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Wasser und Blut

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
14.12.2007
14.12.2007
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2.927
 
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Inhalt: Galinda und Elphaba hassen einander. Erst ungewöhnliche Umstände lassen eine ebenso ungewöhnliche Freundschaft entstehen.

Genre: Drama

Disclaimer: SE und Gregory Maguire, endlich hab ich mir den Namen gemerkt, jay me *g*

Dedication: für den Drama-Queens Club Kitti, Coco und Sascia *knutscha*

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Wasser und Blut

von Alistanniel



Das Gelächter schwoll in Elphabas Ohren auf ein Vielfaches an. Ihr Kopf drohte unter dem schwarzen Spitzhut, den ihr Galinda gemeinerweise angedreht hatte, zu platzen. Der Versuch es von sich abprallen zu lassen, indem sie sich auf die Musik und das Tanzen konzentrierte, war geradezu jämmerlich und bewirkte eher das Gegenteil. Sie vermied es das blonde Mädchen anzusehen, das bei Fiyero Tiggular stand, so entging es ihr, dass ihre Zimmergenossin nicht besonders amüsiert wirkte.
In ihrem Blickfeld befanden sich drei Burschen, die miteinander tuschelten, lachten und sie ab und zu ins Visier nahmen. Einer davon war Valerian Skincle, ein gutaussehender junger Mann mit etwas unordentlichem dunklen Haar und leuchtend grünen Augen. Neulich hatte sie in der Bibliothek mit ihm eine angeregte Diskussion über einen Aufsatz als Aufgabe für Doktor Dillamond gehabt. Er war ihr klug und aufgeschlossen erschienen. Aus irgendeinem Grund versetzte es ihr einen Stich ins Herz, dass er sie jetzt mit seinen Freunden verspottete. Sie wandte sich ab, tanzte lustlos weiter, ohne überhaupt auf die Musik zu achten. Es musste so lächerlich aussehen, die anderen jungen Leute hatten allen Grund sich über sie zu amüsieren.

„Magst du nicht lieber mit mir tanzen?“
Die Stimme ließ sie abrupt in der Bewegung inne halten. Valerian Skincle stand vor ihr. Sie hatte nicht gemerkt, wie er auf sie zugekommen war.
„Netter Hut“, fuhr er mit einem Lächeln fort, weil sie überrascht schwieg. „Du hast Mut, das gefällt mir.“
Und sie tanzten. Seine Initiative ließ Elphaba sogar für den Moment vergessen, dass die anderen sich nun über Valerians Wahl mokierten. Nach einer Weile hielt sie inne, sie fühlte sich durch die Bewegung und seine Nähe angenehm erhitzt. Ihm schien es ähnlich zu gehen.
„Es ist warm hier drin. Wollen wir uns draußen an der Luft ein wenig abkühlen?“ Er lächelte sie an und nahm sie zaghaft bei der Hand. Es war ihr nur recht, außer Reichweite der Blicke der anderen jungen Leute zu gelangen.

Kaum einen Schritt aus der Ozkothek strich angenehm frischer Wind über Elphabas Haut. Der Himmel war sternklar. Sie folgte Valerian langsam zurück in Richtung des Universitätsgeländes.
„Warum tust du das?“ fragte sie nach einer Weile leise.
Valerians Augenbraue glitt in die Höhe. „Was meinst du?“
„Du weißt es genau.“ Sie sah ihn nachdrücklich an. „Dass du dich mit mir abgibst, während die anderen lachen.“
„Warum nicht? Du bist nett.“ Er zuckte mit den Schultern. „Dachte du möchtest auch ein bisschen Spaß haben. Aber wenn du nicht willst…“
Sie legte ihm hastig die Hand auf den Arm, weil sie fürchtete, dass sie ihn nun verscheucht hatte. „Doch, natürlich!“
„Dann ist es ja gut.“ Mit einem bedeutungsvollen Lächeln hielt er ihr die Tür auf, und sie betraten den Wohntrakt der Studenten.

Elphaba hatte nicht darüber nachgedacht, was sein Ziel war, weswegen sie nun überrascht zur Kenntnis nahm, dass er sie in sein Zimmer gebracht hatte. Sein Mitbewohner war nicht da, bestimmt war es einer von den beiden Burschen, die sie in der Ozkothek bei ihm gesehen hatte.
„Entschuldige die Unordnung“, murmelte er, und warf ein paar Kleidungstücke und Bücher auf einen Haufen, sodass das Bett frei wurde.
„Schon gut…“ Die junge Frau folgte seinen Bewegungen aufmerksam.
Schließlich trat er vor sie, legte behutsam die Hände auf ihre Taille. Ihre Gesichter näherten sich einander langsam an und ihre Münder begegneten sich in einem vorsichtigen Kuss. Elphaba begann sich so leicht zu fühlen, als würde sie schweben. Sie hatte noch nie zuvor einen Jungen geküsst, bestimmt als einzige der Schülerinnen hier. Es machte sie glücklich, dass sie Valerian das mit ihr teilen wollte, und der Abend, der so scheußlich begonnen hatte, nun doch ein schönes Ende fand.

Bald wurden die Küsse heftiger. Valerian schob Elphaba zum Bett, wo er sich niederließ, um sie mit zu sich hinunter zu ziehen. Seine Lippen glitten begierig über ihre Haut, doch irgendwie fühlte es sich seltsam an. Nicht so wie sie es sich in ihrem Geist ausgemalt hatte. Sie machte Anstalten ihre Hände gegen seine Brust zu drücken, damit er inne halten musste, aber sie schaffte es doch nicht, sich dazu durchzuringen. Was wenn er dann nichts mehr mit ihr zu tun haben mochte, weil er sie nicht länger für mutig hielt? Seine Aufmerksamkeit gefiel ihr, es war das erste Mal, dass ein Junge sie so berührte. Vielleicht würde es nie wieder einen anderen geben, wenn sie Valerian jetzt einfach zurück wies.
Sie ließ es zu, dass sich seine Finger an ihrem unscheinbar grauen schlichten Kleid zu schaffen machten. Er schob erst einen, dann den zweiten Träger über ihre schmalen Schultern nach unten, und küsste die freigelegten Hautstellen. Seine Berührungen jagten Schauer durch ihren Körper. Das Gefühl, dass das hier falsch war, verstärkte sich, ohne dass sie es erklären konnte.

Schließlich landete das Kleid neben dem Bett auf dem Boden, sie spürte sein Zögern, als sein Blick über ihren grünen Körper glitt. Er schob sich über sie, doch im letzten Moment stämmte sie sich gegen ihn. Sie konnte das nicht, sie liebte ihn nicht.
„Was ist denn jetzt los?“ fragte Valerian ungeduldig. „Ich dachte du willst das auch.“ Er fasste sie an den Handgelenken, um ihre Arme zur Seite zu drücken.
Elphaba richtete sich abrupt auf, sah ihm in die Augen. „Warte… beantworte mir eine Frage.“
Genervt rollte er mit den Augen. „Kann das nicht warten?“
„Nein, kann es nicht“, widersprach sie. Es klang nicht so nachdrücklich, wie sie beabsichtigt hatte. „Liebst du mich?“
Er lachte auf. „Ich dich lieben? Wie kommst du denn auf so etwas?“
Elphabas Augen weiteten sich, sie kam sich schrecklich dumm vor, und wusste nicht was sie sagen sollte. „Aber ich dachte… warum dann das hier?“
„Du bist ziemlich grün hinter den Ohren, hm?“ Falls das witzig sein sollte, ging es gründlich daneben. „Ich dachte wir könnten ein bisschen Spaß haben, mehr nicht. Was ist daran falsch?“
„Alles… wie kannst du mit mir… wenn du mich doch gar nicht liebst?“ Sie befreite sich enttäuscht aus seinen Armen. Zumindest versuchte sie es, aber er hielt sie zurück.
„Jetzt bleib da, komm. Sei kein Spaßverderber.“
Doch Elphaba dachte gar nicht daran. „Warum denn ich…? Du könntest jedes andere Mädchen haben.“
„Weil…“ Er zögerte. „Ich hab mit den Jungs gewettet…“
„Gewettet??“ Sie sprang schockiert auf, und so hastig, dass sie ihn fast umstieß. „Wie schnell du mich ins Bett schleifen kannst, oder?“

Sein Schweigen deutete sie als Zustimmung. Er unternahm einen Versuch, sie davon zu überzeugen, ihm diesen Gefallen zu tun, aber sie sprach kein Wort mehr mit ihm, noch sah sie ihn an, während sie so schnell sie konnte in ihr Kleid schlüpfte. Hinter ihr knallte die Zimmertür ins Schloss. Das war also alles wofür sie gut war… um sich auslachen und ausnutzen zu lassen. Tränen der Enttäuschung und des Zorns liefen ihre Wangen hinab. Sie merkte gar nicht, wohin ihre Beine sie trugen, bis sie vor dem Zimmer stand, das sie mit Galinda bewohnte.
Das blonde Mädchen war noch nicht zurück. Umso besser. Alles erschien Elphaba so sinnlos. Was suchte sie überhaupt hier in dieser Universität? Ja richtig, sie sollte sich um ihre Schwester kümmern. Früher einmal waren sie unzertrennlich gelesen, aber jetzt brauchte Nessarose sie nicht mehr, sie war in den besten Händen. Ein heiseres Schluchzen entkam ihr. Niemand würde sie vermissen, wenn sie heute Nacht ihre Sachen packte und verschwand.
Doch wohin sollte sie gehen? Gewiss nicht nach Hause zu ihrem Vater. Er würde enttäuscht sein, weil er sie hierher geschickt hatte, damit sie sich um Nessa kümmerte. Wie es ihr ging, war ihm schon immer gleich gewesen. Sie war nirgendwo willkommen, es gab nur einen einzigen Ort, an den sie fliehen konnte. Einen besseren Ort, an dem keiner sie jemals wieder enttäuschen würde.

Fest entschlossen ging Elphaba ins Badezimmer, das vollgeräumt mit Galindas Kosmetiksachen war. Von gut der Hälfte der Dinge wusste sie nicht einmal, wozu man sie gebrauchte. Sie wühlte den ganzen Schrank durch, brachte die fein säuberlich aufgereihten Cremes, Lippenstifte und Parfums durcheinander. Ein pinkfarbenes Fläschchen fiel zu Boden, um mit einem hellen Klirren auf den Fließen zu zerbrechen. Dann fand sie wonach sie suchte.
Mit Galindas Nagelfeile kauerte sie sich auf den kalten Boden. Ihre zitternden Finger betasteten den filigranen Gegenstand. Die Spitze war scharf, sie würde leicht durch die verfluchte grüne Haut dringen, damit das fließende Blut sie an diesen besseren Ort bringen konnte. Schluchzend setzte sie die Feile an ihr Handgelenk, wo sich die Pulsader deutlich abzeichnete. Gleich würde es vorbei sein. Nie mehr würde jemand auf ihr herum trampeln. Ob es wohl überhaupt jemandem auffiel, wenn sie am nächsten Morgen nicht zum Unterricht erschien? Wahrscheinlich nicht. Alle würden froh sein, wenn sie den Anblick ihres grünen Gesichts nicht ertragen mussten. Sie spürte den Druck des Metalls gegen die weiche Haut. Sie schloss die Augen. Wenn sie sie wieder öffnete, würde sie ihre Mutter vor sich sehen.

Galinda war nach zwei Tänzen mit Fiyero die Lust vergangen sich in der Ozkothek zu amüsieren. So saß sie die meiste Zeit nachdenklich mit ihrem neuen Zauberstab in der Hand an der Bar. Später kehrte Valerian Skincle zurück, sie beobachtete, wie er mit seinen Freunden sprach, die daraufhin in Gelächter ausbrachen. Irgendetwas erschien ihr seltsam an diesem Verhalten. Und wo hatte er Elphaba gelassen? In ihr kam eine Vermutung auf, die ihr gar nicht gefiel.
Sie beschloss nachzusehen, ob ihre Mitbewohnerin ins gemeinsame Zimmer zurück gekehrt war. Vielleicht konnte sie dann mit ihr sprechen, sie hatte ein denkbar schlechtes Gewissen, es tat ihr leid, dass Elphaba so verspottet worden war, nachdem sie ihr diesen scheußlichen schwarzen Hut angedreht hatte. Just als sie sich erhob, fiel ihr Blick auf eben jenen, der in einer Ecke der Tanzfläche lag. Sie hob ihn auf, und steckte ihn in ihre große Handtasche, sodass die Spitze zu sehen war.

Nur kurze Zeit später stand sie im Wohnbereich der Studenten vor der Tür, an der in krakeligen Buchstaben unter einer metallischen Vierzehn „Ms. Galinda Upland, Ms. Elphaba Thropp“ geschrieben stand. Sie drückte die Klinke herunter. Es war offen, ihre grünhäutige Zimmergenossin musste also da sein.
„Elphaba?“ fragte sie in die Stille. Es kam keine Antwort, und überhaupt war es dunkel im Raum. Doch es war kein tiefes Atmen zu hören, das darauf hinwies, dass das ältere Mädchen bereits schlief. Erst als sie ein paar Schritte hinein trat, bemerkte sie einen Lichtstreif, der aus der einen Spalt breit offen stehenden Badezimmertür fiel. Sie ging rasch hinüber, wobei sie über Elphabas achtlos am Boden liegende Handtasche stolperte und beinahe der Länge nach am Boden landete.
„Sag mal, warum hockst du im Dunkeln rum?“, brummte sie. Im nächsten Moment erreichte sie die Tür, und stieß sie auf. Was sie erblickte, ließ sie erschrocken aufschreien. Ihre Mitbewohnerin lag reglos auf den Fliesen. Hellrotes Blut strömte aus Wunden an ihren Handgelenken.

Schockiert fiel Galinda neben ihr auf die Knie. Elphabas Brustkorb hob und senkte sich kaum merklich, sie lebte also noch. Vorsichtig bettete sie den Kopf des grünhäutigen Mädchens auf ihren Oberschenkeln, und versuchte mit Handtüchern den Blutfluss zu stillen. Das reichte jedoch nicht.
„Verdammt… HIIIILFE!“ schrie sie so laut sie konnte, in der Hoffnung irgendjemand würde sie hören. „SO HILF MIR DOCH EINER!“
Tatsächlich tauchte nach einigen schier endlosen Augenblicken der Kopf Pfanees in der Tür auf. Ja natürlich, ihre Freundin hatte sich eine böse Erkältung zugezogen, und war deshalb nicht mit in die Ozkothek gegangen. Sie starrte mit offenem Mund Galinda an, die die blutüberströmte Elphaba hielt.
„SCHAU NICHT SO BLÖD, HOL HILFE, SIE STIRBT SONST!“ rief das blonde Mädchen mit sich beinahe überschlagender Stimme. Das genügte, um zu Pfanee durchzudringen. Sie drehte sich auf dem Absatz um und stürmte davon.

Galinda strich vorsichtig über die blasse Wange ihrer Mitbewohnerin. Jetzt erst bemerkte sie, dass Elphaba schwach blinzelte. Sie war noch nicht ganz weggetreten. Aber mit Sicherheit würde sie nicht mehr lange durchhalten, sie hatte schon viel Blut verloren. Überall war rot.
„Warum hast du das nur getan?“ murmelte das jüngere Mädchen. Seine Stimme zitterte. Elphabas Kopf sackte zur Seite, ihre Lider regten sich nicht mehr. „Halt bloß durch, gleich kommt Hilfe… du bist doch sonst so stark…“ Sie schüttelte ihre Mitbewohnerin leicht, in der Hoffnung ein Lebenszeichen zu erhalten. Doch jegliche Reaktion blieb aus.
„WENN DU MIR JETZT WEGSTIRBST, BRING ICH DICH UM!“ schrie Galinda verzweifelt. „Wag es ja nicht… wag es nicht…“ Sie hielt Elphaba fest, dass ihr schönes pinkfarbenes Kleid inzwischen voller Blut war, kümmerte sie nicht.

Als endlich die Universitätsärztin kam, war sie wie in einer Art Trance. Jemand musste sie von ihrer Mitbewohnerin wegziehen, damit das Mädchen in das Zimmer der Ärztin gebracht werden konnte. Sie sackte vollkommen kraftlos auf ihrem Bett zusammen, umklammerte ihr Kissen und starrte in die Luft. Dass Pfanee sich neben sie setzte, und den Versuch machte, sie zu trösten, nahm sie gar nicht wahr. Das Bild der blutend am Boden liegenden Elphaba hämmerte in ihrem Kopf. Wenn sie nicht wieder aufwachte, war es ihre Schuld! Sie hatte nicht gesehen, wie sehr das grünhäutige Mädchen unter den Hänseleien gelitten haben musste. Und sie hatte nichts unternommen, im Gegenteil.

Nach einiger Zeit verließ Pfanee den Raum, Galinda kümmerte sich nicht darum. Sie kauerte sich auf dem Bett zusammen, bis sie irgendwann in einen unruhigen Schlaf fiel. In ihren Träumen sah sie immer wieder Elphaba, beide Arme voller Blut und sie mit geisterhaft leeren Augen vorwurfsvoll ansehend.
„Ihr habt euch nie die Zeit genommen, mich kennen zu lernen“, sagte die gespenstische Elphaba mit kalter Stimme. „Ihr habt mir niemals eine Chance gegeben, ihr habt mich immer auf dieses verhasste Gesicht reduziert.“
Als sie näher kam, wich Galinda zurück. „Es war ein Fehler, ich weiß es“, sagte sie. „Es tut mir alles so leid… glaub mir doch.“
„Zu spät… jetzt ist es zu spät.“ Elphaba hielt ihr einen Arm unter die Nase, auf dem deutlich der tiefe Schnitt in die Pulsader zu sehen war.
Das blonde Mädchen riss erschrocken die Augen auf, taumelte zurück, und fiel zu Boden. Die hoch über ihm stehende Gestalt löste sich mit einem Mal auf.

Galinda fand sich schwitzend auf ihrem Bett wieder. Sie hatte nur geträumt. Draußen vor dem Fenster wurde es bereits hell. Einen hoffnungsvollen Moment dachte sie, dass vielleicht alles nur ein schlimmer Traum gewesen war, doch das andere Bett war leer. Elphabas vertraute dünne Silhouette lag nicht unter der Decke, wie es sich so früh morgens gehörte.
Sie sprang so hastig auf, dass sie fast über ihre Tasche gefallen wäre, die immer noch am Boden neben dem Bett stand. Ein Blick in den Spiegel ließ sie schlucken, sie trug immer noch das Kleid vom Vorabend, auf dem sich dunkelrote Flecken eingetrockneten Blutes zeigten. Schnell schlüpfte sie in die erstbesten ihrer Sachen, deren sie habhaft werden konnte. Eine Trainingshose und ein etwas abgetragener Pullover. Ins Bad zu gehen wagte sie nicht, weil sie wusste, was sie dort vorfinden würde.

Das ganze Gebäude war ruhig, nur Galindas eigene Schritte hallten durch die leeren Gänge. Alle anderen Studenten und die Lehrer schliefen wahrscheinlich noch sehr gut, und niemand ahnte, was in der Nacht geschehen war. Abgesehen von Pfanee und wahrscheinlich auch deren Mitbewohnerin Shen Shen. Blieb nur zu hoffe, dass die beiden den Anstand besaßen, es nicht an die große Glocke zu hängen.
Sie schluckte, als sie vor der Tür des Krankenzimmers ankam. Erst kürzlich war sie dort gewesen, um sich etwas gegen Kopfschmerzen zu holen. Mit zitternder Hand und auf das Schlimmste gefasst, drückte sie die Schnalle herunter. Der Raum lag noch im Halbdunkel, die Vorhänge waren zugezogen. Vor einigen großen Regalen stand der Schreibtisch der Ärztin, und auf der anderen Seite war eine schmale Liege. Mit ein paar Schritten hatte Galinda sie erreicht.
Elphaba lag darauf. Ihre eingebundenen Arme ruhten auf der dünnen Decke. Sie sah ruhig und entspannt aus. Vorsichtig strich Galinda ihr über die Wange. Die Haut fühlte sich warm und lebendig an. Im spärlichen Licht war das Grün kaum zu erkennen, genauso wenig wie die helle rosige Farbe ihrer eigenen. Der Unterschied spielte keine Rolle. Jetzt sah sie die Gemeinsamkeiten.

„Wach doch bitte wieder auf“, murmelte Galinda mit belegter Stimme. „Es tut mir alles so leid… ich weiß das kommt ein bisschen spät. Aber das ist immer noch besser als nie, oder?“ Sie seufzte niedergeschlagen. „Ich könnte es gut verstehen, wenn du mit mir nichts mehr zu tun haben willst, das ist auch dein gutes Recht. Meinst du wir schaffen es  trotzdem neu anzufangen? Oder ist es dafür schon zu spät?“
„Es ist nie zu spät…“ Elphaba hielt die Augen noch geschlossen, nur ihre Lippen bewegten sich. Sie klang matt und erschöpft.
Das blonde Mädchen blickte überrascht auf seine Mitbewohnerin herab, die offenbar ihre Worte genau gehört hatte. „Du bist wieder da! Oh, dem namenlosen Gott sei Dank! Ich hatte solche Angst.“
Erst jetzt sah Elphaba auf. Doch sie sagte nichts. Im Grunde hatte sie nicht den Wunsch gehabt zu sterben. Ihre Tat war ein verzweifelter Hilfeschrei, und Galinda hatte ihn gehört. Ihr Blick fiel auf die Tasche, die ihre Zimmergenossin noch um die Schulter trug. Die Spitze des Hutes stand hervor.
Galindas Augen glitten in dieselbe Richtung. Wortlos reichte sie dem grünhäutigen Mädchen den Hut. Die große hässliche Schleife fiel herab, was beiden ein leichtes Lächeln entlockte. Elphaba drückte das schwarze Ding an sich. Mit dieser Geste beantwortete sie wortlos die Frage ihrer Mitbewohnerin, und Galinda verstand. Elphaba war froh am Leben zu sein.
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