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Sayid und Farid - Brothers

GeschichteDrama / P16 / Gen
29.10.2007
04.02.2008
4
8.321
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29.10.2007 1.910
 
„Kleiner?“
„Hmm...?“ Mühsam hob Sayid den Kopf, um zu seinem Bruder zu sehen. Schon seit vier quälenden Tagen waren sie in der Wüste. Sie waren wie die Anderen angekettet – aus den Fischerjungen waren Sklaven geworden, nur wegen eines Fehlers ihres Vaters, der versucht hatte, sich mit dem Sklavenhändler Omar Khalid anzulegen. Die beiden Brüder mussten dafür büßen.
„Ich hab etwas Wasser für dich.“ Vorsichtig hob Farid die kleine Schale an die Lippen des Geschwächten. „Trink langsam“, mahnte er noch, doch Sayid hatte den ersten Schluck so hastig runtergewürgt, dass er davon einen heftigen Hustenanfall bekam.
Der ein Jahr Ältere lächelte nachsichtig und hielt ihm das improvisierte Trinkgefäss erneut hin. Diesmal trank Sayid deutlich langsamer, bis alles weg war.
„Jetzt ist gar nichts mehr für dich da“, murmelte er schlechten Gewissens.
„Mach dir keine Gedanken, ja? Ich bekomm noch was.“ Das war eine glatte Lüge. Für dieses bisschen Wasser hatte Farid einem der Wächter seinen Körper verkaufen müssen. Mehr würde er nicht kriegen, denn mehr hatte er nicht zu bieten.
Sayid glaubte ihm nicht so ganz, gab sich aber damit zufrieden. Was blieb ihm auch anderes übrig? Erschöpft legte er sich hin.
„Danke“, murmelte er noch, bevor er einschlief. Sein Bruder wachte über ihn, wie jede Nacht.

Im Laufe des nächsten Tages kam die Truppe in Hama an. Viele der Sklaven waren unterwegs an Schwäche gestorben. Die beiden Brüder lebten noch, doch Farid konnte sich kaum auf den Beinen halten und Sayid hatte hohes Fieber.
„Kleiner, bitte halte durch. Verlass mich nicht. Ich brauch dich doch, hörst du?“, flehte Farid leise. Sayid brachte nur ein Wimmern zustande. Der Ältere drückte den leichenblassen Körper seines Bruders an sich.
Der Sklavenhändler bemerkte wohl das Leid der Beiden, aber es interessierte ihn nicht. In seinen Augen waren alle Sklaven nur das Geld, dass er durch die gewinnen würde. Nichts anderes zählte.
„Bringt sie zur Tränke und dann in den Keller“, befahl Omar schroff. Die Männer beeilten sich dem nachzukommen. Sofort wurden die Sklaven zum Wasser gebracht, damit sie ihren Durst stillen konnten. Farid benetzte zusätzlich noch sein Hemd mit dem kühlen Nass, das er Sayid wie ein Turban um den Kopf wickelte.
„Macht schneller! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“, rief der Wächter, dem Farid seinen Körper verkauft hatte. Unbemerkt sorgte er dafür, dass die Brüder die Letzten waren. Nach und nach wurden die Sklaven in die Zellen im Keller eingeschlossen.
„Geh du nur. Ich kümmere mich um den Rest“, wandte der Wächter an seinen Kollegen, als sich sowieso nicht mehr viele auf dem großen Innenhof befanden. Dieser nickte nach einigem Zögern und verschwand. Der Zurückgebliebene sperrte die Restlichen ein, krallte sich Farid und löste seinen Preis ein. Der Fischerjunge versuchte nicht einmal sich zu wehren. Für seinen Bruder ließ er es über sich ergehen.

Fünf Tage später kamen die Käufer. Dafür wurde sogar ein Podest im Innenhof aufgebaut. Allmählich verschwanden die Sklaven, wurden verkauft.
„Farid?“
„Ja?“
„Werden wir auch getrennt?“
„Ich hoffe es nicht, Kleiner. Ich hoffe es nicht.“ Mit den letzten Worten wurde der Ältere immer leiser. Er wusste es nicht und das machte ihm zu schaffen.
„Kommt!“, rief die barsche Stimme eines Wächters. Er schleifte die Brüder aus der Zelle, in der nur die frisch Kastrierten, somit noch Verletzten zurückblieben. Der einzige Grund, warum die Beiden nicht auch zu ihnen gehörten, war, dass sie schlichtweg zu jung waren. Der Sklavenhändler verunstaltete die Jungen erst ab dreizehn; Farid war elf, Sayid sogar zehn Jahre alt.
Der Posten brachte sie direkt auf das Podest. Kaufleute saßen da und einige andere Gestalten, so auch ein ganz in schwarz gekleideter Araber, von dem man nur die Augen sehen konnte, denn er trug einen Schleier vor dem Gesicht.
„Hier die letzten beiden Sklaven. Sie sind Brüder, wie jedermann erkennen kann und noch sehr jung. Sie haben noch ihre volle Manneskraft, was sich aber ändern kann, wenn Sie es wünschen. Sie sind sehr kräftig und tragen für Sie alles, meine Herren. Ideale Arbeitssklaven. Zusammen oder einzeln, das ist egal. Wer bietet?“, pries Omar Khalid seine Ware an.
Sofort begann das Eifern der Kaufleute. Die Meisten waren an Farid interessiert, da er älter kräftiger war. Keiner wollte beide zusammen. Hilflos klammerten die Brüder sich aneinander.
„Ich biete 500 Dinar für Beide“, unterbrach eine kalt klingende Stimme das Geplärre. Alle Köpfe drehten sich zu dem bisher stillen, schwarz gekleideten Araber.
„Seid ihr sicher?“, fragte Omar ungläubig. So viel hatte er für keinen der heute verkauften Sklaven bekommen. Der Vermummte nickte nur. Lautes Gemurmel zeigte dem Sklavenhändler, dass keiner mehr bieten würde.

So kamen die Fischerjungen zu dem Boten des Alten vom Berge. Sein Name war Asef Arslan, wie Sayid und Farid herausfanden, als sie bei seinem Haus in Hama angelangt waren. Er schien freundlich zu sein, auch wenn er es gut verstecken konnte.
Er brachte die Beiden in ein kleines, nur mit einem Bett ausgestattetem Zimmer.
„Hier werdet ihr schlafen. Das Bett dürfte groß genug sein. aber erst werdet ihr euch waschen.“ Er zeigte den verwunderten Jungen das große, geräumige Bad, in dem eine Art Trog mit heißen Wasser gefüllt war.
„Zieht euch aus und steigt da rein.“ Farid gehorchte zögernd. Sayid sah den Assassinen ängstlich an, wusste nicht, ob er ihm trauen konnte. Asef entkleidete vorsichtig den Kleinen, der unter seinen Berührungen zusammenzuckte.
„Dein Name ist Sayid, oder?“ Ein Nicken als Antwort.
„Okay, Sayid. Ich habe nicht vor dir und deinem Bruder etwas anzutun. Ihr sollt nur für mich arbeiten. Aber du wirst verstehen, dass ich keinen Ungehorsam dulden kann.“ Gleiche Reaktion seitens des Sklaven.
„Guter Junge. Dann geh jetzt in die Wanne. Sina wird euch waschen.“ Auf seinem Klatschen hin kam eine anscheinend junge, verschleierte Frau in das Zimmer. Sie hatte Handtücher und Waschlappen dabei.
Asef nickte ihr zu, woraufhin sie anfing die Beiden ordentlich zu schrubben und zu waschen. Sayid gefiel es gar nicht, er zitterte die ganze Zeit. Farid ließ die Prozedur ohne jegliche Regung über sich ergehen. Er nahm die Hand des Kleinen, drückte sie fest. ‚Ich passe auf dich auf’, bedeutete das. Sayid lächelte ihm schwach zu.
Nachdem das Sklavenmädchen fertig war, brachte der Assassine sie zurück auf das Zimmer. Er hatte ihnen schlichte, aber für Sklaven eigentlich zu gute Kleidung gegeben. Vielleicht hatten sie Glück und er würde sie gut behandeln.
„Legt euch hin und zieht die Oberteile aus“, befahl Asef.
„Was ... was habt ihr vor?“, stammelte Sayid vor Angst. Trotzdem gehorchte er, genauso wie Farid.
„Ich muss euch kennzeichnen, damit jeder weiß, dass ihr zu mir gehört. Trinkt das.“ Er hielt den beiden vor Schrecken zitternden Jungen zwei Schalen mit einer milchigen Flüssigkeit hin. Farid traute seinem Besitzer nicht, aber er musste tun, was er verlangte. Deswegen würgte er das süßliche Getränk runter.
Er wurde müde, seine Glieder schwer, seine Sinne trüb. Er bemerkte noch, wie sein Bruder neben ihm zusammensackte, ehe der Schlaf ihn endgültig einnahm.

Gut, der Trank zeigte Wirkung. Schnell holte Arslan das Brandeisen, drückte es dem jeweiligen Sklaven kurz auf die Schulter. Sayid zuckte heftig, wachte jedoch nicht auf. Sein Bruder reagierte gar nicht. Er überprüfte vorsichtshalber den Puls des Älteren.
‚Er schläft nur sehr tief’, stellte der Assassine mit Erleichterung fest. Wenn er genauer hinsah, bemerkte er auch, wie erschöpft und kraftlos der Junge war. Es hatte den Anschein, dass Omar Khalid mit seinem Bericht, der Größere hätte seit seiner Gefangennahme kaum geschlafen, recht behielt. So wirkte er zumindest.
Asef deckte die Beiden vorsichtig zu. Eigentlich war er kein Freund von Sklavenhaltung, nur irgendjemand musste das Haus und den Hof mit den Ställen in Stand halten, da er sehr häufig auf Reisen war. Meistens kaufte er sich dann Frauen, die keiner haben wollte oder noch sehr jung waren. Oder Geschwister wie diese Brüder, die zusammen bleiben wollten. So half er ihnen und sich selbst. Der Assassine betrachtete sie noch eine Weile, verschwand dann lautlos aus dem Zimmer.

Zwei Jahre lebten die Brüder in dem Haus des Boten. Sie bekamen nur selten Ärger, da sie sich bemühten alles richtig zu machen. Geschlagen wurden sie nie, anscheinend hatte ihr neuer Besitzer einen Narren an ihnen gefressen. Auch wenn die Beiden Sklaven waren und viel arbeiten mussten, gefiel es ihnen bei Arslan.
Doch alles hatte irgendwann ein Ende. Als Assassine hatte Asef nicht nur Freunde, sondern auch eine Menge Feinde. Die Meisten trauten sich allerdings nicht mal in seine Nähe, geschweige denn, dass sie ihn angreifen würden. Aber überall gab es Lebensmüde, so ebenso unter den Sarazenen Saladins.
Das die Assassinen ein Bündnis mit den allseits gehassten Templer abgeschlossen hatten, galt für Saladin als Verrat. Die gefürchteten Schattenkrieger waren die besten Kämpfer im Orient und sie waren Muslime, die sich auf die Seite der Christen geschlagen hatten, um ihre Landsmänner abzuschlachten. Das konnte der Fürst nicht dulden.
Daher schickte er eine Handvoll seiner todesmutigsten Krieger zum Haus des Assassinen. Die Order lautete einfach Arslan auszuschalten, nichts anderes. Sie befolgten den Befehl, nur als sie merkten, dass der Herr nicht anwesend war, raubten sie die Sklaven.
Besonders die beiden Brüder wehrten sich verbissen. Es half nichts, Sayid, Farid und die Anderen waren zu schwach. Die Kämpfer brachten die Sklaven Arslans in ein leerstehenden Haus nahe des Marktes.
„W-Was passiert mit uns?“, fragte der Kleine unsicher, nachdem die Räuber das Zimmer endlich verlassen hatten.
Farid schüttelte hilflos den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Seine Stimme zitterte. Zum ersten Mal zeigte er seine Angst offen gegenüber seinem kleinen Bruder.
„Farid. Ich will dich nicht verlassen. Bleib bei mir.“ Der Jüngere war den Tränen nahe, drückte sich an Farid. Dieser versuchte ihn zu trösten, ohne Erfolg.
„Wenn wir getrennt werden, verspreche ich dir, dass ich dich suche, Sayid. Ich werde nicht aufgeben, bist du wieder bei mir bist. Und wenn es ewig dauert, irgendwann finde ich dich.“ ‚Wenn wir das hier überhaupt überleben’, fügte er in Gedanken hinzu.
So wie die Anderen hatte er keine Ahnung, was die Krieger mit ihnen machen wollten. Das Schlimmste, das ihnen passieren konnte, war als Lustsklave verkauft zu werden, wie Farid auf schmerzliche Weise erfahren hatte. Er erinnerte sich noch gut daran, sein Preis für das Wasser zu bezahlen.
Es war grauenhaft gewesen, nur der Gedanke an seinen Bruder hatte ihn die Schmerzen ertragen lassen. Er wollte so was nicht noch mal erleben. Hoffentlich fand Arslan sie, bevor es zu spät war.
„Schlaf ein wenig, Kleiner. Ich pass auf dich auf“, murmelte der Große leise.
„Aber nicht wieder die ganze Zeit wach bleiben. Denk dran, was beim letzten Mal passiert ist.“ Drei Tage hatte Farid bei Arslan durchgeschlafen. Der Assassine hatte ihn gelassen, musste Sayid beruhigen, dass sein Bruder nur sehr lange nicht dazu gekommen war.
„Ich werd’ es versuchen“, gab der Ältere leicht lächelnd zurück. Er küsste dem Kleinen auf das schwarze Haar.
„Farid....“, wisperte Sayid noch, ehe er einschlummerte. Natürlich blieb Farid erneut die ganze Zeit wach, achtete auf seinen Bruder.

Der nächste Tag brachte schreckliches. Verschiedene Sklavenhändler kamen, um die Gefangenen zu kaufen. Einige sahen ganz nett aus, doch sie nahmen die älteren, erfahrenen Sklaven. Sie beachteten die viel zu jungen Brüder nicht einmal.
Am Ende waren nur noch sie und zwei Käufer übrig. Verzweifelt klammerten die Beiden sich aneinander, aber es half nichts. Sie wurden erbarmungslos getrennt.
„Farid!“ Sayids hilflose Rufe erstickte der Händler mittels eines schwarzen Tuches. Der Junge wehrte sich, zappelte wild herum, sodass einer der Krieger Saladins ihn außer Gefecht setzen musste.
„Sayid!“, krächzte der Ältere panisch. Sein Käufer zerrte ihn gnadenlos mit. Das Letzte, was Farid von seinem Bruder sah, war, wie er bewusstlos zusammensackte.
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