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Vier Lilien

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
01.11.2007
01.11.2007
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Weine, Tuzak, du Tränenreiche/Sieh’ die Geschwister tot in der Sonne...
Valeshka konnte sich kaum noch erinnern, wo sie dieses Lied zum ersten Mal gehört hatte, das ihr nun beständig im Kopf herumging und fast jeden anderen Gedanken überdeckte. Es mußte bei einer dieser öffentlichen Hinrichtungen gewesen sein, die die Priesterschaft als ein Opfer ihres blutigen Dämonengottes, Belhalhar, verstand. Im letzten Mond hatte es viele Hinrichtungen gegeben. Durch den Verrat eines eingeschüchterten Mitglieds war eine geheime Gruppe aufgedeckt worden, die sich der Verehrung von Rur und Gror widmete, den Zwillingsgöttern des alten Maraskan.
Eine der Hingerichteten, die Stoffärberin Alenijida, hatte Valeshka gekannt. Sie war eine stämmige Mittzwanzigerin gewesen, deren blaßgrüne Augen stets ein wenig melancholisch dreingeblickt hatten und die, wenn sie sich sicher wähnte, in schwärmerischem Ton von den „alten Zeiten“ auf Maraskan erzählte, an die sie sich selbst nur noch vage erinnerte. Wenn ihre Mutter nicht daheim gewesen war – was noch immer oft vorkam – und ihre Schwester Belara sich mit Freunden traf, hatte Valeshka sich gerne in die Stoffärberei geschlichen und auf eine ruhige Minute gehofft, in der Alenijida keine Kunden empfing und sich ganz dem Erzählen widmen konnte. In solchen Minuten entflammten die bräunlichen Wangen der Maraskanerin in einem freudigen Rot, ihre sonst schleppende Sprechweise beschleunigte sich und sie gestikulierte derart mit ihren kräftigen Händen, daß man um die Einrichtung ihres Ladens fürchten mußte.
Es schien, als habe Alenijida etwas von dem Verrat geahnt, denn wenige Tage zuvor hatte sie Valeshka auf dem Markt beiseitegezogen und ihr eine Nachricht in die Hand gedrückt. „Vielleicht können wir unsere Gespräche nicht mehr lange fortsetzen“, stand in runden, regelmäßigen Buchstaben auf dem Stück Pergament. „Duchijian, der Töpfer, wirkt merkwürdig in der letzten Zeit. Mag sein, daß er uns an die Bluttempler verriet. Doch ich habe keine Furcht, denn Rur in seiner Weisheit hat es gefügt, daß mit dem Ende eines Lebens nicht der Kreislauf aller Leben endet, und so werde auch ich dereinst auf den Weltendiskus zurückkehren. Du hast oft versucht, mich zu verstehen, Bruderschwester, und dafür danke ich dir. Ich habe dir in der zerbrochenen Truhe im Lager einige Schriften hinterlassen. Lies sie, und wenn es Schwester Hesinde gefällt, wirst du durch sie Einsicht erlangen.“
Gerade kehrte Valeshka von Alenijidas Laden zurück. Abgesehen von einer ungewohnten Stille und Leere war dort alles so gewesen wie immer. Die Eingangtür hatte sich mühelos öffnen lassen, und so war sie hineingeschlüpft und ins Lager geeilt, um die Dokumente der Stoffärberin zu retten, bevor die Bluttempler sie entdeckten. Nun trug sie sie unter ihrer weiten Tunika verborgen, zur besseren Tarnung noch eingeschlagen in ein Pamphlet des Belhalhartempels.
In ihrer Wohnung angekommen, verschwand sie zuallererst in ihrem Zimmer und verbarg die Dokumente in ihrem Kopfkissen. Die Tempelschrift arrangierte sie so auf dem Bett, daß es aussah, als habe sie darin gelesen und sie dann beiläufig liegen lassen, um sie später noch einmal zu studieren. Sie konnte es sich nicht erlauben, als „Ungläubige“ des blutigen Zermalmers zu erscheinen – nicht hier, nicht jetzt, nicht in diesem Haus.
Schon seit vielen Jahren lebte sie hier in Tuzak, in Haffaxens Reich des Blutes, das die meisten als „Schwarzmaraskan“ kannten. Kurz nach dem Verrat der Jerganer Templer war sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester hergekommen. Ihr Vater hatte die Familie bereits verlassen, nachdem seine Frau immer extremer in seinen Ansichten geworden war und ihre rondrianische Ausbildung nach und nach zu vergessen schien. Valeshka sah sein sorgenvolles Gesicht vor sich, umrahmt von weizenblonden Haaren, die an den Schläfen schon zu ergrauen begannen, und seinen letzten Gruß an sie, bevor er seinem Pferd die Sporen gab und gen Westen davon ritt. Es war weniger ein Gruß gewesen als ein Segen; das Zeichen des Sonnengottes Praios, das sie vor den Dämonen behüten sollte, die ihre Mutter bereits in die Dunkelheit zu ziehen begannen.
Nun, viele Jahre später, schien es so, als habe sie eine unerträgliche Zukunft vor sich. Sie haßte den grausamen Dämonenkult und seine Priester, die Angst und Unterdrückung auf der Insel, die furchtsamen Gesichter und geheimen Treffen derjenigen, die ebenso dachten wie sie. Sie haßte die Hinrichtungen, die die Belhalharpriester mit großem Genuß zelebrierten, und das einfältige Volk, das jedes Fallen des Henkerbeils, jede zugezogene Schlinge, jedes prasselnde Feuer feierte, als sei es die Erlösung ihrer geknechteten Seelen. Und doch – wie konnte sie dem entrinnen, ohne ihr Leben lassen zu müssen?
Valeshka zog den silbernen Handspiegel unter dem Bett hervor und betrachtete sich eingehend darin. Sie war jetzt sechzehn Jahre alt – „Götterläufe“ nannten es die Zwölfgöttergläubigen – und dürr wie ein junger Baum, mit kaum ausgeprägten weiblichen Rundungen, die unter ihrer stets zu weiten Kleidung ohnehin nicht zu erkennen waren. Ihre welligen hellbraunen Haare rankten sich um ein schmales Gesicht mit etwas zu großem Kinn und meergrünen Mandelaugen. Arme und Beine waren eher knochig, und wenn sie tief einatmete, konnte sie unter dem groben Stoff der Tunika ihre Rippen ertasten. Sie gefiel sich ganz und gar nicht.
Resigniert schob sie den Spiegel wieder unter das Bett und blätterte müßig in den Schriften der Dämonenanhänger herum. Gleich auf der ersten Seite wurden die hingerichteten Maraskaner als „Umstürzler“, „gefährliche Subjekte“ und – welch Überraschung – „Ungläubige“ beschimpft. Valeshka seufzte und widmete sich halbherzig einer Schmähschrift über maraskanische Freibeuter, verfaßt von einem gewissen Ostian Blutacker, ehemals Rondrian von Hohenlohe. Bei der Lektüre drehte sich ihr fast der Magen um, doch sie wollte darüber informiert sein, was die Dämonenanhänger dachten, um ihrer Umwelt weiterhin das Bild der treuen Belhalharanhängerin vorspielen zu können.
Als sie bis zu dem Abschnitt vorgedrungen war, in dem Ostian die Handelseinbußen Schwarzmaraskans durch die Freibeuter beklagte, öffnete sich die Tür, und Valeshkas Mutter trat ein. Ihre sehnige Gestalt war in Rüstung und Wappenrock gehüllt, wie stets in den Farben der Bluttempler; ihre dunkelbraunen Haare, in die sich silbrige Strähnen mischten, hatte sie zu einem strengen Zopf gebunden, und ihre braunen Augen waren eng zusammengekniffen, als wittere sie überall unsichtbare Feinde. Sie trat ohne ein Wort neben ihre Tochter und blickte ihr über die Schulter. Dann gab sie ein zufriedenes Schnauben von sich. „Sehr gut, Valeshka. Man kann nie genug informiert sein über die Umtriebe dieses schändlichen Gezüchts.“
Meint sie damit die Dämonenbündler? dachte Valeshka spöttisch. Ihr schiefes Grinsen wertete ihre Mutter fälschlich als Zustimmung und schenkte ihrer Tochter einen der seltenen anerkennenden Blicke. „Kürzlich wurde wieder eine dieser spinnerten Verschwörergruppen enttarnt, die den Glauben an irgendwelche Doppelgötter verbreiten wollten“, erzählte sie beiläufig, während sie die Handschuhe abstreifte und hinter ihren Gürtel steckte. „Wie absurd, daß sie es immer wieder versuchen. Es müßte ihnen doch eine Lehre sein.“„Ich habe die Zeremonie auf dem Markt gesehen“, erwiderte Valeshka, während sie ein stummes Gebet zu Boron schickte, sich der Seelen der Hingerichteten anzunehmen. „Ein Spektakel, das Belhalhars würdig war. Die Menge tobte im Blutrausch.“
Mit solchen Worten konnte sie nie etwas falsch machen, und auch jetzt lächelte ihre Mutter zufrieden und tätschelte ihr die Schulter. „Das ist gut zu hören, mein Kind. Die Oberen werden mit uns zufrieden sein. Ich hoffe, sie haben deine Anwesenheit bemerkt.“
Valeshka nickte und unterdrückte eine angeekelte Grimasse, als sie bestätigte: „Nach der Zeremonie habe ich Tempelvorsteher Belharian getroffen und kurz mit ihm gesprochen. Wir unterhielten uns über die bemerkenswerten Kampferfolge in den südlichen Gebirgszügen.“
„Oh ja, unsere Geduld hat sich endlich ausgezahlt.“ Ihre Mutter straffte die Schultern und wirkte stolz. „Du hast mich erfreut, Valeshka. Morgen darfst du dir auf dem Markt ein paar neue Kleider kaufen.“
Valeshka bemühte sich um eine glückliche Miene und war froh, als ihre Mutter das Zimmer verließ. Länger hätte sie ihre Anwesenheit nicht mehr ertragen, ohne daß irgendwie herausgekommen wäre, was sie wirklich dachte. Und dann wäre sie ihres Lebens nicht mehr froh geworden.
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