Medizin zu kosten?!
Als Anne Diana auf die Tanzfläche zog fiel mein Blick auf die Karte, die achtlos auf der Tischkante lag. Wie magnetisch angezogen näherte ich mich ihr und nahm das Papier zur Hand. Sie war es tatsächlich: Annes Tanzkarte.
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