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Nebelglut

von Chakijian
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
12.11.2007
12.11.2007
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Folgenden Gefallen wirst du uns erweisen, Bruderschwester…


Lächelnd schloss der Maraskaner die Tür hinter sich. Die Nadel – ein sehr schmaler Dolch mit vierkantiger Klinge – verschwand wieder in seinem Ärmel, dort, wo er hingehörte. Langsam und unauffällig entfernte er sich von dem Wohnturm und somit auch vom Ort der Tat.
Das Lächeln lag noch immer auf seinen Lippen, als er den Markt passierte. Informationen drangen vielfach auf ihn ein.
Die meisten waren unwichtig: Rhasijida, die Stoffdruckerin, war schwanger, vermutlich von Tzirjin, denn mit dem war sie öfters gesehen worden. Es konnte natürlich auch dieser Jüngling sein, dieser Garethja mit unaussprechlichem Namen. Wie dem auch sei, versuchte die Frau, ihre Schwangerschaft geheim zu halten. Vermutlich war das der Grund, weswegen es immer noch Leute gab, die sich auf dem Marktplatz herumtrieben und nicht davon wussten. Nun, dem wurde Abhilfe geschaffen.Chakijian kannte diese Rhasijida nur vom Sehen, recht flüchtig. Wenn er sich genau entsann, hatte er im Auftrag der Bruderschaft ihrem Onkel, oder vielmehr dem Sohn des Vaters des Mannes der Schwester ihrer Mutter, zu einer Begegnung mit Schwester Tsa verholfen.
Noch bevor er den Marktplatz vollständig durchschritten hatte, kannte er wieder einmal die Lebensgeschichte einer weiteren Familie. Genau gesagt, drei Versionen davon.
Ja, so war Maraskan nun einmal, fiel ihm grinsend auf. Er war längere Zeit nicht mehr hier gewesen. Sein letzter Auftrag hatte ihn mitten ins kalte Festland geführt – ins Bornland. Es wunderte ihn noch immer, dass anschließend alle seine Glieder zu vollständigen Tätigkeiten bereit gewesen waren. Chakijian hatte nicht gewusst, dass es irgendwo so kalt sein konnte.Rur hätte aber auch einmal besser nachdenken können, als er diese kalten Gebiete geschaffen hatte. Wie sollte es ein einfacher Maraskaner denn dort schon aushalten?
Wie auch immer, sein Auftrag dort war ausgeführt, sein anderer Auftrag, der ihn nach Sinoda selbst geführt hatte, ebenfalls.
Und soweit er die Wetterlage abschätzen konnte, war er bereits heute Abend wieder in Kyrloggyn!
Er grinste und stahl sich unauffällig durch die Menge.

„Preise die Schönheit der Welt und ihre Vielfalt, Schwester!“ Er lachte beherzt und schloss seine jüngere Schwester, Tsajida, in den Arm. Sie küsste ihn sanft auf die Wange, wofür sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste.
„Schön, dass du wieder hier bist, Chakijian!“ Sie lächelte versonnen und löste sich aus seiner Umarmung, um ihm ebenfalls Essen aufzuhäufen. „Du musst hungrig sein.“
„Bin ich auch.“ Der Maraskaner ließ sich auf einen Stuhl fallen und streckte sich. Dann wendete er sich der Betrachtung seiner Schwester zu.
Tsajida war die zweitjüngste der zehn Geschwister und sieben Jahre jünger als er, also gerade einmal siebzehn Götterläufe alt. Ihr Haar war blauschwarz, ihre Augen leuchteten smaragdgrün. Chakijian hatte sich immer für sein Leben gern um sie gekümmert. Sie war sozusagen sein persönlichster Schützling unter seinen fünf Schwestern. Er hatte sie früher oft mit in den Wald genommen, sobald sie alt genug dafür gewesen war und sofern ihm die Aufträge der Bruderschaft vom Zweiten Finger Tsas Zeit dafür ließen. Sie war hübsch, mit dem fein geschnittenen Gesicht, dem spitzen Kinn und den geschwungenen Augenbrauen. Auch, was ihren restlichen Körper anbelangte, hatte Schwester Rahja offenbar ihre Finger im Spiel gehabt.
Derzeit trug sie ein türkis-rotes, tief ausgeschnittenes Kleid. Er hatte es ihr vom Festland mitgebracht, als er in Meridiana war. Ebenfalls wegen eines Auftrages. Das war vor mehreren Jahren. Welch ein Zufall, dass sie es ausgerechnet heute trug!
„Du kochst heute nur so wenig?“ Er hob eine Augenbraue, als er einen Blick in den Topf warf. „Sind die anderen denn nicht da?“
„Nein…“ Sie grinste. „Erinnerst du dich an Jesijada aus dem Nachbardorf?“
„Natürlich. Ich hatte schon mehrmals das Vergnügen.“
„Sie schreitet heute den Kreis ab.“ Tsajida dachte kurz nach. „Heute oder morgen. Und wir haben doch immer alle darauf beharrt, dass sie viel zu sprunghaft ist, um den Kreis abzuschreiten. Die anderen sind dort, um sich anzusehen, wer es denn ist. Ich habe übrigens gehört, sie soll schwanger sein.“
„Das ist Rhasijida auch, weißt du, die Stoffdruckerin aus Sinoda.“
„Tatsächlich?“ Tsajida setzte sich ihm gegenüber und blickte ihn interessiert an.
„Ja. Ich habe es heute auf dem Markt gehört.“
„Und wer ist der glückliche Vater?“ Ein wenig unsicher hob Chakijian seine recht schmalen Schultern.
„Entweder Tzirjin der Schmied, oder… sie haben von einem Garethja gesprochen, einem Jüngling, der oft bei ihr war. Mit dem unaussprechlichen Namen. Halt einer vom Festland, nicht mal richtige Namen haben diese Garethjas…“
Für einen kurzen Augenblick legte sie ihre Stirn in Falten und schloss die Augen, während sie nachdachte. Dann schlug sie sie wieder auf: „Buuriel?“
„Kann sein.“
„Den kenne ich. Er hat mir mal eine Zeitlang nachgestellt.“ Chakijians Augen verengten sich zu Schlitzen.
„Er wagt es, dieser plumpe Garethja?!“
Sie lachte ob seines Gesichtsausdrucks. „Beruhig dich, Chaki, es ist nichts passiert! Er hat sich zurückgezogen, als ich ihn zurückwies, du musst dir also keine Sorgen machen. Übrigens ist er gar nicht so schlimm, wie behauptet wird.“
„Ich habe gehört, er ist ein wenig wirr im Kopf.“
„Nun, was heißt hier ‚wirr’…“ Sie schien nach Worten zu suchen. „Er ist ein wenig seltsam, ja. Aber das liegt vermutlich daran, dass er ein Garethja ist und ihm die Luft hier nicht bekommt.“
„Außerdem ist er nicht gerade der Meister, was die Künste der fröhlichen Schwester angeht.“ Ihre Augenbraue schnellte in die Höhe.
„So, woher weißt du das denn?“, grinste sie.
„Hab ich mir sagen lassen.“
„Soso.“ Tsajida machte eine kunstvolle Pause. „Hast du dir sagen lassen.“
„Ja, habe ich.“ Sie sah ihn ein paar Herzschläge lang gespielt prüfend an, dann brachen beide in schallendes Gelächter aus.
„Ich habe es natürlich nicht selbst ausprobiert“, fügte er erklärend hinzu, dann fragte er: „Warum bist du dann hier geblieben? Interessiert dich Jesijadas Auserwählter nicht?“
„Doch, aber ich hatte Kopfschmerzen.“
„Kopfschmerzen?“ Er runzelte die Stirn. „Hoffentlich ist es nichts Ernstes. Lass mich mal deine Stirn fühlen.“
„Chaki!“ Sie lachte. „Es ist nichts. Ich habe nur schlecht geschlafen, mehr nicht. Ich bin gesund wie ich es gesünder nicht sein könnte, glaub mir! Ich werde nicht gleich auf der Stelle tot umfallen.“
„Dann ist ja gut.“ Chakijian lehnte sich zurück und kostete vom Essen. „Du hast dich mal wieder selbst übertroffen, Schwester.“
„Es ist angebrannt.“
„Ich hätte es nicht besser hinbekommen.“ Tsajida schüttelte den Kopf. Ihre blauschwarzen Haare umrahmten dabei ihr geschmeidiges Gesicht.
„Um besser zu kochen als du, muss man nur wissen, wie man den Löffel richtig herum hält.“ Er verzog das Gesicht.
„So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“
„Willst du es unter Beweis stellen?“, zwinkerte die junge Schwester ihm zu.
„Lieber nicht.“ Ihm gelang ein schiefes Grinsen. „Sonst hast du noch mehr Kopfschmerzen.“
Ihr glockenhelles Lachen erfüllte den Raum. Dem Maraskaner wurde warm ums Herz. Wie sehr er doch an dieser Schwester hing!
Sie seufzte. „Du bist viel zu selten hier, Chaki.“ Sie hatte ihn bereits als kleines Kind nur Chaki genannt. Diese Angewohnheit hatte sie bis jetzt beibehalten.
„Ja, ich weiß“, erwiderte er, während er sich bückte und in seinem Rucksack kramte.
„Was tust du eigentlich die ganze Zeit? Du erzählst nie davon.“
Er stockte und war augenblicklich froh, dass sie sein Gesicht im Moment nicht sehen konnte. Er belog sie nicht gerne. Seine Familie hatte keine Ahnung von dem, was er eigentlich trieb, dass er zu denjenigen gehörte, deren pure Erwähnung die meisten bereits zum Schweigen brachte.
Vermutlich war es auch besser, wenn sie es nicht wussten. Sie kannten nur diese Version von ihrem zweitältesten Sohn:
„Ich bin so etwas wie ein Dienstbote. Von… den Karinor.“ Der erste Name, der ihm in dem Augenblick in dem Sinn gekommen war. Und wohl auch ein Name, der Tsajida nichts sagte, immerhin war es eine Grandenfamilie aus Al’Anfa. Was hatte sie mit ihren siebzehn Jahren schon mit Granden am Hut? Ihm war der Name auch nur deswegen in den Sinn gekommen, weil einer seiner letzten Aufträge von einer Shantalla Karinor gesprochen hatte. Offensichtlich hatte sie besagten Auftrag in ihren Bann gezogen, als er das letzte Mal in der Arena gewesen war. So zumindest hatte er es seinem vermeintlichen Gehilfen erzählt – ihm selbst, Chakijian, der sich als Rucan ausgegeben hatte. Wie naiv doch manche Fremdijis waren…
„Was, von wem?“
„Von den Karinor.“ Er richtete sich wieder auf und entging dabei ganz knapp dem Schicksal, mit dem Kopf gegen die Tischkante zu stoßen. „Aus Al’Anfa. Du kennst sie sicher nicht.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Macht es dir dort denn Spaß, Chaki?“
„Sicher“, log er. Er hatte diese Shantalla Karinor nur einmal gesehen, als er mit seinem ‚Auftrag’ in der Arena gewesen war.
„Dann ist ja gut.“ Sie grinste. „Ich habe mich schon die ganze Zeit über gefragt, was denn mit dir los ist und warum du uns so selten besuchen kommst. Hast du viel dort zu tun?“
„Ja, schon. Es gibt immer viel Arbeit, weißt du.“
Wie sehr er es doch hasste, sie anzulügen! Doch offenbar machte er seine Sache gut, denn es gab nicht die geringsten Anzeichen, dass sie ihm keinen Glauben schenkte.
„Wie lange bleibst du denn diesmal?“
„Vielleicht ein paar Tage, vielleicht ein paar Wochen. Ich weiß es noch nicht“, erwiderte er und begann, den Tisch abzuräumen. Sie stand auf und schmiegte sich an ihn.
„Ich habe dich vermisst, Chaki.“
„Ja, ich dich auch, Tsajida“, murmelte er und zog sie in eine sanfte, geschwisterliche Umarmung. „Ich dich auch.“

Er hatte sich wieder in seinem alten Zimmer eingerichtet. Es tat doch gut, wieder einmal zu Hause zu sein…
Chakijian gähnte. Es war wieder einmal spät geworden. Er und seine Schwester hatten sich so viel zu erzählen gehabt, wie jedes Mal, wenn er wiederkam. Für gewöhnlich wurde es dann noch später, weil ihre restliche Familie ebenfalls anwesend war und entsprechende Kommentare in die Gespräche warfen, aus denen sich meistens wiederum Gespräche entwickelten. Er lachte leise. Ob sie damit gerechnet hatten, ihn schon jetzt wieder bei sich antreffen zu können? Wohl kaum. Er kam und ging ohnehin immer, wenn es ihm passte.Chakijian strich über seinen Kinnbart. Es war ein anstrengender Tag für ihn gewesen, zweifellos.
Der Maraskaner hatte sich kaum auf seinem Bett niedergelassen – er hatte sich noch nicht einmal entkleidet! –, da war er schon weggenickt…
 
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