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Zu spät

KurzgeschichteDrama / P16 / Gen
15.11.2007
15.11.2007
1
1.125
 
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Dieses Kapitel
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15.11.2007 1.125
 
Inhalt: Ein alternatives Ende von Wicked. Aber ist es wirklich schon zu spät?

Genre: Drama/Tragik

Warnung: Chara-Death!

Disclaimer: SE, Gregory Maguire

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Zu spät

von Alistanniel



Elphaba wirbelte herum, wandte sich zum Fenster ihres Verstecks, als immer näher kommende wütende Schreie und Parolen an ihre Ohren drangen. Das Volk von Oz forderte den Kopf der bösen Hexe des Westens. Es wollte sie tot sehen. Welch ein Theater! Mit Sicherheit riefen jene am lautesten, deren Worte am wenigsten Gehalt hatten. Das war immer so.

„So endet es also“, murmelte sie. Ihre dunklen Augen, die immer so sanft gewesen waren, suchten jene Stelle, an der zuvor noch Glinda gestanden war. All der Zorn, der bis eben ihr Herz vergiftet hatte, war auf einmal nicht mehr in ihr. Sie war seltsam ruhig. Außer Kontrolle wäre sie, hatte ihre Freundin ihr vorgeworfen. Ja, das mochte schon stimmen. So viel sie ertragen hatte, irgendwann war es genug. Nie hatte sie jemandem etwas Böses gewollt, nicht einmal all denen, die ihr so oft im Leben weh getan hatten, weil sie anders war. Und doch war durch ihre Schuld großer Schaden verursacht worden.

Im Freien schlug ihr kühler Wind entgegen, ein Sturm zog herauf. Das Brausen trug die wütenden Rufe mit sich. Mit erhobenem Kopf schritt sie der tobenden Menge entgegen. Es gab nichts mehr, wofür es sich noch zu kämpfen lohnte. Allen hatte sie nur Unglück gebracht. Nessarose. Fiyero. Glinda sollte nicht auch noch etwas geschehen, deshalb hatte sie ihre einzige Freundin weggeschickt, auch wenn sie sie jetzt mehr denn je an ihrer Seite brauchte. Ihr sollte nicht auch noch etwas Schreckliches widerfahren, das würde sie sich niemals verzeihen können.

„Da ist die Hexe!“ rief eine hohe sich beinahe überschlagende Frauenstimme. Die Meute war wie kochendes Wasser, das in einem Topf brodelte. „Auf sie! Tötet sie! Die Hexe muss sterben!“ gellten die Schreie weithin.
Elphaba erkannte an der Spitze eine Gestalt, die metallisch schimmerte, als trüge sie eine Ritterrüstung. Langsam ging sie auf Boq zu. Ihre beinahe stoische Ruhe ließ die Umstehenden irritiert innehalte in ihren Hassparolen.

„Ich wollte dir nichts Böses…“, sagte sie zu ihm, als sie fast voreinander standen. „Wäre es mir möglich gewesen, den Fluch meiner Schwester aufzuhalten, hätte ich es getan. Deinen Zorn kann ich verstehen.“ Sie wandte sich von ihm ab und der Menge zu. „Aber ihr anderen? Was habt ihr mir vorzuwerfen? Ihr kennt mich doch gar nicht, keiner von euch… Ihr redet nur nach, was euch jemand vorsagt. Wie armselig! Wann lernt ihr endlich euch eine eigene Meinung zu bilden? Lernt mit eur…“
Sie stockte im Wort. Ihre Augen verdrehten sich seltsam, ein ersticktes Keuchen entkam ihr. Erstaunt blickte sie auf das blanke Metall eines Dolches herab, dessen Griff Boq in der Hand hielt. Die Spitze hatte sich tief in ihre Eingeweide gebohrt. Jäh begann sich die Welt um sie herum zu drehen, ihre Beine konnten das Gewicht ihres dünnen Körpers nicht mehr tragen. Warmes hellrotes Blut tränkte die Erde, als sie zusammen sackte.

Die Meute brach in Jubel aus, der entsetzte Schrei einer einzelnen Stimme verlor sich darin. Eine zierliche Gestalt mit blonden Locken bahnte sich mit einer Kraft, die man in ihr nicht vermutet hätte, einen Weg durch die tobende Masse, um kurz darauf neben der verletzten jungen Frau auf die Knie zu sinken.
„Elphie…“ Vorsichtig strich Glinda über die Wange ihrer Freundin. Sie fühlte sich eiskalt an. Das schwarze Kleid verbarg das fließende Blut fast ganz, doch auf Elphabas grüner Hand, die sie auf den rasend schmerzenden Leib gepresst hatte, ließ sich das Ausmaß von Boqs Dolchstich erkennen.
„Glinda… du b-bist hier...“ Mit der anderen Hand berührte sie jene ihrer Freundin, die warm und voller Leben war.
Die jüngere Frau nickte leicht. Die gaffende Ansammlung rund um den Blechmann beachtete sie längst nicht mehr. „Glaubst du, ich würde dich jetzt allein lassen?“
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf Elphabas Lippen. Sie war unendlich dankbar dafür, dass Glindas Gesicht das Letzte sein würde, was sie sah.

Dann fiel ihr Blick auf den Mann, der mit ihrer Freundin gekommen war, ohne dass diese ihn bemerkt hatte. Er war groß, stattlich und strahlte Würde aus. So erinnerte sie sich an ihren Vater. Doch er lebte nicht mehr, wie konnte er hier sein?
Während Glinda sich in Richtung der Menge erhob, ließ er sich auf die Knie sinken, und griff beinahe scheu nach Elphabas Hand. Er sprach kein Wort, aber das war auch nicht nötig. In seinen Augen lag so viel Gefühl, eine Mischung aus Sorge und Reue.

„Seid ihr jetzt zufrieden?“ fragte Glinda laut, an alle gerichtet, während sie Boq vorwurfsvoll ansah. „Sie stirbt… und ihr habt sie umgebracht, jeder von euch. Er mag es getan haben, aber ihr wolltet es. Ihr seid nicht besser. Elphaba ist nie ein böser Mensch gewesen, aber es hat sich kaum einer die Zeit genommen, das zu erkennen. Ich bin froh, dass ich es getan habe… Na los, jubelt weiter, freut euch darüber, dass ihr über sie hergefallen seid, wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe.“
Sie wandte sich um, beachtete das Raunen nicht, das durch die Menge ging. Ihre Aufmerksamkeit galt bereits wieder dem schmerzverzerrten Gesicht Elphabas. Sanft strich sie über die leichenblasse Wange ihrer Freundin, woraufhin diese ihre bleischweren Lider hob. Frex hielt immer noch ganz vorsichtig ihre grüne Hand. Es hatte ihm stets widerstrebt, diese sonderbare Haut zu berühren. Nie hatte er sein Kind umarmt, oder es geküsst, wie Väter das tun sollten.

Hilfesuchend schloss sich Elphabas Hand fester um die ihres Vaters, die sich warm und lebendig anfühlte. Ihr war eiskalt, sie zitterte heftig. Und sie hatte Angst vor dem, was nun auf sie zukam.
„B-bitte lass… l-las mich nicht… all… allein“, stammelte sie mühsam. Das Sprechen fiel ihr immer schwerer. „Alles w-wi… wird d-dunkel… Vater! Bl…bleib da…“
Auf einmal konnte sie seine sanfte Stimme hören. Doch er gab ihr keine Antwort, sondern begann leise ein Kinderlied zu singen. Als sie noch klein gewesen war, hatte er das oft für Nessarose getan, niemals für sie. Weil sie mit ihrer Schwester im selben Raum geschlafen hatte, war es ihr zumindest möglich gewesen, seinen Liedern und Geschichten lauschen. Jetzt aber sang er für sie, nur für sie.

Elphaba wurde ganz ruhig, die Furcht in ihrem Inneren löste sich auf. Ihr Vater würde sie begleiten, wohin auch immer sie jetzt ging. Langsam schlossen sich ihre dunklen Augen. Ihre Züge entspannten sich. Sie fühlte sich leicht und befreit.
Dass ihre Freundin sie haltlos schluchzend in ihre Arme zog, bemerkte sie schon nicht mehr. Flecken zähen Blutes zeigten sich schnell auf dem schönen lichtblau schimmernden Kleid. Glindas heiße Tränen tropften aufs Elphabas im Dunkel des heraufziehenden Sturmes smaragdgrün scheinende Haut, vermischten sich mit dem Rot von Blut. Es begann zu regnen.
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