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Grau

von Roma-Tane
GeschichteMystery / P12 / Gen
Jonathan Palmer Richard Rokeby
02.08.2007
02.08.2007
1
813
 
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Dieses Kapitel
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02.08.2007 813
 
Disclaimer: „Das Wunschspiel“ gehört Patrick Redmond, die Idee zu diesem Oneshot mir (Galathean)
Genre: Fanfiktion, „Das Wunschspiel“ von Patrick Redmond
Seitenanzahl: 1
Vorgegebener Impuls: „Wo Worte selten, dort haben sie Gewicht.“ [W. Shakespeare]
Inhalt: Jonathan hat Kirston Abbey unbemerkt verlassen können, er braucht Zeit, um nachzudenken; über sich, die Schule- und vor allem Richard.
Musik: „Call on me“ von Eric Prydz- haha XD nee ernsthaft: von Paganini die Capricen waren gut
Vorwort: Viel gibt’s da dieses Mal eigentlich nicht zu sagen- also: seid gnädig und viel Spaß! ;)

Grau


Die Landschaft, über die ihn seine Füße trugen, wurde von Mal zu Mal karger und rauer.
Der Regen hatte ausgesetzt, Luft klar wie Wasser, zugleich kalt und scharf splitternd wie Eis durchfuhr seine Lungen.
Die von Lehm harte und nur selten mit Moosranken überzogene Erde atmete die Kälte der überall präsenten Einsamkeit. Weite, unbestimmte Ebene.
Über dem Land lag die vage Ahnung des bald einfallenden Winters, eine unfassbare Mischung aus Nichtfarbe und Dämmerung.

Jonathan zog die schmalen, runden Knochen seiner Schultern empor und vergrub die Hände unter einem kurzen, seinen Körper durchfahrenden Erzittern, in den Taschen seines Dufflecoats.
Die im grauen Dunst schimmernde Silhouette von Kirston Abbey, umgeben von kahlen, schwarzen Buchen, lag bereits in weiter Ferne, verblasste zusehends von Schritt zu Schritt.
Diese Vergewisserung erfuhr er aus den flüchtigen Schulterblicken, die er ab und an zurückwarf.

Der Wind zerfuhr sein sauber gekämmtes, dünnes Haar, riss ihn an der Kapuze seines Mantels, als wolle er ihn zurückhalten.
Ein weiterer Blick zurück beschleunigte seine Schritte, entnahm ihn der Last seines Körpers. Seine Füße schienen die Erde kaum noch zu berühren, er spürte es nicht mehr.
Ein weiterer Blick zurück.
Als der Anstieg merklicher wurde und er das Kinn hob, begannen seine Augen zu tränen, so scharf schnitt der Wind sein Gesicht.

„Palmer, träumst du?“
„N- nein, Mister Ackerley, Sir.“
„So, so. Dann sag uns doch, bei welchem Satz wir stehen geblieben sind.“
„Ähm- das ist- Satz fünf: Ad altare sancti Severini consummandum…“
„Falsch, Palmer, ganz falsch! Mein Gott, wie willst du es noch zu etwas bringen, wenn du diese Arbeitsweise beibehältst?“
„I- ich…“
„Aber was will man auch anderes von jemandem in einer so komplexen Sprachlehre erwarten, wenn er nicht einmal seine eigene Heimatsprache vollständig beherrscht?“ Er lachte, ehe er Jonathans Körperhaltung imitierte und mit übertrieben verängstigter Miene: „I- i- ich Si- si- sir!“, stammelte.
Die Klasse brach in jauchzendes Gelächter aus.


Jonathan zog leise die Nase hoch, sich mit dem Ärmelaufschlag seines Mantels über die Augen fahrend. Die Erde ging nun in härteren, von Stein durchdrungenen Boden über, die ab und an wie nach ihm spähende Köpfe aus dem Grunde lugten.  

„Lassen Sie ihn in Ruhe.“
Das Lachen erstickte im Keim.
„Rokeby, was erlauben Sie-“ Die Stimme des Älteren klang trocken, einen undefinierbaren Unterton in sich tragend. Blasse Augen begegneten seinem Blick, ballten eine Faust um sein Herz. Als durchführe eine Kältewelle seinen Körper, begannen Ackerleys Finger zu zittern.  
Jonathan schien über den Anblick seines Lehrers zu erschrocken zu sein, um Dankbarkeit oder Freude gegenüber Richard zu zeigen. Mit leicht geweiteten Augen und Lippen saß er da, die bleichen Hände zu Seiten seines Buches gebettet. Während er mit einem würgenden Gefühl schluckte, erinnerte er sich der Worte seines Englischlehrers: „Wo Worte selten, dort haben sie Gewicht.“.
 

Was hatte es Richard ermöglicht, diese Macht über andere auszuüben, dass einzig sein Blick, sein purer Wille genügten, um andere diesem zu unterwerfen?
Jonathan lief mittlerweile so schnell, dass das Keuchen seiner nach Luft ringenden Bronchien seine Brust zum Rasseln brachte. Heißes, pulsierendes Blut schoss durch seine Venen, die Kammern seines verkrampften Herzens. Die Pupillen seiner Augen hatten sich auf die Größe von Stecknadelköpfen zusammengezogen, dass es vor Schmerz in seinen Schläfen pulsierte.
Richard dürfte keine weitere Macht über ihn gewinnen, er dürfte es einfach nicht! Die beschlagene Sohle seiner groben Schuhe versagte ihm mit einem Mal den Halt auf einem der freiliegenden Steine, sodass er strauchelte und fiel.
Keuchend richtete er sich auf alle Viere, tastete mit der Rechten über den Boden, suchte nach etwas, an dem er sich festhalten und aufrichten konnte.
„Jonathan.“ Er erstarrte, die Augen geweitet, in seiner Pose gebannt.      

Langsam, mit bebenden Fingern sammelte er nach der Kraft, die es ihm erlaubte, seinen Kopf zu erheben und aufzuschauen. Blassblaue Augen fixierten ihn.
„Wovor läufst du davon, Jonathan?“ Ein feines Lächeln verzog seine hübschen Züge zu einer beinahe unmenschlichen Fratze, die Jonathan erschaudern ließ. „Vor Ackerley?“ Er beugte sich zu ihm herab. „Oder vor mir?“
„Ich…“, setzte er an. „Ich…“ Langgliedrige Finger umspielten sein Gesicht.
„Du brauchst keine Angst zu haben.“, flüsterte Richard, ohne seinen Blick von ihm zu lösen. „Ich werde dich immer finden, egal, wie weit du flüchten magst.“ Als er an seinem Kinn angelangt war, verhärtete sich sein Griff, dass sich der Nagel seines Daumens in Jonathans Fleisch grub. „Immer.“ Seine Stimme war kaum mehr ein Flüstern.
„Immer.“    



Ende
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