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Call me, call me

von Roma-Tane
GeschichteDrama / P6 / Gen
Neil Perry Todd Anderson
02.09.2007
02.09.2007
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02.09.2007 936
 
Vorwort

Anstoß für den folgenden Oneshot ist die bereits in unserem Profil genannte Competition, die zwischen Fibrizo und meiner Wenigkeit (Galathean) stattfindet. Vorgegebener Impuls war das Lied „Call me, call me“ von Yoko Kanno, sowie die Sparte „Dead Poets society“. Im Vorhinein habe ich noch ein Gedicht von Lord Alfred Douglas (der Geliebte Oscar Wildes) gestellt, das ich zur Thematik der Fiktion sehr passend fand. So, genug der Vorrede: ich hoffe, es gefällt euch :)


Disclaimer

Der „Club der Toten Dichter“ gehört weder in Film- noch Buchform mir, genau wie das zu Beginn stehende Gedicht „Tod des Dichters“ von Lord Alfred Douglas (geschrieben im Jahre 1900 anlässlich des Todes seines besten Freundes und ehemaligen geliebten Oscar Wilde); von mir stammt einzig die Idee zu dieser Fiktion, in der ich Neil Perry und Todd Anderson tiefere Anziehung zuspreche, als im Original gedacht.



Tod des Dichters


Im Traum heut’ hab ich sein Gesicht gesehn,
Ganz hell und klar und nicht umwölkt von Gram.
Und so wie früher ich Musik vernahm:
Die goldene Stimme lockt’ hervor, was schön
Ist im Alltäglichen. Sein Dichterwort
Hat Wunder aus dem Nichts heraus vollbracht
Und das kleinste Ding noch schön gemacht:
Die ganze Welt war ein verwunschner Ort.

Trauernd um Worte, die nie aufgeschrieben,
Stand ich vor einem fest verschlossnen Tor,
Und Sagen, denen das Vergessen droht,
Geheimnisse, die ungelüftet blieben,
Gedanken, stumm, wie toter Vögel Chor.
Und so erwachend, wusst’ ich, er war tot.


[Alfred "Bosie" Douglas]



Schweigend saß Neil auf der Kante seines Bettes.
Seine leicht vorgebeugte Haltung mit dem vorgeschobenen Kinn deutete den Ansatz einer unausgeführten Bewegung an, als sei er inmitten seines Vorhabens erstarrt. Die schlanken Hände ineinander gefaltet und diese in Höhe des Kinns erhoben, fixierte er mit verlorenem Blick die vor ihm liegende Wand - und sah sie doch nicht.  
Das kalte, milchige Licht des Mondes brach sich zart in den Scheiben des verschlossenen Fensters, legte sich um die markanten Konturen seines falben Gesichtes.
Der Gedanke haftete in seinem Hirn, als wolle er Macht über ihn gewinnen, drängte ihn in eine geistige Sprachlosigkeit. Endlich, als sein Körper nach einer scheinbaren Ewigkeit zurück in das Jetzt fand,  erhob er sich leise, schritt zum Fenster und stemmte es auf.
Das Licht ergoss sich auf seinem Gesicht, seinem Oberkörper; die Kälte der klaren, schneeerfüllten Luft erfüllte seine Lungen.
Die Kuppen seiner Finger tasteten nach der Dornenkrone, nahmen die in das Zimmer stürzende Kälte begierig auf, krönten ihn in klagender Sinnlichkeit. Der Schatten des Fensterrahmens warf einen schemenhaften Schatten auf seine mit einem Mal tiefer, weiser erscheinenden Züge.
Eine fast schmerzliche Schönheit griff nach ihm, umschlang sein Innerstes.
Resignierend senkte er die ermatteten Lider, wissend, dass es genau diese Schönheit sein würde, die all das einfordern sollte, was von seinem Leben übrig geblieben war.
Sein Schritt wog schwer in der Stille des ertaubten Hauses; kein Ohr vernahm die wahre Last, die ihm inne wohnte.
Niemand erkannte so wie er das intensive Grau des Schlüssels zu jener Schublade, deren Inhalt ihm endgültige Absolution versprach; lange wog er ihn in Händen, streichelte ihn in tiefster Dankbarkeit.
Ungesehen auch das letzte Lächeln, das seine Miene in einem verzweifelten Anflug letzter, paradoxer Seeligkeit erhellte.
Alles erschien in diesen letzten Minuten so einfach, so klar. Alles Schwarz und alles Weiß, alles Falsche und Wahre.
Der Schuss zerriss seine Schläfe in einem letzten Moment vollkommenen Glücks.
Stille.

Todd zitterte, als die Spitze seines Zeigefingers gegen seine Rachenwand stieß.
Unter hustendem Würgen fraß sich sein Erbrochenes in die weiße Schneedecke zu seinen Füßen.
Eine Weile verharrte er vornüber gebeugt, mit den Händen auf den Knien aufgestützt, und fixierte den Fleck mit einer Mischung aus Irritation und Ekel. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt und die Augen brannten vor Tränen in ihren Höhlen.
Die Übelkeit wich, der Magen entspannte spürbar.
Aber sein Kopf. Sein Kopf war ein Vakuum, eine gähnende, erdrückende Lähmung der Unfähigkeit zu jedwedem Gedanken.
Ermattet richtete Todd sich ein wenig auf, tat wenige Schritte rückwärts, ehe er über eine der Stegplanken stolperte und zu Boden fiel.
Er machte keine Andeutung des Willens, sich aufzufangen.
Der Schnee umfing ihn kalt und unerwartet hart, ein unwirkliches Gefühl aus Schwäche und Verweigerung lähmte ihn. Mit zu Stecknadelköpfen geschrumpften Pupillen starrte er in die blendende Klarheit des Himmels.
Es war alles weit, aber die Weite konnte ihn nicht mehr füllen, es ging nicht.
Seine Blicke tasteten hilflos das Grau des Himmels nach einem Punkt ab, auf den sie sich heften konnten, vergeblich.
Einer unsichtbaren Hand gleich bohrten sich die aufsteigenden Bilder in ihn, Blicke, Worte, Gesten, Berührungen.
Es war die Art von Erinnerungen, wie sie einem die Vergangenheit ab und an schickt, und die zu tiefe Narben gerissen haben, als dass man sie einfach erbrechen könnte, wenn sie hochkommen.
Bebend schlang Todd die Rechte um seinen Brustkorb.
Seine Haut trug die Erinnerung an Neil in sich, seine Berührungen, seine Wärme, seinen Geruch.  
Er drohte an den Erinnerungen zu ertrinken, die sich mit aller Gewalt in sein Hirn bohrten.
Alle Träume und Gedanken verflüssigten sich, verweigerten es ihm, festgehalten zu werden. Heiß und schmerzhaft pulsierten sie in seinen Schläfen, rissen ihn in die Realität.
Die Trägheit seines Herzens, das im Rhythmus der verstorbenen Tage schlug, das selbst jetzt nur noch für ihn, nur ihn zu schlagen schien, erschrak Todd.
„Neil.“ Noch ehe er sprach, wusste er, dass er gebrochen war. „Das ist das Ende. Das ist der Rest von mir.“
Die Kälte des durchgefrorenen Bodens durchdrang bald seinen Dufflecoat, sog sich in sein Haar, stieg ihm in Kopf, Hände, Brust. Der Nacken versteifte, die Hände ertaubten spürbar, der Rippenbogen stach bei jedem weiteren Atemzug.
Es schmerzte, zu leben.




Ende
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