The Prince's Tale

von Noir13
GeschichteDrama / P12
02.08.2007
20.09.2008
5
21937
 
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Dieses Kapitel
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THE PRINCE'S TALE


Titel: Prolog eines Magiers ('66-'70)
Autor: Noir13 / Se.Ka.Ya.
Disclaimer: Alle bekannten Personen, Namen, Orte und Begriffe sind Eigentum von J. K. Rowling. Severus' Großeltern, Barney und seine Freunde aus der Zaubertranklehre sind jedoch mein geistige Eigentum.
Hauptcharakter: Severus Snape
Rating: PG12
Warnung: Nach Deathly Hallows eindeutig AU. Bis HBP dürfte es jedoch noch weitestgehend Canon sein – zumindest hoffe ich das.
Anmerkung: Diese Story entstand mehr oder weniger beim Schreiben eines RPG-Charakter-Steckbriefes und ist daher ein wenig auf den Charakter abgestimmt, den Snape dort hat. Es ist mehr ein Versuch, den Charakter noch ein wenig genauer zu definieren. Des weiteren war es ein kleines Experiment meinerseits, alles im Präsens zu schreiben – oder es zumindest zu versuchen. Es kann jedoch sein, dass ich teilweise in die Vergangenheitsform abgerutscht bin. Die Story ist nicht betagelesen.
Kapitel: 1 / (genaue Anzahl steht noch nicht ganz fest)

Inhalt:
Das Leben des Severus Snape, in einzelne Szenen gefasst. Von seinem sechsten Lebensjahr durch seine Schulzeit hindurch bis zum Leben in der "Welt da draußen" – und auch ein wenig darüber hinaus.


Prolog eines Magiers ('66-'70)


~*~*~*~*~


Es ist 1966, und Severus fühlt sich zum ersten Mal wirklich allein, obwohl er von anderen Menschen umgeben ist.

Er weiß nicht, was er getan hat, aber er weiß, dass die anderen Kinder ihn nicht mögen. Sie rufen ihn Spottnamen, sagen Freak zu ihm und sprechen niemals seinen Vornamen aus. Sie sagen nur der da oder sagen Snape. Severus fühlt sich zum ersten Mal richtig verletzt deswegen, denn er kennt diese Kinder nicht und sie kennen ihn nicht, doch sie rufen ihn immer mit Spottnamen.

"Hey, Freak!", ruft ein Junge aus der Klasse über ihm, doch Severus reagiert nicht.

Er sitzt allein auf dem wackeligen Klettergerüst, das auf dem Schulhof steht. Es sieht gefährlich aus, doch Severus kümmert das nicht. Es kümmert auch niemand sonst, wenn er dort oben sitzt, und er hat dort seine Ruhe. Die Lehrer haben inzwischen aufgegeben, ihn dort hinunterholen zu wollen. Er will nicht dort hinunter.

"Freak, Freak!"

Andere Kinder haben sich zu dem Jungen dazugesellt und schreien nun zu ihm hinauf. Severus' schwarze Augen glitzern mit Tränen, doch er wischt sie vehement weg. Er darf nicht weinen. Jungs weinen nicht. Sie würden ihn nur noch mehr auslachen.

Er sieht hinüber zu dem Aufsichtslehrer, doch dieser beachtet das Schauspiel nicht. Keinen Lehrer scheint es wirklich zu kümmern, was mit Severus ist. Sie verhindern nur, dass er auf dem Schulhof zusammengeschlagen wird, wenn er von dem Gerüst herunterkommt.

"Dort oben sitzt die Fledermaus
Der Freak aus dem Snape-Haus
Heult herum, flennt und weint
Ein Freak ist er, wem tut er Leid?"

Severus kann die Tränen kaum zurückhalten, als er den Singsang der Kinder hört. Es ist nicht das erste Mal, dass sie dieses Spottlied auf ihn singen. Es ist auch nicht das erste Mal, dass er deswegen weint. Er weiß nicht, warum sie ihn Freak nennen, warum diese seltsamen Dinge um ihn herum passieren, aber er will, dass sie ihn endlich in Ruhe lassen.

"Was ist denn, Snapey?", höhnt ein Junge aus dem letzten Schuljahr. "Sag bloß, du heulst wieder! Ruf doch deine Mami!"

Severus weiß nicht, wie er es gemacht hat. Aber er weiß, dass er es gemacht hat. Er wollte, dass es passierte, und es ist passiert.

Mit einem ausdruckslosen Blick sieht er auf den Jungen hinunter, der nun selbst weinend am Boden liegt, sich schmerzverzerrt das linke Bein haltend.

~*~*~*~*~


Es ist 1967, und Severus ist Zeuge eines heftigen Streits.

"Du verfluchte Hexe! Man sollte dich auf dem Scheiterhaufen verbrennen, so wie man es früher mit deinesgleichen getan hat!"

Tobias Snape ist außer sich vor Wut, beschimpft Severus' Mutter und brüllt Verwünschungen. Severus sitzt still in der Ecke des Wohnzimmers und beobachtet den Streit seiner Eltern. Er weiß, dass er schuld an dem Streit ist. Es ist immer Severus' Schuld. Er ist ein Freak. Die anderen Kinder haben Recht, wenn sie ihn so nennen. Sein Vater tut es auch.

"Tobias, bitte...", versucht es Eileen vorsichtig.

"Halt den Mund!", schreit Severus' Vater zornig. "Du und dieses abnormale Pack! Der kleine Bastard, den du deinen Sohn schimpfst, ist genauso ein abnormaler Freak wie du!"

"Er ist genauso dein Sohn!"

Severus kneift die Augen zusammen und hält sich die Ohren zu. Er will es nicht mehr hören, das Geschrei seiner Eltern. Sie streiten immerzu und er kann nichts tun. Er fühlt sich so hilflos und schwach. Warum hasst sein Vater ihn so? Warum behandelt er seine Mutter so schlecht? Und warum bezeichnet er sie als abnormales Pack?

Es sind immer die gleichen Fragen, doch Severus findet keine Antwort. Seine Mutter schweigt immer, wenn er sie fragt, und sein Vater wird wütend, wenn er nur eine Andeutung macht. Severus gibt es nur ungern zu, doch er hat Angst vor seinem Vater.

Stumme Tränen laufen sein Gesicht hinab, als er mitbekommt, wie sein Vater seine Mutter wütend ins Gesicht schlägt.

Warum wehrt sie sich denn nicht?

~*~*~*~*~


Es ist 1968, und Severus verbringt die Nacht wieder einmal draußen. Seine Eltern haben sich wieder gestritten und er ist aus dem Fenster seines Zimmers geklettert. Er hat darin bereits Übung und auch die Höhe macht ihm nichts mehr aus. Zum Glück ist unter seinem Fenster ein kleiner Schuppen, in dem sein Vater das alte Gerümpel lagert.

Seine Eltern kümmern sich selten darum, was er tut, wenn sie streiten. Wenn er nicht im Zimmer ist, dann ist das meistens auch besser so. Severus fühlt sich schlecht, weil er seine Mutter allein gelassen hat, aber sie hat ihm gesagt, dass er gehen soll.

"Schon wieder allein draußen, Junge?", fragt ein älterer Mann mit einem dunklen, struppigen Bart. "Du bist doch das Balg der Snapes, oder?"

Severus mag es nicht als Balg bezeichnet zu werden, doch er nickt leicht. Er kennt den Mann vom Sehen her, aber er hat noch nie mit ihm gesprochen und er weiß auch nicht, was er von ihm halten soll. Normalerweise würde er nicht mit Fremden reden, aber er ist ja selbst nicht normal. Er kommt schon klar, er ist bisher immer klargekommen.

"Komm rüber zu mir, du musst ja frieren in den Klamotten", sagt der Mann und deutet auf ein Haus in der Nähe.

Severus zögert. Es gefällt ihm nicht, mit einem so fremden Mann zu sprechen. Und nun auch noch mitgehen? Er erinnert sich nun an die Geschichten, die die anderen Kinder erzählen. Er hält sich dann immer versteckt, da sie immer, wenn er in die Nähe kommt, aufhören zu reden und ihn stattdessen ärgern.

Er sieht den Mann mit einem unsicheren Blick an. Sie nennen ihn den Mörder mit der Schaufel und Severus weiß nicht, was er davon halten soll. Er kennt diesen Mann nicht, doch die Gerüchte und Geschichten sind schauderhaft. Severus will am liebsten wegrennen, aber er weiß nicht, wohin. Zurück nach Hause kann er nicht.

"Was ist, Junge?", fragt der Mann besorgt und macht einen Schritt auf Severus zu.

Er weicht verängstigt zurück. "Wer sind Sie?"

Er versucht Zeit zu gewinnen, um sich eine Möglichkeit zur Flucht zu überlegen. Vielleicht sollte er sich am Fluss verstecken, dort kann er sich in einem Rohr verstecken, wenn er muss. Er hat sich schon vor seinem Vater dort versteckt und wurde nicht gefunden. Ob der Mann ihn da auch nicht findet? Er kann es nur hoffen, doch wie soll er dorthin kommen, ohne dass man ihm folgt?

"Mh-hm", macht der Mann nachdenklich. "Sie nennen mich meistens nur Schaufel-Barney. Du kannst aber einfach nur Barney sagen, wenn du magst."

"Barney, Sir", wiederholt Severus langsam, einen leichten Schritt zurückmachend.

"Nein, nein", sagt Barney, "lass das 'Sir' weg. Sag ruhig 'du' zu mir."

Severus nickt leicht. "Ähm, okay... Barney, Sir... äh... ich meine, du..."

Er stottert und das ist meist ein mehr als deutliches Zeichen dafür, dass er verunsichert und ängstlich ist. Barney scheint das zu bemerken, denn er lächelt ihn auf eine seltsame Art und Weise an. Severus spürt seinen Herzschlag, kann ihn fast schon hören und ist sich sicher, dass auch Schaufelmörder-Barney das kann.

"Und wie heißt du, Junge?", will er wissen und kommt ein wenig näher auf ihn zu.

Severus schluckt schwer, weicht weiter zurück und fühlt plötzlich eine Hauswand in seinem Rücken. Er kann nicht weiter zurück. Und er weiß, dass er wahrscheinlich nicht schnell genug ist, um wegzurennen, auch wenn er eigentlich recht gut in Sport ist. Hier ist das aber etwas anderes.

"Nun?"

Er beginnt zu zittern, als der Mann näher kommt.

"S-Severus, Mr. Barney, Sir", stottert Severus, schon wieder vergessend, dass Barney ihm gesagt hat, dass er ihn duzen soll.

"Ich sagte doch, lass das 'Sir' weg", wiederholt Barney, als er fast direkt vor Severus steht.

Severus' Körper bebt und er hat das Gefühl, dass man in seinem schmächtigen Körper alle Knochen klappern hören kann. Er schließt die Augen, Todesangst lähmt seinen Körper. Auf einmal fühlt er etwas Schweres auf seinen Schultern liegen und die Kälte weicht ein wenig. Ist das sterben? Er hat es sich vollkommen anders vorgestellt.

"Komm, Junge, du holst dir noch den Tod", brummt Barney, während er Severus an der Schulter packt und in Richtung seines Hauses dirigiert.

Severus starrt ihn mit großen Augen an und registriert erst jetzt, dass Barney ihm seinen Mantel umgelegt hat. Schaufel-Barney scheint seinen Blick zu bemerken, denn er sieht Severus mit einem Lächeln im Gesicht an.

"Hey, keine Angst, Severus!", sagt er, als er erkennt, was mit ihm los ist. "Die erzählen alle möglichen Geschichten über mich – dabei schaufle ich im Winter nur die Wege frei und fege im Sommer die Fußwege..."

"Dann... stimmt das alles gar nicht?", fragt Severus ein wenig überrascht.

"Nein. Alles Vorurteile", bestätigt Barney.

Severus lächelt. Er hat das Gefühl, einen Freund gefunden zu haben.

~*~*~*~*~


Es ist 1969, und es ist der Tag der Zeugnisvergabe.

Severus sitzt im Klassenraum in der letzten Reihe, still auf seinen Tisch starrend. Er weiß, dass er gute Noten hat, aber er hofft, dass sie für seinen Vater gut genug sind. Er will seinen Vater nicht noch mehr verärgern. Severus braucht die guten Noten aber nicht nur dafür. Ich werde nicht wie mein Vater.

"Severus, komm nach vorne", sagt die Lehrerin.

Severus ist der letzte in der Klasse, der sein Zeugnis bekommt. Und nun liegen alle Augen auf ihm, als er langsam nach vorne geht. Er hört das Getuschel neben sich, als er an den anderen Bänken vorbeikommt. Kein nettes Wort dringt an sein Ohr. Streber. Freak. Er hört schon kaum noch richtig hin. Inzwischen kennt er es auswendig.

"Hier", sagt die Lehrerin nur, als er vorne steht, und drückt ihm sein Zeugnis in die Hand.

Kein Wort. Kein Lob. Nichts. Severus wirft nicht einmal einen Blick auf das Blatt in seiner Hand, sondern geht still zurück zu seinem Platz. Es ist wie jedes Jahr.

Erst als er wieder sitzt, sieht er sich sein Zeugnis an. Nichts, was er nicht erwartet hat. Er fühlt sich nicht beschwingt. Er fühlt sich nicht euphorisch. Es ist das beste Zeugnis in der Klasse, doch Severus ist nicht nach feiern zumute. Er hat niemanden zum Feiern.

Er hat keine Freunde.

~*~*~*~*~


Es ist 1970, und Severus' Hand zittert, während er nervös und angestrengt konzentriert auf seine Lippe beißt. Sein Großvater steht direkt hinter ihm und sieht ihm über die Schulter. Er macht Severus nervös, dieser Mann mit seinen stechenden, strengen Augen, denen kein Fehler zu entgehen scheint.

"Großvater, ich –"

"Was hatte ich dir gesagt?", unterbricht Daray ihn, noch bevor Severus überhaupt eine Chance hat, seinen Satz zu beenden. "Sag es richtig!"

Severus versucht sich zu konzentrieren, auf seinen Zauberstab, seine zitternde Hand, den Spruch und die richtigen Worte, um seinem Großvater klar zu machen, dass er diesen Zauber nicht versteht. Er kann keinen Zauber ausführen, den er nicht versteht, noch dazu, wenn er einen fremden Zauberstab hat. Doch seinen eigenen bekommt er erst später, wenn er elf ist.

"Sir, ich verstehe den Zauber nicht", versucht Severus es schließlich, doch sein Großvater ist nicht zufrieden.

"Du verstehst es nicht?!", faucht er zornig. "Aber was erwartet man auch von einem wertlosen Muggel wie dir!"

Es schmerzt Severus, dass sein Großvater ihn Muggel nennt, mehr noch, als wenn sein Vater ihn Freak genannt hat. Die einen verachten ihn dafür, dass er Magie in sich trägt, und die anderen verachten ihn, weil sein Vater ein Muggel ist. Severus kommt sich zerrissen vor. Er gehört nicht hierher, aber auch nicht in die Welt seines Vaters. Er fühlt sich, als würde er zwischen den Stühlen sitzen. Nur seine Mutter hat ihm bei so was geholfen, aber hier darf sie ihm nicht helfen.

"Versuch es noch einmal!", knurrt sein Großvater hinter ihm. "Und glaub ja nicht, dass deine Inkompetenz keine Konsequenzen haben wird!"

Severus zuckt ein wenig zusammen. Er kennt die Konsequenzen für Versagen. Und es hilft ihm nicht, dass er bevor er hier herkam keine Ahnung von Magie hatte. Es hilft ihm nicht, dass er erst zehn Jahre alt ist. Er ist ein Halbblut, eine Schande für die Familie und das Kind eines dreckigen Muggels. Er muss froh sein, dass er in diesem Haus geduldet wird und dass sein Großvater sich die Mühe macht, ihm Unterricht zu geben.

"Ja, Sir", sagt Severus nur und konzentriert sich wieder auf den Zauber, den er ausführen soll.