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Mitternachtsdiamant

von Morwie
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Sebulon
12.12.2007
30.08.2009
5
16.729
 
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12.12.2007 3.528
 
Kapitel eins - Zwei Seiten derselben Medaille

19. Juli 2004

Mit außergewöhnlich guter Laune betrat Anton Gorodezki die Nachtwache.
Doch wie sollte man nach zwei Wochen Urlaub, unter der strahlenden Sonne Portugals, eine verdrießliche Miene aufsetzen?
Zwei Wochen Entspannung, Nadja und Swetlana waren bei ihm gewesen, sie waren durch Lisabon gestreift, hatten sich wie gewöhnliche Touristen benommen, nun ja fast, und so oft wie möglich im Meer gebadet.
Wirklich, etwas Besseres gab es kaum.
„So wie du aussiehst, war der Urlaub toll.“, grinste Semjon, als er seinen Kollegen sah.
Der andere Magier gab das Grinsen zurück.
„War er auch. Ich hoffe ihr hattet auch nur halb so viel Spaß, wie ich.“
Semjon wiegte leicht den Kopf.
„Wir hatten einen wildernden Vampir zweiten Grades und vier Leichen.“
Anton stöhnte leicht genervt auf.
Und sofort wusste er wieder, warum er die Entspannung so sehr gebraucht hatte.
„Keine Panik, das Problem hat sich erledigt.“, beruhigte der Ältere ihn.
„Ihr habt ihn geschnappt?“
„Nicht direkt. Er hat eine kleine Zauberin angefallen und die hat ihn vor Schreck pulverisiert.“, meinte Semjon, offensichtlich gut gelaunt.
„Eine kleine Zauberin?“, hakte Anton nach.
Wenn sie einen Vampir mit einem solchen Kraftniveau erledigen konnte, dann war ihre Kraft sicherlich beachtlich.
„Dreizehn Jahre und vierter Grad. Aber vom Potenzial hat sie wohl Aussicht auf mindestens den ersten Grad. Ganz liebes Mädchen. Die wünscht man sich als Praktikantin, dass kannst du mir glauben.“, erwiderte Semjon.
„So, wie du das sagst, war sie wohl nie Praktikantin bei uns?“, fragte Anton leicht irritiert.
Was nicht verwunderlich war.
Immerhin wurde jeder Andere, egal ob Licht oder Dunkel, doch als erstes von den Wachen ausgebildet, bekam die Grundlagen von erfahrenen Magiern beigebracht.
Außer...
„Ein Elternteil von ihr ist ein Anderer?“, fragte er schließlich und Semjon nickte.
„Soweit ich sie verstanden habe, der Vater. Da wir aber keine Unterlagen über sie hatten, hat er der Wache wohl nicht mitgeteilt, dass sie initiiert wurde. Oder nur dem Chef. Der hat sich nämlich noch mit ihr unterhalten, als ich sie schon auf den Heimweg schicken wollte.“, meinte er.
Anton zuckte mit den Schultern.
Klar, dass Geser seine Finger da mal wieder im Spiel hatte.
Aber wozu?
Wollte er das Mädchen für einen seiner Pläne benutzen, gegen die Dunklen intrigieren?
Mithilfe einer Zauberin vierten Grades?
Der Lichte Magier konnte darüber nur den Kopf schütteln, doch meistens sah er bei Geser sowieso erst durch, wenn dieser seinen Plan schon fast durchgezogen hatte.
Andererseits würde Geser nicht einfach ohne weiteres eine Lichte opfern, ein Kind noch dazu.

27. Juli 2004

Schmollend schob Anna ihre Unterlippe vor, als sie sich über die Balkonbrüstung lehnte und nach unten sah.
Sie hasste es, wenn sie in der Wohnung förmlich eingesperrt war, aber andererseits, so sagte sie sich, war das einfach bloß eine Reaktion ihres Vaters gewesen, die sie hätte vorhersehen können, auch ohne, dass sie sich die Wahrscheinlichkeitslinien ansah.
Sie wusste, dass ihr Vater Angst davor hatte, was ihr passieren könnte, wenn sie allein unterwegs war.
Ein bisschen übertrieben wie sie fand, schließlich war sie kein kleines Kind mehr.
Aber sie erinnerte sich wahrscheinlich auch nicht mehr so gut an den Winter, wo sie fünf geworden war.
Ihr Vater schon.
Alle Eltern beschützten schließlich ihre Kinder, nun, zumindest die meisten.
Trotzdem empfand Anna es als unfair sie an einem so schönen Sommertag einfach einzusperren.
Obwohl sie ja nicht eingesperrt war, die Wohnungstür stand praktisch offen, sie musste nur hinausgehen und dann konnte sie auch ihren Spaß haben.
Immerhin hatte sie elf Tage ihrer Strafe schon abgesessen, na gut, eigentlich erst zehn, aber dennoch.
Sie hatte sogar ihr Zimmer aufgeräumt.
Unschlüssig sah sie auf ihre Uhr.
Jetzt war es um fünf.
Wenn sie nur eine Stunde draußen war, machte das doch nichts, ihr Vater würde es gar nicht mitbekommen.
Er musste doch sowieso bis abends arbeiten, hatte soviel um die Ohren, dass er sie nicht ständig im Auge behalten konnte, so gern er das auch wollte.
Anna ging zurück in die Wohnung, schloss sorgsam die Balkontür und lenkte ihre Schritte in den Flur.
Mit schief gelegtem Kopf sah sie ihren Schlüssel an, der dort auf dem Schuhschrank lag, ihre Tasche hing an der Garderobe.
Verführerisch.
Und nur ein Stündchen ...
Sie schlüpfte in ihre Sandaletten, schnappte sich Tasche und Schlüssel und verließ die Wohnung.

                              ~oO@Oo~

„Oh, Mist!“, fluchte Anna halblaut, als sie einen Blick auf eine große Uhr erhaschte.
Sie hatte in der Stadt ein paar Klassenkameraden getroffen, war mit ihnen ein Eis essen gegangen und hatte dabei natürlich die Zeit komplett vergessen.
Jetzt war es schon dunkel, es war nach neun, fast zehn und sie wusste mit einer Gewissheit, die ihr Angst machte, dass sie Ärger bekommen würde.
Warum war sie nur nicht zu Hause geblieben?
Vielleicht musste ihr Vater ja heute länger arbeiten und sie schaffte es, wenn sie rannte.
Andererseits war die Metro um diese Uhrzeit immer hoffnungslos überfüllt – Wann war sie jemals leer gewesen? – und sie hatte eigentlich keine Lust, sich zerquetschen zu lassen.
Was machten die ganzen Menschen um diese Uhrzeit nur jetzt noch auf den Straßen?
Fass dir an deine eigene Nase, dachte sie bitter und kramte in ihrem Gedächtnis nach Abkürzungen für den Nachhauseweg.
Ja, richtig, wenn sie über ein, zwei Hinterhöfe ging, dann sparte sie bestimmt eine viertel Stunde.
Und wenn sie durchs Zwielicht ging, war sie noch schneller.
Ohne länger darüber nachzudenken nahm sie ihren Schatten auf und rannte durch das nun vollkommen veränderte Moskau.
Das blaue Moos dämpfte ihre Schritte, erstickte scheinbar jegliches Geräusch.
Leicht angewidert sah Anna sich um.
Hier hatte schon lange keiner mehr sauber gemacht, dieser Parasit der ersten Schicht gedieh ganz prächtig.
Nun, vielleicht war es auch eine zu große Kraftverschwendung.
Schließlich liefen hier täglich so viele Menschen durch, dass man dem Moos wohl beim Wachsen hätte zusehen können.
Ein Knall, der allerdings etwas gedämpft war, ließ sie zusammenzucken.
Suchend sah sie sich um.
Was könnte das Geräusch ausgelöst haben?
Vorsichtig lugte sie um eine Hausecke herum und blinzelte überrascht.
Sie sah einige Leute, ganz offensichtlich Andere, denn immerhin war sie im Zwielicht, die sich scheinbar erbittert über etwas stritten.
Sie kniff leicht die Augen zusammen, erkannte dann aber Lichte und Dunkle Auren.
Erschrocken wich Anna zurück.
Das waren Wächter des Tages und der Nacht, die sich da in den Haaren lagen.
Besser sie suchte sich einen anderen Weg, zwischen die Fronten geraten wollte sie auf gar keinen Fall.
Dennoch hörte sie, was gesprochen wurde, denn die Wächter standen nicht weit entfernt.
„Ihr behindert unsere Arbeit!“, brüllte gerade einer der Lichten stocksauer.
„Irrtum.“, erwiderte eine Hexe eiskalt.
„Ihr behindert uns. Wir hatten die Werwölfe schon festgenommen und durch eure Schuld ist einer entkommen.“
„Ihr wollt doch was vertuschen.“, erwiderte ein weiterer Lichter ungerührt, was mit einem Fauchen von den Dunklen beantwortet wurde.
„Willst du uns etwa unlautere Arbeitsmethoden vorwerfen?“, zischte die Hexe, die scheinbar das Gespräch führte.
„Das muss ich nicht. Immerhin seid ihr Dunkle, da versteht sich das von selbst.“, stichelte der erste Lichte.
Anna schüttelte den Kopf.
Warum mussten die sich bloß immer gegenseitig die Köpfe einschlagen?
Langsam ging sie rückwärts und drehte sich um, bereit sich einen anderen Weg nach Hause zu suchen, doch sie erstarrte unwillkürlich.
Ungefähr fünf Meter von ihr entfernt stand ein großer brauner Wolf, der scheinbar genauso überrascht war hier jemanden zu begegnen, wie sie.
Doch die Verwirrung des Dunklen dauerte nicht lange, sondern er fletschte kurz darauf die Zähne.
Anna versuchte gar nicht erst irgendetwas zu sagen, denn wenn sie eins über Werwölfe und Vampire wusste, war das die Tatsache, dass einige in ihrer Tiergestalt weit weniger Kontrolle über sich hatten, als wenn sie wie Menschen aussahen.
Und bei diesem Exemplar schien gerade der Jagdinstinkt zu erwachen.
Oder war es schlichte Angst?
Der Werwolf legte die Ohren an und knurrte etwas lauter.
Anna wich einige Schritte zurück, während sie sich an die Zauber erinnerte, die gut gegen solche Viecher halfen.
Zumindest versuchte sie das, doch ihr Kopf schien auf einmal wie leergefegt.
Es war eine Sache diese Zauber zu lernen und einzusetzen, wenn man keinem Gegner gegenüberstand.
Doch in einem echten Kampf hatte Anna sich noch nie bewähren müssen.

                              ~oO@Oo~

Semjon sah dem Streit eher gelangweilt zu, während er aufmerksam die Gegend im Auge behielt.
Vielleicht trieb sich der geflohene Werwolf ja noch hier rum, hatte es nicht gewagt sich schnell zu entfernen, weil er nicht die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich ziehen wollte.
Andererseits würde man ihn sowieso finden.
Diese vier Tiermenschen hatten sich zu auffällig benommen, sowohl die Tag- als auch die Nachtwache hatten sie schlussendlich ins Visier genommen.
Nun, die drei die sie bereits festgenommen hatten, waren eigentlich nicht wirklich schuldig.
Der entkommende Anführer hatte sie initiiert, sie gebissen und ihnen dann gesagt, dass sie seinen Befehlen folgen müssten, da er ja ihr Erschaffer sei.
Und diese Dummköpfe hatten ihm auch noch geglaubt.
Fakt war jedenfalls, dass der Entflohene festgenommen werden musste, sonst suchte er sich vielleicht neue Opfer.
Semjons Blick fiel auf etwas azurblaues, was im grauen Zwielicht wie ein Leuchtfeuer schien.
Es war ein Kleid, dass ein junges Mädchen trug, ein Kind.
Die Augen des Magiers weiteten sich.
Er kannte die Kleine, hatte sie erst vor wenigen Tagen gesehen.
Die Lichte Zauberin mit dem Namen Anna.
Allerdings war sie damals nicht so verängstigt gewesen, denn jetzt ging sie langsam rückwärts, den Blick starr auf etwas gerichtet, dass sich ihr knurrend nährte.
Da war ja der Werwolf!
Und er setzte zum Sprung an.
Anna schrie auf und ging unwillkürlich in die Knie, doch zu ihrer Überraschung passierte rein gar nichts.
Ihr Schrei hatte den Streit verebben lassen und alle Wächter hatten instinktiv reagiert und sofort einen Zauber abgeschossen.
Der Werwolf wand sich winselnd auf dem Boden.
So viel Magie auf einmal, dass war schwer zu verkraften.
Dafür begann Anna zu heulen, sei es nun, weil sie der Gefahr so knapp entronnen war oder einfach bloß der Schock, der dies auslöste.
Dabei hätte ihre Kraft gereicht um mit einem ganzen Rudel wilder Wölfe fertigt zu werden, ganz zu schweigen von einem Werwolf.
Semjon wollte ihr schon helfen, doch zur Überraschung der Lichten, sprach als erstes einer der Dunklen, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte.
„Hör sofort auf zu weinen, Anna Zavulonowa. Du vergeudest deine ganze Kraft.“, blaffte Schagron und das Mädchen verstummte augenblicklich.
Erst jetzt erkannte sie offenbar all die Leute, die sie jetzt ansahen.
Einige kannte sie sogar persönlich.
„Steh auf.“, befahl Schagron weiter und sie gehorchte.

                              ~oO@Oo~

„Warum sollten wir euch erlauben eine Lichte mitzunehmen? Sie hat doch nichts mit der Sache zu tun!“, knurrte Farid und sah Schagron, der vollkommen ruhig da stand, zornig an.
„Nein, dass stimmt. Aber wir kennen ihren Vater und bringen sie zu ihm.“, meinte der Dunkle Magier.
Die Werwölfe hatte die Tagwache jetzt in Gewahrsam, doch Anna hier zu lassen, würde mehr Schwierigkeiten bringen als ihm lieb war.
Allerdings sahen ihn auch einige seiner Kollegen an, als wäre er verrückt geworden.
Anna stöhnte derweil leise auf.
Na, dass konnte ja heiter werden.
„Du kennst ihren Vater?“, fragte Semjon skeptisch.
Es war so offensichtlich, dass er dem Dunklen nicht glaubte.
Schagron war es egal.
„Ja und es ist mir egal, was ihr denkt, ich nehme sie jetzt mit.“, erwiderte er.
„Darüber sollten wir noch mal reden.“, grummelte Farid.
„Es ist richtig so, wie es ist.“, meinte Anna mit fester Stimme.
Dann folgte sie Schagron, der ihr ein Zeichen gab.
„Lassen wir das einfach zu? Semjon?“
Farid wandte sich zu seinem Mitstreiter, doch dieser runzelte bereits die Stirn.
„Wie hat Schagron sie genannt?“
„Anna.“, erwiderte Farid irritiert.
War der andere jetzt vergesslich?
„Ich meine ihren Vatersnamen.“
„Zavulonowa, glaub ich.“, sagte Farid langsam, wusste aber immer noch nicht, auf was Semjon hinaus wollte.
„Zavulonowa. Klingt das nicht so ähnlich wie...“

                              ~oO@Oo~

Sebulon übersprang das wütend sein und ging gleich dazu über förmlich Gift und Galle zu spucken, als er sah, wenn Schagron da ins Büro schleppte.
„Was ist an zwei Wochen Hausarrest eigentlich unverständlich?“, blaffte er und alles zog die Köpfe ein.
Anna wünschte sich derweil irgendwo im Boden versinken zu können, starrte aber lediglich auf den Teppich.
Der Chef der Tagwache hatte sein Augenmerk allerdings jetzt auf die Umstehenden gelenkt, die alle nicht zu wissen schienen, was genau sie denken sollten.
„Meine Tochter, Anna Zavulonowa Mangusowa.“, meinte er und die Dreizehnjährige sah einmal kurz in die Runde, bevor sie spürte, dass eine Hand sich fast schraubstockartig um ihren Arm schloss und sie mitzog.
„Setz dich.“, knurrte der Magier nur und deutete auf einen Sessel, der etwas entfernt von seinem Schreibtisch stand.
Anna tat was man ihr sagte, ohne auch nur an Widerspruch zu denken.
Sie fühlte sich so unglaublich müde, war in Schagrons Wagen sogar kurz weggeknickt gewesen und so schlüpfte sie aus ihren Sandalen und rollte sich förmlich auf dem Sessel zusammen.
Sebulon beobachtete dies mit einem Stirnrunzeln, dann mit einem Kopfschütteln.
Schließlich holte er praktisch aus dem Nichts eine Decke für seine Tochter hervor und wickelte sie darin ein, bevor er sich hinkniete, um mit Anna auf Augenhöhe zu sein.
„Du bist dir hoffentlich im Klaren darüber, dass du restlichen vier Tage auch weiterhin Hausarrest hast.“
„Ja.“, antwortete sie sehr leise.
Immerhin stampfte er sie nicht unangespitzt in den Boden, dass war doch schon mal was wert.
„Warum bist du raus gegangen? Ich verbiete dir bestimmte Dinge nicht aus Lust und Laune, sondern weil ich mir etwas dabei denke.“
„Ich möchte nicht eingesperrt sein.“, erwiderte Anna ernst.
Sebulon nickte nach kurzem Zögern.
„Fein.“
Anna blinzelte überrascht, als er Anstalten machte sich zu erheben.
„Ist das alles?“, fragte sie deutlich verwirrt.
Ihr Vater wusste nur zu genau, was sie meinte und sie musste leicht schlucken, als er lächelte.
„Glaubst du das?“
Sie schüttelte ganz zaghaft den Kopf.
„Ich lasse mir etwas einfallen, ich werde dich aber nicht mehr unter Hausarrest stellen, da es offensichtlich nichts bringt. Aber ungestraft kommst du mit Sicherheit nicht davon.“
„Okay, Papa.“, sagte sie.
„Und du wirst mir versprechen, dass du nicht mehr so spät abends durch die Stadt streifst. Um neun ist immer noch eine feste Grenze für dich.“
Anna nickte.
„Außerdem bin ich enttäuscht von dir.“
Sie biss sich auf die Unterlippe, sagte aber kein Wort.
Sie wusste, dass er dazu jedes Recht hatte, denn sie hatte nicht auf ihn gehört, war dadurch in Gefahr geraten und die Begegnung mit dem Werwolf hätte auch ins Auge gehen können, wenn die Wächter des Tages und der Nacht nicht anwesend gewesen wären.
Der Dunkle Magier streichelte ihre Wange und sie sah ihren Vater an, der doch einen recht liebevollen Blick für sie übrig hatte.
„Ich habe noch zu arbeiten, Anuschka, du kannst also erstmal schlafen.“
Fast, als wäre dies ein Befehl gewesen, vielleicht hatte ihr Vater auch ein bisschen nachgeholfen, schloss die junge Zauberin die Augen und war auch nur Sekunden später eingeschlafen.
Sebulon strich seiner Tochter durch Haare, sah sie noch einige Augenblicke an, dann jedoch wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.
Sollte sie schlafen, er musste noch einige Dinge erledigen.

                              ~oO@Oo~

„Chef!“
Der aufgeregte Ruf ließ Geser irritiert aufsehen und er runzelte die Stirn, als Semjon und Farid plötzlich im Türrahmen standen.
Auch Anton wandte verwundert den Kopf.
Irgendwie sah es nicht so aus, als würde sein Feierabend in greifbarer Nähe sein.
Da konnte er ja sicher sein, dass Sweta noch ein Gesicht ziehen würde, um kurz darauf etwas von unmöglichen Arbeitszeiten zu murmeln.
Aber was sollte er machen?
Außerdem hatte er Semjon, den unerschütterlichen alten Magier, mit dem riesigen Schatz an Lebenserfahrung, selten so aus dem Häuschen gesehen.
„Was denn? Ich hab schon gehört, dass ihr die Werwölfe Sebulons Pack überlassen musstest.“, meinte Geser verstimmt.
Semjon runzelte kurz die Stirn, als müsste er überlegen.
Darum ging es also nicht, schlussfolgerte Anton.
„Erinnern Sie sich an die Zauberin, die den Vampir erledigt hat, vor zehn Tagen?“, platzte Farid heraus.
„Ja.“
„Das ist... das werden Sie nicht glauben...“, murmelte Semjon und Farid nickte heftig.
Geser seufzte.
„Was habt ihr denn über sie herausgefunden?“
„Ihr voller Name ist Anna Zavulonowa Mangusowa.“, antwortete Farid wie aus der Pistole geschossen.
Anton zog die Augenbrauen hoch.
Zavulonowa.
Dann hieß ihr Vater wohl Zavulon.
Anton spürte einen Schauer über seinen Rücken laufen, als ihm aufging, welcher Name ganz ähnlich klang.
„Sebulon?“, fragte er, nun nicht minder entsetzt als seine Kollegen.
Der Chef der Nachtwache zog eine Zigarre heraus, drehte sie ein bisschen zwischen den Fingern, dann schnitt er jedoch das Ende ab und steckte sie sich an.
„Ja, Sebulon. Solche Namensentstellungen lässt man sich doch schon mal für die eigene Tochter gefallen.“
„Wurde sie deshalb nicht von uns initiiert und ausgebildet?“, fragte Semjon und Geser nickte.
„Wie kommt es, dass die Tochter des Chefs der Tagwache eine Lichte ist?“, fragte Anton nach eine Weile des Schweigens, in der Geser einfach Rauchringe in die Luft geblasen hatte und scheinbar darauf wartete, dass seine Mitarbeiter versuchten ein paar mehr Informationen aus ihm heraus zuholen.
„Sie war vom Licht vorherbestimmt. Aber Sebulon und ich sind uns eh darüber einig gewesen, dass sie nicht in die Nachtwache kommt. Sie hätte vielleicht unbewusst Informationen weitergeben können, die er zu Gunsten der Dunklen genutzt hätte. Anders herum wäre sie eine Feindin für ihn geworden und das wäre der Vater-Tochter Beziehung bestimmt nicht förderlich gewesen.“
„Hat sie keine Mutter?“
Geser zuckte mit den Schultern.
„Laut Akte bei der Geburt gestorben.“, antwortete er.
„Sie glauben das nicht.“, stellte Farid trocken fest.
„Nein. Aber was mit der Frau passiert ist, kann ich auch nicht sagen und Sebulon wird mit Sicherheit nicht reden. Wer will ihm auch das Gegenteil beweisen? Bei so einer Kleinigkeit hätte er bestimmt keinen Fehler gemacht.“
Semjon sah Anton an und beide schienen das Gleiche zu denken.
Die Mutter der einzigen Tochter vom Erdboden verschwinden zu lassen, nannte der Helllichte eine Kleinigkeit?
„Fakt ist jedenfalls, dass es dem Kind gut geht. Ich glaube man könnte sie nur unter extremen Zwang von ihrem Vater trennen.“, stellte Geser klar.
„Ach, wirklich?“, fragte Farid skeptisch.
„Ach, wirklich.“, grummelte Geser.
„Bedingungslose Liebe zwischen Eltern und Kind ist eine rein biologische Sache. Dadurch ist gewissermaßen das Überleben der Art gesichert.“
„Das sagen Sie mal den Eltern, die ihre Kinder schlagen oder anderweitig verletzen. Oder sogar töten.“, grummelte Anton.
„Was ich damit sagen wollte, ist, dass ihr nicht versuchen solltet das Kind auf die Seite der Nachtwache zu ziehen. Das könnte euch Sebulon übel nehmen.“, blaffte Geser und die drei anderen Magier nickten.
„Ja, Chef.“, ertönte es einstimmig.

                              ~oO@Oo~

Anna gähnte leicht, als sie sich unter ihrer Bettdecke zusammenrollte, spürte gerade noch, dass ihr Vater ihr einen Kuss auf die Stirn drückte und war dann auch schon wieder ins Reich der Träume geglitten.
Sebulon hatte sie schlafen lassen, hatte sie auch nicht geweckt, als er sie nach Hause getragen hatte.
Überhaupt war er schon immer davon überzeugt gewesen, dass neben seiner Tochter eine Bombe hochgehen könnte, sie würde sich wahrscheinlich einfach umdrehen und weiter schlafen.
Als Baby hatte sie generell nur geschrieen, allerdings vorzugsweise nachts, wenn er wirklich mal dringend seinen Schlaf benötigte.
Als Kleinkind war Anna dann sehr anschmiegsam gewesen und ging nur mit äußerstem Widerwillen in den Kindergarten.
Erst die Schule hatte diese Anhänglichkeit etwas verblassen lassen, doch sie war nie ganz verschwunden.
Und was ihre Bestrafung anging, so würde er immer mal wieder einen Tag festsetzen, an dem sie keine Magie einsetzen durfte, ihr Taschengeld etwas kürzen und vielleicht die Kabel an ihrem Computer so mit Magie außer Gefecht setzen, dass Anna diesen erstmal nicht mehr benutzen konnte.
Allerdings würde sie sich, dass wusste Sebulon nur zu gut, in der nächsten Zeit eher klein machen und versuchen, ja nicht gegen die Regeln, die er aufgestellt hatte, zu verstoßen.
Sie wusste, dass sie Unsinn verzapft hatte und allein diese Erkenntnis bereitete ihr deutliches Unbehagen.
Das war Strafe genug.

                              ~oO@Oo~

Morwie: Kapitel eins beendet!

Chanti: Was ist mit Annas Mutter?

Gloomy: Ja, was ist mit der Frau?

Morwie: *Schultern zuck* Keine Ahnung, wen interessiert das schon!

Chanti: Bitte?!

Gloomy: *skeptisch guck*

Morwie: Hihi!
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