Die Nacht vor Allerheiligen

von Bezzy
GeschichteAllgemein / P12
Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy
01.11.2007
01.11.2007
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„Ist das unheimlich!“ sagte Elizabeth Darcy schaudernd zu ihrem Ehemann und presste sich noch ein wenig enger an ihn. „So einen Nebel gibt es wahrscheinlich noch nicht einmal bei uns in England!“ Fitzwilliam Darcy lachte. In der Tat bot der Park heute, am Tag vor Allerheiligen, einen äußerst düsteren und trostlosen Anblick. Die grauen Nebelschwaden hatten sich wie ein Leichentuch über die verschlungenen, penibel geharkten Wege, die normalerweise so einladend frischen grünen Wiesen und die idyllischen kleinen Ententeiche gelegt. Die uralten, mittlerweile von ihrem Laub befreiten Bäume reckten ihre kahlen Äste fast anklagend den beiden Spaziergängern aus dem dichten Nebel entgegen. Leichter Nieselregen befeuchtete die ohnehin bereits erkaltete Luft und machte alles nur noch ungemütlicher. Niemand außer ihnen war hier unterwegs – es herrschte eine schaurig-stille Atmosphäre – wie auf einem schon lange vergessenen Friedhof. Unheimlich war genau das richtige Wort. Und dabei war es gerade einmal früher Nachmittag.

„Du fürchtest Dich doch nicht etwa?“ neckte Fitzwilliam seine Frau gutmütig und legte ihr beschützend einen Arm um die Schultern. „Du hast doch diesen alten Geschichten nicht etwa Glauben geschenkt? Dass heute nacht die Toten aus ihren Gräbern kommen und umgehen, um uns zu erschrecken?“

„Nein, natürlich nicht!“ antwortete Elizabeth eine Spur zu hastig.

„Und...“ fuhr Fitzwilliam mit leiser Stimme fort, „Du glaubst auch nicht, dass der Reiter ohne Kopf heute nacht hier auftauchen wird?“ Nur mühsam unterdrückte er ein Grinsen und Elizabeth wurde rot. Wie nett von ihm, sie an den 31. Oktober des vergangenen Jahres zu erinnern, als er sie zu Tode erschreckt hatte, weil er mitten in der Nacht von Netherfield nach Longbourn geritten kam um ihnen mitzuteilen, dass ihre Eltern wegen eines Schadens an ihrer Kutsche die Nacht bei den Bingleys verbringen würden. Mary Bennet hatte ihre vier Schwestern damals schon den ganzen Abend über mit dieser gruseligen „Reiter ohne Kopf“-Geschichte genervt und sämtliche Nerven hatten am Ende blankgelegen.  

„Danke, dass Du mich daran und an meine albernen Schwestern erinnerst“, brummte Elizabeth etwas säuerlich und Fitzwilliam blieb stehen und zog sie an sich.

„Immerhin habe ich Dich damals ein bisschen trösten dürfen“, murmelte er und küsste sie, was Elizabeths Protest im Nu verstummen ließ und sie vollkommen beschwichtigte. Arm in Arm gingen sie weiter.  

„Aber die Geschichte mit dem Grafen ist wirklich schrecklich“, sagte Elizabeth und fröstelte. „Der arme Mann, so grausam zu ertrinken, weil er seine Frau und sein ungeborenes Kind retten wollte...und er war noch so jung!“ Fitzwilliam nickte.

„Dort drüben, dort in diesem Teich ist es passiert, hat die Haushälterin erzählt“, sagte er. Elizabeth schluckte.

„Und auf der kleinen Insel im Teich soll er bestattet sein“, flüsterte sie. „Direkt neben der Burg, nur getrennt von ein bisschen Wasser. Ich wünschte, sie hätte das nicht erzählt, Fitzwilliam! Ich mag mir nicht vorstellen, dass sich nur wenige Meter von unserem Schlafzimmer entfernt ein Grab befindet!“  

„Und wenn wir Glück haben, steigt der tote Graf heute nacht aus seiner Gruft und sucht nach dem Reiter ohne Kopf...“ murmelte Fitzwilliam in Elizabeths Ohr und quiekte, als sie ihm kräftig in die Seite kniff.

„Fitzwilliam Darcy! Du legst es heute wahrlich darauf an, Deine schwangere Ehefrau zu ärgern, nicht wahr?“ fragte Elizabeth und zwickte ihn gleich noch einmal.

„Entschuldige, Liebes. Aber es war einfach zu verlockend“, grinste Fitzwilliam und zog sie langsam weiter. Elizabeth musste ebenfalls lachen und verdrehte in gespielter Verzweiflung die Augen.

„Die Insel muss Dir auch nicht unheimlich sein. Komm, lass uns übersetzen und sie uns einmal anschauen“, schlug Fitzwilliam vor und deutete auf das kleine Boot, das am Ufer des Teichs festgemacht war. Zögernd stimmte Elizabeth zu, denn trotz allem Grusel überwog doch ihre Neugier. In diesem Moment erschien ein Bediensteter, der sich grüßend an die Mütze tippte und beflissen fragte, ob er behilflich sein konnte. Fitzwilliam bat ihn, sie die wenigen Meter hinüber auf die kleine Insel zu rudern, was der Mann auch bereitwillig tat.  

Auf der grasbewachsenen Insel befand sich nichts weiter als ein paar kleine Bäume und andere Pflanzen, im Sommer blühten am Ufer wahrscheinlich viele Blumen, und in der Mitte stand die düstere, aus grauem Stein gemauerte Gruft, die dem tragisch ums Leben gekommenen Grafen als letzte Ruhestätte diente. Elizabeth spähte vorsichtig hinein. Ein großer, dunkelgrauer Sarkophag war zu erkennen, der auf einem Sockel aus schwarzem Marmor stand. Die schwere Grabplatte aus Granit machte einen schlichten, aber sehr massiven Eindruck. Sonst gab es keinerlei Schmuck oder andere Dekoration, keine Blumen. Ein verstörender Ort, dachte Elizabeth schaudernd und trat zögernd näher, Fitzwilliams Hand dabei fest umklammert und betrachtete die Grabplatte, auf der sich folgende Inschrift befand:

Graf Johan von Gruffdsteyn, geboren 6. Oktober 1750, gestorben 1. November 1782.

„Das ist alles?“ sagte Elizabeth enttäuscht. „Ich hatte gehofft, etwas mehr über den Grafen zu erfahren.“

„Wir können ja die Haushälterin fragen, Liebes“, meinte Fitzwilliam. „Lass uns gehen, es wird langsam kalt.“ Und dunkel...dachte Elizabeth fröstelnd und folgte ihrem Ehemann nur zu gerne ins Boot zurück. Fitzwilliam hielt es für besser, Elizabeth nicht darauf hinzuweisen, dass die Grabplatte ein winzig kleines Stückchen verrutscht gewesen war...aus welchem Grund auch immer.  

Aus den kleinen, gotischen Fenstern der künstlichen Burgruine, die ihnen großzügigerweise während der Abwesenheit des Kurfürsten zur Verfügung gestellt worden war, drang einladendes, sanft schimmerndes Licht zu ihnen nach draußen und hieß sie warmherzig willkommen. Offenbar hatte die tüchtige Haushälterin alles getan, um es den englischen Gästen ihres Dienstherrn so angenehm wie möglich zu machen. In Vorfreude auf einen ungestörten Nachmittag zu zweit vor einem lodernden Kaminfeuer und einer Tasse heißer Schokolade betraten die Darcys das kleine, raffiniert als Burgruine getarnte Lustschlösschen.  

„Geh schon vor, Fitzwilliam, ich komme gleich nach!“ sagte Elizabeth, als sie die klammen Mäntel abgelegt hatten, küsste ihren Mann und verschwand im Schlafgemach. Als sie wenige Minuten später das behaglich warme, dezent beleuchtete Kaminzimmer betrat, saß Fitzwilliam bereits auf einem der bequemen Sofas und nippte genießerisch an seiner heißen Schokolade. Sie trat von hinten auf ihn zu, legte ihm ihre Arme um den Hals und seufzte.

„Ist das nicht so viel schöner – hier im Warmen zu sitzen, nur wir beide? So sehr viel besser als draußen durch diesen schaurigen, düsteren Park zu laufen...“ Sie schüttelte sich, als sie an die dicken Nebelschwaden dachte, die kahlen Bäume und das unheimliche Rufen der Eulen, die im nahegelegenen Wald hausten. Ob es hier auch Wölfe gab? dachte sie einen Moment abwesend und schrie erschrocken auf, als sich Fitzwilliam zu ihr umwandte.  

Ein paar dunkelbraune, warme Augen schauten sie an, dunkle Locken umrahmten ein attraktives, markantes Gesicht, doch es war nicht Fitzwilliam Darcy, den sie gerade umarmt hatte und der sie nun liebevoll anlächelte. Das Lächeln verwandelte sich jedoch umgehend in Erstaunen, ja Besorgnis.  

„Elizabeth? Was ist los? Fühlst Du Dich nicht wohl? Ist etwas mit dem Baby?“ fragte eine durchaus angenehm klingende Stimme aufrichtig besorgt. „Hier, setz Dich ans Feuer, Liebes! Ich hole Dir einen Tee.“ Doch Elizabeth fuhr zurück und starrte den fremden Mann mit großen Augen an.

„Wer sind Sie?“ wollte sie wissen und bewegte sich weiter in Richtung Tür. Der Mann schaute sie verblüfft an.

„Was meinst Du damit, wer ich bin? Johan, Dein Ehemann. Johan von Gruffdsteyn. Wer sollte ich denn sonst sein?“ Er lachte ungläubig auf, doch Elizabeth schüttelte den Kopf.

„Nein, mein Mann heißt Fitzwilliam Darcy“, sagte sie fest. „Ich kenne keinen... keinen Johan von... wie auch immer Sie heißen mögen!“ Die Besorgnis in den Augen des jungen Grafen verwandelte sich in sichtbare Furcht.

„Liebes, bist Du sicher, dass wirklich alles in Ordnung ist?“ fragte er fast ängstlich. „Was redest Du da? Wir sind seit knapp einem Jahr verheiratet!“ Erschrecken breitete sich über seinem attraktiven Gesicht aus, als er sich an Elizabeths Worte erinnerte. „Und wer ist Fitzwilliam Darcy?“ wollte er wissen.  

Elizabeth schwieg und rieb sich müde die Stirn. Sie wusste nicht, was sie denken sollte. Sie kannte diesen Mann nicht, auch wenn dieser sie so gut zu kennen schien. Er wusste sogar, dass sie schwanger war, obwohl man noch nichts sehen konnte! Er war freundlich zu ihr und erinnerte sie irgendwie entfernt an Fitzwilliam mit diesen dunklen, intensiven Augen, und doch war er nicht ihr Ehemann! Aber er schien darauf zu bestehen...Wo zum Henker war Fitzwilliam? Und dieser...dieser Graf – der lag doch nebenan auf der Insel begraben? Tot...seit mehreren Jahren! Das konnte doch bloß ein schlechter Traum sein.  

„Fitzwilliam ist sicherlich noch unten im Schlafzimmer“, murmelte sie und wollte sich aus dem Zimmer schleichen, davon überzeugt, dass der Spuk dann vorbei wäre, wenn sie nur hier herauskäme. Der Graf folgte ihr jedoch, sichtlich irritiert über ihr Verhalten.

„Wenn es Dich beruhigt, dann lass uns nachschauen, aber ich versichere Dir, außer uns ist niemand hier. Der Haushälterin habe ich freigegeben.“

Elizabeth stürzte regelrecht in den kleinen Salon, der dem Schlafzimmer vorgelagert war, doch weder hier noch im Schlafzimmer noch im angrenzenden Morgensalon befand sich eine Menschenseele. Das heißt, zwei Hunde lagen dort schläfrig vor dem bodentiefen Fenster. Zwei große, dünne, weiße Hunde mit schwarzen Flecken, die Elizabeth noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Fitzwilliam und sie hatten ganz sicher keine Hunde mit nach Deutschland gebracht! Erschrocken wich sie zurück, als einer von ihnen sich aufrappelte und an ihr schnüffelte, doch der Graf beruhigte sie.

„Vor Lancelot und Archie brauchst Du doch keine Angst zu haben, Liebes! Das sind die gutmütigsten Kreaturen, die man sich vorstellen kann! Kannst Du Dich nicht erinnern? Du hast sie selbst als Welpen ausgesucht!“

„Ich habe noch niemals solche Hunde gesehen“, murmelte Elizabeth fassungslos.

„Dalmatiner“, erläuterte der Graf und lachte, als einer der beiden sich vor Elizabeth auf den Boden legte, die Beine in die Luft streckte und offensichtlich gestreichelt werden wollte. „Sehr verspielte Rasse, das.“

Er wandte sich wieder Elizabeth zu und schaute sie liebevoll an.

„Möchtest Du Dich ein wenig hinlegen, Liebling? Der Spaziergang da draußen im Nebel scheint Dir irgendwie tatsächlich die Sinne vernebelt zu haben!“ Er lächelte aufmunternd, doch Elizabeth schüttelte vehement den Kopf.

„Nein“, flüsterte sie. „Ich will wissen, wo Fitzwilliam ist!“  

Der Graf seufzte.

„Ich kenne niemanden dieses Namens, Elizabeth. Und es könnte mir ein bisschen wehtun, dass Du mit diesem seltsamen Fitzwilliam offenbar lieber verheiratet sein willst als mit mir.“ Er sah so niedergeschlagen aus, dass er Elizabeth fast leid tat. Er war so unerschütterlich davon überzeugt, dass sie seine Frau war, dass sie schließlich bald selbst verzweifelt darüber nachsann, ob nicht doch sie es war, die sich hier in etwas verrannte.  

ber sie war doch nicht verrückt! Sie hatte doch nicht plötzlich den Verstand verloren! Eben noch war sie mit Fitzwilliam Darcy, ihrem EHEMANN, soweit sie das wusste, im Wilhelmsbader Park spazierengegangen. Sie waren in die kleine Burgruine zurückgekehrt und Fitzwilliam war ihr vorausgegangen, ins Kaminzimmer. Als sie ihm Minuten später folgte, fand sie stattdessen den Grafen vor. Einen Mann, der seit über zwanzig Jahren tot war! Der auf einer kleinen Insel inmitten eines verwunschenen Teichs bestattet lag, nur ein paar Meter von hier entfernt! Sie hatte noch vor wenigen Minuten sein Grabmal gesehen. Mit der Inschrift, mit dem Todestag.  

„Der Bedienstete!“ brach es aus ihr heraus und Graf von Gruffdsteyn schaute sie stirnrunzelnd an. „Der Mann, der uns zur Insel gerudert hat! Der wird bestätigen können, dass ich dort mit Fitzwilliam war!“ Hoffnung keimte in ihr auf. Sie war doch nicht durchgedreht! „Wir müssen ihn fragen! Er muss sich an mich erinnern, es ist ja bloß wenige Minuten her!“

Der Graf zuckte gutmütig mit den Schultern und folgte ihr bereitwillig nach draußen, um den Mann zu suchen. Sie wurden schnell fündig – er war in einem Schuppen gerade damit beschäftigt, ein Boot für den Winter vorzubereiten.

„Matthews!“ rief der Graf und winkte ihn herbei.

„Herr Graf, Frau Gräfin“, grüßte der Mann ehrerbietig und tippte sich an die Mütze. Elizabeth glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. Frau Gräfin?

„Elizabeth, ist das der Mann, der Dich gerudert hat?“ fragte der Graf und Elizabeth nickte.

„Ja. Vor etwa einer halben Stunde. Gemeinsam mit...“

„Matthews, sagen Sie mir, haben Sie meine Frau heute nachmittag hinüber zur Insel gerudert?“ unterbrach der Graf, der verhindern wollte, dass Elizabeth etwas sagte, was außer ihnen beiden niemanden etwas anging. Matthews schüttelte den Kopf.

„Nein, Herr Graf. Ich war den ganzen Nachmittag mit dem Boot beschäftigt.“

„Ihnen ist auch kein fremder Mann aufgefallen, der hier im Park herumgelaufen ist und sich vielleicht für die Insel interessiert hat?“

„Nein, ich habe niemanden gesehen. An einem solchen Tag geht man auch nicht aus dem Haus, wenn Sie mich fragen, Herr. Die Nacht vor Allerheiligen...“ Er schauderte.

„Ganz recht. Danke, Matthews!“ Der Mann nickte, tippte noch einmal an seine Mütze und ging weiter seiner Arbeit nach. Graf von Gruffdsteyn schaute Elizabeth nachdenklich an.

„Nun?“ fragte er leise und fuhr sich abwesend durch die dichten Locken.

„Ich war vor kurzem erst auf dieser Insel!“ ereiferte sich Elizabeth, die einfach nicht glauben konnte, was da um sie herum vorging. Der Mann hatte aber einen offenen, ehrlichen Eindruck gemacht, das konnte man nicht abstreiten. Elizabeth war sicher, er hatte nicht gelogen. Aber sie hatte sich das doch auch nicht eingebildet! Fitzwilliam... dachte sie müde, wo steckst Du? Bitte komm und hole mich aus diesem Alptraum heraus!

Ihre Hände fuhren unbewusst zu ihrem Bauch, was dem Grafen nicht entging. Ein liebevolles, wenn auch etwas melancholisches Lächeln stahl sich über sein Gesicht.

„Komm, Elizabeth. Lass uns wieder hineingehen“, schlug er leise vor und legte fürsorglich einen Arm um ihre Schultern. „Du brauchst Ruhe und Wärme. Wir wollen doch nicht, dass unserem Kind etwas passiert, nicht wahr?“ Elizabeth erwiderte seinen Blick aus verhangenen Augen. Unserem Kind?  

„Aber Sie sind doch tot, Sir!“ murmelte sie kraftlos und dachte augenblicklich, wie idiotisch sich das in seinen Ohren anhören musste. „Ich habe doch die Gruft gesehen, dort auf der Insel! Mit der Inschrift.“

„Du hast doch nicht etwa Fieber, Liebes?“ Die Hand des Grafen fuhr nach oben und legte sich auf ihre Stirn. „Vielleicht sollte ich lieber nach dem Doktor schicken lassen! Aber ich bezweifle, dass sich in dieser Nacht jemand nach draußen wagt, wenn es kein dringender Notfall ist... Lass uns hineingehen, Elizabeth. Es wird kalt und ungemütlich.“

Elizabeth folgte ihm widerstandslos. Sie war ein wenig beruhigt, dass Graf von Gruffdsteyn offensichtlich ernsthaft um sie besorgt war und ihr von seiner Seite aus keine Gefahr zu drohen schien. Sie war so durchgefroren, so verwirrt und so müde, dass sie mittlerweile überhaupt nicht mehr wusste, was sie noch glauben sollte.

Der Graf führte sie ins Schlafzimmer und schob sie mit sanftem Nachdruck aufs Bett.

„Warum legst Du Dich nicht ein wenig hin, Liebes? Ich werde Dir eine schöne heiße Tasse Tee holen und dann lese ich Dir etwas vor, was hältst Du davon? Weißt Du, ich vermute, der Tag war einfach zuviel für Dich. Diese ganzen alten Spukgeschichten über die Nacht vor Allerheiligen, ich wette, die Haushälterin hat Dir diesen Unsinn über aus dem Grab steigende Tote erzählt!“ Er schüttelte halb amüsiert, halb verständnislos den Kopf. „Und dann der dazu so passende, trostlose Tag heute... vielleicht hat Dir das die Sinne verwirrt. Du wirst sehen, morgen früh sieht die Welt schon wieder ganz anders aus!“

Elizabeth wünschte, sie könnte ihm glauben. Irgendwie hörte es sich plausibel an, nicht wahr? Vielleicht wollte sie ihm auch glauben – ach, es war so anstrengend, einen klaren Gedanken zu fassen! Niedergeschlagen saß sie auf dem Bett und starrte betrübt auf den Fußboden. Einen Moment später spürte sie, wie neben ihr die Matratze ein Stückchen einsank, sich ein Arm behutsam um sie legte und sie an eine starke Brust gezogen wurde. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, dass sie in Fitzwilliams Armen lag, doch die Stimme, die leise zu ihr sprach, war die des Grafen.  

„Es wird alles wieder gut, mein Schatz, Du wirst sehen.“ Warme, weiche Lippen drückten ihr einen sanften Kuss auf die Stirn und für einen Augenblick fühlte sie sich sehr getröstet und entspannte sich ein wenig. So saßen sie ein paar Minuten schweigend auf dem Bett, bis sich der Graf zögernd von Elizabeth losmachte.  

„Ich hole Dir jetzt Deinen Tee“, sagte er und strich mit einem Finger zärtlich über ihre Wange. „Brauchst Du... ich meine, kommst Du alleine zurecht? Also mit dem Auskleiden, meine ich, oder soll ich...also wenn Du Hilfe brauchst...“ er unterbrach sich verlegen und Elizabeth musste über seine plötzliche Schüchternheit lächeln. Sie schüttelte den Kopf.

„Danke, ich komme zurecht“, sagte sie und und drückte dankbar seine Hand.

„Gut. Ich bin gleich wieder da.“ Der Graf hauchte einen zarten Kuss auf ihre Fingerspitzen und verließ leise das Schlafzimmer.  

Elizabeth seufzte und machte sich daran, ihre klammen Kleider auszuziehen. Sie war müde, so entsetzlich müde und in ihrem Kopf spielten die Gedanken verrückt. Erleichtert sank sie in die weichen Kissen und schloss die Augen. Wenn sie morgen früh aufwachte, wäre alles wieder in Ordnung, dachte sie, bevor sie in einen leichten Dämmerschlaf versank. Dann wäre Fitzwilliam wieder an ihrer Seite und alles würde gut werden. Der Graf war freundlich, aufmerksam und schien sie wirklich aufrichtig zu lieben und vielleicht war er ja auch tatsächlich ihr Ehemann und Fitzwilliam Darcy nur eine Phantasiegestalt, die sie sich erschaffen hatte – je mehr sie darüber nachdachte, umso wahrscheinlicher erschien ihr diese Annahme. Oder war sie einfach nur erschöpft und nicht mehr Herrin über ihre Sinne...

Sie wurde vom aromatischen Duft des heißen Tees geweckt und einer warmen Hand, die ihr vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Als Elizabeth die Augen aufschlug, blickte sie in das besorgte, aber freundliche Gesicht des Grafen. Sie musterte ihn einen Augenblick neugierig. Er war in der Tat ein attraktiver Mann, fand sie, in seinen dunklen Augen konnte man regelrecht versinken, wenn man nicht aufpasste! Und dieses edle, feingemeißelte Gesicht mit einem Mund, der offensichtlich gerne lächelte und zum Küssen geradezu einlud! Ein wenig irritiert war sie darüber, dass er seine langen Haare zu einem Zopf gebunden hatte, so wie es im allgemeinen nur die Seeleute taten. Es war mit Sicherheit nicht unangenehm, mit diesem Mann verheiratet zu sein, zumal er sich so sehr um sie sorgte. Und um das ungeborene Kind, von dem er sagte, er sei der Vater! Als sie für einen Moment daran dachte, dass sie heute nacht wohl höchstwahrscheinlich auch das Bett mit ihm teilen würde, wurde ihr sehr, sehr warm ums Herz.  

Dankbar nahm sie die zarte Porzellantasse aus seinen Händen entgegen und vertrieb den gleichwohl unangenehmen wie erregenden Gedanken an die vor ihnen liegende Nacht aus ihrem Kopf. Es wäre ihr wahrscheinlich sogar ein Trost, ein wenig körperliche Wärme miteinander zu teilen, wenn sie an die umheimlichen Dinge dachte, die heute nacht da draußen angeblich vor sich gingen. Sie hatte die schaurigen Geschichten der Dorfbewohner über Wiedergänger und Tote, die heute nacht aus ihren Gräbern steigen würden zwar lachend als Unfug und Aberglaube abgetan, aber nun war sie sich nicht mehr so sicher.  

Das unheimliche, düstere Wetter, der Nebel, die gruseligen Schreie der Eulen, die sie während ihres gesamten Aufenthalts hier bisher noch nie gehört hatte. Wenn sie den Kopf ein wenig drehte, konnte sie sogar den fahlen, vollen Mond, immer wieder verdeckt durch schwarze, am nachtblauen Himmel längspeitschende Wolkenfetzen, durch die kahlen Äste der uralten Eichen scheinen sehen. Dennoch wollte sie lieber nicht darüber nachdenken, dass sie hier neben einem Mann saß, der angeblich schon vor vielen Jahren verstorben war... Er wirkte so lebendig, so real. Und so überaus besorgt. Nein, dachte Elizabeth entschlossen, dieser Mann hier war so lebendig und wirklich wie sie selbst.  

Graf von Gruffdsteyn beobachtete zufrieden, wie Elizabeth langsam an dem heißen Tee nippte und holte ein Buch hervor, dass er mitgebracht hatte, um ihr wie versprochen ein wenig vorzulesen.

„Shakespeare“, erklärte er kurz und blätterte ein wenig durch die Seiten. „Die Sonette, die Du so gerne magst.“ Elizabeth lächelte überrascht. Woher hätte er das wissen sollen...?

Die Zeit des Jahres magst in mir du sehn,
Wenn spärlich letzte gelbe Blätter fallen,
Die Bäume kahl vor Kälte zitternd stehn,
Die Vögel schweigen in den öden Hallen;
In mir siehst du das letzte Dämmerlicht,
Das mit der Abendsonne still vergleitet,
Bis daß die dunkle Nacht herniederbricht,
Der andre Tod, und Ruhe rings verbreitet;
In mir siehst du das Flackern letzter Glut,
Die auf der Asche ihrer Jugendtage
Wie auf dem Sterbebett erlöschend ruht,
Sich selbst verzehrt im letzten Herzenschlage;
Siehst du mich so, der balde dich verläßt,
Hält deine Liebe mich so treuer fest...

Elizabeth lauschte andächtig. Der Graf hatte eine so wundervolle, betörende Stimme, dass sie trotz aller Müdigkeit einfach nicht einschlafen konnte und auch gar nicht wollte. Als er das Sonett beendet hatte und nach einem anderen blätterte, fiel ihr jedoch mit Schrecken etwas ein.

„Was für ein Datum haben wir heute?“ fragte sie beiläufig, aber innerlich aufgeregt. Graf von Gruffdsteyn schaute sie stirnrunzelnd an.

„Den 31. Oktober, den Tag vor Allerheiligen.“

„Und welches Jahr?“ Elizabeth hing gebannt an seinen Lippen und schloss entsetzt die Augen, als er mit „1782“ antwortete, so wie sie befürchtet hatte. Sie schauderte, als ihr die Inschrift der Grabplatte vor ihr geistiges Auge trat: 1. November 1782. Der Graf würde morgen versuchen, seine Ehefrau und sein ungeborenes Kind vor dem Ertrinken zu retten und dabei selbst ums Leben kommen.  

Elizabeth brach der kalte Schweiß aus und ihre Finger krallten sich in die Bettdecke. Das durfte nicht passieren, das konnte sie nicht zulassen!

„Nein!“ schrie sie verzweifelt und die halbgefüllte Teetasse flog in einem weiten Satz quer durch den Raum.

„Nein! Nein! Bitte nicht! Du darfst nicht sterben! Bitte nicht... oh nein...bitte nicht...bitte, lieber Gott...“  


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Fitzwilliam Darcy war müde und erschöpft, aber auch sehr froh, wieder zu Hause zu sein. Er hasste Dienstreisen, und besonders solche, die ihn längere Zeit von seiner Frau trennten. Mrs. Reynolds öffnete ihm die Tür und strahlte.

„Willkommen zu Hause, Sir!“ lächelte sie und nahm ihm den kleinen Koffer ab. „Wir haben sie heute abend gar nicht mehr erwartet! Mrs. Darcy wird außer sich vor Freude sein!“ Fitzwilliam lachte.

„Na das will ich doch hoffen! Wie geht es ihr, Mrs. Reynolds? Irgendwelche Probleme mit der Schwangerschaft, von denen sie mir nichts berichtet hat?“

„Alles in bester Ordnung, Sir“, beruhigte ihn die Haushälterin und nahm seinen durchnässten Mantel entgegen. „Sie ist im Wohnzimmer und schaut sich Filme an.“

Fitzwilliam seufzte. Sie tat seit Wochen nichts anderes.

„Dann werde ich einmal zu ihr gehen. Können Sie mir einen schönen, heißen Kaffee machen, Mrs. Reynolds?“

„Sehr gerne, Sir!“  

Leise betrat Fitzwilliam Darcy das Wohnzimmer, doch Elizabeth merkte es nicht, denn sie schlief tief und fest, während auf dem großen Fernsehschirm der Abspann irgendeines Filmes lief. Kopfschüttelnd betrachtete er den Stapel an DVDs, der auf dem kleinen Beistelltisch neben der Couch lag. Eine wüste Mischung, wie er fand, aber er war nicht im geringsten erstaunt. Die Verfilmung von Charles Dickens’ „Große Erwartungen“, Titanic, Amazing Grace, Fantastic Four – Teil 1 und 2 – King Arthur, Oscar Wilde und natürlich die schon seit Wochen allgegenwärtige Hornblower-Sammlung, die allein aus 8 Filmen bestand und die den DVD-Spieler kaum noch verließ. Und das war nur ein kleiner Teil ihrer sogenannten Lieblingsfilme.  

Fitzwilliam seufzte. Andere schwangere Frauen entwickelten eine Vorliebe für saure Gurken oder Salzstangen, seine Frau war süchtig nach Filmen. Aber nicht nach irgendwelchen Filmen, oh nein, das wäre ja zu einfach! Nach Filmen mit diesem unsäglichen Typen, diesem Schotten oder war’s ein Waliser...egal. Wie hieß er noch gleich... Ian oder Ewan irgendwas. Unaussprechlicher Name jedenfalls. Unsäglicher Typ. Aber nichts anderes kam Elizabeth momentan in den DVD-Spieler. Fitzwilliam konnte den Kerl nicht ausstehen. Und nein, er war NICHT etwa eifersüchtig. Auf was auch? Auf dunkle Locken? Braune Augen? Das konnte er selbst auch bieten. Ihm war vollkommen schleierhaft, was Elizabeth an diesem Schönling fand. Aber sie inhalierte diese Filme regelrecht und Fitzwilliam ließ sie zähneknirschend gewähren. Was tat man nicht alles, damit der häusliche Friede gewahrt und Elizabeth glücklich blieb...

Fitzwilliam spielte kurz mit dem Gedanken, die DVDs von Mrs. Reynolds entsorgen oder zumindest verstecken zu lassen, bis das Baby geboren war – irgendwie war er der Meinung, es war nun genug und er hatte auch keinen Nerv mehr, seiner Frau zu erklären, dass sein Sohn ganz bestimmt nicht auf den Namen „Horatio“ getauft werden würde – doch in diesem Moment fuhr Elizabeth aus ihrem Schlaf hoch und schrie entsetzt auf.

„Nein! Nein! Nein! Bitte nicht...Du darfst nicht sterben! Bitte nicht... oh nein...bitte nicht...bitte, lieber Gott...“  

Der unsägliche Schotte, Waliser oder was auch immer war sofort vergessen und Fitzwilliam stürzte besorgt an Elizabeths Seite, nahm sie in die Arme, strich über ihren Rücken.

„Elizabeth! Wach auf! Liebes, wach auf! Ssschhh...ganz ruhig, ganz ruhig. Du hast schlecht geträumt, Darling. Bloß schlecht geträumt.“

Elizabeth kam ganz, ganz langsam in die Gegenwart zurück, schlug die Augen auf und schluchzte sofort los, als sie Fitzwilliam erkannte.

„Oh William, Du bist es wirklich? Du bist wieder zurück?“ Sie klammerte sich an ihn.

„Ja, ich bin wieder da, Schatz. Was ist los? Hattest Du einen Alptraum? Du zitterst ja!“

„Ich bin so froh, dass Du wieder da bist! Wo warst Du? Wieso hast Du mich mit dem Grafen allein gelassen? Stell Dir vor, er hat gesagt...“

In etwas wirren Worten erzählte sie ihm ihren Traum, von ihrem gemeinsamen Spaziergang im nebligen Park, der Insel mit dem Sarkophag, von Fitzwilliams urplötzlichem Verschwinden und der Begegnung mit dem Grafen und seiner beiden Hunde. Und dass sie solche Angst gehabt hatte, so ganz ohne Fitzwilliam.

„Jetzt bin ich ja hier, Liebes. Ich bin bei Dir. Am besten, Du legst Dich ein bisschen hin und versuchst zu schlafen. Ich wecke Dich zum Abendessen, versprochen! Du brauchst einfach ein bisschen Ruhe, Du bist ja ganz durcheinander!“

Elizabeth nickte erschöpft, zog die weiche Kaschmirdecke über sich und schloss die Augen. Wenige Minuten später war sie bereits eingeschlafen.  

Fitzwilliam seufzte. Er nahm sich vor, ab sofort mehr Zeit mit seiner Frau zu verbringen, unnötige Dienstreisen zu verschieben. Diese vermaledeiten DVDs taten ihr nicht gut, wahrhaftig nicht... allerdings wäre Elizabeth in dieser Frage entschieden anderer Meinung! Als er leise das Wohnzimmer verlassen wollte, fiel sein Blick auf den Fernseher, auf dem immer noch der Abspann eines weiteren Films lief. Er schaltete das Gerät aus, damit Elizabeth nicht gestört wurde, drückte die Auswurf-Taste und stöhnte gequält auf, als er den Titel des Films auf der Silberscheibe las.  

„102 Dalmatiner“, murmelte er und verließ kopfschüttelnd den Raum. „Davon hätte ich allerdings auch Alpträume bekommen!“
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