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Vergangen

GeschichteDrama / P12
Jack Bauer
17.08.2007
17.08.2007
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17.08.2007 3.223
 
Strahlend helles Licht schien durch die geöffneten Vorhänge, schimmerte auf den perlmutt farbenen Wänden, verlieh dem in weichem Beige glänzenden Parkett eine sanfte Tönung.
Die rein weißen Vorhänge flatterten im leichten Sommerwind, der den süßen Duft von Orchideen und Oleander, exotischen Blüten, die den liebevoll gepflegten, parkähnlichen Garten schmückten, sanft in den Raum blies.

Elfenbeinfarbene Seide spannte sich über einladende Kissen; samtene Decken und Tücher lose, wie zufällig drapiert, sollten den Anschein vornehmer Achtlosigkeit erwecken, waren jedoch in mühseliger Kleinarbeit zu Mustern arrangiert, wieder verworfen, wieder von Neuem angeordnet worden, allerdings ohne den erzielten Zweck zu erfüllen.

Jack ließ seinen scharfen Blick nur einmal kurz über den Raum schweifen, über das liebevoll hergerichtete feine Porzellan, das höflich und doch nicht aufdringlich zum Verweilen einlud, und er wusste, wie viel Zeit und Aufwand Marilyn in die Vorbereitung zu diesem Treffen investiert hatte.

Er hatte niemals wieder vorgehabt in dieses Haus zu kommen, zu viel Schmerz, zu viele Erinnerungen waren darin enthalten.
Im Grunde wusste er selbst nicht, warum er ihrem Drängen schließlich nachgegeben hatte, warum er, entgegen aller Vorahnungen, nicht anders gekonnt hatte, als den Weg zu ihr, in das Haus seines Vaters, einzuschlagen.

Vielleicht wogen die Ereignisse, die sich abgespielt hatten, während und nachdem er dieses Gebäude zum letzten Mal betreten hatte, zu schwer,
lasteten zu unerträglich auf seiner Seele, als dass er es noch länger hätte ertragen können, der Verlockung auszuweichen.
Der Verlockung und dem Wunsch, dass sie sich eines Tages von magischer Hand entfernen würden, dass er vielleicht wenigstens diesen winzigen Teil seiner Schuld abtragen oder zumindest einer Art von Vergebung eine Chance einräumen könnte.

Er hatte sich daran erinnert, welche Gefühle ihn das letzte Mal ergriffen hatten, als er vor den Toren seines Vaterhauses verharrt war,
gezwungen die Dämonen der Kindheit aus seinem Geist zu verjagen,
kaum dass er die Kraft besessen, den Schrecken, den China für ihn bedeutet oder die Qualen der letzten Stunden tief in sich zu vergraben, zu vergessen und darüber hinwegzugehen,
als hätte es nichts bedeutet, dass sein eigenes Land, das Land, dem er alles geopfert hatte, und das ihn gejagt, verfolgt, wieder und wieder enttäuscht,
ihn zu guter Letzt schließlich verkauft und damit dem sicheren Tod ausgeliefert hatte.

Er hatte all das heruntergeschluckt, dem einen Ziel untergeordnet, an dessen Bedeutung er sich  mittlerweile nicht mehr erinnern konnte.

Sein Bruder, sein Vater, Marilyn... sie alle waren so lange für ihn gestorben gewesen, Lichtjahre entfernt von seinem eigenen Leben.
Der Gedanke, dass er sie wieder würde mit einbeziehen müssen, schien erschreckend und absurd zu gleich.
Und dann hatten die Ereignisse sich überschlagen, ihn und alle anderen in den Strudel gezogen,  aus dem sein Leben seit Jahren bestand,
diesen Strudel, der nirgendwohin führte, als in bodenlose Tiefen, in finsterstes Verderben.

Das unschuldige Kind, der Junge, der bald zum Mann heranreifen würde, der niemals hätte durchmachen dürfen, was er durchgemacht hatte, der Gedanke an ihn berührt ihn am meisten.

Wusste er doch noch zu gut, auch wenn er versucht hatte, die Bilder in sich abzutöten, wie es war in diesem Haus aufzuwachsen,
seine Kindheit eingesperrt hinter diesen Mauern, die nichts hindurch ließen, kein Lachen, keine Freude, kein Gefühl,
die alle Menschen, die in ihrem Innern gefangen waren mit Kälte und Traurigkeit erfüllten,
zu verbringen.

Joshs offensichtliche Einsamkeit hatte sich in sein Herz gefressen in dem ersten Moment, in dem er ihn erblickt hatte,
mehr noch als die Traurigkeit, die ihm aus Marilyns Augen entgegengeströmt, und die im Laufe des Tages Enttäuschung, Trauer und Verzweiflung gewichen war,
öfter, als er es geglaubt hatte, ertragen zu können.

Sie war für so lange Zeit aus seinem Leben verschwunden gewesen, dass es ihm buchstäblich entfallen war, wie viel sie sich einmal bedeutet hatten,
wie sehr er sie einst geliebt hatte.

Doch dann war er gegangen und hatte sie zurückgelassen, allein und hilflos,
wie er mittlerweile wusste,
ein verstörtes Mädchen, das sich an ihn und an ihre Liebe geklammert hatte, und dessen Welt zusammengebrochen war, als es hatte erkennen müssen, dass er die Kraft besaß, sich aus der Hölle, die seine Familie für ihn bedeutete, zu befreien, ebenso wie die Kraft sie, die dazu niemals in der Lage gewesen war, dort zurückzulassen, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen.

Und es schnitt Jack ins Herz zu wissen, dass es für ihn zu einem Muster geworden war, dass sein Verhalten sich nicht geändert hatte,
dass er immer derjenige war, der ging, der Prioritäten setzte und andere zwang zugunsten seiner Prinzipien Opfer zu bringen.

Teri, Claudia, Kate, Audrey, Michelle und Tony... die Liste schien endlos und gipfelte in seiner eigenen Tochter, der entgegenzutreten, ihm immer noch der  Mut fehlte,
die wiederzusehen er ersehnte, doch deren Ablehnung die einzige war, die er nicht mehr würde ertragen können.
* * *

Aber Marilyn hatte nicht aufgegeben. Als hätte sie Stärke gewonnen aus den Ereignissen, als hätte die Gewalt, die sie erlebt hatte, die Bedrohung des einzigen, das ihrem Leben einen Sinn gab, und der Verlust des existentiellen Rahmens, in dem sie die vergangenen Jahre stumm und ergeben verbracht hatte, es ihr ermöglicht, die Ruder ihres Lebens zu ergreifen, und das Schiff für sich und Josh durch die sich immer wieder neu auftürmenden Klippen und Gefahren zu steuern.

Die Weigerung Jacks sich mit allem auseinanderzusetzen, was die Familie oder ihre Besitztümer betraf, sein vollkommener Rückzug, nachdem er sich erneuten Vorwürfen, Drohungen und Verhören ausgesetzt sah, ausgeführt von Leuten, die er kannte, mit denen er gearbeitet hatte,
die keine anderen Ziele und Regeln kennen sollten als er und dennoch bereit waren, ihn zu quälen,
hatte sie gezwungen ohne Hilfe die Scherben aufzusammeln, den Anklagen die Stirn zu bieten, für Schulden und Fehler zu bezahlen, die ohne ihr Wissen auch in ihrem Namen begangen worden waren.

Es war ihr gelungen Josh und sich selbst rein zu waschen, ihre Unschuld einwandfrei zu beweisen, ihr Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken.

Niemals wäre es ihr in den Sinn gekommen das Haus aufzugeben, das Heim, in dem ihr Sohn geboren, in dem sie ihn hatte aufwachsen sehen, zu verlassen.
Es wäre nicht richtig gewesen, ihn seiner Wurzeln zu berauben, ebenso wie es falsch gewesen wäre, es zuzulassen, dass Jack versäumte, mit seiner Vergangenheit abzuschließen, ihm nicht die Gelegenheit zu geben mit seiner eigenen Geschichte, mit der Geschichte dieses Hauses seinen Frieden zu machen.

Also hatte sie nicht aufgegeben, hatte ihn aufspüren lassen, wohin auch immer es ihn gezogen hatte in seinem vergeblichen Versuch, seinem Schicksal zu entrinnen,
hatte ihn wieder und wieder gefragt, gebeten, beinahe gebettelt, ihr zu erlauben, ein Teil seines Lebens zu bleiben.

Warum er ihr mit einem Mal nachgegeben hatte, sie wusste es nicht, wollte es auch nicht wissen, war zufrieden damit, ihn bei sich wissen zu dürfen, ihn noch einmal zu sehen, vielleicht die Dinge klären zu können, die ihr wohl ebenso, wenn nicht schwerer als ihm auf der Seele lagen.


Und als sie ihn beobachtete, wie er seine Umgebung in sich aufnahm, wie sein Gedächtnis die Informationen automatisch speicherte, analysierte, Schlüsse zog, wie der schmale, unsichere Halbwüchsige von damals zu einem erfahrenen Mann herangewachsen war,
einem Mann, der zu viel gesehen, zu viel erlebt hatte, dem die Spuren und Wunden des gegangenen Weges, eingegraben waren in den harten Furchen um seine Augen,
da erkannte sie es.
Als sie die strengen Falten bemerkte, die ihr neu und fremd waren, die Beweis für den Schmerz und das Leid, das der Mund, den sie umgaben, einst herausgeschrieen haben mochte,
als sie den dunklen, ozeangleichen Blick, der Tiefe und Trauer ausstrahlte, wie es nur derjenige konnte, der Unvorstellbares gesehen hatte,
in diesem Moment erkannte sie es, deutlicher denn je zuvor, erkannte, dass sie ihn immer noch liebte, dass sie ihn immer geliebt hatte,
dass sie keinen Augenblick imstande gewesen war, ihn zu vergessen, auch wenn sie es noch so sehr versucht hatte.

Seine Hand verbarg er in der lose hängenden Jacke, bewusst oder unbewusst, und sie wünschte, er würde sich nicht für ihr Aussehen schämen. Sie gehörte zu ihm,
ebenso wie die anderen Narben von denen sie wusste, dass er sie davongetragen hatte, und die seine Kleidung vor fremden Blicken verbarg, mit derem abgestoßenen Entsetzen er nicht konfrontiert werden wollte.

Marilyn spielte nervös am Saum ihres tailliert geschnittenen Blazers, plötzlich verlegen, unfähig ein Wort heraus zu bringen, obwohl sie dieses Gespräch unzählige Male im Stillen für sich durchgegangen war.

Es schien ihr, als würde er sich in Zeitlupe bewegen, unerträglich langsam und geduldig, als könnte er genauestens erkennen unter welcher Spannung sie stände, und versuchte nun absichtlich sie zu quälen.

Ihre Lider flatterten und sie versuchte sich zu räuspern, um die Stille zu durchbrechen, brachte jedoch nichts, als ein heiseres Stöhnen hervor.

Goldene Sonnenstrahlen umrahmten ihn, brachten seine Augen zum Leuchten in einem intensiven Blau, an das sie sich nur noch aus den Tagen erinnern konnte,
die sie gemeinsam am Strand verbracht hatten, lachend und herumtollend, befreit für einen Nachmittag von der erdrückenden Macht ihrer beider Familien,
die ununterbrochen versucht hatten, sie ihn Formen zu pressen, sie in steifen, unpersönlichen Hüllen einzuschließen, die ihre Natur nicht erfassen konnten, aus denen sie herausquollen, die ihre Persönlichkeiten gezwungen waren, gewaltsam zu sprengen.

Unsichtbare Tränen brannten hinter Marilyns hellem Blick, als sie sich erinnerte, wie nach seinem Verschwinden, ihr nichts davon geblieben war, wie ihre Lebendigkeit geschwunden, ihr Wille zurechtgestutzt und beschnitten worden war, solange bis sie in das vorgefertigte Schema, das die Gesellschaft ihr bereitstellte, gepasst hatte.
Und nur die eine, einzige Freiheit hatte sie sich bewahrt, ein letztes Zugeständnis, ein letzter Versuch, sich selbst treu zu bleiben, jedoch nur, um später festzustellen, dass nicht einmal die Heirat mit Graem ihre eigene Entscheidung gewesen war,
dass der Mann, in dem sie geglaubt hatte einen Teil von Jack entdecken zu können und für sich zu behalten, sie gekauft hatte, sie als Trophäe behielt, um sich, um seinem Vater zu beweisen, dass er besser war, als der undankbare Verräter, der Familie und Geschäft selbstsüchtig im Stich gelassen hatte, dass er, im Gegensatz zu seinem Bruder, jede Erwartung, die an ihn gestellt wurde, erfüllen würde, auch wenn es ein Leben ohne Liebe, ohne Vertrauen, ohne Treue oder Ehrlichkeit bedeutete.

Das war der Moment gewesen, in dem sie sich verloren hatte, in dem ihre letzten Träume und Hoffnungen sich in Rauch aufgelöst hatten, in dem ihr Sohn, ihr Baby, alles war, das ihr von ihren Jugendsehnsüchten geblieben war.

Ihr Kind, das Jacks Kind hätte sein sollen, wenn das Schicksal es erlaubt hätte,
wenn sie stärker gewesen wäre, mutiger..., wenn er sie nicht verlassen hätte für ein anderes Leben.

Doch jetzt stand er vor ihr, älter, gereifter, ein anderer, so wie sie eine andere geworden war,
die Tage der unbeschwerten Jugend vergangen, vergessen, einer anderen Zeit entsprungen.

Und immer noch brachte er ihr Herz zum Zittern, ihre Lippen zum Beben, ihren Mund zum Austrocknen.
Sie hatte es gefühlt, in dem Augenblick, in dem er eingetreten war, sein weicher Gang ihn an ihr vorbei geführt, der herbe Duft seines Rasierwassers ihre Sinne betäubt hatte, hatte die Macht gefühlt, die seine bloße Gegenwart auf sie ausübte, schon immer ausgeübt hatte.

Sie konnte es nicht glauben, dass er immer noch diese Marke trug, den schweren Moschusduft, den sie ihm an ihrem ersten Weihnachten geschenkt, nachdem sie Stunden damit zugebracht hatte, den richtigen, den einzig passenden für ihn zu finden.
Die Erkenntnis ließ ihre Knie nachgeben.
Sie hatte versucht, sich unauffällig an der Garderobe abzustützen, während sie die gebräuchlichen Worte der Begrüßung murmelte, ohne ihren Sinn zu erfassen.

Nun sah er sie an, ruhig, geduldig, wartete darauf, dass sie sich fasste. Kein Zeichen eines Gefühls, einer Emotion oder Erinnerung, die ihn vielleicht erschüttern mochte.

Schwach bewegte sie den Arm, zeigte in Richtung des Services. Seine Augen folgten der Bewegung und er machte Anstalten der Aufforderung zu folgen, zögerte, suchte ihren Blick.

“Möchtest du Eistee, Jack?”
Ihre Stimme klang heiser, fremd in ihren Ohren.
“Er... er ist mit Orange, so wie du es magst... so wie du es mochtest”, verbesserte sie sich schnell.

“Ich mag es immer noch so.”
Das erste Lächeln flog über seine Mundwinkel, erlosch, bevor es die Augen erreichen konnte.
“Das du dich daran erinnerst?”
Beinahe verwundert.

“Natürlich erinnere ich mich, Jack. Ich erinnere mich an alles.”
Ihre Stimme gewann an Festigkeit, sie erwiderte seinen Blick mit einem unabsichtlichen Zwinkern, dessen Ungezwungenheit sie selbst erstaunte.
“Ich habe nichts vergessen”, fügte sie hinzu. “Keinen einzigen Augenblick.”

“Marilyn!”
Seine langen, in ihrer Helligkeit beinahe unsichtbaren Wimpern, bebten, doch nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann hatte er sich wieder in der Gewalt.
Seine Züge erstarrten und Marilyn glaubte die Kälte zu spüren, die urplötzlich von ihm ausging.

Ihre Lider erzitterten und sie wehrte sich verzweifelt gegen den Frost, der ihre Adern empor kroch, ihre Glieder betäubte.
Sie schluckte trocken, hob ihren Blick wieder und drängte energisch das Bittere, das seine Reaktion in ihr hatte aufsteigen lassen, zurück.

“Wir müssen darüber sprechen, Jack.”
Sie suchte die Augen, die ihr auswichen.

“Nur heute, nur diese Stunde, um mehr bitte ich dich nicht.”
Jack starrte auf seine Füße, die Schultern angespannt, seine Haltung ein Ausdruck puren Unwohlseins.
“Ich kann nicht, Marilyn. Versteh das doch!”

Sie schüttelte den Kopf, trat vorsichtig einen Schritt auf ihn zu.
“Nein, Jack. Ich verstehe das nicht. Ich will es auch nicht verstehen.”

Sie holte tief Luft.
“Uns verbindet etwas, und nicht nur unsere Vergangenheit. Auch Josh gehört zu deinem Leben, selbst wenn du dich von ihm fern hältst, aus welchen Gründen auch immer, du kannst deine Verbindung zu ihm nicht verleugnen.”

Jack schloss die Augen.
“Meine Gesellschaft bedeutet Schwierigkeiten, Marilyn. Das müsstest du doch begriffen haben. Es ist besser für Josh. Ich kann ihm nichts geben.”

Sie ging einen weiteren Schritt auf ihn zu.
“Lass das die anderen entscheiden, Jack.”
Sie streckte die Hand aus, versuchte ihn am Arm zu berühren, doch er zuckte zurück.

“Ich werde dich nicht aufgeben, nur weil du dich vielleicht aufgegeben hast.”

“So ist es nicht!”
Jack drehte sich hastig zur Seite, vergrößerte den Abstand zwischen ihnen.

“Du weißt von Kim, du weißt, was ich ihr angetan habe. Und zwischen uns...”
Er zögerte, fuhr dann jedoch mit lauterer Stimme fort, als versuche er, sich selbst von der Wahrheit seiner Worte zu überzeugen.
“Zwischen uns ist es schon so lange zu Ende... wir waren Kinder damals... dumme Kinder.”

“Das waren wir nicht!”
Marilyn lächelte, wandte den Kopf, sah für einen Moment auf die Veranda, bewunderte die zart violetten Blütenblätter, die sie begrenzten, die hängenden Gewinde, die sachte im Wind schaukelten, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den blonden Mann richtete, der mit hängenden Schultern und unruhigem, sowie abwesenden Blick sein Handgelenk massierte.
Er war so mager, wie er gewesen war, als sie sich getrennt hatten, jedoch muskulöser, sein Körper hart, gestählt, und gleichzeitig erschöpft.
Gezeichnet von einer Erschöpfung, der nicht mit ausreichend Schlaf oder gutem Essen beizukommen war, von einer Erschöpfung, die anderer Hilfe, anderen Beistand benötigte.

“Wir waren nicht dumm, Jack”, sagte sie sanft.
“Wir waren nur jung und wussten nicht, was das Leben für uns bereit hielt, was unsere Entscheidungen für Konsequenzen haben würden.”

“Nein, das wussten wir wirklich nicht.”
Seine Worte waren kaum hörbar, so leise sprach er sie aus, kaum, dass er seine Lippen dabei bewegte.

“Wir haben daraus gelernt, Jack. Wir haben überlebt und gelernt, das ist es, worum es geht.”
Er sah auf, fixierte sie prüfend.

“Ja, Marilyn. So ist es.”
Sein Gesicht überzog ein Schatten, als er seinen Blick in den ihren bohrte.
“Ich habe gelernt, dass ich alleine bin. Dass Familie oder Freunde für mich ein Fluch sind...”
Er zögerte.
“Oder ein Luxus, den ich mir nicht erlauben darf.
Versteh das doch, Marilyn. Es führt kein Weg zu einem Leben, das dich und Josh mit einbezieht. Ich... ich würde mich an euch versündigen.”

Die Worte umklammerten ihr Herz in einem eisernen Griff, die Entschlossenheit seiner Aussage  eine unüberwindliche Mauer, die sich vor ihr auftürmte.
Doch sie schluckte die Angst, die Trägheit, die Mutlosigkeit, die sie lähmen wollte, hinunter, kämpfte den Widerstand, von dem sie gewusst hatte, dass er ihn ihr entgegenbringen würde, nieder, und schloss den Abstand zwischen ihnen mit zwei Schritten.

“Es geht hier nicht um dich, Jack”, sagte sie und sah zu ihm hoch.
Sie wusste, dass ihre nächsten Worte die entscheidenden werden würden, dass sie ihn gewinnen oder verlieren konnte, je nachdem, ob sie zu ihm durchdringen würde oder nicht.

“Es geht um uns Jack.”
Sie zögerte.
“Ich behaupte nicht verstehen zu können, wie du dich fühlst, oder welche Lasten du mit dir herumträgst. Aber glaube mir, Josh und ich haben die unsrigen auf unseren Schultern, und wir werden keine von ihnen abwerfen.”

Vorsichtig, langsam erhob sie wieder ihre Hand, ließ ihre Finger leicht auf dem Ärmel seiner Jacke ruhen, nicht weit von den Spuren entfernt, die auf seine Haut geprägt waren und für immer bleiben würden, ebenso wie die breiten Narben, die sich in seine Seele gefressen hatten.

Und diesmal wies er sie nicht zurück, rührte sich nicht, ließ sie gewähren.

“Ebensowenig werden wir es dulden, dass du uns die deinen vorenthältst.”
Versichernd drückte sie seinen Arm, liebevoll und doch bestimmt, Sicherheit gewinnend mit jedem Wort, mit jedem seiner unregelmäßig flatternden Augenaufschläge, die von dem inneren Kampf zeugten, den er mit sich ausfocht.

“Du hast so viel zu geben, Jack.”
Sie fand seinen Blick.
“Auch wenn du es vergessen hast, auch wenn du es nicht mehr weißt, ich aber weiß es noch.
Verschließe dich nicht vor uns. Lauf nicht weg.”
Sie seufzte.

“Weißt du, was Teri einmal zu mir gesagt hat?”
Seine Pupillen weiteten sich, sein Blick zitterte bei der unerwarteten Erwähnung ihres Namens.

Marilyn lächelte.
“Ja, wir haben uns einmal getroffen, ihr wart noch nicht lange verheiratet, ... Kim ein Säugling.”

“Was... was wollte sie?”
Jacks verstörter Gesichtsausdruck verlieh Marilyn weiteren Mut.

“Sie wollte wissen, ob du schon bevor sie dich kennen gelernt hatte, so verschlossen, so geizig mit deinen Gefühlen gewesen warst.”

“Ich... war nie...”

Marilyn lehnte sich näher, stellte sich auf ihre Zehenspitzen, hauchte einen Kuss auf seine raue Wange.

“Doch Jack, das warst du. Das warst du immer.”
Ihre Mundwinkel zuckten erneut, als er sie immer noch erstaunt und verwirrt anstarrte.

“Du hast nie mehr gegeben, nie mehr gezeigt, als dein Verstand dir als notwendig erlaubt hat.”

Sie neigte sich zur Seite, fuhr mit den Fingern zärtlich durch sein Haar.

“Du bist gegangen, ohne mir zu erklären warum, zu sagen, was letztendlich den Ausschlag gegeben, was es dir bedeutet hat, alle Brücken hinter dir abzubrechen... mit mir zu brechen... was du... ob du etwas dabei empfunden hast.
Ich wusste nie, wie viel du zurückgehalten, ob du jemals ehrlich mit mir gewesen warst, bis... bis Teri es mir gesagt hat...”

“Was hat sie dir gesagt?”
Jack flüsterte.
“Dass du es nicht zeigen kannst, dass du es versuchst, aber dass dein Innerstes abgeschirmt bleibt, verschlossen, wie in einem kostbaren Gefäß gefangen, zu wertvoll, zu gefährlich, um hinausgelassen zu werden.”

“Das ist nicht wahr”, wisperte Jack. “So ist es nicht.”

“Dann beweise es, Jack, zeige mir, dass ich Unrecht habe.”

Ihre hellen Augen funkelten silbern, blitzten wie Sterne in der Dunkelheit der Welt, die Jack um sich herum geschaffen hatte, einer Welt, die ihn dazu verdammte, sie als ein einsamer Wolf zu durchschreiten,
bargen Hoffnung auf eine Zukunft, die mehr für ihn bereithielt,
die ihm erlauben würde zu tragen und getragen zu werden, in der er sich vielleicht öffnen, vielleicht jemandem mitteilen konnte, der ihn besser zu kennen schien, als er sich selbst.
* * * * *