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Nemesis

von Chi
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
Itachi Uchiha Sasuke Uchiha
24.08.2007
13.01.2008
24
113.337
31
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Dieses Kapitel
42 Reviews
 
 
24.08.2007 2.046
 
Nemesis ist in der griechischen Mythologie die Göttin des „gerechten Zorns“ sowie diejenige, die „herzlos Liebende“ bestraft. Sie wurde dadurch auch zur Rachegottheit.
(Quelle: Wikipedia)

Prolog.

Der Rauch verflüchtigt sich und vorsichtig nähere ich mich der Stelle, an der Itachi eben noch stand. Eigentlich kann ich nicht glauben, dass ich ihn tatsächlich erwischt habe, obwohl ich seinen Schrei gehört habe. Wahrscheinlich steht er längst hinter mir und wird jeden Moment sein Schwert durch meinen Körper treiben. Aber ich spüre nichts, keine andere Person in meiner Nähe. Und als ich zu der Stelle komme, wo er stand, sehe ich die blutigen Überreste seines Mantels, nicht mehr als ein paar schwarz-rote Stofffetzen, die durch das Blut, in das sie getränkt sind, zu schwer sind um von Wind davongetragen zu werden. Ich bin wirklich erstaunt. Sind das wirklich Itachis sterbliche Überreste? Ein paar Fetzen und etwas Asche? Habe ich meinen Bruder tatsächlich vernichtet?

Nach allem, was ich bis hierher durchgemacht habe, erscheint es mir viel zu einfach. Das war so unspektakulär. Obwohl ich doch eigentlich genau danach gehandelt habe, hätte ich nie gedacht, dass es wirklich so ablaufen würde. Seinetwegen habe ich Orochimaru verlassen und bin ihm gefolgt. Wochenlang spielte er Katz und Maus mit mir, wann immer ich an einem Ort ankam, war er gerade abgereist. Als ich zu glauben begann, ich würde ihn nie einholen, da wartete er schon auf mich. Hier, an diesem merkwürdigen Ort. Das nächste Dorf ist kilometerweit entfernt. Hier gibt es nicht einmal eine richtige Straße in der Nähe, nur Trampelpfade bis zu dem kleinen See, der so still und friedlich daliegt, dass man kaum glauben mag, was hier gerade passiert ist. Die Sonne scheint und die Luft riecht nach Gras und Sommer und Blumen. Ist das der richtige Ort für ein blutiges Duell der letzten beiden Überlebenden des Uchiha Clans? Hat Itachi diesen Ort gewählt, um zu sterben?

Ich kann es nicht glauben.

Er spielt nur mit mir, ganz bestimmt. Ich bin besser geworden und ich habe ihn verwundet, aber getötet habe ich ihn nicht. Das glaube ich einfach nicht, es war viel zu einfach. Er ist hier irgendwo und wartet wahrscheinlich auf eine Gelegenheit, mich völlig überraschend attackieren zu können. Nicht, weil er den Vorteil der Überraschung nötig hätte, sondern einfach nur, um mir seine Überlegenheit zu demonstrieren. Ich warte einfach ab. Ich werde mich nicht von ihm überrumpeln lassen. So einfach mache ich es ihm nicht.

Nach außen hin gelassen knie ich bei dem Häufchen Asche nieder und pflücke einen der blutigen Stofffetzen heraus. Jetzt bin ich verwundbar. Es wäre ein idealer Zeitpunkt, um mich anzugreifen. Der Adrenalinschub hat nachgelassen, jetzt fühle ich wieder Schmerzen und Erschöpfung. Ich blute aus zahllosen Wunden, habe Verbrennungen von seinen Feuerjutsu am ganzen Körper und durch die kurze Pause hat der Rausch des Kampfes nachgelassen und mein Körper giert nach Erholung.

Aber es passiert nichts.

Sekunden verstreichen und von ihm gibt es kein Lebenszeichen. Er würde nicht feige vor einem Kampf davonrennen. Wozu auch? Ich war ihm nicht überlegen. Ich hatte nicht die Zeit, festzustellen, ob ich ihm inzwischen wenigstens ebenbürtig bin. Die erste Hälfte unseres Kampfes haben wir damit verbracht, den anderen mit Genjutsu zu täuschen, bis wir einander ausgetestet hatten. Bis er analysiert hatte, wie viel meine Sharingan inzwischen sehen können. Und dann fand dieser Kampf statt, der nach meinem Empfinden noch nicht einmal richtig begonnen hatte. Wir waren gerade erst damit fertig, den anderen einzuschätzen. Wir hatten doch gerade erst begonnen. Ich hatte ihn mit einem von Orochimarus Jutsu bewegungsunfähig gemacht und einen Feuerball auf ihn gespieen. Es sollte ihn verletzen, nicht töten. Und jetzt stehe ich hier vor einem Haufen Asche und frage mich, was schiefgelaufen ist. Wo ist er? Was ist passiert, dass er mich nicht angreift?

Jetzt schaue ich mich doch um, obwohl ich es eigentlich nicht tun wollte. Er wird es als Zeichen von Schwäche werten, denn ein Shinobi erfasst seine Umwelt mit anderen Sinnen. Die Augen benutzen zu müssen, um sich zu vergewissern, dass man sicher ist, ist eigentlich unterstes Niveau. Aber jetzt gerade brauche ich etwas Realität. Ich muss mich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass er nicht da ist, dass meine Sinne mich nicht täuschen. Denn ich kann ihn nirgends spüren. Nicht einmal einen Hauch seines übermächtigen Chakras fühle ich und das macht mich unruhig.

Ein paar Meter von mir entfernt steckt etwas im Boden. Ich stehe auf und gehe darauf zu und jetzt macht sich mein verstauchter Knöchel bemerkbar. Ich bin umgeknickt, als ich in letzter Sekunde einem gigantischen Feuerregen ausgewichen bin, den er mit solcher Leichtigkeit beschworen hat. Erst jetzt merke ich, wie erschöpft ich bin. Wieviel Kraft mich unser Schlagabtausch gekostet hat. Vielleicht kommt es mir nur so vor, dass es zu einfach war. Ich habe mich verausgabt und ich habe mein Bestes gegeben. Vielleicht erscheint es mir zu einfach, weil ich in Wahrheit dachte, Itachi wäre unbesiegbar.

Dort drüben im Gras steckt sein Schwert.

"Oh."

Zugegeben, es ist eine seltsame Reaktion in Anbetracht der Tatsachen. Itachi hätte sein Schwert nicht losgelassen, wenn ich ihn nicht voll erwischt hätte. Nicht, dass er darauf angewiesen wäre oder sonderlich daran hinge, aber es ist ein Zeichen von Schwäche, seine Waffe zurücklassen zu müssen. Eine Blöße, die er sich nie gegeben hätte.

Ist er wirklich tot? Ist es wirklich vorbei? Ich habe Asche und blutige Stofffetzen, ein zurückgelassenes Schwert und das unumstößliche Wissen, dass Itachi vor einem Kampf nicht davonlaufen würde. Alles spricht dafür, dass es vorbei ist. Dass Itachi wirklich tot ist.

Und ich habe ihn getötet.

Ich fühle… gar nichts. Ich warte auf die Euphorie, wenigstens auf Erleichterung, aber da ist nichts. Da ist überhaupt nichts.

Achtlos gehe ich an dem blutigen Schwert vorbei rüber zum Ufer des Sees. Dort geben meine Beine nach und ich falle auf die Knie. Bedächtig tauche ich meine Hände in das kalte Wasser und wasche das Blut ab. Das Wasser schwappt gegen meine Knie und durchnässt meine Schuhe und meine Hose. Mit beiden Händen schöpfe ich etwas Wasser und wasche mir damit das Gesicht. Als ich die Hände sinken lasse, sehe ich mein Spiegelbild im Wasser und ich kann nicht anders, als mich erstaunt anzustarren. Obwohl sich die Zeichen des Juin bereits größtenteils wieder zurückgezogen haben, ist meine linke Gesichtshälfte noch immer von den schwarzen Malen entstellt. Mein rechtes Auge ist noch immer ein Sharingan, das linke allerdings ist gelb und starrt mich aus dem Wasser heraus bedrohlich an. Ungläubig streiche ich mit den Fingerkuppen über meine linke Wange. Bin das wirklich ich? Es fühlt sich an, als wäre dieses entstellte Ding, das mich da anstarrt, eine fremde Person.

Orochimaru.

Das ist sein Werk. Bisher war das Juin für mich wie ein Segen, denn es gab mir Macht und das Gefühl, meinen Bruder besiegen zu können. Jetzt aber begreife ich, dass es tatsächlich mehr wie ein Fluch ist. Ich bin verflucht. Verunreinigt. Ich habe meine Seele beschmutzt und jetzt, wo Itachi tot ist, muss ich den Preis bezahlen. Wenn ich zu Orochimaru zurückkehre, wird er meinen Körper einfordern. Er wird ihn übernehmen und dann werde ich nichts weiter als eine leere Hülle sein, eine Marionette. Ich frage mich, ob meine Eltern sich das für den letzten Überlebenden des Uchiha Clans gewünscht hätten. Orochimaru kann ich nicht entkommen. Er wird mich überall finden und es gibt keinen Ort, wo ich Schutz suchen könnte.

Ein Seufzen kommt mir über die Lippen. Der Gedanke, dass der Uchiha Clan so endet, ist traurig, aber ich fühle mich nicht traurig. Ich fühle gar nichts. Ich bin völlig leer. Ich wollte einen neuen Clan gründen. Nach Itachis Tod wollte ich eine Frau finden, heiraten und Kinder zeugen, den Clan neu aufleben lassen. Aber ich habe vergessen, dass ich das Dorf verraten habe, und dass mir von nun an Orochimaru im Nacken sitzen wird. Noch immer fixiert auf mein Spiegelbild ziehe ich meinen Kunai aus der Tasche. Vielleicht könnte ich versuchen, vor Orochimaru wegzulaufen, vielleicht würde mir Konoha sogar Asyl gewähren, trotz allem. Aber ich bin müde. Langsam wird mir bewusst, dass Itachi mein Lebensinhalt war. Er ist jetzt tot, also wozu existiere ich noch? Ich bin der Letzte meines Clans, irgendwie gehöre ich nicht mehr hierher.

Ich setze die Klinge an mein linkes Handgelenk. Als der Kunai in mein Fleisch schneidet und frisches Blut aus der Wunde quillt, begreife ich, dass ich eigentlich nie vorhatte, Itachi zu überleben. Eigentlich dachte ich, ich würde mit ihm sterben. In dem Moment, als ich Konoha verlassen habe, habe ich aufgehört, die Zeit nach Itachis Tod zu planen. Ich ziehe die Klinge rasch über den Arm und sehe fasziniert zu, wie das Blut ins Wasser tropft. Orochimaru wird mich nicht bekommen. Lieber sterbe ich.

Langsam nehme ich das Messer in die linke Hand. Als ich den Griff umfasste, spritzt Blut aus der Wunde und der Arm beginnt zu zittern. Ich kann den Kunai kaum halten. Meine Stirn legt sich in Falten, als ich meine Kraft sammle, und dann einen wesentlich unsaubereren Schnitt an meinem rechten Handgelenk mache. Dann fällt mir der Kunai aus der Hand. Aus der zweiten Wunde quillt wesentlich weniger Blut. Warum fühle ich keine Schmerzen? Ich knie immer noch, aber mein Knöchel tut nicht weh. Meine Hände fühlen sich taub an, der Schnitt an meinem linken Arm klafft weit auseinander, trotzdem fühle ich nur ein leichtes Kribbeln. Merkwürdig.

Ich sitze da und starre auf meine Arme. Und warte.

Es dauert so lange. Die Sekunden ziehen sich hin wie Stunden und ich beginne mich zu fragen, ob die Schnitte nicht tief genug sind. Bis ich nach oben sehe um in den Himmel zu schauen, und ich merke, dass mir schwindlig ist. Die Wolken bewegen sich und ich merke etwas spät, dass ich zur Seite kippe. Ich lande im seichten Wasser. Auf einmal fühle ich mich müde. Das kühle Wasser schwappt mir ins Gesicht und wäscht das Blut von meinem linken Arm. Ich stelle fest, dass ich mich nicht mehr aufsetzen kann. Ich kann kaum noch den Arm heben.

Müde...

Das Plätschern des Wassers wirkt so beruhigend auf mich. Ohne dass ich es will, denke ich an meine Kindheit. An die glücklichen Tage, als ich noch eine Familie hatte. Als ich noch Träume hatte. Ich habe all meine Träume verloren, als Itachi sie tötete und mich allein zurückließ. Jetzt werde ich nie mehr erfahren, warum er es getan hat. Auch egal. In ein paar Minuten wird mich das alles nicht mehr interessieren.

Wie von weit her dringen Geräusche an mein Ohr, die nicht in die sanfte Stille dieses Ortes passen. Schritte. Jemand läuft am Ufer entlang. Und dann ist er bei mir, fällt auf die Knie und schreit mich an. Ich kann nicht alles verstehen, was er sagt. Ich werde in die Höhe gerissen, aus dem Wasser, in seine Arme. "Sasuke! Bist du verrückt? Was hast du getan?!" Mein Gott! Ich habe mich geirrt.

Itachi ist noch am Leben.

Mein Kopf ruht kraftlos an seiner Brust und ich sehe, dass die linke Seite seines Mantels zerrissen ist. Darunter ist die Haut blutig. Daher kamen also die Stofffetzen. Natürlich hat er überlebt. Wie dumm von mir zu glauben, jemand wie ich hätte ihn töten können. Wie kam ich bloß dazu? Und nun wird er der letzte Überlebende des Uchiha Clans sein. Seltsamerweise ist es mir fast egal. Ich habe nicht mehr die Kraft, mehr als einen bedauernden Gedanken daran zu verschwenden. Mir ist schwindlig, ich bin so müde. Er schüttelt mich, schreit mich an. Dann wird mir schlecht, als er aufsteht, mich auf seine Arme nimmt. Mein Kopf fällt nach hinten und ich sehe sein Gesicht. So viel Schmerz in seinen Augen... ich habe noch nie eine Gefühlsregung in seinem Gesicht gesehen und nun sieht er mich voller Verzweiflung an.

Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Ich fühle... Genugtuung. Ich habe es geschafft, ihm wehzutun. Ich hätte nie gedacht, dass ich es auf diese Weise schaffen würde, doch mir reicht der Gedanke, dass ich ihm am Ende wenigstens eine Wunde zufügen konnte. Der Schmerz in seinen Augen erfreut mich. Das ist meine Rache und es fühlt sich gut an. Mein Körper gehorcht mir nicht und ich kann nicht anders. Mein Kopf fällt zur Seite und ich schließe die Augen.

Als letztes höre ich, wie Itachi meinen Namen ruft.
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