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Sayid und Farid - Brothers

GeschichteDrama / P16 / Gen
29.10.2007
04.02.2008
4
8.321
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29.10.2007 2.073
 
Sayid wurde von Sonnenstrahlen geweckt, die leicht auf seiner Haut kitzelten. Vielleicht war das Ganze bloß ein schrecklicher Alptraum gewesen und er wachte gewohnt neben seinem Bruder auf. Oder Arslan hatte sie zumindest befreit.
Doch das taube Gefühl in Händen und Füßen zeigte ihm die bittere Realität. Er war eingeschlossen, gefesselt, allein. Es bestand Fluchtgefahr, hatte der Händler gesagt, deswegen die Seile.
Wie hätte Sayid auch ohne fliehen können? Gar nicht. Die Tür des kleinen Raumes war aus schwerem Holz, abgeschlossen. Außerdem stand da eine Wache vor, wie ein kurzes Husten verriet. Das einzige Fenster war vergittert, zudem noch so hoch, dass der Kleine da gar nicht dran kam. An eine Flucht war zur Zeit nicht zu denken.
Mühsam richtete Sayid sich auf. Sein Kopf dröhnte von dem Schlag, den einer der Krieger ihm verpasst hatte. Mehr als eine sitzende Position schaffte er nicht, er war zu kraftlos.
Wie auf Bestellung kam der Händler in den Kerker.
„Du bist wach? Na, endlich. Du hast einen ganzen Tag geschlafen, du faules Stück!“ Geschockt sah Sayid auf die lederne Peitsche, die der kleine, gedrungene Araber knallend ausrollte. Der Fischerjunge versuchte verzweifelt auf die Beine zu kommen. Doch nicht nur die Fesseln behinderten ihn, auch die Entbehrungen zeigten allmählich ihre Wirkung.
Der Schlag kam überraschend schnell, mit hm der Schmerz. Sayid schrie auf, zerrte wie verrückt an den Seilen. Die harte Peitsche hatte einen blutenden Striemen auf seiner Brust hinterlassen.
Der Händler schritt langsam auf den zappelnden Jungen zu.
„Du bist keinen Dinar wert, den ich für dich gezahlt habe. Tarik, komm her!“ Auf seinen Befehl hin erschien ein unscheinbarer, dürrer junger Mann in der Tür. Er war sehr blass unter seiner bronzefarbenen Haut, wirkte kränklich.
„Kümmre dich um den Sklaven! In drei Tagen muss es bereit sein!“ Der Käufer wartete noch auf das zustimmende Nicken Tariks, ehe er verschwand. Sayid sah panisch zu seinem Gegenüber, wich kriechend vor ihm zurück, so gut es möglich war.
Was hatte der Mann gemeint? Wofür musste er bereit sein? Er wünschte sich zu Farid, zu Arslan, ganz weit weg von hier.
„Jetzt halt endlich still. Wie soll ich sonst deine Fesseln lösen?“, murrte der Fremde leise. Seine Stimme klang sanft, fast schon ein wenig weiblich. Der Fischerjunge traute ihm nicht, trotzdem ließ er ihn an sich rankommen. Er hatte auch keine andere Wahl.
Geschickt löste Tarik die viel zu eng geschnürten Seile. Blutige Abdrücke blieben an Handgelenken und Knöchel zurück.
„Das sieht schlimmer aus, als es ist. Kein Grund zur Panik. Kannst du aufstehen?“ Sayid versuchte es, sackte aber sofort zurück. Seine Beine fühlten sich wie Gummi an, seine Füße kribbelten vom wiederfließendem Blut, seine Muskeln waren kraftlos. Es würde nichts bringen zu fliehen, so käme er nicht weit.
„Das habe ich mir gedacht. Komm, ich stütze dich.“ Bevor der Sklave hatte reagieren können, zog Tarik ihn auch schon hoch. Ihm wurde übel. Er beugte sich vor und ließ alles raus, obwohl das nicht mehr als ätzende Galle war. Der Fremde hielt ihn fest, damit der Kleine nicht gleich wieder umkippte.
„Alles in Ordnung?“ Sayid glaubte Besorgnis mitschwingen zu hören, doch das war sicherlich nur Einbildung. Der Händler hatte irgendwas mit ihm vor und sein Diener wusste was.
Langsam erhob er sich, hielt den Blick weiterhin gesengt. Er antwortete nicht. Anscheinend hatte Tarik auch nichts anderes erwartet, zumindest gab er sich nicht enttäuscht.
Er brachte den stark Geschwächten in ein neues, im ersten Stock liegenden Zimmer, in dem wenigstens ein Bett stand. Auf Selbigem waren Verbandszeug, Schalen mit Wasser und Essen, sowie frische Kleidung abgelegt.
Sofort taumelte Sayid dahin, setzte sich erleichtert. Die kurze Strecke vom Keller bis in den Raum hatte ihn maßlos erschöpft. Tarik nahm ein Stück vom Verbandszeug, tunkte es ins wasser und tupfte so die blutigen Wunden des Sklaven ab. Er bemerkte auch das Brandzeichen, aber es kümmerte ihn nicht, er konnte schlichtweg nicht lesen.
Der Junge zuckte zusammen, fing an zu zittern. Obwohl der Fremde freundlicher schien, als der Händler, hatte er trotzdem Angst vor ihm. Wahrscheinlich war das nur eine Masche ihn gefügig zu machen. Nur, er würde darauf nicht reinfallen, Farid suchte ihn sicherlich schon. Farid... Wo er jetzt wohl war? Hoffentlich hatte er mehr Glück.
Traurig starrte der Fischerjunge zu Boden. Er vermisste seinen Bruder so sehr. Er bemerkte nicht mal, wie Tarik inne hielt.
„Was ist mir dir?“, erklang seine Stimme von weit her. Sayid hatte das Gefühl, aus einem Traum gerissen worden zu sein. Verwirrt blinzelte er, erkannte, dass sich nichts geändert. Tarik sah ihn mit einer Mischung aus Sorge und Mitgefühl an.
Der Sklavenjunge schüttelte den Kopf. Er wollte nicht reden, schon gar nicht mit Fremden, denen er nicht trauen konnte. Der junge Mann starrte ihn noch eine Weile an, setzte dann aber seine Arbeit fort. Er versuchte nicht noch einmal mit dem verschlossenen Fischerjungen zu sprechen.
Schnell verband er die Brust, Knöchel und Handgelenke des Kleinen.
„Trink was, aber sei vorsichtig“, mahnte er, während er ihm eine Schlae Wasser hinhielt. Sayid trank sehr langsam.
„Du scheinst das schon zu kennen, wie mir scheint“, mutmaßte Tarik leise. Den Sklaven kümmerte das nicht. Er legte sich hin, nachdem alles weg war. Sein Blick war leer, verloren. Tarik sammelte alles ein und ließ ihn in Ruhe.

Der nächste Tag war schon weit fortgeschritten, als Sayid aufwachte. Noch müde krabbelte er aus dem Bett, ging zum vergittertem Fenster, das eine für ihn fremde Stadt zeigte. Er war nicht mehr in Hama! Wie sollte Farid ihn jetzt finden?
Hilflos klammerte er sich an die Gitterstäbe, so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Seine Hoffnung schwand nach und nach, machte Verzweiflung platz. Er sank auf die Knie, weinte stumm.
Zweimal kam Tarik vorbei, brachte Nahrung und Wasser. Sayid hatte eigentlich überlegt nichts anzurühren, doch das würde niemandem helfen, besonders ihm nicht. So leerte er die Schalen bis auf den letzten Rest.

Der dritte Tag, der Tag, an dem Sayid für irgendwas hatte bereit sein müssen, begann damit, dass Tarik ihn in einen anderen Raum brachte. Das Zimmer war fensterlos, lag im Keller und es stand nur ein Tisch an der gegenüberliegenden Wand.
Der Sklave zögerte weiter zu gehen, aber Tarik zerrte ihn erbarmungslos mit. Ihnen folgten vier Wächter, wobei jeder von ihnen etwas trug: Verbandszeug, ein Kessel mit heißem Wasser, Kräuter, verschiedenste Werkzeuge. Sie legten das alles auf dem kleinen Tisch ab.
Sayid ahnte schlimmes, riss sich los, wich vor ihnen zurück. Nur, Tarik war stärker, als er aussah. Er packte den Kleinen, entkleidete ihn grob, übergab ihn an zwei Wächter, die ihn an den sowieso noch schmerzenden Handgelenken festhielten.
Der Fischerjunge zappelte wie verrückt, versuchte sich zu befreien. Er bemerkte nicht mal, dass der Händler in der Tür erschien. Laut knallte dessen Peitsche auf seine empfindliche Haut. Sayid erstarrte vor Schrecken. Der Mann schlug noch mehrmals zu, was der Sklave aber nicht wirklich spürte. Sein Blick huschte zu dem Tisch mit den Folterwerkzeugen. Was hatten sie nur mit ihm vor?
Hinter dem Händler stand ein größerer, europäisch aussehender Mann, der einige Schale in der Hand hatte. In einer war die schon bekannte milchige Flüssigkeit. Er stellte alle auf dem Tisch ab, schritt zu Sayid und untersuchte ihn erst mal.
„Ich glaube, es ist zu früh. Er ist noch zu schwach“, erklärte der Europäer sachlich.
„Entweder er überlebt es oder nicht. So einfach ist das. Du machst das jetzt.“ In der Stimme des Händlers schwang eine Drohung mit. „Und wenn du dich weiterhin wehrst, wird das ohne die Milch gemacht. Hast du mich verstanden, Sklave?“ Sayid reagierte nicht, war wie gelähmt.
Panisch starrte er die Männer an. Auch wenn er die Frage mitbekommen hätte, wäre er nicht in der Lage zu sprechen. Seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Sie verkrampften sich unkontrolliert, selbst sein Herz schlug hart und viel zu schnell gegen die Rippen. Das Blut schoss regelrecht in seinen Venen durch den Körper. Der Junge war in einen Schockzustand gefallen.
Der Europäer zwing ihn die narkotische Milch zu trinken. Ganz langsam entspannte er sich. Er bekam noch mit, wie der Arzt seinen Bauch zu fest verband, sodass es das Blut abschnürte. Er zuckte leicht, als jemand seine Genitalien zuerst mit einem nassen Tuch, dann mit einem trocknen abtupfte. Sein Bewusstsein schwand.
Er träumte, zumindest fühlte es sich so an. Er sah diesen Europäer mit einer sichelförmigen Klinge in der Hand. Sie näherte sich dem Intimbereich einen kleinen Jungen, trennte dessen Glied und Hoden ab.
Der Schmerz war echt, entsetzlich, unerträglich. Sayids gellende Schreie hallten durch das Haus. Verzweifelt bäumte er sich auf, schlug wild um sich. Heißes Blut strömte in Fontänen aus der entsetzlichen Wunde.
Der Arzt drückte etwas hartes in die Wurzel des Gliedes. Die Stimme des Sklaven erreichte Tonlagen, die nicht mehr menschlich waren. Er schaffte es ein Bein zu befreien, trat nach den Wächtern, die ihn mit aller Kraft am Boden hielten. Er hätte noch den Verstand verloren, wenn die Ohnmacht ihn nicht rechtzeitig befreit hätte.

Der Europäer verband sehr schnell die blutende Verletzung. Der Junge tat ihm wirklich Leid, aber er hatte es tun müssen. Er kümmerte sich noch um die Peitschenstriemen, bemerkte dabei das Brandzeichen. Eilig winkte er Tarik und den Händler zu sich.
„Wer ist Arslan?“ Der Jüngste zuckte unwissend mit den Schultern, der andere Araber erschrak fast zu Tode.
„Der gehörte Arslan? Wir müssen ihn los werden!“ Seine Stimme überschlug sich fast vor Panik.
„Wer ist das?“, fragte nun auch Tarik. Er war sichtlich verwirrt über das Verhalten seines Besitzers.
„Ein Assassine!“ Der junge Araber zog scharf die Luft ein. Niemand legte sich mit so einem an, wenn ihm sein Leben lieb war
„Assassinen verkaufen ihre Sklaven nicht. Er muss gestohlen sein!“ Der Kleine Araber hastete zur Tür. „Tarik, sieh zu, dass du ihn loswirst!“ Damit verließ er den Raum, der Europäer hinterher. Der Angesprochene blieb verschreckt zurück. Was sollte er denn jetzt mit dem Sklaven machen?
Er konnte ihn doch nicht einfach verrecken lassen. Aber wenn sich niemand um die Wunden kümmerte, würde er zweifellos sterben. Irgendwie mochte Tarik den Jungen, obwohl das wahrscheinlich niemals auf Gegenteil beruhte.
Er kniete sich neben Sayid nieder, betrachtete ihn schweigend, strich ihm vorsichtig das Haar aus dem Gesicht. Er kannte seine Schmerzen nur zu gut, er hatte sie selber erlebt. Das war schon einige Jahre her, trotzdem erinnerte er sich an alles.
Sachte löste Tarik die Verbände um den Bauch, wickelte sie um seine nicht mehr vorhandenen Genitalien. Der Fischerjunge zuckte zusammen.
„Sayid?“ Wimmern als Antwort.
„Wach jetzt nicht auf, hörst du? Warte, bis die Schmerzen erträglich sind.“ Gleiche Reaktion. Tarik glaubte den Namen Farid gehört zu haben.
„Wer ist das?“ Keine Antwort. Na gut, dann eben nicht. Er brachte den Jungen raus zu den Pferden.
„Wenn ich wüsste, wo dieser Farid ist, würde ich dich zu ihm bringen.“ Aber er kannte ihn nicht einmal, genauso wenig wie Arslan.
„Vielleicht finden die Assassinen dich.“ ‚Somit auch mich’, fügte er in Gedanken hinzu. Er wollte sich lieber nicht vorstellen, was die mit ihm machen würden.
Sanft legte Tarik den Verletzten auf eines der Pferde, steig dann auf ein anderes. Traurig warf er einen letzten Blick zum Haus. Er wollte nicht zurückkommen, egal was passierte. Eventuell konnte er bei Sayid bleiben, wobei er das nicht wirklich annahm.
Der Kleine hasste ihn jetzt sicherlich und er verstand es. Nachdenklich ritt er los.
„Du weißt bestimmt auch nicht, wo die Assassinen sind, oder?“ Tarik sah sich genau um.
Seit geraumer Zeit schon waren sie in der Wüste unterwegs. Dort schlugen die Ismaeliten bekanntermaßen am Ehesten zu, es gab schlichtweg weniger Zeugen.
Plötzlich wurden die Pferde unruhig. In der Nähe hatte der junge Mann ein Ritterlager erkannt, doch daran lag es bestimmt nicht. Hinter ihnen hörte er hungriges Knurren.
Noch ehe er hatte reagieren können, sprangen die ausgemerzten Wüstenwolfe ihre Beute an: Die panischen Fluchttiere warfen ihre Reiter ab, rannten weg. Einige aus dem Rudel eilten hinterher, der Rest blieb bei den Menschen.
‚Sie müssen Sayids Blut gerochen haben’, vermutete Tarik ängstlich. Er stellte sich über den Verletzten, um ihn zu beschützen. Die Wölfe bleckten ihre Zähne, kamen langsam näher.
Braun gefiederte Pfeile töteten die Tiere mit unglaublicher Präzision, das sie nicht mal jaulen konnten.
Überrascht blickte der blasse Araber in die Richtung, aus der die Geschosse anfolgen. Räuber, auch das noch! Sie preschten direkt zu den Beiden.
„Der Eine ist verletzt. Den lassen wir hier.“ Der Sprecher schien der Anführer zu sein. er schnappte sich den hilflosen Tarik, verschwand mit ihm Richtung Berge.
Sayid blieb allein in der Wüste liegen.
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