Aus Fehlern lernen

von Lalaith
GeschichteDrama / P12
05.11.2007
05.11.2007
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Dieses Kapitel
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Aus Fehlern lernen

Autorin: Lalaith

Genre: One-Shot

Rating: PG-12, denk ich mal

Disclaimer: Alle Rechte liegen bei J.K. Rowling, und diese gute Frau verdient das Geld, nicht ich =) Wie schon gesagt.
Diese Story ist die Fortsetzung zu dem One-Shot „Der Fehler in seinem Plan“, denn anscheinend schrie das Ende gerade zu nach Weitergeschreibsel ^^ Ein Second Shot *juhuuu*

Inhalt: Der erste Schock über die Niederlage gegen Hufflepuff ist überwunden, und trotzdem scheint nichts beim Alten zu sein. Oliver weicht seinem Team aus, verbringt seine Zeit alleine, grübelt. Irgendwie muss der Fehler, den er glaubt, gefunden zu haben, doch zu beheben sein! Und während er nachdenkt und dadurch den Sport und sein Team vernachlässigt, erkennt er endlich, dass er gerade dabei ist, den wirklichen Fehler zu begehen…

Wie gesagt, Fortsetzung zu „Der Fehler in seinem Plan“, die es ja auch auf dieser Seite zum Ankucken gibt =)
Kursive Stellen bezeichnen großteils und zu 90% Olivers Gedanken.

Feedback: Bitte bitte!!! *schon mal Kekse auspack* Ich freu mich immer über Lob, Kritik, Beschwerden, Vorschläge aller Art! Sagt einfach was dazu!

Eure Lala

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Egal, wie er es drehte und wendete, er kam zu keiner Lösung.

Seit Stunden schon hatte er sich in seinem Büro draußen auf dem Gelände verbarrikadiert; die Beine übereinander geschlagen saß er an seinem Schreibtisch, der mitten in dem doch ziemlich gemütlich eingerichteten Raum stand. Ein großes, dunkles Regal neben der Tür barg sein geliebtes Modell des Quidditchfeldes, das er nur in seltenen Fällen mit nach oben ins Schloss nahm, einige Ordner mit den vielen verschiedenen Taktiken, Strategien und Spielzügen, die er je ersonnen hatte; sowie ein paar Stapel der Zeitschrift „Rennbesen im Test“ und „Quidditch aktuell“.
Die dunkel getäfelte Wand zierten einige Bilder und Fotos, Aufnahmen, die nach diversen Spielen von ihm und seinem Team geschossen worden waren sowie einige Bilder aus seiner Heimat.
Dem Schreibtisch gegenüber prasselte ein munteres Feuer im kleinen, steinernen Kamin.

Doch obwohl das Feuer eine wohlige Wärme entsandte, fröstelte er.

Mit fahrigen Fingern zog er seinen Umhang fester um sich und richtete seinen Blick starr auf das Mannschaftsbild an der Wand. Es war im letzten Schuljahr nach ihrem spektakulären Sieg über Slytherin aufgenommen worden; alle im Team lachten – sogar Harry, der sich trotz seines Armes zu einem Siegesfoto hinreißen hatte lassen –  und die Mädchen winkten fröhlich in die Kamera. Ein Anblick, bei dem sich etwas Kaltes wie eine Faust um sein Herz schloss.

Seine Sicht verschwamm und er blinzelte ungehalten. Noch einmal durfte er keine Schwäche zeigen, nicht nach dem Zwischenfall vor vier Tagen. Niemanden aus der Mannschaft hatte er seitdem gesehen, oder – besser gesagt – sehen wollen. Er wusste, dass sie ihn nicht verstanden; dass sie keine Ahnung hatten, wie er sich fühlte.

Der Fehler in meinem Plan liegt bei keinem von euch … er liegt bei mir …

Wieder und wieder durchzuckten seine eigenen Worte seine Gedanken, wieder und wieder spielte sich diese Szene vor seinem geistigen Auge ab. Und trotz allem kam er zu keiner Lösung des Problems.

Sein Kopf schmerzte bereits vom vielen Nachdenken und er schloss verbittert die Augen. Jetzt von diesen Selbstzweifeln gepeinigt zu werden, trieb ihn langsam aber sicher in den Wahnsinn. Es wäre wohl besser gewesen, er wäre unter der Dusche geblieben und hätte –

Nein! Hör auf, so etwas zu denken, schalt er sich in Gedanken und schüttelte unwillig den Kopf, wodurch der pochende Schmerz noch an Intensität zunahm. Er seufzte, stützte sich auf der Tischplatte auf und massierte seine Schläfen mit den Fingerspitzen.

Auf dem freien Fleck Tisch neben sich stapelten sich mehrere dicke Bücher mit verschlissenen Einbänden, die teils das Siegel der Bibliothek trugen und teils sein Eigen waren, daneben Pergamentrollen, von denen nur wenige beschrieben waren. Seine Hausaufgaben waren es, die sich so penetrant und aufdringlich in sein Blickfeld zu rücken schienen, doch dafür hatte er keinen Kopf. Er ignorierte, dass er Ende des Jahres seinen Abschluss machen wollte und dafür gute Noten brauchte; er ignorierte die Tatsache, dass McGonagall ihm den Hals umdrehen würde, wenn er die zweite Verwandlungsstunde in Folge ohne seinen Aufsatz auftauchte.

Seufzend schob er den Stapel mit einem Ruck beiseite und die Pergamentrollen kullerten vom Tisch, gefolgt vom lauten Poltern der schweren Bücher.

„MIST!“

Die Mühe, aufzustehen und alles aufzuheben, machte er sich nicht. Es hatte sowieso keinen Sinn.

Schwerfällig ließ er sich zurück auf seinen Stuhl fallen und verbarg das Gesicht in den Händen. Wieder, wie schon auch in den letzten Tagen, begann er, nachzudenken.
Dass er schon längst wieder ein Training hätte ansetzen sollen, wusste er. Erst gestern hatte er Fred und George gehört, wie sie über ihr kommendes Spiel gegen Ravenclaw mit einer Zuversichtlichkeit sprachen, als wäre nichts gewesen. Als hätten sie keine Niederlage einstecken müssen.

Widerwillig gab er zu, dass sie Recht hatten. Das Leben ging weiter, auch nach so einem Erlebnis. Doch so, wie es bisher gewesen war, konnte er nicht weitermachen.

Finde eine Lösung, finde eine Lösung …

Es war leichter gesagt, als getan. Nächtelang hatte er sich in seinem Bett herumgewälzt, während die anderen schon längst schliefen; hatte wachgelegen und sich den Kopf zerbrochen, was er ändern sollte; war in Schulstunden eingenickt und von etlichen Lehrern –besonders von Professor McGonagall, bei der das am öftesten geschah – getadelt worden; vernachlässigte seine Hausaufgaben und das Training, so sehr war er damit beschäftigt, über sich und die Lösung des Problems nachzudenken.

Doch er fand keine.

Die Idee, die ihm als allererstes gekommen war, hatte er sofort wieder verworfen. Über kurz oder lang würde Zurücktreten keine besonders gute Option darstellen. Außerdem würde er sich damit vor seinem Traum geschlagen geben, und das konnte er nicht zulassen.

Seine Finger trommelten unablässig und behände über die Tischplatte, als er seine Gedanken weiterschweifen ließ.
Irgendetwas musste er sich einfallen lassen; irgendetwas, das dem Team wieder die Motivation und den Glauben in einen Pokalsieg zurückgeben würde.

Bevor er sich noch weiter in diesen Gedanken vertiefen konnte, pochte es plötzlich laut an der Tür. Drei mal, wie Donnerschläge.
Er zuckte zusammen und richtete seinen Blick auf die Tür, dann auf seine Armbanduhr. Wer schlich noch so spät (außer ihm natürlich) auf dem Gelände herum?

Schweigend richtete er sich auf, machte jedoch keine Anstalten, zur Tür zu gehen und diese zu öffnen. Sehen wollte er niemanden.

Es pochte noch einmal laut an die Tür, darauf folgte eine laute Stimme, die er zweifellos als die Freds interpretierte.

„Oliver?“

Keine Antwort.

„Oliver! Verdammt nochmal, wir wissen, dass du dich seit Tagen da drin verkriechst! Hör auf, irgendwelchen unsinnigen Gedanken nachzuhängen und schwing deinen schottischen Arsch  hier raus! Sonst kommen wir rein!“

Zustimmendes, gedämpftes Gemurmel drang in das Kapitänsbüro und Wood erhob sich langsam von seinem Stuhl. Mit einer solchen Konfrontation hatte er wohl gerechnet, doch nicht zu diesem Zeitpunkt.
Langsam, als würde er jeden Schritt einzeln überdenken, ging er hinüber zur Tür und lehnte sich dagegen, die Augen hielt er geschlossen.

„Was wollt ihr?“

Er hatte seine Stimme entschlossen und ablehnend klingen lassen wollen, doch gegen seinen Willen klang sie nun heiser und belegt.

Einige Augenblicke war es still auf der anderen Seite der Tür, dann sprach wieder jemand, dieses Mal war es Angelina.

„Oliver, wir machen uns Sorgen um dich! Du musst endlich begreifen, dass es niemandes Schuld ist, dass wir das Spiel verloren haben! Weder Harrys, noch unsere und am allerwenigsten deine!“

„Wenn wir Ravenclaw schlagen wollen …“
„…dann müssen wir trainieren“, kam es von George und Fred, der nun nicht mehr ganz so aufgebracht klang.

„Und das können wir nicht ohne einen Kapitän. Ohne dich, Oliver“, vollendete Katie aufmunternd. Harry und Alicia pflichteten ihr dumpf murmelnd bei.

Sie warteten eine Weile, ob sich irgendetwas im Kapitänsbüro regte, doch nichts geschah. Keine Antwort bekamen sie auf ihre Worte, was Fred – wiederum – ungemein wütend machte.

„Du verdammter schottischer Sturkopf“, donnerte er und trat mit einem Fuß so kräftig gegen die Holztür, dass Oliver auf der anderen Seite den Schlag sehr wohl zu spüren bekam.

Sich rasch entfernende Schritte kündigten gleich darauf an, dass der Zwilling mit einem „Du wirst schon sehen, was du davon hast!“ davon rauschte.
Der Rest des Teams versuchte ihn aufzuhalten, doch als sie erkannten, dass es wahrlich keinen Sinn mehr ergab, sich vor dem Kapitänsbüro die Beine in den Bauch zu stehen, folgten auch sie dem Treiber.  

Wie als ob ihm jemand alles Leben aus den Adern gesaugt hätte, verlor Wood den Halt unter den Füßen und er rutschte an der Tür entlang zu Boden, die Augen noch immer geschlossen. Er hatte plötzlich noch furchtbarere Kopfschmerzen und Kälte hatte sich wie eine eiserne Faust um sein Herz gelegt.

Warum verstanden sie nicht, dass alle Wurzeln ihrer Probleme nur bei ihm lagen?

~*~

„Fred, beruhige dich endlich!“

Beinahe schon beschwörend redete George auf seinen Zwillingsbruder ein, seit sie vom Quidditchfeld zurück in den Gemeinschaftsraum gekommen waren und sich mit den Mädchen und Harry an einen Tisch in einer verlassenen Ecke zurückgezogen hatte.

Fred schnaubte. „Ich kann mich nicht beruhigen! Alle Motivation, die wir uns nach der Niederlage aufgebaut haben, macht Oliver mit seinem Verhalten wieder kaputt! Ich verstehe das nicht. Normalerweise müsste doch er derjenige sein, der uns aufbaut, oder sehe ich das falsch?“

„Du hast schon recht“, wandte Alicia zögernd ein. „Aber denkt doch mal nach: Wir kennen ihn, seit er uns ins Team geholt hat. Wir kennen ihn als Kapitän, als Schüler dieser Schule, als strengen Trainer, als Freund. Nur habe ich das Gefühl, dass – obwohl wir ihn mit so vielen Seiten kennen – wir nicht alle bisher kennengelernt haben. Wer von uns weiß denn wirklich, wie es in ihm drin aussieht? Ich denke, dass der Druck, in seinem letzten Jahr hier den Pokal zu gewinnen, ziemlich schwer auf ihm lastet. Und die Niederlage gegen Hufflepuff hat ihm schließlich den Rest gegeben.“

Für einen kurzen Augenblick starrte der Rest des Teams sie ungläubig an, dann sagte Angelina kopfschüttelnd: „Alicia, ich hab ja nichts dagegen, dass deine Mutter eine Muggel ist. Aber sie sollte aufhören, dir so viel über Psychologie einzureden.“

Daraufhin fing sie sich einen Knuff ihrer Kollegin ein und zwinkerte ihr versöhnlich zu.

„Um ehrlich zu sein, ich glaube, Alicia hat recht“, meldete sich Katie Bell zu Wort und spielte gedankenverloren mit den Falten ihres Schulumhangs. „Vielleicht macht ihm das alles wirklich mehr zu schaffen, als wir gedacht haben. Und mehr, als wir verstehen können.“

George und Harry sah betreten zu Boden und auch die Mädchen warfen sich fast schon schuldbewusste Blicke zu. So hatte noch keiner von ihnen über diese Situation nachgedacht.
Einzig und allein Fred saß noch mit verschränkten Armen da und starrte stur ins Leere. Er runzelte die Stirn und zog die sommersprossige Nase kraus, wie immer, wenn er über etwas Ernstem brütete.

„Trotzdem gibt ihm das noch lang nicht das Recht, uns einfach hängen zu lassen“, sagte er nach einer Weile langsam und heftete seinen Blick auf die anderen in der Runde; und diese wussten, dass der Zwilling damit recht hatte.

Harry hob ratlos die Schultern. „Aber was willst du machen, Fred? Du hast doch gehört, dass er nicht mit uns reden will. Wir können ihn nicht dazu zwingen. Das einzige, was wir tun können, ist, dass einer von uns ihn vielleicht in einer Situation erwischt, in der er einfach mit demjenigen reden muss!“

„Ja, aber ich stelle mir die Frage, wann das passiert“, schnaubte der Zwilling ungehalten und schüttelte den Kopf. „Wisst ihr was, Leute? Ich habe keine Lust, noch länger auf das Training und auf den Pokal zu verzichten. Oliver ist zwar ein guter Kapitän und ein noch besserer Hüter, aber wenn er sich weiter querstellt, bleibt uns ja wohl nichts anderes übrig, als …“

Er brauchte den Satz gar nicht zu beenden; sowohl sein Bruder als auch der Rest des Teams wussten, was er sagen wollte. Es wurde still in ihrer Runde, und man hörte nur das Prasseln des Feuers und das Kichern einiger Erstklässlerinnen, die am anderen Ende des Raumes zusammensteckten.

„Glaubst du nicht, dass das ein wenig hart ist?“, wagte Katie zögerlich einzuwenden, doch Fred schüttelte abermals den Kopf.

„Wenn er schon alle Hoffnung für den Pokal aufgegeben hat – bitte! Ich hab das nicht, und ich hab auch keine Lust, nur wegen ihm meine Hoffnungen zu verspielen, “ antwortete er mit harter und bestimmter Stimme. „Wenn sich nicht bald etwas ändert … dann geh ich zu McGonagall.“

~*~

Er flog und flog, durch unendliche Finsternis. Am Horizont sah er einen schmalen Lichtstreifen, der sich erhob, doch egal wie viele Meter er mit seinem Besen zurücklegte, der Streifen wollte nicht näherkommen.
Verzweifelt legte er sich flacher auf den Besenstiel, um noch mehr an Geschwindigkeit zuzulegen, doch alle seine Bemühungen schienen aussichtslos.

„Wood!“

Merkwürdig. Da war eine Stimme in der Dunkelheit, die nach ihm rief. Und sie wurde zunehmend lauter.

„Wood!!“

Jetzt bekam sie einen sehr wütenden Ton, und er wusste, dass er der Besitzerin dieser Stimme – denn gewiss war es eine Frau – nicht zu nahe kommen wollte.

„Langsam habe ich die Nase voll von Ihnen, Wood!“

Oha. Beleidigend brauchte die Stimme nicht zu werden, darin war er sich klar. Während der Wind um seine Ohren brauste, spähte er nach links und rechts, konnte jedoch niemanden entdecken.

Mit einem Mal sackte der Besen mit einem fürchterlichen Ruck ab und er verlor den Halt; stürzte hinunter in die gähnende Leere … und schreckte hoch, als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen.

Das erste, was er heftig blinzelnd erkannte, war der tadelnde Gesichtsausdruck Percy Weasleys eine Bank schräg vor ihm; und die Erkenntnis traf ihn im selben Augenblick. Wieder einmal war er in Verwandlung eingeschlafen, und die Stimme, die begann, weiter zu schimpfen, war eindeutig die McGonagalls.

„So kann das nicht weitergehen, Wood. Ich weiß nicht, was mit Ihnen los ist, aber wenn Sie nicht bald etwas an Ihrem Verhalten ändern, bezweifle ich, dass Sie positiv in Verwandlung abschließen werden“, tadelte die Zauberin streng. „Und sehen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen spreche.“

Noch etwas benommen hob er den Kopf und blickte direkt in die zornfunkelnden Augen seiner Professorin. Ein Blick, der sogar den Stärksten winselnd in die Knie zwingen konnte.
In der letzten Reihe hörte er jemanden kichern und vermutete – wie immer – Flint dahinter.

Verstohlen fuhr er sich durchs Haar und murmelte: „Tut mir leid, Professor. Wird nicht wieder vorkommen…“

„Ach, so wie es letztes Mal nicht mehr hätte vorkommen sollen, und vorletztes Mal, und vorvorletztes Mal? Wood, Sie werden nach der Stunde noch bleiben und ein Gespräch mit mir führen.“

Mit diesen Worten rauschte sie zurück nach vorne und setzte ihren Vortrag über einen äußerst komplizierten Verwandlungszauber fort.

Erschöpft sackte Oliver auf seinem Stuhl zusammen und rieb sich die Augen. Das durfte ihm nicht noch einmal passieren, wenn er den Abschluss einigermaßen gut schaffen wollte. Er musste endlich irgendwie Schlaf des Nachts finden, kostete es, was es wollte.

„He, du!“, flüsterte es plötzlich neben ihm; sein Banknachbar Jerry Lee – ein schlanker Junge mit blondem Haar und blassen Augen – hatte sich zu ihm herüber gebeugt. „Was ist los mit dir? Ich würd echt aufpassen, Mann. Die Alte kann leicht unangenehm werden. Is‘ immerhin dein letztes Jahr!“

„Das ist mir schon klar, Jerry“, kam Woods knappe Antwort. „Ich mach’s doch nicht mit Absicht! Hab doch schon gesagt: Wird nicht wieder vorkommen!“

„Wie du meinst“, erwiderte Lee und wandte sich wieder dem Unterricht zu.

Als die Glocke zum Stundenende endlich läutete und die Klasse in aller Eile ihre Sachen packte, um rasch zum Mittagessen zu gelangen, versuchte auch Oliver, sich möglichst unauffällig davonzustehlen, denn Lust auf ein „ernstes“ Gespräch mit seiner Hauslehrerin hatte er genauso wenig wie auf eine weitere Niederlage.

Doch gerade, als er  – leise aufatmend und sich zwischen Jerry und Percy in Sicherheit glaubend – den ersten Schritt aus dem Klassenzimmer tun wollte, hielt ihn bereits McGonagalls scharfe Stimme zurück.

„Hiergeblieben, Wood. Mit Ihnen bin ich noch nicht fertig!“

Verdammt.

Mit seltsam roboterartigen Bewegungen drehte sich der Schotte mit gequältem Gesichtsausdruck um und kehrte langsamen Schrittes zum Lehrertisch zurück. Professor McGonagall sah auf und bedachte ihn über die Ränder ihrer quadratischen Brillengläser hinweg mit einem tadelnden Blick. Dann wies sie mit der Hand auf die vorderste Bank und er ließ sich mit einem leisen Seufzer darauf nieder.

Wenn er eine weitere Schimpftirade erwartet hatte, dann wurde er jetzt überrascht, denn McGonagalls Stimme war ohne Schärfe, als sie begann, zu sprechen.

„Was ist los mit Ihnen, Wood?“

„Was soll mit mir los sein, Professor?“

Er versuchte tapfer, ihrem bohrenden Blick standzuhalten, doch er schaffte es nicht und blinzelte.

„Sie sind nun schon das vierte Mal in meinem Unterricht eingeschlafen – und das in vier Tagen. Ich möchte nicht den Grund erfahren, weswegen Sie des Nächtens keinen Schlaf finden, doch möchte ich, dass Sie das Versäumte weder in meinem Unterricht noch in dem meiner Kollegen nachholen!“

Sie hat ja keine Ahnung

„Ja, Professor“, antwortete er mit – wie er selbst fand – ausdrucksloser Stimme.

Das musste auch McGonagall bemerkt haben, denn sie hob die Augenbrauen und schien ihn noch schärfer zu mustern – ganz so, als würden ihre hellen Augen versuchen, in seine Seele zu blicken und seine wahren Gedanken zu erahnen.

„Ist wirklich alles in Ordnung, Oliver?“, fragte sie erneut und sprach somit wohl zum ersten Mal in seinen sieben Schuljahren seinen Vornamen aus – den Aufruf zum Sprechenden Hut ausgenommen.

Dieses Mal kam er wirklich beinahe in Bredouille, denn sie schien in ihn hineinsehen zu können. Diese Frau spürte Probleme wirklich auf. Er schluckte und rutschte auf der Bank hin und her.

Du kannst ihr nicht erzählen, dass du die Niederlage nicht verkraftest.
Du kannst ihr nicht erzählen, dass du dich langsam, aber sicher mit deinem Team brichst.

„J-ja Professor, keine Sorge …“

Die Spannung der Situation löste sich mit einem Schlag, als es gegen die Klassenzimmertür klopfte und Fred Weasley hereinkam.

„Entschuldigung, Professor; könnte ich kurz mit Ihnen –“

Der Zwilling brach sofort ab, als er sah, wer seiner Hauslehrerin gegenübersaß und seine Augen verengten sich. Oliver seufzte erneut und fuhr sich kurz durchs Haar; die Luft schien zu knistern vor unausgesprochenen Dingen.

„Professor, ich denke, das war dann alles“, sagte er bestimmt und rutschte von der Bank. „Ich komm schon klar. Danke.“

Und mit einem kurzen, aber emotionslosen Seitenblick auf Fred verließ er das Klassenzimmer und schloss die Tür etwas fester als beabsichtigt.

Gerade wollte er zum Gehen ansetzen und so schnell wie möglich in die Große Halle verschwinden, doch Freds Stimme, die laut aus dem Klassenzimmer tönte, zwang ihn zu bleiben, besonders, als sein Name fiel.

Lautlos schlich er sich zurück zur Tür und legte die rechte Seite des Kopfes dagegen. Er hörte Fred mit McGonagall diskutieren, und was da plötzlich an seine Ohren drang, war, als versetze es ihm einen saftigen Schlag in die Magengrube.

Sein Atem wurde flacher und schneller, und er presste sein Ohr noch fester an die Tür, nur um nichts zu versäumen.

Nach einigen weiteren Minuten wusste er nicht mehr, ob er noch aufrecht würde stehen können.

Und du dachtest, du würdest den Fehler rechtzeitig finden. Was für ein Narr du doch bist.

Seine Hand zitterte, als er die Schultasche aufhob und sie über seine Schulter warf, in seinem Kopf rasten Gedanken umher, doch er war unfähig, sie einzufangen und zu ordnen.

Wenn du nicht rechtzeitig mit ihnen redest – endlich REDEST – wirst du sie verlieren. Alle.

Sein Herz klopfte so laut, dass er Angst hatte, jemand könnte es hören; so leise, wie er herangeschlichen war, entfernte er sich von der Klassenzimmertür; und erst, als er weit genug weg war, begann er zu laufen.

~*~

„Und? Was hat sie gesagt?“

„Genau das, was Katie gesagt hat. ‚Brechen Sie nichts vom Zaun, Mr. Weasley! Wenn es stimmt, was Sie sagen, dann geben Sie ihm doch noch etwas Zeit. Wood muss sich nur wieder neu ordnen, das ist alles. Sollte es nicht besser werden, werden wir wohl oder übel auf Ihren Vorschlag zurückgreifen müssen.‘“

Freds nachgeäffte Stimme McGonagalls erfüllte die Umkleidekabinen, in der er zusammen mit dem Rest vom Team saß und ihnen die Lage erklärte.
Es war Abend geworden, und da Wood noch immer nicht mit einem von ihnen geredet hatte, hatten sie sich trotzdem zu einem Training verabredet – wenn auch ohne Hüter und Kapitän und bei eiskaltem Wind und nieselndem Regen.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Katie Bell, die sich fest in ihren Quidditchumhang eingemummelt hatte.

„Na was schon, trainieren natürlich“, erwiderte Fred leicht ungeduldig, stand auf und schulterte seinen Besen, offensichtlich voller Tatendrang.

Zögernd folgte ihm der Rest des Teams unter ständigen Seitenblicken, denn so überzeugt Fred von seiner Idee, Konsequenzen aus Olivers Verhalten zu ziehen war, so unsicher waren sie sich darüber. Wollten sie eines nicht, dann war es der Bruch mit ihrem besten Mann, mit ihrem Hüter, Kapitän, Freund.

Stärker gewordener Regen empfing sie auf dem Feld, und durch die dünnen Schnüre waberte goldenes Licht, dass von den magischen Lampen hoch oben in den Quidditchtürmen rund um das Feld stammte und für solche Nachtaktionen wie diese hier gedacht war. Die Landschaft war in zweifelhaftes Zwielicht getaucht und gerade hell genug, um zu sehen, wo man hinflog und Bälle auszumachen.

Der Wind pfiff ihnen gehörig um die Ohren, gefolgt von leisem Donnergrollen, und Fred musste schreien, um sich verständlich zu machen.

„Also gut! Ich werde jetzt den Quaffel, die Klatscher und den Schnatz freilassen!“ Er deutete wild gestikulierend auf die Kiste zu seinen Füßen. „Angelina, Alicia, Katie, ihr macht euren Job und tut einfach so, als würde euch jemand vom Tore schießen abhalten! George, das Übliche! Und Harry, du weißt sowieso, was du zu tun hast! Wenn du den Schnatz gefangen hast, lass ihn einfach wieder frei und fang ihn nochmal! Alle verstanden? Dann los!“

Harry und die anderen wussten, dass er versuchte, das Team wenigstens ein bisschen zu führen und ihnen Antrieb zu geben; doch er besaß lange nicht Woods Charisma, und vor allem nicht seine ausdauernde Stimme, die – wenn sie erst mal Spielzüge und Befehle brüllte – es schaffte, selbst den lautesten Sturm alt aussehen zu lassen.

Beinahe gleichzeitig stiegen sie in die Lüfte und folgten den Bällen, die der Zwilling zuvor freigelassen hatte. Harry verfolgte sofort den Schnatz in Richtung der Torringe, während die drei Jägerinnen sich einige Pässe in geschwindem Besenflug zuwarfen, bevor sich Katie als erste mit dem Quaffel unter dem Arm auf dem Weg zu denselben Ringen machte.
Die Zwillinge kreisten zwischen den Mädchen und Harry und versetzten jedem Klatscher einen ordentlichen Hieb, wobei sie immer versuchten, ihn in eine bestimmte Richtung zu lenken. Binnen kürzester Zeit waren sie alle nass und die Umhänge eingeweicht.

Harry war der Erste, der die dunkle Gestalt, die vor dem mittleren Torring unter ihm schwebte, bemerkte. Sie war in Halbdunkel getaucht, das die große, athletische Statur jedoch nicht verbergen konnte.

Stirnrunzelnd wendete er seinen Besen, doch bevor er noch etwas tun konnte, hörte er Katies Aufschrei.

~*~

Katies Geschwindigkeit war schon ziemlich hoch, als sie entschlossen auf den mittleren Torring zuraste und versuchte, die Eisenstangen durch den Regen hindurch zu erkennen. Als der Ring endlich in Sicht kam, schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, sie bremste ein wenig ab und holte mit dem Quaffel in ihrer Hand aus.

In Gedanken sah sie Wood, der mit zusammengebissenen Zähnen den Ring verteidigen und den Ball nicht durchlassen würde, außer er hatte einen schlechten Tag gehabt (und solche schlechte Tage waren sehr, sehr selten). Doch heute würde es keinen Oliver geben.

Zielsicher schnellte ihr Arm nach vorne und der Quaffel schoss aus ihrer Hand, er würde sauber hindurchgehen, er schoss direkt auf den Ring zu – und landete mit einem lauten Geräusch in einem großen Paar lederbehandschuhter Hände.

Ein Donner rollte erneut über die Schlossgründe, gefolgt von einem weit verästelten Blitz, und Katie schrie.

Vor ihr schwebte ein Junge in der Luft; groß, stämmig, das kurze, braune Haar hing ihm regennass in die Stirn, seine dunklen Augen blitzten mit undefinierbarem Gesichtsausdruck und genauso wenig verrieten seine gut aussehenden Züge das, was in seinem Inneren vorging. In seinen Händen hielt er noch immer den Quaffel, und der Donner ebbte ab. Alles schien still zu stehen.

Wood.

Nach einigen kurzen Schrecksekunden hatten sich alle wieder gefangen; die Zwillinge, Harry und die Mädchen, die zu Katie geflogen waren, um zu sehen, was ihr fehlte. Diese hatte schon begonnen, zu schreien.

„Verdammt noch mal, Oliver Wood, wie KANNST DU ES WAGEN, MICH DERMAßEN ZU ERSCHRECKEN?“

Oliver sah eingeschüchtert aus, wie er da auf seinem Nimbus 2001 saß, und ein Hauch von Schuldbewusstsein trat in seine Augen.

„Ich – ich dachte nur, ihr könntet vielleicht … vielleicht einen Hüter gut gebrauchen“, rief er aufrichtig durch den Regen zurück, doch der Donner und der peitschende Wind hatten bereits nachgelassen; und ein jedes Teammitglied konnte den Unterton in seiner Stimme heraushören, der ganz deutlich sagte: Es tut mir Leid.

Fred war der Erste, der nach diesen Worten seine Fassung wiedererlangte; er steuerte seinen Besen langsam auf Wood zu und sah ihm lange in die Augen. Es war, als fochten die beiden mit ihren Blicken einen Kampf aus, über Recht und Unrecht, über Frage und Antwort; und schließlich umarmte der Zwilling seinen Kapitän; und das Team überkam heillose Erleichterung.

Sie flogen näher heran, bis sie alle ein großes Knäuel bildeten, das sich eng umschlungen hielt und dem Wind trotzig standhielt.

„Siehst du, Oliver? Wir müssen eine Einheit sein, um die anderen zu schlagen. Und wir brauchen dich dafür!“, rief Alicia unter Georges Arm hindurch dem Schotten zu und der nickte ernst. „Egal, ob wir gewinnen oder verlieren, DU wirst immer derjenige sein, der uns zum nächsten Sieg führt!“

„Es tut mir Leid, dass ich dich bei McGonagall verraten habe“, murmelte Fred schließlich, jedoch laut genug, dass Wood es hören konnte.

„Mir tut es Leid, dass ich euch im Stich gelassen habe; nur weil ich darauf versessen war, irgendeinen Fehler zu finden und auszumerzen, den ich nicht begangen habe“, erwiderte dieser mit einem schwachen Lächeln. „Euch hängen zu lassen, war der wirkliche Fehler, und beinahe wäre er nicht wiedergutzumachen gewesen.“

Fred nickte, und damit schien die Entschuldigung angenommen.
Das Team löste sich langsam voneinander und bildete schließlich einen Kreis, so wie sie es auch sonst vor Beginn eines Trainings taten.

„OK Leute. Die Ravenclaws sind stark, aber wir sind stärker. Wir haben sieben Trümpfe gegen sie einzusetzen, nämlich einen jeden von uns. Und wir werden ihnen zeigen, dass Gryffindor auch in schweren Zeiten zueinanderfindet und –hält! Auf geht’s!“

Die Spieler lösten sich aus dem Kreis und zischten wieder auf ihre Positionen zurück; Wood, der noch immer den Quaffel in der Hand hielt, passte ihn wieder Angelina zu und umklammerte mit seinen Händen fest den Besenstil.

Gott sei Dank hat McGonagall jetzt keinen Grund mehr, sich über deine Schlaflosigkeit zu beklagen.

Auf dem Weg zu seinem Bruder wandte sich Fred noch einmal auf seinem Besen um und setzte sein typisches, breites weasley’sches Grinsen auf. Seine Worte tönten durch den langsam nachlassenden Regen.

„Oliver Wood, du bist ein liebenswerter, quidditchbesessener, schottischer Idiot!“

Wood grinste ebenfalls und richtete sich auf seinem Besen auf.

„Danke. Ich weiß.“

~*~



Anm. der Autorin: Sooo das war der Second Shot, und ich denke, ein Third Shot wird keinen Sinn mehr haben ^^ Ich hoffe, euch hat’s gefallen!
Danke an alle Reviewer von der vorigen Geschichte *kekse und umarmungen hergeb* und an alle, die vielleicht auch bei der nächsten Story rund um den seeehr interessanten Quidditchkapitän wieder dabei sind!
Ich würd mich freuen!

Eure Lala