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Die Macht des Gesprochenen Wortes

von Vetinari
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
05.12.2007
05.12.2007
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==== 15 Hal ====


Nach sieben Tagen und Nächten der Ungewissheit brach der Ansturm los. Ich erinnere mich an jene
Stunden, als wäre es gestern gewesen. Es war dunkelste Nacht. Efferd schien alles Leben auf
Dere ersäufen zu wollen, und öffnete die Schleusen des Himmels. Die Wachposten auf den Wällen
sahen ihre Hand nicht vor Augen, und das Grollen des Donners wetteiferte mit dem zermürbenden Sturm
der Kriegstrommeln, der wohl tödlichsten Waffe der Schwarzpelze. In der Nacht rauben ihre Trommler tapferen
Streitern den Schlaf, und am Morgen rauben ihre Krieger verängsigten Soldaten das Leben.
Ich sage euch, kein Schrecken der Schlacht, keine Hämmer und Äxte, keine Zauber oder Pfeile vermögen
aus einem Trupp gut organisierter Krieger in so kurzer Zeit einen Haufen verängstigter Jungen zu machen,
wie der zermürbende Rythmus der orkischen Trommler.
Glaubt mir, Traunstein fiel nicht wegen der Überzahl oder der Wildheit der verfluchten Orks.
Es fiel wegen der Angst der eigenen Männer.
Ich sehe es vor mir. Wie damals an jenem verfluchten 7. Praios die Trommeln verstummten. Wie auf einen
Schlag alles still wurde. Ich sehe vor mir, wie die wenigen, die sich mit Wachs in den Ohren auf ihren
Lagern ausgestreckt hatten hochfuhren, und ihre Schwerter packten. Und wie die Angst in den Augen der
Männer purer Panik wich.
Der Lärm war schlimm gewesen. Aber nichts konnte so furchteinflösend sein wie diese alles
durchdringende Stille nach jenen sieben Tagen der Ungewissheit. Und dann erinnere ich mich, wie die
verzweifelten Blicke meiner Kameraden sich mir zu wandten. Allesamt sahen sie mich an. Schwer gerüstete
Männer, die ihr Leben der Ausbildung mit Schwert und Schild gewidmet hatten seit sie denken konnten.
In diesem Augenblick wirkten sie wie kleine Kinder. Meine Erfahrung mit den Schwarzpelzen aus früheren
Gefechten mit den Orks machte mich für sie wohl zu so einer Art Anführer. Sollte ich ihnen
diese Hoffnung nehmen? Ich erinnere mich noch dass ich diese Worte leise gesprochen habe, doch in der Stille hallten
sie förmlich durch die steinernen Gemäuer der Quartiere.
"Machen wir uns also bereit." Ich packte mein Langschwert. "Zu den Toren!" Und die Männer folgten mir.


-_-_-


Lares war nicht sicher, ob ihn der dreiste Lügner, an dessen Lippen in diesem Augenblick nicht
weniger als fünf Personen hingen beeindruckte, oder entrüstete. Er lies seinen Blick über die anderen
Personen im Publikum streifen. Ein zahnloser Alter, der seine besten Jahre bereits hinter sich hatte.
ein ungefähr 17 Jähriger Knappe, der von der Erzählung mehr mitgerissen wurde als er sich anmerken
lies, dachte Lares. Zwei kräftige Handwerker die wohl eigendlich zum trinken ins "Hafenkreuz" gekommen
waren, und eine hübsche Junge Frau, adrett gekleidet. Und sie glaubten TATSÄCHLICH was ihnen dieser
Hochstapler da gerade auftischte.
Lares war mit seinen 12 Jahren mit Abstand der jüngste in diesem Raum. Es überraschte ihn, dass er trotzdem
der einzige zu sein schien, der sich nicht an der Nase herumführen lies. Es war nicht wichtig ob sie es
glaubten oder nicht. Höchstwahrscheinlich war es in etwa so abgelaufen, als die Orks angegriffen hatten.
Doch Lares war verblüfft. Es war so offensichtlich das der armlose Kerl in der Ecke der Taverne
seinen Arm nicht im Kampf gegen einen Schwarzpelz verloren hatte. Nicht einmal das Alter stimmte.
Wenn er damals schon "Erfahrungen" gehabt hatte musste er heute mindestens 60 Götterläufe zählen,
wenn nicht sogar mehr. Der Mann in der Ecke war 40, VIELLEICHT 45 Jahre alt. Doch die Leute kümmerten
sich nicht darum. Seine Geschichte war einfach zu GUT für sie, um erlogen zu sein. Lares staunte über
die Dummheit der Gasthausbesucher. Er entschied sich für die zweite Möglichkeit.
Er bewunderte den selbstbewussten Einarmigen, der großzügig gestikulierend in der Ecke Stand,
und sein Publikum beherrschte.
Lares schüttelte innerlich den Kopf, und wandte sich wieder dem hart arbeitenden "Lügner in der Ecke" zu.
Im Grunde war diese Vorstellung noch um einiges eindrucksvoller, als ein Kampf gegen Schwarzpelze.
Dieser Kerl verstand sein Handwerk.


-_-_-


... schritten wir durch die steinernen Gänge in Richtung Torhaus. Nicht einmal 2 Dutzend waren es,
die sie mir hier aus den Ostquartieren folgten. Und vielleicht eine halbe Hundertschaft weiterer
Krieger in der ganzen Burg verteilt. Auf den Wällen, und hinter den Toren wachestehend, in den Quartieren
so wie wir. Der Rest der Besatzung war teilweise abgezogen worden, um "strategisch wichtigere Punkte"
zu verteidigen, wie die große Feste Greifenstein, oder den Pass im Nordosten. Andere waren schon beim
überraschenden ersten Ansturm der Orks niedergemetzelt worden. Wir wussten, wir waren in der Innenburg
eingeschlossen, um uns ein undurchdringlicher Belagerungsring. Eine Bestie aus schwarzem Fell und Stahl.
Eine Bestie deren dumpfer Schrei sieben volle Tage die Herzen unserer Kameraden geschwächt hatte, und
der jetzt verklungen war. Die Bestie bellte nicht mehr. Sie biss zu.
Genau als mir dieser Gedanke durch den Kopf ging, erklangen die Warnglocken aus dem Torhaus. Keiner von uns
sagte etwas. Niemand schrie Befehle. Die wenigen ranghöheren Militärs, die den Ansturm vor einer Woche
überlebt hatten waren hoffendlich schon vor Ort.
Wir beschleunigten einfach unseren Schritt. Ich wagte es nicht mich umzublicken, denn hätte ich hinter
mich gesehen, hätten die Männer die mir folgten den Schrecken in meinen Augen erblickt.
Der Weg zum Torhaus schien Tage und Jahre zu währen. Doch wir kamen an, und ich erinnere mich, wie
plötzlich jede Angst wie weggefegt war, als ich die schwere Doppelholztüre zum Torhaus aufstieß. Mein
Blick fiel durch die offene Tür in den knapp 20 Rechtsschritt messenden Raum. An der Südseite standen bereits
unserer Mitstreiter in enger Formation versammelt. Zusammengedrängt um die steinerne Statue Rondras, die
ihr Schwert hoch über dem Kopf erhoben hielt, und ihren grimmigen Blick auf das Tor warf standen sie
da. Schulter an Schulter. Schild an Schild. Harnisch an Harnisch.
Die Augen starr auf das immer wieder erbebende Tor auf der Nordseite des Raumes gerichtet.
Es war ein imposanter Anblick. Die königsblauen, bis zum Boden reichenden Uniformen der Garde Traunsteins,
die silbern blitzenden Harnische, und die mit Drachenhäuptern gezierten Helme. In jenem Augenblick war ich
mir sicher, dass ich sterben würde. Und dieser Gedanke nahm jegliche Angst von mir. Nichts wünschte ich mir
in diesem Augenblick sehnlicher, als dort unten, zwischen den Schwertern meiner Kameraden, zu den Füßen der
Göttin Rondra mein letztes für die Menschheit geben zu können.
Als ich mich zu den Soldaten hinter mir umwandte muss ich gegrinst haben, denn sie blickten mich
überrascht an. Ich hob meine Stimme ein wenig.
"Lasst uns unseren Freunden beistehen."
Noch während ich das sagte splitterte Holz in meinem Rücken.

Es war eine jener Nächte von denen die Barden singen. Eine Hand voll gegen viele,
eingesperrt und in finsterer Nacht stemmten wir uns damals gegen der Bestie Sprung.


-_-_-


Lares war fasziniert. Er hing an den Lippen des Heldens wie ein Fisch an der Angel. Jedes Wort
war erstunken und erlogen! Was für ein Prachtkerl!
Inzwischen waren die Gespräche im ganzen Schankraum verstummt. Nur hin und wieder hörte man
ein leises Flüstern hie und dort. Das Publikum des Erzählers hatte sich vervielfacht.
Sogar der Wirt hatte im Wischen seines Tresens innegehalten, und lauschte ehrfürchtig den
fesselnden Worten des Orkensturm-Veterans.
Der Mann wählte seine Worte mit Bedacht, doch noch viel besser war er darin die Blicke der Gäste
aufzufangen, und zu erwidern. Ihnen fest dabei in die Augen zu sehen, während er ihnen erzählte
wie er Schwarzpelze erschlug. Wie er mit der Faust auf den Tisch hämmerte, wenn ein Held zuschlug,
Und Köpfe von Schultern trennte, wie seine Stimme vor Wut zu beben begann, wenn einer seiner
Gefährten verletzt wurde. Wie er plötzlich aufstand, und mit seiner verbliebenen Hand geschickt
die Luft erschlug, als er von seinen eigenen Kämpfen berichtete. Und wie er schließlich die Augen
schloss, und den Kopf senkte, kurz bevor er er sich sammelte, und vom Tod eines geliebten Freundes
erzählte.
Lares hätte sich am liebsten vor ihm niedergekniet. Langsam wurde ihm bewusst, dass wenn die
Geschichte wahr wäre, er von dem Mann enttäuscht gewesen wäre. Orks erschlagen konnte jeder.
Was dieser Held hier machte waren echte große Taten.


-_-_-


... Schulter. Ohne dem Schmerz weiter Beachtung zu schenken teilte ich weiter Hiebe aus. In einem
kurzen Augenblick der Ruhe konnte ich mir einen Überblick über die Lage verschaffen. Es waren nur
noch zehn Mann der Garde auf den Beinen, doch wir kämpften wie die Löwen. Der Boden war übersäht mit
den Körpern toter Orks und Menschen. Mir wurde gewahr dass der Sturm langsam nachließ. Das erste mal
in den letzten Tagen dachte ich nicht nur daran, vielleicht lebend aus dieser Hölle entkommen zu können,
sondern sogar daran zu siegen. Ein blitzschneller, schräg aufwärts geführter Hieb fällte einen weiteren herankommenden
Ork noch bevor er zum Schlag ausholen konnte. Ich wusste es war ein aberwitziger Gedanke, doch ich konnte
mich seiner nicht erwehren. Rondra schien uns übermenschliche Kraft verliehen zu haben. Wir standen wie
Felsen unter den heranbrandenden Angriffswellen der Schwarzpelze. Mit einem weiteren Streich meiner Klinge
schickte ich einen Ork mehr in Borons Hallen. Vor meinem inneren Auge sah ich die Bestie in eine offene
Klinge springen. Dann war es plötzlich wieder leise. Der so schnell losgebrochene Lärmpegel aus metallenem
Klirren, qualvollen sowie triumphalen Schreien, und dem grausigen Grunzen der Orks war fort.
Was zurückblieb war das Pochen des Blutes in meinen Ohren, und das erschöpfte Schnaufen von zehn Männern,
die sich anblickten, und wussten, dass sie auf verlorenem Posten gekämpft - und gewonnen hatten.
Ich beobachtete wie mir mein Schwert aus den Fingern glitt, und wie in Zeitlupe zu Boden fiel.
Gleichzeitig krochen die ersten Strahlen der Sonne durch das geborstene Tor. Der 8. Praios war angebrochen.


-_-_-


Die Taverne hatte sich weiter gefüllt. Lares wollte am liebsten laut auflachen.


-_-_-


Dann weiß ich nur noch wie ich das Bewusstsein verlor. Aus Erzählungen weiß ich, dass mein linker Arm
schwer verletzt war, und ich auf Grund der dreckigen Orkwaffen fieberte. Ich wurde von einem der Kameraden
nach Gareth geritten, und dort wundärztlich versorgt. Der Kamerad der mich heimgeritten hatte brachte auch
die Nachricht unseres Ruhmreichen Sieges nach Gareth. Er wurde mit einer Hundertschaft frischer Soldaten
zurück nach Traunstein geschickt. Ich konnte nicht zurück. Um mein Leben zu retten nahm man mir meinen linken
Arm ab. Während ich noch im Krankenstand war hörte ich dass die Feste vier Tage später vom Heerwurm der Orks
geschliffen wurde. Es gab keinen Überlebenden.
Nein, das ist nicht ganz richtig. Einer hat die Schrecken von Traunstein überlebt, und kann von ihnen berichten.
Wenn auch nur noch mit einem Arm.
Und eine Hand voll Männer hatten von Rondra für ein paar Minuten das wertvollste Geschenk auf Dere empfangen.
Hoffnung.  "

Der Mann lächelte traurig in die Runde.
Niemand sagte noch ein Wort.
Ein bezahlter Barde hätte dem Wirt seine Herberge nicht voller machen können.
"Dein Bett geht aufs Haus." brummte er dem Einarmigen zu. "Will jemand was ordern?"
fragte er laut in die Runde.

Lares wandte sich ab, und verließ das "Hafenkreuz". Mit einer Zunge wie dieser konnte man alles erreichen.
Königreiche oder Armeen führen, Bankiers mit einem festen Händedruck bestehlen, während man ihnen offen
in die Augen blickte, oder auf der Bühne berühmt werden.
Doch dieser Mann tat es für Brot und ein warmes Bett!? Lares Bosper musste grinsen als er die Grönigalee
entlangschritt. "Genial..." dachte er, "Ein Laib Brot und ein warmes Bett.", sein Grinsen wurde breiter,
und er schüttelte den Kopf, "Wieso eigendlich nicht... Es war Verbrechen das niemandem schadete." In
Gedanken besserte er sich aus. "Nein, Besser. Es ist nicht einmal ein Verbrechen. Es ist eine Geschichte
von der alle profitieren..."
Lares glaubte nicht, dass er den Mann jemals wiedersehen würde. Doch er hatte ihn durchschaut. Eines Tages
würde er noch besser sein als dieser Mann. Das letzte Jahr war hart gewesen für ihn. Seine beiden Eltern
waren beide an schlechtem Fisch gestorben. Lares lachte lustlos auf. Es klang mehr nach einem Husten.
An schlechtem Fisch!
"Ich muss nicht mehr stehlen, Papa!" dachte er. "Ich mache es zu einem Beruf.
Und eines Tages... Eines Tages werde ich noch besser sein als der Mann im Gasthaus. Er hat Talent gehabt,
aber er macht es schlampig. Ich werde profesionell sein. Ich mache Geschichten zu meinem Beruf."
Kein Diebstahl mehr." Von Verbrechen und schlechtem Gewissen hatte Lares in den letzten Monaten genug gehabt.

Lares Bosper ging.
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