Und in seiner Nacht die leuchtenden Seelen

KurzgeschichteMystery / P12
07.11.2007
07.11.2007
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     Inhalt
     Eines Abends beginnt ein kleiner Junge aus Gondor, seiner Mutter zur Nachtruhe Geschichten zu erzählen. Voller Bewunderung für seine Fantasie hört sie ihm zu, nicht ahnend, was im Dunkel seiner Gedankenwelt vorgeht ...



     Disclaimer
     Die Rechte am Herr der Ringe liegen bei Tolkien Enterprises und selbstverständlich bei der Familie Tolkien. Die Filmrechte hält New Line Cinema. Diese Geschichte ist ein reines Fanprodukt. Mit ihr werden – weder jetzt noch in Zukunft – finanzielle Interessen verfolgt.

     

     Einordnung
     Diese Kurzgeschichte hab’ ich vor einigen Wochen für den nun inzwischen beendeten Wettbewerb von HerrderRinge-Fanfiction.de geschrieben (2. Platz, Yeyah.). Es sei deshalb hier auch auf sämtliche Mitbewerber verwiesen, zu finden unter folgendem Link: http://www.herrderringe-fanfiction.de/Fanfiction/Contests/okt07/fanfics.htm
     Sie ist inhaltlich komplett losgelöst von der Istari-Saga, allerdings bin ich mit der Grundidee dermaßen zufrieden, dass ich sie mir vielleicht selbst klaue und einige der Elemente in die Saga einfließen lasse. Aber das liegt in weiter Ferne – allen Mutigen viel Spaß mit diesem nährreichen, aber schwer verdaulichen Brocken! ;-)
     Ach ja, und an dieser Stelle noch einmal großen Dank an Stormy, die der Prä-Wettbewerbsversion Lesbarkeit attestiert hat ;-)



     

     

     

     

     

     

     

     UND IN SEINER NACHT DIE LEUCHTENDEN SEELEN


     Eine Geschichte aus dem Herzen Mittelerdes


     

     

     

     

     Jonathan Safran Foer gewidmet,


     der es vielleicht irgendwie so – nur ungleich besser – gemacht hätte.


     

     

     

     

     NÄCHTE MEINER REISE


     

     „Irgendwann wirst du auf mich aufpassen müssen“, sagt meine Mutter von Zeit zu Zeit. Meistens dann, wenn ich gerade nicht auf mich selbst aufgepasst habe. Wenn meine Kleider im Wald schmutzig geworden sind. Wenn ich zu spät nach Hause gekommen bin, weil Nertëa sich ein weiteres Mal geirrt hat. „Hör auf dich zu irren, Nertëa“, sage ich dann immer zu ihr, „Meine Mutter wird mir nicht glauben, dass du dich schon wieder geirrt hast. Sie sagt, kein einzelner Mensch irrt so oft.“ Dann hebt Nertëa die Augenbrauen, sie kann das gut, ich glaube, ich kann es nicht, aber wenn ich es am Flussufer gemeinsam mit meinem Spiegelbild übe, dann sieht es wegen der Wellen manchmal so aus, als könnte ich es doch. Nertëa kann es, wann immer sie will, und sie hebt die Augenbrauen und fragt mich: „Ein einzelner Mensch irrt nicht so oft? Dann hast du mir wohl beim Irren geholfen.“ – „Hör auf dich zu irren, Nertëa“, wiederhole ich dann immer und schüttle meinen Kopf.

     Zuhause will Mutter mir nie glauben, dass es Nertëas Schuld ist, dass ich nicht auf mich aufgepasst habe, obwohl ich doch später auf Mutter aufpassen muss. Mutter sagte dann einmal: „Nertëa vergisst beim Spielen gern die Zeit, du musst auf ihn aufpassen. So wie du später auf mich aufpassen musst.“ – „Aber Nertëa ist eine ‚sie‘ und kein ‚er‘, Mutter“, habe ich geantwortet. Sie hat dann verlegen den Kopf geschüttelt und ihre dunklen, gelockten Haarsträhnen sind zuerst nach rechts und dann nach links gefallen, von mir aus gesehen betrachtet; hat dann gesagt: „Entschuldige. Ich sehe sie viel zu selten. Warum lädst du sie nicht mehr zum Abendessen ein?“ Plötzlich bin ich dann verlegen geworden.

     Nertëa ist ein wenig anders. Sie war schon einmal bei uns und als Mutter ihr die Hand geben wollte, weil sie das immer tut, weil sie ein netter Mensch ist und weil alle netten Menschen Gondors bei meiner Mutter gelernt haben, deshalb hat sie Nertëa die Hand geben wollen und hat ins Leere gegriffen. Noch davor, als ich Mutter vor über einem Jahr von meiner ersten Begegnung mit Nertëa erzählt habe, hat sie gefragt, ob Nertëa nicht eine Frucht ist, eine aus der man in alten Zeiten Tinte machen konnte. Ich habe den Kopf geschüttelt und akzeptiert, dass Mutter erst noch lernen muss, Nertëa zu sehen. Nertëa ist nicht mehr so leicht zu entdecken, nicht in diesen Tagen, sie sagt immer: „Ein Sturm zieht herauf und ich bin nicht mutig genug, um mich jedem zu zeigen. Deshalb ist es schwer, mich zu sehen.“ Manchmal wünsche ich mir, ich wäre unsichtbar wie Nertëa. Nertëa sagt, sie wünsche, sie wäre mutig wie ich.

     Vielleicht sind auch die Nazgûl unsichtbar, weil sie Angst haben.

     „Irgendwann wirst du auf mich aufpassen müssen“, hat meine Mutter auch an dem Tag wieder zu mir gesagt, an dem meine Geschichten begannen. – „Aber wieso?“, habe ich gefragt. – „Irgendwann werde ich alt sein. Und dann möchte ich, dass du bei mir sitzt und mir Geschichten erzählst, so wie ich dir immer Geschichten erzähle. Aber noch bin ich nicht alt.“ – „Warum wirst du denn alt?“ – „Weil das Leben eine Reise ist und eine Reise uns erschöpft.“ – „Eine Reise? Zum Einsamen Berg?“ – Mutter hat gelacht. „Das Leben ist eine Reise in die Zukunft. Wir alle reisen in die Zukunft, denn die Zukunft ist das unentdeckte Land.“ – „Wenn die Zukunft ein Land ist, ist die Vergangenheit dann auch eines?“, wollte ich wissen. Und dann ist meine Mutter plötzlich anders geworden. Sie hat an mir vorbeigeschaut, ganz kurz, so als wollte sie Nertëa suchen, aber sie war nicht da und wenn sie es gewesen wäre, dann hätte Mutter sie nicht gefunden.

     Während sie mich nicht angesehen hat, habe ich sie angesehen. Und ich habe mich gefragt, ob sie aus diesem Vergangenheitsland gekommen ist, ob sie mit einem Pferd, bestimmt mit Créda, durch Gondor geritten ist und dann plötzlich meinen Vater gefunden hat, der aus einem anderen Vergangenheitsland gekommen ist. Vater ist auf Þracian geritten oder vielleicht auf Þracians Vater, denn Þracian ist ja nicht viel älter als ich, glaube ich. Trotzdem war Þracian sogar noch schneller in Osgiliath als Créda, aber ich glaube, Vater hat Þracian angetrieben. Ich glaube, Vater hat Þracian geschlagen, damit er ihn schneller nach Osgiliath bringt. Ich glaube, er hätte Þracian totgeprügelt, um in einer Stunde einen einzigen Meter mehr zurückzulegen. Er hätte dann geweint, weil Þracian tot wäre.

     Und beim Weinen wäre er zu Fuß weitergerannt, weiter nach Osgiliath

     Mutter weiß davon nichts. Mutter sah mich am Tag, an dem meine Geschichten begannen, mit ruhigen Augen an und ich schlug ihr vor, mit meinen Geschichten zu beginnen: „Mutter“, sagte ich, „wieso muss ich warten, bis du alt bist, ehe ich dir zur Nacht Geschichten erzähle?“ – Sie lachte. „Nun … Kennst du denn eine?“ – „Meine.“ – „Aber kenne ich sie nicht schon?“ – „Nein. Du kennst sie noch nicht.“ – „Dann verabreden wir uns für heute Abend?“ –  Ich nickte und wir gaben uns beide die Hand.

     Am Abend kam sie in mein kleines Zimmer, eines der Gästezimmer im Haus meiner Tante, voll mit wunderschönen Möbeln und einem simplen, kleinen Holzschemel, und Mutter nahm den Holzschemel und stellte ihn neben mein Bett und nahm dann auf ihm Platz. Sie sah kurz zum Fenster und sicher überlegte sie, ob sie es schließen sollte, denn das überlegt sie immer, wenn es offen ist, vielleicht beginnt sie mit dem Überlegen schon in dem Moment, in dem sie es öffnet. Meistens öffne ich es, auch wenn das Monster, das sie ‚Nachtkälte‘ nennt und ich ‚Nazgûl‘, dann hineingelangen kann. Mein Fenster zeigt nach Westen, weg vom Schwarzen Land, hin zur Weißen Stadt und wenn ich mich genug anstrenge, kann ich sie in der Ferne manchmal sehen, denn das Haus meiner Tante liegt dichter an ihr als unser altes Haus in unserem alten Dorf, das wir verlassen haben. Mutter und Tante sagen, die Stadt sei zu weit weg, um sie zu sehen, und ich würde es mir nur einbilden, aber manchmal sehe ich sie trotzdem und dann weiß ich, dass ich sie irgendwann einmal besuchen werde.

     „Also“, sagte ich, als Mutter sich gesetzt hatte und mich genau so ansieht, wie ich sie wohl immer ansehe, wenn sie eine Geschichte kennt, die ich nicht kenne. „Also“, sagte ich, „meine Geschichte beginnt, als wir noch in unserem alten Dorf gelebt haben. Nertëa kommt darin vor. Ich auch und Vater auch. Und Vater wird wieder auf Þracian reiten, denn er muss ja Créda verfolgen.“ – „Wo bin ich in der Geschichte?“, fragte meine Mutter. – „Hier.“ Ich deutete ein wenig nach unten, denn mein Zimmer ist im zweiten Stock und mein ausgestreckter Finger zeigte jetzt in etwa auf das Wohnzimmer meiner Tante, das hinter einem Steinfußboden und einer Wand liegen musste. „Du warst schon hier. Du hast mit Tante Silivren die Zimmer hergerichtet.“ – Mutter lächelte. „Stimmt, das habe ich wirklich. Dann ist deine Geschichte erst vorletzte Woche geschehen?“ – Ich hatte die Tage nicht gezählt. „Ich glaube schon“, antwortete ich und Mutter lachte wieder.

     „Meine Geschichte beginnt damit, dass ich nachts aufgewacht bin, weil Vater in eurem Zimmer geschnarcht hat.“ – Mutter lachte. – „Ich glaube, er hat geschnarcht, weil er gerade keine Angst vor dir zu haben brauchte.“ – Mutter lachte ein zweites Mal, dieses Mal lauter. „Ich sehe, dein Vater ist auch in deiner Geschichte noch der selbe.“ – Ich dachte kurz nach und stellte dann fest, dass sie Recht hat. Natürlich war Vater noch Vater, wie könnte es auch anders sein, wer könnte er auch anderes sein. Ich erzählte weiter: „Ich ging nach unten und entschloss mich fortzugehen. Ich nahm Créda, denn Créda ist schnell und tapfer. Ich nahm Nertëa mit, denn es war Nertëas Idee gewesen, zu gehen, und zudem ist sie weise und erwachsen. Und ich nahm Vaters Schwert mit, denn mit Vaters Schwert begann alles und Vaters Schwert sollte am Ende meiner Reise der Schlüssel zu allem sein.“

     Mutter blickte mich an und in ihrem Gesicht stand etwas, das Erwachsene – glaube ich – ‚Faszination‘ nennen. „Créda, Nertëa und du. Und Vaters Schwert ist der Schlüssel …“ Sie schüttelte mit einem breiten Lächeln ihren Kopf. „Wie kommst du auf all diese Dinge?“, fragte sie. – „Ich erinnere mich“, erklärte ich. – Mutter lachte. „Ja, vielleicht ist das der Trick.“ – Ich überlegte kurz, wusste aber nichts zu antworten. Schließlich fuhr ich fort mit dem Erzählen: „Ich ritt auf Créda, und Nertëa führte uns. Wir brachen nach Osgiliath auf, denn dort würde es bald kalt werden. Nertëa wusste das und Nertëa hatte Recht, sie hatte mir versprochen sich nicht mehr zu irren, noch bevor wir losgezogen sind. Und sie hatte mir versprochen, dass wir rechtzeitig zurück sein würden, denn sonst würde Vater Ärger mit dir bekommen, wenn du zurück bist aber ich noch nicht. Diese beiden Versprechen hat Nertëa gegeben und sie hat ein drittes angeboten, aber das dritte wollte ich nicht, denn da habe ich ihr vertraut, also musste sie es mir nicht versprechen.“ – Mutter sah mich fragend an. – „Im Griff des Schwertes“, sagte ich, „war etwas. Nertëa hat mir erzählt, was dieses Etwas bedeutet. Ich konnte es nicht prüfen, aber ich vertraute ihr.“

     Meine Mutter war auf ihrem Holzschemel, den sie all den anderen, schöneren Möbeln vorgezogen hatte, weit nach vorne gerückt. Näher zu mir heran. „Was war im Griff von Vaters Schwert?“, flüsterte sie und in ihrem Blick stand Stolz, aber ich wusste nicht, worauf.

     Ich flüsterte zurück: „Das erzähle ich dir morgen.“

     

     

     

     TAGE VOR DEM UNTERGANG


     

     Geliebte, die Du alle Namen abgelegt hast,

     ich schreibe Dir diesen Brief mit besonderer Tinte auf besonderem Papier, auf ‚ewigem Papier‘, wie es die Weisen nennen. Du bist gelehrter als ich und ich bin sicher, Du kennst noch weitere seiner Namen. Vielleicht lachst Du auch mit zwei weinenden Augen über die Ironie, dass eine Art von Papier so viele Namen besitzt und wir beide keinen einzigen.

     Ich vermisse Dich.

     Wenn Du diesen Brief, dieses Blatt von ewigem Papier, aus seinem Versteck genommen hast, dann wird er schmutzig sein, ein wenig zerrissen wohl ebenfalls. Und ich bin dankbar, dass ich den Brief dann nicht sehen muss, dass ich nicht sehen muss, wie wenig ich Dir gebe und wie erbärmlich dieses Wenige ist. Ein paar Zeilen auf einem Stück Schmutz. Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet, um zur Elite unseres Landes, das nun nicht mehr unseres ist,  aufzusteigen. Ich bin reich an Gütern und Dienern. Und all dieser Reichtum ist zu nichts gut, denn das einzig Gute vermag er nicht zu bewirken. Ich flehe Dich an, bewirke Du dieses Gute für mich und bleibe versteckt.

     In Liebe, dein Namenloser.

     

     Geliebter Namenloser,

     der Du mir mit diesen Zeilen mehr geschenkt hast, als jeder andere. Auch wenn ich die Stadt ebenso hasse, wie sie mich hasst, so ist Armenelos doch das beste Versteck, das ich mir wünschen könnte. Auch wenn der König hier seine Armeen sammelt und seine Häscher durch die Gassen jagen, um all jene aufrichtigen Herzens zu fangen und ihnen dann das Leben zu nehmen, so wagen sie sich noch immer nicht in die finstersten und schmutzigsten Teile der Stadt und genau dort lebe ich.

     Komm nicht, um mich zu holen. Ich flehe dich an, komm nicht.

     Die Götter wissen, was hier geschieht. Sie sind nachsichtig und milde und deshalb erlauben sie all diese Gräueltaten. Doch der Rauch, die sich verflüchtigende Asche all jener, die im Tempel lebendig verbrannt werden, steigt zu ihnen auf und in seiner Nacht sehen die Götter die leuchtenden Seelen der Ermordeten. Sie schicken bereits Zeichen der Warnung, Geliebter: Blitze tobten vorgestern über dem Tempel. Die Valar werden bald kommen und das Licht zu uns zurücktragen. Und dann werden wir beide endlich zusammen sein.

     In Liebe, deine Namenlose.

     

     Geliebte Namenlose,

     ich schreibe Dir, nachdem ich bereits den gesamten Vormittag hier gesessen und auf mein Spiegelbild gestarrt habe, das mich aus der Tiefe des Nertëa-Glases anblickt und bemitleidet. Es erinnert mich daran, dass ich es noch immer kaum glauben kann, wenn ich mich deinem Brief nähere und die Nertëa-Tinte mit einem Mal sichtbar wird. Wie sagtest du doch? In dem Glas, das ich besitze, ist Nertëa-Tinte mit deinem Blut gemischt, in deinem Glas ist es mit meinem vereint. Ich sehe deine Briefe, du siehst meine. Der Rest der Welt sieht leere Blätter.

     Mir ist ein zweites dieser Wunder offenbart worden, wenngleich auch ein dunkles. Es ist ein dunkles Wunder, das wir für lichte Zwecke einsetzen können, so lange, bis die Götter Erbarmen mit den Menschen gezeigt und dieses Land befreit haben. Der König selbst sandte mir dieses Wunder und er, der sich der Herr der Geschenke nennt, überbrachte es. Das Wunder ist in einem Gegenstand versiegelt und berühre ich diesen, dann spüre ich die Dunkelheit. Aber ich bin stark. Und seit ich dich nicht mehr sehen darf, haben mein Zorn auf die anderen und meine Liebe zu Dir mich noch stärker gemacht. Ich werde dieses dunkle Wunder unterwerfen und dann werde ich Dich lehren, es zu verwenden. Es wird Dir helfen. Halte nur noch ein wenig länger durch, Geliebte.

     In Liebe, dein Namenloser.

     

     

     

     BILDER EINER DÄMMERUNG


     

     Wenn man die Welt um Zukunft und Vergangenheit beraubt, dann bleibt nur noch ein Moment. Ein einziges Bild.

     Am Rande dieses Bildes steht die alte Frau, die jeden Tag auf dem Marktplatz ihr Gemüse verkauft. Gerade verstaut sie all ihre Habseligkeiten und will nach Hause zurückkehren – sie weigert sich, den Marktplatz als ihr Zuhause anzusehen – doch als Teil eines Bildes kann sie sich nicht bewegen. Ihre Finger sind in einer seltsamen Haltung versteinert, ihre Augenlider rühren sich nicht mehr. Ihr spärliches Haar steht in alle Richtung ab, zerzaust von einem Wind, der nun ebenso gefroren ist wie die Welt, durch die er tobte.

     Allein ein Echo hallt noch nach, jene Worte, die sie gerade zur Frau eines anderen Händlers gesagt hat: „Der Junge hat heute wieder im Wald gespielt“, hallt es, während die Welt in Regungslosigkeit gefangen ist. „Sicher mag er dunkle Orte. Dunkelheit, das liegt ihm im Blut. Hab ihn sprechen gehört, als er vorbeigerannt ist. Er spricht immer mit jemandem, als stünde da wer neben ihm. ‚Nertëa‘, hat er gesagt. ‚Hör auf dich zu irren, Nertëa‘, sagte er. Hat dunkle Augen. Kein Wunder. Die arme Familie der Mutter, dass sie …“ Das Echo hat die Gegenwart erreicht. Neben der alten Gemüsehändlerin steht noch immer versteinert die andere Frau, ihr Gesicht eingefroren in einem Kopfnicken.

     Ohne Zeit kann sie den Kopf nicht wieder heben und so sieht es nun aus, als würde sie ihr Haupt aus Scham senken.

     An einem völlig anderen Ort im Dorf, im Haus einer der ärmeren Bauernfamilien, hat sich eine Mutter über ihre in eine dicke Bettdecke gekuschelte Tochter gebeugt. Als die Zeit verloren gegangen ist, hat die Mutter gerade geblinzelt, und so sind ihre Augen nun geschlossen, obgleich ihr Gesicht auf ihre Tochter deutet. Das Echo verkündet mit der Stimme der Mutter: „… nicht zu nahe. Dieser Junge ist nicht wie die anderen, er ist der Spross einer verdorbenen Familie. Um seinen Vater ranken sich dunkle Geschichten und der Sohn wird bald seine eigenen hinzufügen. Ich bete, dass du nicht in ihnen vorkommen wirst und …“ Das Echo endet.

     Draußen am Fenster geht die Sonne unter. Am anderen Ende des Dorfes hat der ach so verdorbene Sohn mit den dunklen Augen gerade die erste Hälfte jener Gute-Nacht-Geschichte beendet, die er seiner Mutter erzählen möchte.

     Er schläft nun und er träumt.

     

     

     

     LEBEN ALS EIN TRAUM


     

     Ich träume. Ich träume von der Frau, die ich Nertëa nenne. Zum ersten Mal. Sonst ist sie stets nur in der Welt der Wachen. Jetzt ist sie auch hier. Doch offenbar bin ich es nicht. Offenbar bin ich kein Teil meines eigenen Traums. Bin gar nicht da. Denn Nertëa sieht mich nicht. Sie spricht mit einem Mann, der in vornehme Gewänder gekleidet ist. Ein Fürst, weiß ich mit einem Mal.

     Nertëa: Ich möchte, dass du dich um ihn kümmerst. Wenn er weiterhin im Dreck von Armenelos aufwachsen muss, Geliebter, dann wird unser Sohn sterben. Nimm ihn zu dir.

     Schreie. Im Hintergrund höre ich nun einen Säugling weinen. So, als hätte mein Traum ihn gerade erschaffen, um Nertëas Bitte zu bekräftigen.

     Der Fürst sieht in eine Richtung, sieht dorthin, wo der Säugling vermutlich liegt. Er sagt: Was ist das nur für eine Welt, in der Mütter von ihren Kindern getrennt werden müssen? Verflucht seien der König und der Herr der Geschenke. Ich werde unseren Sohn zu mir nehmen, aber ich werde ihm jeden Tag von seiner Mutter erzählen.

     Nertëa nickt. Sie ist dankbar, das sehe ich. Dennoch bricht es ihr das Herz. Dann zwingt sie Ernst in ihr Gesicht. Macht sich etwas größer. Sagt dann: Geliebter, du sprachst von einem dunklen Wunder, das du zu beherrschen suchst.

     Der Fürst: Oh, gewiss. Ich … habe es hier. Der König sandte es mir, um mich gefügig zu machen. Doch ich bin nicht bestechlich. Ich habe viel über dieses Wunder gelernt und bald werde ich dich lehren können, wie du es einsetzen kannst. Es wird dir helfen.

      Nertëa: Dir scheint es nicht zu helfen. Du trägst eine Last. Du hast dich verändert. In den meisten deiner Briefe hast du endlose Zeilen über dieses dunkle Objekt geschrieben. Wie könnte es mir helfen in Armenelos zu überleben?

     Ich erschrecke. Das Gesicht des Fürsten verfinstert sich. Schatten erwachen dort, wo vorher keine gewesen sind. Er sagt: Er macht dich unsichtbar, Geliebte! Der Ring, den man mir schenkte, er wird dich unsichtbar machen!

     Nertëa: Gib ihn mir.

     Der Fürst: Es ist noch nicht so weit. Er ist gefährlich.

     Nertëa: Eben deshalb. Gib ihn mir.

     Ich sehe, wie der Fürst kämpft. Er kämpft gegen etwas, das in ihm wohnt und nicht mehr fortgehen wird. Unter Anstrengung sagt er: Also gut, Geliebte. Berühre ihn, aber gebe ihn mir gleich zurück, wenn er dir Angst macht.

     Eine Welle von Traurigkeit geht von Nertëa aus und sie trifft mich mit aller Härte. Nertëa sagt: Ich habe Angst. Gleichzeitig nimmt sie den Ring an sich, steckt ihn sich jedoch nicht an. Stattdessen verschluckt sie ihn.

     Der Fürst schreit. Der Säugling weint. Nertëa wird unsichtbar. In meinem Traum wird Nertëa unsichtbar. So unsichtbar, wie sie für Mutter und Vater ist. Und für alle anderen Menschen. Der Ring hat das mit ihr gemacht.

     Plötzlich wirbelt der Fürst herum. Mein Traum verschwimmt, zerreißt sich selbst, ich verliere meine Ruhe. Der Fürst wird von etwas niedergeschlagen. Ein zweiter Mann betritt meinen Traum, eines seiner Augen leuchtet glutrot. Mit einer Klinge sticht er in die Luft. Die Luft beginnt zu bluten. Rote Flüssigkeit platzt aus dem Nichts heraus. Die unsichtbare Nertëa kreischt auf. Doch sie wird nicht wieder sichtbar.

     Sie stirbt einfach nur. Und in einer Lache aus Blut liegt ein goldener Ring.

     Als ich aufwache, sitzt Mutter an meinem Bett und hat ihre Arme um mich geschlungen.

     

     

     

     TAGE VOR DEM UNTERGANG


     

     Geliebte Namenlose,

     ich fühle mich, als würde Númenor mit jedem Tag dunkler werden. Es betrübt mich zutiefst, dass unser Sohn in einem dem Untergang geweihten Reich aufwachsen muss, und noch mehr betrübt es mich, dass ihm nicht einmal eine vollständige Familie vergönnt ist. Ich vermisse ihn, obgleich ich ihn noch nie gesehen habe. Und fast noch mehr vermisse ich Dich.

     Ich habe in all der Zeit nicht gelernt, den Gedanken zu ertragen, dass Du, die letzte Elbin auf der gesamten Insel, allein und mit einem neugeborenen Kind durch die Gassen der Hauptstadt eilen musst, immerzu auf der Flucht. Ich erforsche Tag und Nacht den Ring, den mir König Ar-Pharazôn und der Herr der Geschenke gaben. Wenn ich ihn verstanden und bezwungen habe, dann werden wir uns endlich wiedersehen und er wird Dir helfen. Ich werde Dir endlich helfen dürfen.

     In Liebe, dein Namenloser.

     

     Geliebter Namenloser,

     nun endlich antwortest Du? Ich habe Dir so viele Briefe geschrieben, sie alle verschwanden aus dem Versteck, aber es kam keine Antwort. Man ist mir und unserem Sohn auf den Fersen. Lange können wir uns nicht mehr versteckt halten. Der Herr der Geschenke, Sauron, sendet immer mehr Jäger nach uns aus. Der König und Sauron ziehen ihre Armeen zusammen. Es gibt kaum noch Orte, zu denen ich gehen kann. Gewaltige Flotten sammeln sich, wie du sicher längst weißt, und es heißt, sie wollen nach Valinor segeln. Täglich werden mehr Menschen in Morgoths Tempel verbrannt und einmal ist dort bereits der Blitz eingeschlagen. Die Götter zürnen.

     Ich muss Dich endlich sehen. Ich will, dass Du unseren Sohn zu Dir nimmst. Und ich möchte, dass Du den Ring, Dein dunkles Wunder, fortgibst.

     Ich habe Angst, Geliebter.

     Ich habe Angst vor dem, was aus Númenor wird.

     Ich habe Angst vor dem, was aus Dir werden könnte.

     

     

     

     BILDER EINER DÄMMERUNG


     

     Wenn man die Welt um Zukunft und Vergangenheit beraubt, dann bleibt nur noch ein Moment. Ein einziges Bild.

     Irgendwo in diesem Bild schweben zwei Jungen. Sie sind in der Luft gefangen, können weder vor noch zurück. Ihre Körper sind Teil einer heftigen Laufbewegung, ja geradezu eines Fluchtsprints. Die Sonne geht in der Ferne unter und lässt auf dem Gras unter den Jungen zwei langgezogene Schatten entstehen, die ein wenig wie Geister aussehen.

     Ein Echo hallt noch nach, entstammt noch der Zeit, bevor sie aufgesprungen sind und begonnen haben, um ihr Leben zu laufen. Das Echo spricht mit der Stimme des größeren der Jungen und es sagt: „Dort oben ist das Zimmer. Da wohnt er. Ist vor ein paar Tagen mit seinem Vater hier angekommen. Seine Tante lebt in dem Haus. Seine Mutter ist schon seit zwei Wochen hier. Mutter und Tante sind Schwestern. Die Mutter war hier zu Besuch. Als der Feind Osgiliath angegriffen hat, sind er und sein Vater geflüchtet. Hierher.“

     Das Echo des anderen Jungen: „Meine Mutter sagt, er und sein Vater sind aus einer bösen Familie.“

     Und dann mischen sich zwei Echos ineinander, zwei Sätze sind gleichzeitig ausgestoßen worden. Der eine Junge hat gerufen: „Das Licht im Zimmer ist an, lauf!“

     Und der andere.

     Der andere hat im gleichen Moment ebenfalls etwas gesagt.

     Er hat gesagt: „Einer der Vorfahren von ihm und seinem Vater … Es heißt, einer von denen war ein Nazgûl.“

     

     

     

     NÄCHTE MEINER REISE


     

     Ich sah den zwei Jungen noch eine Weile nach. Sie rannten durch den großen Garten, der das Haus meiner Tante umgibt. Ich hatte nicht gehört, was sie gesagt hatten, aber ich konnte es mir denken. In meinem alten Dorf kannte jeder das Gerücht. Und hier war es offenbar nicht anders. Ein Vorfahre meines Vaters. Ein Vorfahre von mir war ein Fürst der Insel Númenor. Und er war ein Nazgûl. Ein Ringgeist. Das ist es, was viele glauben. Ich glaube es nicht. Ich weiß es.

     Ich trat vom Fenster zurück und legte mich ins Bett. Meine Mutter kam herein und lächelte mich an. Sie fragte nach dem zweiten Teil der Gute-Nacht-Geschichte, die ich gestern begonnen hatte. Ich nickte. Sie setzte sich wieder auf den alten Holzschemel, neben mir ans Bett, und sagte: „Du bist also in deiner Geschichte mit Créda und Nertëa und mit Vaters Schwert nach Osgiliath aufgebrochen.“ Wieder schüttelte sie fasziniert den Kopf. „Und ihr seid losgezogen, weil du im Griff des Schwertes etwas gefunden hast. Etwas, das nur Nertëa verstand?“ – Ich nickte. „Ich kann nicht lesen. Sie hat es mir vorgelesen.“ – Mutter keuchte vor Überraschung auf. „Nertëa hat … Aber Nertëa ist doch gar nicht rea…“ Dann schüttelte sie den Kopf. „In einer Geschichte ist nichts unmöglich“, sagte sie, offenbar an sich selbst gewandt. „Sag, in dem Griff von Vaters Schwert waren also Schriften?“

     „Ja“, sagte ich. „Briefe. Ich war nachts aufgestanden und hatte den Griff geöffnet. In der Nacht, in der ich nach Osgiliath aufgebrochen bin. Als ich die Briefe herausnahm, waren sie zuerst keine Briefe. Sie waren leer. Aber dann sind auf einigen der leeren Blätter, sie sind aus seltenem Papier gemacht, glaube ich, Schriftzeichen erschienen. Zuerst dort, wo meine Hände das Papier berührten, dann schließlich überall. Nertëa hat sie mir vorgelesen. Sie gab kein Versprechen ab, sich beim Lesen nicht zu irren, aber ich vertraute ihr. Und das tue ich auch jetzt noch.“ – „Was waren das für Briefe?“, raunte Mutter. – „Es waren Briefe zwischen zwei Namenlosen. Zwischen zwei Liebenden. Die Liebende war Nertëa. Damals, als sie noch sichtbar war. Bevor sie den Ring verschluckt hat. Und der Liebende war ein Vorfahre von Vater. Der Fürst, der zum Nazgûl wurde.“

     Mutters Augen standen weit offen. Ihr Gesicht war erstarrt. „Dieses Wort, es …“ Sie begann zu zittern, wandte ihren Blick von mir ab. „Das sind nur Gerüchte. Es sind alles nur Gerüchte. Vater weiß es selbst nicht mit Sicherheit und ich glaube, er glaubt nicht wirklich daran, dass einer seiner Vorfahren … Ich möchte nicht, dass du das zu einem Teil deiner Geschichten machst.“

     Ich schüttelte traurig den Kopf. „Es war schon immer ein Teil meiner Geschichte.“

     Mutter faltete ihre Hände. „Erzähle sie zu ende. Bitte.“ – Ich nickte. „Wir zogen nach Osgiliath. Créda, Nertëa und ich. Als wir im Westteil der Stadt ankamen, hatte die Nacht gerade den Ostteil besetzt. Wir kamen an den Fluss. Soldaten in silbernen Rüstungen sagten, wir sollten umkehren …“, ich begann zu weinen, „… aber das taten wir nicht. Wir zogen weiter. Am anderen Ufer konnten wir sehen, wie sie Soldaten ins Wasser geworfen haben. Manchmal auch nur halbe Soldaten. Oder Arme. Köpfe. Und über uns … über uns kreisten die Schatten. Deine Kältegeister, Mutter. Die Nazgûl. Einer von ihnen bemerkte uns. Die anderen nicht. Gar nicht. Aber der, der am weitesten weg war, ausgerechnet er bemerkte uns. Und er stieß zu uns herab. Der Schatten … immer näher … Und ich hielt ihm die Briefe hoch … warf sie alle hoch … auf einigen waren die Buchstaben so deutlich zu erkennen, wie nie zuvor …“

     Mutter weinte. Ich weinte.

     „… und dann ist er fortgeflogen. Er hätte mich töten können und er hat es nicht getan. Denn in der Tinte auf den Briefen ist sein und Nertëas Blut. In meinen Adern ist sein Blut. Und die Elbin, die ich nur unter dem Namen Nertëa kenne, ist die Frau, die er über alles in der Welt geliebt hat!“

     Überall Tränen.

     „Vater ist mir gefolgt! Er ist mir auf Þracian gefolgt, ist nach Osgiliath geritten, und er hat Þracian fast umgebracht, damit er schneller war, das war in seinem Blick, als ich ihn sah, in dem Blick war, dass er jeden umgebracht hätte, um nur eine einzige Stunde früher in …“

     Mutter war fort.

     

     

     

     WIR LEBEN IN GESCHICHTEN


     

     Es ist spät am Abend. Eine Mutter rennt und fällt die hölzerne Treppe hinunter, kommt schwankend vor dem Tisch zum Stehen, an dem ein einsamer Vater sitzt. Er blickt auf und hinter all ihren Tränen kann er ihr Gesicht nicht sehen.

     Sag mir, befiehlt die Mutter.

     Dass unser Sohn.

     Zusammen mit dir.

     In unserem Zuhause war.

     Die ganze Zeit.

     Sag mir das.

     Versprich mir das.

     Schwöre.

     Dass das alles nur eine Geschichte ist.

     

     






Eine Art von Ende





A/N: Ach ja, es wäre nett, wenn ihr in eventuellen Rückmeldungen das Geheimnis um die Familie wahrt... ;-)
 
 
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