Persecution complex

GeschichteParodie / P6
18.10.2007
18.10.2007
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Kennst du das? Wenn du Montag Morgen aufwachst, mit diesem seltsamen Prickeln im Nacken und dem Gefühl, dass irgendwas passieren wird? Wenn du das Radio anmachst und erwartest, dass sie irgendwelche Horrormeldungen bringen, über einen schrecklichen Orkan, einen fatalen Tsunami an der heimischen Küste oder einen weltweiten Stromausfall, der Zigtausenden in der Nacht das Leben gekostet hat.
Stattdessen laufen die Verkehrsnachrichten und kündigen die üblichen drei Kilometer Stau auf deiner Strecke nach Hause an. Als du vor dem Badezimmerspiegel stehst und versuchst bei dem Gefühl der Zahnbürste in deiner Mundhöhle nicht in haltlosem Würgen zu versinken, fühlst du dich, als wärst du kurz vor dem Schlafen gehen. Du hast das Gefühl, dich gedeckt kleiden zu müssen, als Vorsichtsmaßnahme, sollte es doch noch einen Grund zum Trauern geben.
Und während du auf der Autobahn die ersten Ausläufers deines Staus erreichst, zuckst du bei jedem Auto, das an die vorbeifährt zusammen, in der Erwartung, dass dir plötzlich jemand panisch entgegen schreit: "Fahr!! Fahr um Himmels willen!! Hau ab!! Da hinten kommt die Armee!!" Dein Fuß schwebt nervös über dem Gaspedal, aber niemand kurbelt das Fenster runter um dich zu warnen. Obwohl dir die Menge an vorbeiziehenden Autos und nervösen Gesichtern noch immer sehr verdächtig vorkommt.
Minuten später fährt gar nichts mehr. Die Autokolonne hat dich verschlungen, du steckst mitten drin und es gibt kein Entrinnen. Du bist nervös, kannst keine Musik hören. Und so lauschst du dem monotonen Brummen deines Motors und dem dezenten Wummern der Bässe neben dir. Die Menschen um dich herum scheinen genauso nervös wie du selbst, Trommeln auf die Lenkräder, wippen mit den Knien. Über dir kreist ein Hubschrauber, als würde er die Autoschlange warnen wollen. Du öffnest das Fenster einen Spalt breit, um die Durchsagen durch das Megafon besser zu hören. Aber sie warnen nicht.
Jeden Moment rechnest du damit, dass sich eine Flut von fliehenden Menschen über die stehenden Autos ergießt. Auf der Flucht vor den Zombies, die sich epidemieartig über das Land verbreiten. Du malst dir aus, wie sich die Menschen neben, hinter und vor dir in ihren kleinen Blechkisten verbarrikadieren. Niemand wagt sich jetzt noch nach draußen. Nur du denkst an die Menschen in der nächsten Stadt. Sie müssen gewarnt werden! Du bereitest dich innerlich darauf vor, mit deinem Butterfly-Messer bewaffnet und unter den jubelnden Stimmen deiner Mitmenschen in die nächste Stadt aufzubrechen. Bahnst dir in Gedanken schon den Weg zwischen den stehenden Autos hindurch. Hast plötzlich Angst um deine Freundin, die 70 Kilometer hinter dir auf dem Weg in die Uni ist. Angst um deine Familie und deine Freunde 50 Kilometer vor dir, die sich ebenfalls gerade aus den Betten quälen. Du wischst dir über das schweiß-nasse Gesicht. Plötzlich fahren die Autos wieder.
Du fährst und fährst und fährst und um dich herum fahren andere Menschen in anderen Autos, auf dem Weg zur Arbeit, zur Familie, wer weiß wohin?! Doch werden sie ankommen? Du siehst viele Krankenwagen auf den Straßen neben der Autobahn. Ungewöhnlich viele Autos scheinen mit Motorschäden auf den Seitenstreifen zu stehen - und keine einzige Pannenhilfe. Wieder ein Notarzt, diesmal auf der Gegenspur. Du erschauderst. Eine Massenkarambolage direkt hinter dir. Du hattest verdammtes Glück! Doch es folgen keine weiteren Rettungswagen.
In der Uni schweifen deine Gedanken ab. Wie war das noch mit den Rettungswegen? Fenster schließen und dann raus, über den Flur und raus auf den Hof. Warum nicht gleich aus den Fenstern? Du sitzt im untersten Stock. Was, wenn über dir die Chemielabore explodieren? Wenn sich flüssiges Feuer zusammen mit irgendeiner Säure durch die Decke frisst? Du wirst nervös, rutschst unruhig auf deinem Stuhl hin und her. Ist nicht sogar der halbe Flur gesperrt, weil sie für die oberen Etagen eine neue Feuertreppe bauen? Und was, wenn das Feuer nur hier unten ausbricht und die oberen Räume gar nicht das Gebäude verlassen müssten? Ihr aber in diesem Raum gefangen seid?!
Fünf Stunden später sitzt du wieder in deinem Auto, fährst die 15 Minuten zu deiner Mutter. Du fährst langsam. Jeden Moment könnte eins der vielen Kinder auf die Straße springen, dich zu einer Vollbremsung verleiten und einen riesigen Unfall verursachen. Kurz bevor du zu Hause ankommst breitet sich eine hilflose Panik in dir aus. Vor einer Sekunde preschte ein Rettungswagen mit Blaulicht an dir vorbei in die Stadt, Richtung Krankenhaus. Hatte deine Mutter gestern am Telefon nicht noch erzählt, dass sie so seltsame Kopfschmerzen habe? Du gibst Gas. Zu Hause wirst du von deiner kochenden Mutter begrüßt. Kein Gehirntumor. Kein Schlaganfall.
Abends liegst du in deinem Bett. Deine Freundin eben am Telefon klang seltsam. Abgehakt. Wortkarg. Du hast doch schon lange vermutet, dass da irgendwas mit diesem Mike läuft. Dieses Schweigen, das von Zeit zu Zeit zwischen euch herrscht. Diese verlegenen Blicke… Du starrst an die Decke und fühlst dich schlapp und kraftlos. Wozu weiter machen? Morgen wird eh irgendetwas schreckliches passieren, deine Freundin wird Schluss machen oder einfach mit ihrem Neuen durchbrennen, das spürst du ganz deutlich. Und die seltsamen Bemerkungen deiner Lehrer - es wird bestimmt nicht mehr lange dauern, bis sie dich von der Schule werfen. Morgen! Doch doch, ganz sicher Morgen! Du setzt dich auf und greifst nach deinem Butterfly unter deinem Kopfkissen. Wozu weiter kämpfen? Du könntest einfach… Aber nein. Du bist nicht so. So wie die anderen. Du gibst ihnen noch eine Chance. Eine letzte. Nur Morgen noch. Dann ist es vorbei.
Am nächsten Morgen wachst du auf, mit diesem seltsamen Prickeln im Nacken und dem Gefühl, dass irgendwas passieren wird. Du machst das Radio an und erwartest, dass sie irgendwelche Horrormeldungen bringen, über einen schrecklichen Orkan, einen fatalen Tsunami an der heimischen Küste oder einen weltweiten Stromausfall, der Zigtausenden in der Nacht das Leben gekostet hat.
Stattdessen laufen die Verkehrsnachrichten…