4.Glorfindels Trauma

GeschichteAllgemein / P6
18.08.2007
14.03.2008
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GLORFINDELS TRAUMA


Oder:


Der wahre Grund, warum Gondolin fiel

Teil 1

Jede Phobie ist therapierbar (theoretisch) Oder: Anmerkungen eines kranken Geistes


Es war vergangenen Montag, ich besuchte eine Freundin, die Anfang des Jahres Mutter geworden war, um mir nach längerer Zeit mal wieder das Baby anzuschauen, über alte Zeiten zu quatschen und sich darüber zu wundern, wie schnell doch die Zeit vergeht, als ein guter Freund (der Patenonkel der Kleinen) hinzu kam, sich mit strahlendem Lächeln über das (schlafende) Kind beugte und mit Inbrunst sagte:

Bierauto, Prinzessin, sag’ mal Bierauto.“

Und während ich noch stumm daneben stand und darauf wartete, dass sich das Ganze als schlechter Witz herausstellte, erfuhr ich, dass es sich besagter Patenonkel zur Mission gemacht hatte, dafür zu sorgen, dass das erste Wort des Mädchens „Bierauto“ sein wird.
Ehrlich.
Nun, ich kenne jenen Freund seit Jahren und eigentlich sollte mich das wirklich nicht mehr verwundern und schließlich tat ich es mit einem Schulternzucken ab, beruhigt für zumindest jetzt, dass alles was das 8 Monate alte Mädchen herausbringt, nichtverständliches Gebrabbel ist.
Doch auf dem Nachhauseweg fiel mir dann wieder die Zeit ein, als meine kleine Schwester anfing zu sprechen, dann die Geschichte mit dem Wecker und der ganz normale Alltagswahnsinns in meiner Familie...

Aber ich sollte wohl lieber von vorne anfangen.
Im Wohnzimmer meiner Eltern steht eine über hundert Jahre alte Standuhr (so eine, wie die, wo sich Grimms siebtes Geißlein einst vor dem Wolf im Uhrenkasten versteckte), die jede volle und jede halbe Stunde einen Gong von sich gibt, deren mechanisches Uhrwerk man immer wieder aufziehen muss und deren Pendel man, wenn sie stehen geblieben ist, wieder anschieben muss.
Eine Uhr, die fröhlich und mit einer Selbstverständlichkeit, die selbst nach Jahren noch erstaunt, auf die Minute genau, eine Viertelstunde nachgeht – egal, wie oft man sie stellt.
Seit ich denken kann, ist diese Uhr da, sie steht da, sie gongt (manche empfinden das als nervend), mir würde etwas fehlen, wenn sie es nicht täte. Und wie stark präsent diese Uhr in unserem Leben ist, zeigt sich in eben dieser Geschichte als meine kleine Schwester ihr erstes Wort sagte: Nicht „Mama“, nicht „Papa“, nicht „Auto“ (von „Bierauto“ reden wir erst gar nicht), sondern:

TickTack.

Man kann also mit Fug und Recht behaupten, meine Kleine hat ein besonderes Verhältnis zu Uhren, weshalb sie auch schon in sehr jungen Jahren einen Wecker bekam, den sie weder genutzt noch gebraucht hat und es noch immer nicht tut, aber egal.

Jedenfalls stellten wir irgendwann fest, das dieser Wecker spurlos verschwunden und auch überhaupt nicht wieder auffindbar war. Wir taten das Naheliegendste: wir fragten die kleine Besitzerin.

Die damals 3Jährige (Wenn ich mich recht entsinne) saß an diesem Abend frischgebadet bereits im Bett und zeigte mit dem kleinen Zeigefinger auf die Wand hinter ihrem Bett.

„Da.“

„Schatz, das ist eine Wand, ich will wissen, wo dein Wecker ist.“

„Da.“ Noch einmal wurde beinahe anklagend auf die Wand gezeigt. „Hinter’m Bett.“

Tief durchatmen. „Dein Wecker ist hinter deinem Bett?“

Nicken.

Tja, was macht ein Wecker, eigentlich sicher aufgehoben auf dem Nachttisch, hinter dem Bett? Eine gute Frage, fand ich damals auch.

„Süße, warum ist dein Wecker hinter deinem Bett?“

„Ich hab’ ihn hingeworfen.“

„Was? Warum denn?“

„Da war ein Fussel. Ich musst’ den Wecker danach werfen, damit es weggeht...“



Damit war die Sache für das Kind geklärt, sie wurde noch einmal aus ihrem Bett geschmissen (und durfte in Mamas – auch nicht schlecht) und wir zerren das schwere Bettsofa von der Wand weg und fanden – Tatsache! – den Wecker, zusammen mit den üblichen Dingen, die man immer hinter Betten finden: Zopfgummis, Taschentücher und ein lang vermisstes Kuscheltier.

Doch hatten wir auch die wohl seltsamste Macke des Kindes herausgefunden: Sie hatte Angst vor Fusseln.

Nicht vor Spinnen.
Nicht vor Schlangen, Wespen, oder sonstigem Krabbelgetier – etwas, dass ich vollauf verstanden hätte.

Nein, meine Schwester hat Angst vor Fusseln, Mutzeln, Ihmchen, oder wie das sonst noch im allgemein häuslichen Sprachgebrauch genannt wird. Diesem leblosem Zeugs, dass einem nichts tut, dass aus Staub, Fäden und dem winzigen Blütenblatt aus dem Garten besteht. Ich versteh sie einfach nicht.

Ich habe Angst vor Spinnen und der Höhe. Das gebe ich offen und unumwunden zu.

Aber Fusseln...



Allerdings kann man die Kleine sehr schön damit ärgern, in etwa so:

Dem Kind die Haare zerzausen: „Iih, du hast ganz viele Fusseln in den Haaren.“

Kind schreit und rennt zu Mama: „Mama, mach sie raus, mach sie raus! Die Fusseln!“

Mama beruhigt: „Deine Schwester ärgert dich, da sind keine Fusseln.“

Kind kommt zurück und streckt die Zunge raus. „Ich habe keine Fusseln, hat Mama gesagt.“

Weiter ärgern: „Quatsch, Mama hat die nicht gesehen! Aber ich seh sie. Da!“

Dem Kind die Haare zerzausen... usw


Naja, aber wie heißt es doch stets so schön? Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Der ganz normale Alltagswahnsinn bei uns geht dann ungefähr so:

Die Kleine: „Schwesterchen, ich habe ein Geschenk für dich!“

Die Große: „Echt, zeig mal!“

„Eine Spinne!“

„Iih, hau ab!“

„Die tu ich jetzt in dein Zimmer!“

„Du Monster, raus da! Wer hat gesagt, dass du da rein darfst!“

„Werf mich doch raus! Die Spinne ist längst in deinem Bett!“

„Ich tu dir gaaaanz viele Fusseln in deins! Und außerdem nehme ich dir jetzt deine Diddl weg!“

„Maaaaaaaaaaaamaaaaaaaaaaa! Die ärgert mich!

„Das kleine Monster hat angefangen!“

„Ich bin kein Monster!“

„Natürlich, was sollst du denn sonst sein, du Gartenzwerg? Heute Abend stellen wir dich auf die Wiese!“

„Neeeeeeeeeeein! Ich will nicht auf die Wiese!“

„Das entscheidest doch wohl nicht du!“

„Maaaaaaaaaaaaaama! Die hört nicht auf!“

„Muuuuuuuuuuuuuuum, dein kleines Kind nervt!“

na ja, jedenfalls so ähnlich...
 
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