The Prince's Tale

von Noir13
GeschichteDrama / P12
02.08.2007
20.09.2008
5
21937
 
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Titel: Leben und Leiden ('71-'81)
Autor: Noir13 / Se.Ka.Ya.
Disclaimer: Alle bekannten Personen, Namen, Orte und Begriffe sind Eigentum von J. K. Rowling. Severus' Großeltern, Barney und seine Freunde aus der Zaubertranklehre sind jedoch mein geistige Eigentum.
Hauptcharakter: Severus Snape
Rating: PG12
Warnung: Nach Deathly Hallows eindeutig AU. Bis HBP dürfte es jedoch noch weitestgehend Canon sein – zumindest hoffe ich das.
Anmerkung: siehe Kapitel 1
Kapitel: 2 / (genaue Anzahl steht noch nicht ganz fest)


Leben und Leiden ('71-'81)


~*~*~*~*~


Es ist 1971, und der Sprechende Hut ruft laut "SLYTHERIN!", und Severus weiß, dass er in Schwierigkeiten ist, denn die beiden Jungen aus dem Zug haben am Gryffindortisch Platz genommen. Ihm ist nicht sonderlich wohl zumute, als er auf den Slytherintisch zusteuert. Er zieht ein wenig an seiner Krawatte als er sich neben einen blonden Jungen setzt. Ihm ist nicht wohl dabei, hier zu sitzen.

"Snape, huh?", meint ein älterer Schüler zu seiner linken. "Waren deine Eltern auch in Hogwarts?"

Severus schluckt ein wenig. Er weiß, dass sein Vater ein Muggel ist. Sein Großvater hat ihm das oft genug vorgehalten. Aber er hat ihm auch gesagt, dass er niemals ein Wort über Tobias Snape verlieren soll. Ein Halbblut ist fast noch schlimmer als ein Schlammblut, das hatte sein Großvater gesagt. Severus glaubt ihm das.

"Slytherin", haucht er kaum hörbar, auch wenn es nur die halbe Wahrheit ist.

Der Junge scheint zufrieden, wenngleich er immer noch ein wenig skeptisch ob Severus' Nachnamen ist. Aber Severus ist auf Fragen vorbereitet, sein Großvater hat ihm das oft genug eingebläut. Es gibt einen Zauberer namens Snape, reinblütig, lebt im Ausland. Er war nicht sehr bekannt, doch bekannt genug, um ihn als Vorwand zu benutzen, aber zu unwichtig, um genauere Nachforschungen anzustellen.

"Nun, da du ein Slytherin bist, scheinst du ja in Ordnung zu sein", grinst der Blonde und Severus findet ihn ein wenig unsympathisch. "Ich bin Evan Rosier."

"Severus Snape", erwidert Severus nur, nicht besonders stolz auf seinen Namen.

Er erinnert sich zu gut daran, dass man ihn in der Grundschule wegen seines Vornamen verspottet hatte, denn wer nannte ein Kind schon Severus? Aber scheinbar waren merkwürdige Namen hier normal, dachte Severus beruhigt, als er an die anderen Schüler dachte. Remus und Sirius waren sicher auch keine alltäglichen Namen. Nur ob er froh darüber sein sollte, wusste er wirklich nicht.


~*~*~*~*~


Es ist 1972, und Severus kocht vor Wut. Sein Haar tropft mit einer schleimigen Flüssigkeit seinen Umhang voll und um ihn herum stehen lachende Schüler. Es ist nichts Neues für ihn, ausgelacht zu werden, doch es verletzt ihn, dass es auch seine eigenen Hauskameraden sind.

"Was ist hier los?", fragt die Stimme von Professor McGonagall und die Schüler deuten nur grinsend auf Severus.

Ihm ist ein wenig nach heulen zumute, doch er hat sich geschworen, nicht zu weinen. Er will nicht weinen, nicht hier vor allen anderen. Er weiß, dass er es durchstehen kann. Und er weiß auch, dass er seine Rache bekommen wird. Er bekommt sie immer. Es ist ihm egal, ob er deswegen Strafarbeiten bekommt oder Punktabzug. Er fürchtet nur ein wenig den Ärger mit seinen Mitschülern, aber auch das ist nichts Neues mehr für ihn.

Ihm ist nach schreien zumute, doch er darf nicht die Fassung verlieren. Er ist wütend, sehr wütend. Wütend auf die Gryffindors, weil sie ihn immer wieder ärgern und ihm gemeine Streiche spielen. Wütend auf sich selbst, weil er es nicht schafft, sich genug zu wehren. Und wütend auf die anderen, weil sie es nicht verhindern, sondern ihn nur auslachen. Noch wütender jedoch ist er auf die Lehrerin vor sich, weil sie nie etwas unternimmt.

"Wer war das?", will Professor McGonagall von ihm wissen, doch Severus sagt nur finster "Sie glauben mir doch sowieso nicht", und dann geht er in den Gemeinschaftsraum um sich den Schleim aus den Haaren zu waschen.

Es ist immer die gleiche Prozedur. Die Gryffindors spielen ihm einen Streich, er wird ausgelacht, die Lehrer glauben ihm nicht. Er hat es aufgegeben, sie zu melden. Die Lehrer meinen nur, dass er sich das nicht so zu Herzen nehmen sollte. Dumme Jungenstreiche. Doch diese Streiche treffen immer nur Severus und Severus weiß, dass es etwas Persönliches zwischen ihm und Potter und Black ist. Zwischen ihnen herrscht ein Krieg, den er nicht gewinnen kann.

Zwei Wochen später fragt man ihn "Warum haben Sie das getan?" und Severus einzige Antwort ist ein gehässiges "Weil sie es verdient haben!", und er schaut selbstgefällig auf die beiden Gryffindors, denen die verräterischen Tentakeln aus den Ohren und der Nase wuchern.

~*~*~*~*~


Es ist 1973, und Severus brütet über seiner Fächerliste. Sein Großvater sitzt ihm gegenüber und mustert ihn scharf und seine Mutter sieht ihm über die Schulter. Seine Großmutter sitzt vor dem Kamin und nimmt keine Notiz von ihm. Severus weiß nicht, ob er froh darüber sein soll.

"Nimm Arithmantik", schlägt seine Mutter ihm vor, wirft jedoch einen fragenden Blick in Richtung ihres Vaters.

Severus hasst es, dass seine Schullaufbahn von seinem Großvater bestimmt werden soll. Er ist sich eigentlich sicher, welche Fächer er nehmen will. Alte Runen. Vielleicht auch Wahrsagen. Er findet, dass es interessant klingt. Aber sein Großvater wird damit wohl nicht einverstanden sein.

"Wozu brauche ich Arithmantik?", will er wissen, sieht aber nicht von dem Pergament auf. "Ich kann Mathe."

"Mathematik!", speit sein Großvater aus. "Muggelkram! Unsinn!"

Severus sieht ihn ärgerlich an. "Nur weil die Muggel es lernen, ist es kein Unsinn", sagt er. "Mathematik ist sehr nützlich. Mit Geometrie kann man die Welt erklären –"

"Nur die Muggelwelt", sagt sein Großvater abwertend. "Von Magie haben sie keine Ahnung. Du nimmst Arithmantik! Damit du endlich einmal etwas Vernünftiges lernst."

Severus knirscht mit den Zähnen. Er weiß, dass es nichts bringt, weiter darüber zu diskutieren. Sein Großvater wird Ungehorsam nicht dulden und Severus will nicht wirklich erneut den Cruciatus zu spüren bekommen. Der Vorfall vor drei Tagen hat ihm gereicht. Manchmal wünscht er sich, das Ministerium findet endlich heraus, dass Daray Prince ihn mit den Unverzeihlichen traktiert. Aber dann denkt er wieder daran, dass das nur mehr Aufmerksamkeit als nötig auf seine Familie und ihn selbst lenkt. Außerdem ist er es selbst schuld.

"Also Arithmantik", meint er simpel und kreuzt das Fach an. "Was noch?"

Er weiß, dass er selbst da nicht mitzubestimmen hat. Sein Großvater will schließlich nicht, dass er irgendetwas nimmt, was seine Muggelherkunft unter Beweis stellt. Nicht, dass Severus nur einen zweiten Gedanken an Muggelkunde verloren hätte. Er weiß genug über Muggel.

"Pflege Magischer Geschöpfe", beschließt sein Großvater. "Das gehört zur Allgemeinbildung eines Reinbluts. Du musst die verschiedenen Kreaturen erkennen können."

"Ja, Sir", sagte Severus nur und macht ein weiteres Kreuz. Er starrt auf den Zettel. "Darf ich Alte Runen nehmen?"

Kurz herrscht Schweigen. Schließlich schüttelt sein Großvater den Kopf. Ein wenig Allgemeinbildung kann nicht schaden, aber dieses Fach ist ihm nicht wichtig genug. Severus seufzt niedergeschlagen. Es ist das einzige Fach, dass er wirklich will.

"Lass den Jungen, Daray", meldet sich da seine Großmutter. "Alte Runen sind nicht zu unterschätzen. Ich muss das wissen."

Severus sieht hoffnungsvoll auf. Sein Großvater nickt. Mit einem Leuchten in den Augen macht er ein weiteres Kreuz auf das Blatt. Dann steht er auf, um seine Wahl per Eule der Schule mitzuteilen.

Niemand bemerkt das vierte Kreuz, das hinter Wahrsagen steht.

~*~*~*~*~


Es ist 1974, und die Sonne scheint auf Severus' Gesicht. Er liegt zusammen mit Lily Evans, einer Gryffindor, am Ufer des Sees und genießt das schöne Wetter. Einige Büsche schützen sie vor den neugierigen Blicken der anderen. Und noch wichtiger, vor den Blicken der Rumtreiber.

Lily räkelt sich ein wenig im Gras und sieht Severus an. "Hast du schon eine Ahnung, was du nach der Schule machen willst?"

Severus starrt nachdenklich in den Himmel, die Stirn leicht gekräuselt. Er hat sich schon viele Gedanken darüber gemacht, aber er weiß nicht, ob sein Großvater das zulassen wird.

"Nicht so direkt...", weicht er schließlich aus. "Was ist mit dir?"

Lily verschränkt die Arme hinter ihrem Kopf und lächelt breit. "Ich möchte Medihexe werden. Heilerin im St. Mungo." Sie schaut ebenfalls in den Himmel. "Warum kommst du nicht auch?"

Er setzt sich auf und schaut raus auf den See. Heiler. Eigentlich klingt das nicht wirklich schlecht, findet er. Nur er macht sich Sorgen, ob sein Großvater das gut finden wird. Immerhin ist Lily eine Muggelgeborene – Severus sollte wirklich nicht mit ihr sprechen – und er muss die Fassade eines Reinbluts aufrecht erhalten.

"Ich weiß nicht", sagt er und zupft abwesend ein paar Grashalme aus. "Würde zwar interessant sein, aber irgendwie... ich würde wohl als erstes studieren. Zaubertränke. Oder ich gehe ins Ministerium. Die haben da auch ein paar interessante Stellen."

Severus meint etwas ganz Bestimmtes, wenn er an eine Stelle im Ministerium denkt. Aber kann er Lily wirklich erzählen, dass es einen gewissen Reiz für ihn hätte, ein Auror zu werden? Es ist nicht die Tatsache, dass er wirklich helfen will. Oder dass er kämpfen will. Es ist die Möglichkeit des Wissens, die ihn daran reizt. Das Training. Er kann es dann Potter und Black zeigen.

"Das Ministerium?", fragt Lily überrascht. "Aber was willst du da?"

Severus schweigt und betrachtet die Grashalme auf seinem Umhang. Lily ist zwar eine recht gute Freundin, aber sie versteht ihn nicht wirklich. Sie sitzen im Unterricht häufiger zusammen und Lily ist gut in Zaubertränke. Sie reden oft über Zaubertränke. Oder Hausaufgaben. Aber niemals wirklich darüber, was sie fühlen und denken.

Lily setzt sich auf und stößt Severus lachend den Ellenbogen in die Rippen. "Sag bloß, du willst in die Abteilung für experimentelle Zauber?" Severus runzelt ein wenig die Stirn und sieht sie an. "Okay, dann vielleicht... die Mysterienabteilung? Stimmt doch, oder? Ich könnte mir wirklich vorstellen, dass das interessant da ist... mysteriööös!"

Er nickt nur. Irgendwie hat er das Gefühl, dass Lily kindisch ist. Er weiß nicht, woher der Gedanke kommt, aber er ist da.

"Ich glaube, ich studiere lieber", meint er schließlich nur.

Lily blinzelt ihn ein wenig verwirrt an.

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Es ist 1975, und Severus sitzt einem Auroren gegenüber. Das ist keine angenehme Erfahrung für ihn, denn er möchte überall sein, nur um diesen wachsamen Augen zu entgehen. Er weiß nicht, was er hier soll, denn seine Mutter hätte auch alleine herkommen können. Er sieht keinen Grund für seine Anwesenheit.

"Gehst noch zur Schule, he?"

Severus beschließt, den Auroren so gut es geht zu ignorieren. Er will nicht mit ihm reden. Er will nach Hause, zu seinen Büchern. Es kümmert ihn nicht, dass sein Vater scheinbar vermisst wird. Vielleicht sogar tot ist. Er ist ein Muggel. Wahrscheinlich liegt er nur irgendwo besoffen in der Gosse. Severus kann sich das durchaus vorstellen. Sein Vater war nicht besonders verantwortungsbewusst. Er hat ihn seit fünf Jahren nicht mehr gesehen.

"In welchem Schuljahr bist du?", will der Auror wissen, scheinbar bemüht, ein Gespräch zu beginnen. "Fünftes, nicht wahr?"

"Lassen Sie mich in Ruhe", meint Severus mit einem finsteren Blick. Er denkt an seine Mutter, die momentan wohl ebenfalls von einem Auroren gelöchert wird. Aber sie wollte ja nicht anders.

"Slytherin, eh?" Der Auror lehnt sich ein wenig in seinem Stuhl zurück.

Severus sieht ein wenig überrascht auf. Es gefällt ihm nicht, dass der Auror diese Dinge über ihn weiß. Ganz und gar nicht. Er hasst es, wenn man Informationen über ihn hat, die er nicht selbst weitergegeben hat. Aber woher weiß der Auror das?

"Wer sind Sie?"

Der Auror grinst ihn ein wenig unverschämt an, auch wenn es mehr einer Grimasse gleicht. Severus weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll, denn das Gesicht ist zerfurcht und voller Narben. Es sieht ein wenig beängstigend aus, wenn er ehrlich mit sich selbst ist. Doch er will nicht, dass der Auror ihn einschüchtert.

"Du bist einer der ersten, die mich das gefragt haben", meint der Auror schließlich. "Ich bin Alastor Moody."

Nun versteht Severus.

~*~*~*~*~


Es ist 1976, und Severus starrt aus dem Fenster. Er sitzt im Büro des Schulleiters, zusammen mit Potter und Black, und er kann sich tausend Orte denken, an denen er nun lieber wäre. Er wäre überall lieber, außer in der Heulenden Hütte.

"Mr. Snape", sagt Professor Dumbledore, "ich muss Ihnen eindringlich klarmachen, dass Sie über die Ereignisse der heutigen Nacht absolutes Stillschweigen bewahren müssen."

Severus schweigt und starrt weiter aus dem Fenster und starrt den Vollmond an. Das, was Dumbledore so schön als Ereignisse der heutigen Nacht bezeichnet, ist für ihn ein grausiger Albtraum. Nicht nur, dass er einem ausgewachsenen Werwolf gegenübergestanden hat, nein, man hat versucht, ihn zu ermorden. Severus ist sich dessen sicher. Und es ärgert ihn, dass Dumbledore offenbar weder Black noch Potter zur Rechenschaft ziehen will. Von dem Werwolf Lupin ganz zu schweigen. Wie kann man ein solches Ding nur in die Schule lassen?

"Mr. Snape!", sagt Dumbledore scharf.

Severus schnaubt leise, sieht den Schulleiter jedoch nicht an. Er denkt nicht einmal daran. Er ist hier das Opfer – warum behandelt man ihn dann so, als wäre er der Täter? Er hat nichts getan, was die Bande um Potter und Black nicht schon tausendmal getan hat. Und nun wollen die beiden ihn umbringen. Potter hat kalte Füße bekommen und ihn gerettet. Dumbledore erwartet hoffentlich nicht, dass er ihm deswegen dankt. Severus würde Potter wahrscheinlich nur mit der Faust danken.

"Hören Sie, das ist wichtig!"

"Genau, Schniefelus", meint Black grimmig. "Hier geht es um Remus! Also –"

"HALT DIE KLAPPE!", schreit Severus und funkelt Black wütend an. "Du bist doch erst Schuld an allem!"

Er hält den Zauberstab unter seinem Umhang fest, bereit, ihn jederzeit zu verwenden. Black springt zornig auf und Potter muss ihn zurückhalten, damit er sich nicht auf Severus stürzt. Severus kocht innerlich. Dumbledore versucht, Black und ihn zu beruhigen, doch Severus will sich nicht beruhigen. Er will Rache. Er will Vergeltung.

"Mr. Snape... Severus", versucht es der Schulleiter.

"Wagen Sie es nicht!", zischt Severus giftig. "Wagen Sie es nicht, meinen Vornamen zu benutzen!"
Er wirft den Anwesenden einen mehr als finsteren Blick zu. "Ich werde nichts sagen", sagt er schließlich mit unterdrückter Wut. "Aber keiner von euch sollte glauben, dass ich es vergessen werde! Irgendwann wird es euch das Genick brechen, euch scheinheiligen Nobelgryffindors!"

Dann rauscht er ohne ein weiteres Wort aus dem Büro. Er weiß, dass er den Schulleiter beleidigt hat. Er weiß, dass das ein Nachspiel geben wird. Doch es kümmert ihn nicht. Die Wut ist zu groß, das Verlangen nach Rache zu verzehrend. Er wird seine Rache bekommen.

Das ist ein Versprechen.

~*~*~*~*~


Es ist 1977, und es herrscht Krieg.

Severus sitzt mit seinem Freund in einer Eisdiele in der Winkelgasse. Sie machen sich keine Sorgen um den Krieg. Vor allem Severus ist ganz ruhig. Er weiß, dass ihm eigentlich nichts passieren kann. Er ist nicht reinblütig, aber er steht auf der richtigen Seite. Das reicht.

"Hey, Sev, schau mal", meint sein Freund leise, als sich ein Mann und eine Frau an den Nebentisch setzen.

Er sieht nicht auf, doch sein Blick huscht von seinem Eisbecher zu ihren neuen Sitznachbarn. Kurz scheinen sich die Blicke zu treffen, als die Frau ihn misstrauisch mustert und schließlich den Rest des Cafés in Augenschein nimmt. Severus weiß, wer sie ist. Er kennt sie. Er kennt sie beide. Jeder kennt sie.

"Was ist los? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen", will Jonathan wissen. "Kennst du sie?"

"Ja", sagt Severus nur eintönig. "Das ist Alastor Moody... und Dorcas Meadowes."

Jonathan blinzelt ihn ein wenig verwirrt an. Dann dreht er ein wenig den Kopf um Dorcas Meadowes anzusehen. Severus braucht sie nicht mehr anzustarren. Er hat sie gleich erkannt, er kennt ihr Bild – es ist häufig im Tagespropheten zu sehen, auch wenn sie meist der Kamera ausweicht. Severus versteht sie sehr gut, er würde auch nicht wollen, dass sein Gesicht so bekannt würde. Vor allem nicht, wenn der Feind sie so einfach erkennen kann. Das war nur eine weitere Gefahr.

Jonathan ist noch immer verwirrt. "Sag mal, bist du dir da sicher?", wispert er ihm zu. "DAS ist Dorcas Meadowes?"

"Ich dachte, du kennst sie", meint Severus dunkel. "Sie ist deine Cousine, oder etwa nicht?"

Sein Freund zuckt nur die Schultern. "Alle Reinblutfamilien sind untereinander verwandt." Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Severus fragt sich, wie das ist, wenn man irgendwann seiner eigenen Familie im Kampf gegenübersteht. Aber er macht sich wenig Sorgen, dass er in diese Situation kommen wird. Er hat niemanden in der Zaubererwelt außer seiner Mutter und seinen Großeltern.

"Vergiss es einfach." Severus wendet sich wieder seinem Eis zu.

~*~*~*~*~


Es ist 1978, und um Severus herum tobt der Kampf. Flüche fliegen an seinem Kopf vorbei, Staub wirbelt durch die Luft und erschwert das Sehen. Er hört Schreie, gebrüllte Flüche und das Krachen der Steine, wenn ein Fluch dagegen rast. Er hört Kameraden und Feinde gleichermaßen leiden. Doch es berührt ihn nicht.

Er duckt sich geschmeidig unter einem Schockzauber weg und schleudert noch in derselben Bewegung seinerseits einen Stupor in die Richtung seines Gegners. Er hält sich nicht damit auf, sich um die anderen Todesser zu kümmern. Seine Anweisungen waren mehr als klar: Handelt am Maximum eurer Fähigkeiten – ihr seid Profis! Wenn ihr keine Gefangenen machen könnt, müsst ihr töten. Er hat nicht sofort die Erlaubnis zum Töten gegeben, es ist ihm zuwider, einfach jemanden mit dem Todesfluch zu begrüßen. Oder noch unsauberen Todesarten.

Er hält nichts von sinnlosem Töten und Morden. Wenn er kann, hält er sich von derlei Dingen fern. Der Dunkle Lord scheint das soweit zu akzeptieren. Vielleicht ist es, weil Severus erst achtzehn ist. Vielleicht ist es, weil er nützlich ist. Severus glaubt mehr an letzteres.

"Jackson!", brüllt eine bekannte Stimme und Severus gestattet sich für den Bruchteil einer Sekunde Unaufmerksamkeit, um den Besitzer der Stimme auszumachen.

Dorcas Meadowes schert sich nicht darum, ob der Gegner mit Todesflüchen um sich wirft oder nur Schockzauber benutzt. Sie ist der Todesfluch. Severus weiß, dass sie sich an die Regeln hält und zuerst versuchen wird, ihn und die anderen gefangen zu nehmen. Aber wenn das nicht klappt, dann wird es schmutzig.

"Lewis!", knurrt die Aurorin, die Namen allein schon als Befehl bellend.

Ihre Blicke treffen sich, Severus hebt leicht den Zauberstab. Er macht keine Anstalten, anzugreifen, er kann es nicht. Sie ist Jonathans Cousine, er will kein Familienmitglied seines Freundes angreifen. Außerdem mag er ein wenig Meadowes' Kampfgeist. Wenn er im Kampf sterben sollte, dann will er es von ihrer Hand tun. Einfach, weil er weiß, dass er dann gegen die Beste verliert.

"Frank!", ruft Meadowes, als sie scheinbar erkannte, dass das seine Truppe ist. "Ich hab ihn!"

Severus findet es amüsant, was Dorcas Meadowes unter haben versteht, doch er schweigt. Er ist besorgt, dass sie seine Stimme erkennen könnte. Sie ist einmal bei Jonathan vorbeigekommen, als Severus gerade zu Besuch war. Sie wird ihn ganz sicher erkennen, wenn er einen Ton von sich gibt. Wie gut, dass ich nonverbal zaubern kann.

Severus ist ein guter Duellant, aber Dorcas Meadowes ist nicht gut. Sie ist besser. Sie muss besser sein, das weiß Severus, doch er findet es schwer, ihren Flüchen standzuhalten. Er will sie nicht mehr als nötig verletzen und er scheut sich, zu versuchen sie zu fassen. Er weiß, was dann passiert, sollte er es schaffen.

Er weicht aus und schickt ihr Lähm- und Schockzauber entgegen, vorgebend, sie gefangen nehmen zu wollen, beschwört Schilde herauf. Meadowes tut dasselbe und Severus hat den Gedanken an einen tödlichen Tanz.

Schließlich schafft er es, Meadowes' Verteidigung mit einem hinterhältigen irischen Runenzauber zu durchbrechen. Es ist einer der gemeinsten Schockflüche, die Severus kennt. Meadowes wird wohl für ein einige Tage nicht wirklich einsatzfähig sein, auch wenn sie es wohl ignorieren wird. Er nutzt diese Zeit, in der er sich frei bewegen kann, hebt den Zauberstab und macht das Signal zum Rückzug.

Severus weiß, dass er die Konsequenzen seines Handelns zu spüren bekommen wird. Er hatte die Chance, Dorcas Meadowes gefangen zu nehmen, zu töten, doch er hat es nicht getan. Er wird auch alles andere bei diesem Einsatz zu verantworten haben, denn es war sein Team.

Zumindest kann er von sich behaupten, Meadowes für mindestens zwei Tage ans Bett gekettet zu haben, obwohl er gerade erst mit der Schule fertig ist.

~*~*~*~*~


Es ist 1979, und es ist bitterkalt draußen. Severus beobachtet die Schneeflocken, die am Fenster vorbeitreiben, während er die heiße Tasse vor sich umfasst. Er friert erbärmlich, doch es ist nicht nur das Wetter und er weiß, dass auch der dampfende Tee vor ihm diese Kälte nicht vertreiben kann. Die Kälte ist in seinem Inneren, seiner Seele.

"Du frierst", stellt Dorcas sachlich fest.

Severus sieht sie schweigend an. Sie hat denselben Vornamen wie die Aurorin, doch ihr Charakter ist gänzlich anders. Er weiß das, und doch findet er sich immer wieder Vergleiche ziehend. Doch diese Dorcas ist nur eine gute Freundin, eine Freundin und Kollegin.

"Du solltest deinen Tee trinken, bevor er kalt wird", sagt Jonathan mit einem Lächeln. "Das wird dich ein wenig wärmen."

Er seufzt nur. Seine Freunde wissen, wo er sich reingeritten hat. Sie wissen es, aber sie sagen dazu nichts. Sie lassen Severus immer seine Ruhe, denn sie kennen ihn. Er ist ihnen dankbar dafür. Er mag es nicht, wenn man ihn zum Sprechen zwingen will, vor allem, wenn es solche heiklen Themen sind. Er weiß auch nicht, ob er mit ihnen darüber reden will. Er will ihnen nicht das Weihnachtsfest verderben.

"Du kannst mit uns über alles reden, Severus", sagt Dorcas. "Ob es nun Gefachsimpel ist oder wir Kummerkasten spielen sollen. Wir sind deine Freunde."

"Ich weiß", erwidert Severus leise. "Ich weiß... danke."

Jonathan grinst sein jugendliches Grinsen und Severus kommt sich mit einem Mal so alt vor. Er weiß, dass er eigentlich der Jüngste von ihnen ist, doch er hat das Gefühl, als würde er eher auf die Hundert zusteuern und nicht auf die Zwanzig. Dieser Krieg lässt ihn schneller altern. Aber er ist sowieso nie wirklich Kind gewesen.

"Muffliato", murmelt Severus leise, den Zauberstab unter dem Tisch haltend.

Jonathan und Dorcas sehen sich kurz an. Sie ahnen wohl bereits das nun folgende Gesprächsthema. Severus achtet ganz besonders darauf, dass nichts über diese Gespräche nach außen gelangt und seine Freunde wissen um die Gefahr dieser Diskussionen.

Severus seufzt erneut und nimmt einen tiefen Schluck Tee, um wenigstens physisch wieder ein wenig aufzutauen.

"Ich nehme an, ihr wisst bereits, worum es geht", sagt er simpel, wartet kurz das Nicken seiner Freunde ab und fährt fort, "Ich... hab mir ein paar Gedanken darüber gemacht. Ihr wisst schon, der Dunkle Lord, Todesser und so... dieses Zeug halt... so von wegen richtig und falsch und... na ja..."

Er kommt sich plötzlich wieder wie zehn vor, so nervös ist er. Es ist ein wenig wie an dem Tag, an dem er zum ersten Mal seinen Großvater getroffen hat. Er hat versucht, die richtigen Worte zu finden, hat gezögert und gestottert. Sein Großvater war alles andere als begeistert davon gewesen und hat immer wieder betont, was für eine Schande Severus doch sei.

Er atmet einmal tief durch. "Ich muss da raus."

Jonathan und Dorcas schweigen beide. Severus bedauert einen Moment, dass Lionel nicht hier ist; er hätte diese Stille sicherlich mit irgendeiner dummen Bemerkung gebrochen, so wie immer. Sie verbringen eine ganze Weile im Schweigen.

Severus starrt wieder abwesend aus dem Fenster, tief in Gedanken versunken. Seine Gedanken passen überhaupt nicht zu der leuchtenden Dekoration am Haus gegenüber, denn sie sind rabenschwarz. Sie handeln von seiner Zukunft, der Zukunft seiner Freunde und der Zukunft seiner Feinde. Er hat eine Prophezeiung gehört und das macht ihm nun Sorgen. Er hätte sie nicht an den Dunklen Lord weitergeben dürfen, das weiß er jetzt. Doch es ist zu spät.

"Dann solltest du zu Dumbledore gehen", schlägt Jonathan nach einiger Zeit vor. "Er wird dir zuhören."

"Und dir sicherlich eine Chance einräumen", pflichtet Dorcas bei.

Severus lässt sich mit einer Antwort Zeit. Er starrt weiter aus dem Fenster, sein Tee wird kalt. Schließlich sieht er seinen Freunden fest in die Augen.

"Ich werde es versuchen."

~*~*~*~*~


Es ist 1980, und Severus weiß nicht so recht, was er tun soll.

Er sitzt auf der falschen Seite des Schreibtisches, auf der Seite, auf der er eigentlich niemals sitzen wollte. Und er sitzt dem Mann gegenüber, von dem er gedacht hatte, ihn höchstens noch in einem Kampf wiederzutreffen. Das Schicksal geht seltsame Wege.

Severus fragt sich kurz, warum er das überhaupt tut, während er abwesend die Feder in den Händen des Aurors betrachtet. Ich sollte nicht hier sein. Er weiß, dass der Mann vor ihm eine Gefahr darstellt, doch jetzt ist er nicht zum Kämpfen hier. Severus wäre das eindeutig lieber. Er will nicht hier sein, nicht mit diesem Mann und nicht in der Aurorenzentrale. Es kommt ihm ein wenig vor wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. Nur dass er diesmal das Kaninchen ist.

"Name?", brummt der Auror, dieses Mal scheinbar nicht so gesprächig wie das letzte Mal. Severus kann es ihm nicht verübeln.

"Jonathan Alan Helios Meadowes", antwortet er kurz angebunden, Moodys Blick ausweichend. "Jahrgang '58, ledig. Wohnhaft Winkelgasse 72 in London."

Er kommt sich ausgesprochen idiotisch vor. Nicht zuletzt, weil Jonathan nicht einmal mit ihm verwandt ist. Eigentlich müsste Aurorin Meadowes hier sitzen. Aber Severus beklagt sich nicht. Er weiß, was passiert ist. Aber das macht es auch nicht besser.

"Wann wurde er zum letzten Mal gesehen?", will Moody wissen, nachdem er einen kurzen, fast schon überraschten Blick ob des Namens auf Severus geworfen hat.

Severus zögert kurz. "Ich habe ihn am Samstagmorgen noch gesehen."

Er erinnert sich daran, was passiert ist. Er war den Samstag noch bei ihm, hatte mit ihm geredet. Sie hatten sich zum Frühstück getroffen, wie sie es früher öfter getan hatten. Severus erinnerte sich gerne daran zurück, weil es damals noch einfach gewesen war. Zumindest wollte er das glauben. Jonathan hatte ihm davon erzählt, dass er eine neue Freundin hätte. Eine Muggelgeborene, oder war sie doch ein Muggel? Severus erinnerte sich nicht. Aber scheinbar lief da schon länger etwas. Er selbst hatte damit kein Problem gehabt, doch scheinbar hatten die falschen Leute davon erfahren.

Severus hatte Jonathan nur warnen können, dass er aufpassen sollte. Es hatte nichts genützt. Vielleicht war es schon die einfache Tatsache, dass er mit Dorcas Meadowes verwandt war. Severus weiß es nicht und die Hintergründe interessieren ihn auch nicht.

"Lebende Verwandte?", reißt Moody ihn aus seinen Gedanken.

Severus hebt leicht den Kopf, den Blick von der Feder abwendend, und sieht Moody ins Gesicht. Seine Augen sind ausdruckslos, wie so oft in letzter Zeit.

"Dorcas Meadowes, Cousine. Ihren vollen Namen weiß ich nicht."

Moody sieht ihn nur an. "Andere Verwandte?"

Severus erwidert nichts. Er starrt hinunter auf seine Hände. Sie zittern. Er ärgert sich und versucht, es unter Kontrolle zu bringen. Er weiß, wer Jonathan verschleppt hat. Er weiß, dass es keine Hoffnung darauf gibt, ihn wiederzusehen. Und er weiß, dass er zu jenen gehört, die Jonathan auf dem Gewissen haben. Wenn er auch nicht direkt etwas dazu beigetragen hat, er hat auch nichts dagegen unternommen.

"Keine anderen Verwandten", antwortet er tonlos, blicklos auf seine Hände starrend.

Er weiß, was Moody ihm nun sagen wird. Jonathan wurde entführt, gefoltert, vermutlich getötet. Vielleicht taucht seine Leiche wieder auf. Wenig Hoffnung. Severus weiß es besser. Es gibt keine Hoffnung. Es gibt keine Leiche.

~*~*~*~*~


Es ist 1981, und Severus steht vor den Scherben einer Heldin, die er jedoch nicht vergessen wird. Er war dabei, als sie gestorben ist, und er bewundert sie für ihren Mut. Er glaubt nicht, dass irgendwer im Angesicht des Todes so viel Mut aufbringen kann. Die anderen Todesser sind froh, dass sie tot ist. Severus ist es nicht.

Er starrt auf den Eingang zur Familiengruft der Meadowes'. Jonathan würde hier auch liegen, vermutet er, wenn es denn eine Leiche gäbe. Aber da ist nichts und nun liegt Dorcas Meadowes hier, die letzte dieser Reinblutfamilie.

Severus macht sich nichts aus reinem Blut, aber er macht sich etwas aus Dorcas. Er weiß nicht, wann genau er aufgehört hat, von ihr als Meadowes zu denken, doch er findet diesen Wandel gut. Sie verdient seinen Respekt, auch wenn er bezweifelt, dass sie es mögen würde, dass er sie Dorcas nennt. Aber er tut das nur in Gedanken. Mit anderen spricht er nicht über sie.

'Dorcas Elladora Meadowes' steht auf der Grabtafel, 'geboren 1949 – gestorben 1981'.

Severus findet es ironisch, dass ihr Name so gar nicht zu ihrer Art passen will, doch es gibt viele Menschen, deren Namen nicht zu ihnen zu passen scheinen. Er fragt sich innerlich, was passiert wäre, wenn er sich nicht dem Dunklen Lord angeschlossen hätte. Auch wenn er nun als Spion agierte, er war noch immer ein Todesser, das konnte er nicht verleugnen. Etwas wie Ex-Todesser gab es nicht. Nicht für ihn und für Dorcas Meadowes sicher genauso wenig. Er wusste, dass sie Dumbledore gewarnt hatte, als er sich dazu entschlossen hatte, Severus eine zweite Chance zu geben.

"Der verdammte Kerl stinkt von oben bis unten nach den Dunklen Künsten!", hatte sie geknurrt, Severus war dabei gewesen. "Der rennt doch bei der ersten Gelegenheit zu seinem Meister und verrät alles!"

Severus mag lächeln ob dieses Ausbruchs, denn es war das, was er in dem Augenblick auch gedacht hat. Er ist nicht sonderlich stolz darauf, ein Todesser zu sein, doch er wird niemals leugnen, dass die Dunklen Künste eine dunkle Faszination auf ihn ausüben. Die Gerüchte aus seiner Schulzeit sind nicht ganz so abwegig, wie manche meinen.

Dumbledore hatte darauf bestanden, Severus die Chance zu geben, seinen Fehler wieder gutzumachen, wenn das denn überhaupt möglich war, und die Auroren hatten zugestimmt, sich darum zu kümmern, dass Severus nicht zur Anklage kam. Vorerst, wie Dorcas und Moody betont hatten, nachdem sie Severus allein angetroffen hatten. Er hatte nichts darauf erwidert, still genickt. Er weiß, dass ihm der Prozess gemacht wird, wenn die Auroren diesen Krieg gewinnen. Aber es kümmert ihn schon lange nicht mehr, ob man ihn nach Askaban schickt.

Er wirft einen letzten Blick auf die ewige Ruhestätte von Dorcas Meadowes, eine eigentlich rastlose Person, immer auf der Jagd nach Schwarzmagiern, dann wendet er sich ab.

Er kommt nie mehr zurück.