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Nur Gedanken sind frei

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
31.10.2007
01.11.2007
3
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31.10.2007 1.091
 
Kopfschmerzen. Warum sind sie eigentlich schlimmer als jeder andere Schmerz?
Jabez öffnete mühsam die Augen und sah sich im Raum um. Holzwände, Holzdecke, Holzboden – und ein paar verlassene Betten. Nichts davon motivierte ihn zum Aufstehen, also ließ er es bleiben. Er sehnte sich nicht gerade nach der Erfahrung, mit dröhnendem Schädel und einem Magen, der sich nach außen zu stülpen drohte, durchs Gasthaus zu wanken.
Es ist wirklich eine gute Frage, überlegte er. Vielleicht ist es eine Art Rache Rahjas, wenn man ihre liebsten Getränke einfach hinunterstürzt, anstatt sie angemessen zu würdigen. Wobei – Rahja steht eher für den Wein, wer ist dann für das Bier verantwortlich? Wenn ich die Zwerge mal so betrachte, würde ich ja auf Ingerimm tippen, aber es wäre mir neu, daß man Bier schmieden müßte. Wobei er auch der Patron des Handwerks... au! Er vergrub das Gesicht im Kissen. Ich fürchte, das wird nichts...
Er erinnerte sich nur vage an die Geschehnisse des letzten Tages. Sie waren endlich aus diesem götterverfluchten Sumpf zurückgekehrt – mit „sie“ meinte er sich und seine Begleiter – und hatten sich in Thorwal in ihrem Stammgasthaus einquartiert. Leider war es nicht beim Einquartieren geblieben. Da war etwas mit einem Markt gewesen, mit Bier und Schlägereien... Abrupt setzte Jabez sich auf und verzog schmerzerfüllt das Gesicht. Habe ich wirklich eine Bank als Waffe benutzt?!
Langsam wurden die Erinnerungen klarer, und es formten sich Bilder, die ihm nicht sonderlich gefielen. Gut, er hatte sich gestern prächtig amüsiert, aber im Grunde – dessen entsann er sich gerade – hatte er es nur getan, um seine Pflichten zu vergessen. In einer seiner Taschen steckte immer noch der Brief seines Onkels, der ihn aufforderte, nach Al'Anfa zurückzukehren und dort seinen dynastischen Pflichten nachzukommen. Sprich: Man wollte ihn verheiraten, und er wußte noch nicht einmal, mit wem.
Was wohl geschieht, wenn ich ihnen von meinem Sohn erzähle? Trotz des schmerzhaften Pochens im Schläfenbereich gelang ihm ein Lächeln. Sein „Sohn“ war Maraskaner und nicht wirklich jünger als er – Jabez hatte ihn nach einem Trinkgelage aus Versehen adoptiert, ohne die entsprechende maraskanische Sitte zu kennen. Auf Maraskan schien es auszureichen, daß man eine Adoption laut auf dem Marktplatz verkündete, um diese gültig zu machen. Nun – er war wirklich ziemlich laut gewesen, was auf den Genuß eines pikanten und äußerst enthemmenden Getränks zurückzuführen war. Jetzt hatte er einen maraskanischen Sohn. Zum Glück war dieser alt genug, um auf sich selbst aufzupassen – Jabez fühlte sich mit seinen vierundzwanzig Götterläufen noch zu jung für eine echte Familie.
Seine
echte Familie sah das allerdings anders.
Jabez erhob sich mühsam und tappte zum Fenster. Er stieß die Läden auf, um möglichst viel frische Luft in den Raum zu lassen. Jetzt erst fiel ihm auf, wie stickig es gewesen war; das Zimmer roch nach Alkohol, verschwitzten Laken, dreckigen Schuhen und einigen anderen Dingen, die er nicht näher identifizieren wollte. Kein Wunder, daß die anderen schon gegangen waren. Hatten sie eigentlich versucht, ihm zu wecken? Jabez erinnerte sich vage an einen Weckversuch, aber es konnte gut sein, daß er nur davon geträumt hatte.
Jemand hatte eine Waschschüssel stehen lassen, wie er dankbar zur Kenntnis nahm. Das Wasser darin sah noch recht sauber aus, so daß er sich damit gründlich das Gesicht wusch. Für mehr reichte es nicht, aber zum Glück gab es in Thorwal genug Badehäuser, um einen ganzen Götternamen lang sauber zu sein. Prüfend fuhr er sich mit der Hand über den Kopf und stellte fest, daß seine Haare schon wieder nachgewachsen waren und halbfingerlange Stoppeln bildeten.
Ich muß einen Barbier finden – oder besser noch Chakijian, überlegte er. Sein maraskanischer „Sohn“ war deutlich geschickter mit dem Rasiermesser als er selbst. Er war auch sehr geschickt mit anderen Messern, die man am ehesten als Meuchlerwerkzeug bezeichnen konnte. Diese Erkenntnis hatte Jabez allerdings wenig schockiert – Al'Anfa härtete diesbezüglich ab.
Ach ja, die alte Heimat – die Pestbeule des Südens...
Hatte sich gerade noch ein Anflug von guter Laune gezeigt, so war dieser sofort wieder verschwunden, als er sich an den Brief erinnerte. Warum, bei allen Niederhöllen, meinte seine Verwandtschaft, ihn verheiraten zu müssen? Sie konnten ihn wohl kaum ruhigstellen wollen, denn er interessierte sich ohnehin nicht dafür, was seine Familie tat oder unterließ. Bestechung, familiärer Zwang? Wollten sie ihn besser kontrollieren können? Das schon eher, beschloß er. Ich schätze, ihnen gefällt es nicht, daß ich mich irgendwo in der Weltgeschichte herumtreibe und nicht wöchentlich zum Rapport erscheine.
Manche Leute träumten davon, aus einer der reichen Familien Al'Anfas zu stammen. Sklaven, Luxus und Macht – für viele ein erstrebenswertes Ziel. Jabez sah das ganz anders. Er kannte die Schattenseiten einer solchen Herkunft, was einer der Gründe gewesen war, daß er nach seiner Weihe so schnell wie möglich gen Norden geflüchtet war.
Punkt eins: Sklaven – vorhanden, aber wenn man nicht gerade das Familienoberhaupt war, so konnte man sich selbst zu diesen rechnen. Konventionen und Verpflichtungen konnten ebenso einschränkend sein wie Zäune und Fußfesseln. Punkt zwei: Luxus – machte faul und dekadent, trieb einem das selbständige Denken aus und führte irgendwann zu Punkt eins. Punkt drei: Macht – war das beste Mittel, hinterrücks ermordet zu werden, was frustrierend und ziemlich ehrlos war. Beinhaltete außerdem Intrigen, das verbale Gegenstück eines vergifteten Dolches, den man sich mit ein bißchen Pech auch selbst ins Bein rammen konnte.
Gut, er mußte zugeben, daß seine „Flucht“ auch nicht sonderlich ehrenhaft gewesen war. Aber er war nun einmal kein Rondra-Geweihter und hielt es demzufolge nicht für sinnvoll, sich einer hoffnungslos überlegenen Macht entgegenzustellen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung kannten die Diener Kors durchaus den taktischen Rückzug und wußten, wann dieser angebracht war.
Wir sind nicht alle blutdürstige Verrückte. Ein paar von uns sicher, aber das ist die Minderheit. Wenn wir alle blutdürstige Verrückte wären, dann wäre die Kor-Kirche jetzt ebenso ausgelöscht wie ein paar von diesen Rondraorden, deren Mitglieder lieber ehrenvoll sterben als länger leben wollten. So dämlich sind ja nicht einmal Golgariten, die lassen zumindest Boron die Wahl des Augenblicks, anstatt aktiv darauf hinzuarbeiten. Nein danke, mir gefällt mein Leben ganz gut, ich möchte es noch ein bißchen behalten.
Langsam ließen die Kopfschmerzen nach. Dafür begann Jabez' Magen zu schmerzen und zu grummeln. Zunächst befürchtete er, etwas Falsches gegessen zu haben, bis er bemerkte, daß es schlicht und einfach Hunger war. Ein sehr hartnäckiger Hunger, der nach mehr verlangte als nach dem Bier, das gestern sein Hauptnahrungsmittel gewesen war.
Wie ironisch das Leben doch sein kann. Wir mögen frei sein, aber in Wirklichkeit sind wir alle sind Sklaven unseres Magens, dachte Jabez vage amüsiert, bevor er das Zimmer verließ, um frühstücken zu gehen.
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