Waterborne

von Andunie
GeschichteAbenteuer / P16
Gambit / Remy LeBeau Nightcrawler / Kurt Wagner
08.11.2007
10.07.2015
28
39.511
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08.11.2007 1.551
 
Es heißt immer, unter Wasser wäre es vollkommen still, doch das Stimmt bei weitem nicht. Man hört das rauschen des Sandes, der sich leicht mit den Wellen bewegt, oder einzelne Steine, die in der Strömung gegeneinander schlagen und manchmal, wenn man Glück hat, hört man die entfernten Gesänge der Wale und Delphine. Und all das überlagert das Geräusch des eigenen Atems, der in Luftblasen zur Oberfläche hinauf steigt. Es ist eine friedliche Welt dort unten. Alle hatten gesagt, dass ich nach dem Unfall panische Angst vor Wasser haben würde. Doch sie irrten. Schon fünf Tage später hatte ich den Frieden der Unterwasserwelt gesucht. Denn ich fühlte mich meiner Mutter nah, wenn ich hier war.

Der Unfall war gerade einmal drei Wochen her. Wir waren mit dem Auto von meinem Fechtkurs nach Hause gefahren. Es hatte gestürmt und in Strömen geregnet, wie so oft zu dieser Jahreszeit. Wir waren grade an einer Brücke gewesen, als uns ein Auto auf unserer Fahrspur entgegen kam. Meine Mutter hatte das Lenkrad herumgerissen. Der Wagen war ins schleudern geraten, ich hatte die Augen geschlossen und ich glaube zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich gebetet. Von ganzem Herzen.
Doch es hatte nichts genützt. Wir waren durch die Leitplanke hindurchgebrochen und der Wagen war in den Fluss gestürzt. Ich habe keine Ahnung, wie ich es überleben konnte, meine Mutter jedenfalls hatte es nicht mehr geschafft. Nun war sie tot.

Tot, tot, tot!!! Immer wieder tönte dieses Wort durch meinen Kopf. Immer wieder hatte ich das Gefühl, sie würde jeden Moment hinter mir auftauchen, mir die Augen zuhalten und „Du lässt dich wirklich zu einfach reinlegen“ lachen. Doch sie würde nie wiederkommen. Sie hatte mich immer mehr geliebt, als meine Stiefschwester. Meine Stiefschwester, die immer alles besser konnte, als ich und deswegen von allen angebetet wurde. Berenique hieß sie. Sie war genau das, was sich die meisten Menschen als Tochter, Enkelin, Nichte oder Freundin wünschen. Sie war super in der Schule, sah ach so hübsch aus mit ihren blonden Engelslöckchen und den grünen Augen. Sie spielte schon mit vier Jahren besser Klavier, als manche, die schon zehn Jahre lang spielen.  
Schon vor zehn Jahren, als meine Mutter wieder geheiratet hatte, hatte ich dieses Mädchen gehasst. Genau so wie ihren Vater. Und beide hatten dieses Gefühl von ganzem Herzen erwidert. Es gab nur zwei Dinge, in denen ich meine Stiefschwester übertraf. Und das waren die Sportarten, die ich kurz vor dieser Hochzeit begonnen hatte: Fechten und Tauchen. Mein Stiefvater hatte mich immer dazu bringen wollen all das aufzugeben, die angeblich nichts für eine junge Dame sind, aber meine Mutter hatte ihn überzeugt.
Bei dem Gedanken an sie stiegen mir wieder Tränen in die Augen. Sie liefen meine Wangen herab und sammelten sich am unteren Rand meiner Tauchmaske. Immer höher stieg der Wasserspiegel vor meinen Augen. Wütend versuchte ich die Tränen zurückzuhalten, doch es klappte nicht. Leise schluchzte ich und verschluckte einen ganzen Schwall Wasser. Ich musste husten, was nicht unbedingt einfach war, wenn man seine Luft aus einem Schlauch bekommt, der ein Mundstück hat, wie ein Schnorchel. Schließlich schaffte ich es wieder normal zu atmen. Als ich die Augen öffnete, sah ich klarer, als zuvor. Verwundert blinzelte ich in die Runde. Ein paar Fische, die von meinem Hustenanfall erschrocken in Felsspalten verschwunden waren, lugten nun vorsichtig wieder daraus hervor und ein Seeigel, der an einem Felsen hing, schien mir zwischen den Stacheln hindurch mit seinen feinen Tentakeln spöttisch zuzuwinken. Dann plötzlich wurde meine Sicht wieder unscharf und mir wurde bewusst, dass meine Maske noch immer voller Wasser war. Was war das gerade gewesen? Fragte ich mich verwirrt, während ich den Kopf in den Nacken legte, meine Maske am unteren Rand leicht anhob und durch die Nase ausatmete, um das Wasser aus der Maske herauszupusten. Was ging hier vor? Mit leicht brennenden Augen blinzelte ich durch meine nun wieder wasserfreie Taucherbrille. Ich beschloss nicht weiter darüber nachzudenken. Ein Blick auf mein Finimeter sagte mir, dass es höchste Zeit zum auftauchen war. Ich hatte gerade noch sechzig Bar in der Sauerstoffflasche, bei Fünfzig Bar spätestens musste man wieder an die Oberfläche. Mit kräftigen Flossenschlägen Tauchte ich auf den Strand zu.

Das Klatschen meiner Füße auf dem kalten Marmorboden der Villa hallte durch den ganzen Raum. Während ich die Taugeräte ordentlich weggeräumt hatte, war es bereits dunkel geworden. „Schade, ich hatte schon gehofft, du wärst abgesoffen, so wie deine liebe Mama!“ hörte ich eine verhasste Stimme hinter mir. „Berenique!“ zornig funkelte ich sie an. „Oh, muss die kleine Lucine jetzt heulen? Geh doch zu deiner Mami und lass dich trösten. Ach nein, stimmt ja, die ist ja tot, oooh“ Scharf sog ich die Luft ein und ballte die Fäuste. Ein Aufschrei erklang und als ich aufsah, bemerkte ich, dass Berenique am Boden lag, in einer großen Wasserlache und vollkommen durchnässt.
So schnell ich konnte, ergriff ich die Flucht.
Schwer ließ ich mich auf das Sofa in meinem Zimmer fallen. Leise seufzte ich, unschlüssig, was ich heute Abend noch machen sollte, wo es zwar schon zu spät war, um sich mit irgendjemanden zu treffen, aber noch um einiges zu früh, um ins Bett zu gehen. Schließlich nahm ich die Fernbedienung zur Hand und schaltete den Flachbildfernseher, der an der Wand über meinem Schreibtisch hing ein. Wie zu jeder vollen Stunde, liefen mal wieder Nachrichten. Gerade wollte ich wegschalten, als die Nachrichtensprecherin das Thema des „Mutantenproblems“ ansprach. Ich wusste, dass mein Stiefvater und Berenique Mutanten hassten, auch wenn sie noch nie einen getroffen hatten. Wahrscheinlich war das der Grund, warum ich nichts gegen sie hatte. Sie waren… unheimlich, aber nicht verabscheuenswert. Gerade wurde ein Mann mit dichtem blauen Fell gezeigt und eine Frau mit strahlend weißen Haaren. Doch schon seit Wochen stimmte irgendetwas mit dem Ton bei meinem Fernseher nicht, sodass ich kein Wort von dem hörte, was im Fernsehen gesagt wurde. Leise fluchend schaltete ich das Gerät wieder aus. Das sture Ding funktionierte immer dann nicht richtig, wenn ich gerade einmal etwas hören wollte. Ich stand auf, schleuderte die Fernbedienung auf die Couch und wollte mir gerade ein Buch aus meinem vollkommen überfüllten Regal suchen, als mein Blick in den Spiegel fiel. Eigentlich sah ich aus wie ein ganz normales, fünfzehnjähriges Mädchen. Mit langem, tiefschwarzem Haar und meerblauen Augen. Dafür, dass ich an der Küste Floridas aufgewachsen war, war meine Haut ziemlich hell. Da ich nur einen Wickelrock und ein Bikini-Oberteil trug, konnte man die dunkle Narbe, die sich über meine Rippen bis fast zum Bauchnabel zog gut erkennen. Ein Fechtunfall vor wenigen Jahren. Der Degen meines Gegners war abgebrochen und hatte die Schutzkleidung, mein T-Shirt darunter und meine Haut aufgeschlitzt. Ich hatte eine ganze Woche im Krankenhaus bleiben müssen.
Ich war sehr schlank und hochgewachsen, etwas, wovon viele Mädchen in Amerika nur träumen konnten. Das Jahrelange Fecht- und Tauchtraining hatten mich schnell und ausdauernd gemacht, worauf ich sehr stolz war, um einiges stolzer, als auf meine Schulischen Leistungen. Kein Wunder, ich gehörte zu den Leuten, die weder besonders gut, noch wirklich schlecht waren.
Hieß es nicht, dass Mutationen oft erst in der Pubertät auftreten? Ich wandte dem Spiegel den Rücken zu und wollte gerade zu meinem Bücherregal gehen, als ich mit dem Ellbogen gegen die Gieskanne stieß, die auf einem kleinen Tischchen neben einer Palme stand. Ich bekam die Kanne nicht zu fassen, aber das Wasser. Erschrocken starrte ich auf die tellergroße Wasserblase, die zwischen meinen Händen in der Luft schwebte. Einen Aufschrei unterdrückend taumelte ich zurück, das Wasser klatschte zu Boden. Einbildung, alles nur Einbildung, sagte ich mir immer wieder, du brauchst nur Schlaf, Lucine, einfach nur ein paar Stunden Schlaf.
In dieser Nacht träumte ich wieder von dem Unfall, doch dieses Mal sah ich alles genauer.
Das Auto schlug auf der Oberfläche auf und begann sofort zu sinken. Beobachtete ich, wie das Wasser durch das offene Sonnendach ins innere des Wagens strömte. Ehe ich ganz realisiert hatte, was passiert war, befand ich mich schon mit dem Kopf unter Wasser. So schnell ich konnte, öffnete ich den Gurt. Mein Blick fiel auf meine Mutter, die immer noch versuchte den klemmenden Sitzgurt zu lösen. Verzweifelt blickte sie mich an, ich wollte ihr helfen, doch meine Lungen brannten schon vor Sauerstoffmangel, mir wurde schwindelig. Immer weiter sank das Auto. Mutter sah mich an und ihre Augen sagten, ich solle mich in Sicherheit bringen, so schnell wie möglich. Aber ich konnte sie doch nicht im Stich lassen! Ich würde an die Oberfläche schwimmen, Luft holen und sie dann retten, sagte ich mir in Gedanken. So schnell ich konnte schwamm ich durch das offene Sonnendach. Aber irgendwie verhakte ich mich mit dem Schuh. Unter Wasser schrie ich, schrie meine Angst, meine Verzweiflung heraus, die Letzten Luftblasen stiegen zur nahen Oberfläche. Dann drang kühles Wasser in meine Lungen. Jetzt muss ich sterben, dachte ich. Doch ich starb nicht, Stattdessen verschwanden die schwarzen Flecken vor meinen Augen, ich konnte klarer sehen, als zuvor. Ich dachte nicht darüber nach, als ich wieder hinab tauchte. Nun könnte ich mein Mutter retten! In diesem Moment packten mich zwei starke Arme und zogen mich an die Oberfläche. Strampelnd versuchte ich mich zu befreien, umsonst. Der Mann, der mich scheinbar gerettet hatte, brachte mich an Land. Ich spuckte Wasser, versuchte mich loszureißen. „Du kannst sie nicht mehr retten!“ Rief der Mann. Dann versank alles in tiefer Schwärze.
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