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Der sechste Clan

von Rowellan
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Oger & Trolle
24.07.2007
25.01.2010
21
64.334
6
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24.07.2007 1.405
 
Die Luft in dem kleinen Wagen stand trotz der heruntergelassenen Fenster. Schon den ganzen Tag war es drückend heiß und jetzt in den Abendstunden wurde es richtig schwül. Im Westen sammelten sich allmählich dunkle Wolken und ab und zu war ein leises Grummeln zu hören.
Ein Schweißtropfen sammelte sich auf Kims Nasenwurzel, lief an der sanften Biegung herunter und tropfte endlich in ihren Ausschnitt. Sie fluchte, konnte aber nichts dagegen tun, sie brauchte beide Hände am Lenkrad. Wenn sie es vor dem Gewitter noch zu ihrem Ziel schaffen wollte, musste sie sich beeilen und die Straße – wenn man dieses Stück Feldweg überhaupt so nennen mochte – forderte schon bei langsamem Tempo die ganze Aufmerksamkeit des Fahrers.
Auf der Rückbank klirrten leise die Wasserflaschen gegeneinander, eine musikalische Untermalung für ihren nächsten Fluch. Sie hätte schon längst zu Hause unter der Dusche stehen können, mit der Aussicht auf ein kühles Bier im Kühlschrank. Aber nein, sie musste sich ja beschwatzen lassen, nach Dienstschluss noch die Wasserkisten auf den Berghof zu fahren.
Natürlich, sie hatte sich Sorgen gemacht. Es war nicht die Art ihres alten Freundes, seine bestellten Waren nicht abzuholen und das heiße Wetter der letzten Tage konnte einem alten Mann schon zu schaffen machen. Also hatte sie zu ihrer eigenen noch drei zusätzliche Getränkekisten in ihren alten Wagen geladen, sich auf den Weg gemacht und holperte jetzt den ausgefahrenen, kurvigen Zufahrtsweg entlang.

Eine gefühlte Ewigkeit später kam endlich ihr Ziel in Sicht. Ein uraltes, kleines und niedriges Steingebäude mit tiefgezogenem Dach mitten in der Einsamkeit. Auf dem Hof stand und lag jede Menge Gerümpel herum, nur der Geländewagen in der Einfahrt war halbwegs neu. Irgendwo im Hintergrund schimpften ein paar Hühner, aber ansonsten war es still, bis auf das allmählich lauter werdende Grummeln des jetzt schnell heraufziehenden Gewitters.
Kim parkte hinter dem Geländewagen und stieg aus.
„Peter?“ rief sie halblaut. „Bist du da?“
Keine Antwort.
Nun gut, vielleicht war er ja eingeschlafen, auch wenn das eher unwahrscheinlich war. Peter gehörte nicht zu den Menschen, die viel Zeit mit Schlaf verschwendeten. Kim ging zur Haustür, die wie immer offen stand. Das Haus bestand nur aus einer großen Wohnküche und einem kleinen Schlafzimmer, daneben eine zu einem Bad umgebaute Vorratskammer. Die Räume waren spärlich mit Möbeln eingerichtet, die neunzig Prozent aller Menschen schon längst zum Sperrmüll verbannt hätten. Ansonsten war das Haus leer, kein alter Mann zu sehen.
„Wahrscheinlich wieder in seiner Werkstatt versackt“, murmelte Kim und umrundete das kleine Haus. Dahinter stand eine Halle, aus einfachen Holzbrettern gezimmert, mit Wellblech gedeckt. Auch hier stand die Tür offen und das war schon ungewöhnlicher.

Normalerweise achtete ihr alter Freund penibel darauf, dass niemand seiner geheiligten Werkstatt zu nahe kam. Früher ein hochbezahlter Ingenieur in einem großen Unternehmen hatte er sich nach dem Ende seines Berufslebens in diese Einsamkeit zurückgezogen um hier ungestört seiner Liebe zu Erfindungen und Basteleien nachzugehen. Einen Großteil seiner Ersparnisse hatte er für die Verlegung einer Starkstromleitung ausgegeben, um genügend Energie für seine Experimente zu haben. Die Einheimischen betrachteten den alten Mann mit Misstrauen, sie konnten mit seiner eigenbrötlerischen Art und seinen seltsamen Erfindungen nichts anfangen.
Lediglich Kim, auf ihre Art auch eine Außenseiterin, hatte sich im Laufe der Jahre mit ihm angefreundet. Ganze Nächte hatten sie gemeinsam, eine Flasche Rotwein zwischen sich, vor dem alten Haus gesessen und die junge Frau hatte zugehört, wie der alte Mann von seinen Ideen und Plänen erzählte.
Viel verstanden hatte sie nicht, weder Physik noch Mathematik waren ihre starken Seiten und manchmal wurden die Erklärungen ihres alten Freundes über Paralleluniversen und alternative Wirklichkeiten sehr esoterisch. Im Grunde kümmerte es sie auch nicht so sehr, was er da genau erforschte, sie hörte ihm einfach gerne zu. Außerdem faszinierte es sie, wie ein Mann am Ende seines Lebens noch so konsequent seine Träume lebte.

Kim überquerte den Hof und schob die offen stehende Tür noch etwas weiter auf. „Peter?“ rief sie. „Bist du da drin?“
Nichts antwortete außer dem allmählich lauter werdenden Donner. Die Gewitterwolken zogen jetzt rasch herauf und hatten den Hof fast erreicht, es wurde dunkel  und ab und an flackerte ein Blitz auf.
In der Werkstatt war es zu dunkel, um irgendetwas zu erkennen, also lief Kim zurück zu ihrem Auto und kramte die alte Taschenlampe aus dem Handschuhfach, die sie dort für Notfälle liegen hatte. Als sie die Autotür hinter sich schloss, spürte sie etwas Kühles im Nacken.
„Mist, jetzt fängt’s auch noch an zu regnen!“ Sie spurtete über den Hof und schaffte es gerade noch, die Werkstatt zu erreichen, bevor sich die vereinzelten Tropfen zu einem Wolkenbruch auswuchsen.
In der Halle angekommen, bremste sie ihr Tempo abrupt ab. Aus Erfahrung wusste sie, dass der Boden der Halle meist mit jeder Menge Geräte und Gerümpel vollgestellt war. Teilweise kompletter Schrott, teilweise ein Vermögen wert. Im Schein der Taschenlampe bahnte sie sich also vorsichtig ihren Weg ins Innere, zwischen Holzkisten und High-Tech-Geräten, von denen sie keine Ahnung hatte, was sie eigentlich darstellten.

Der Regen prasselte inzwischen so laut auf das Dach, dass sie laut hätte schreien müssen, um gehört zu werden, also bewegte sie sich schweigend durch das Labyrinth. Sie war immer wieder fasziniert von der Menge an Dingen, die der alte Mann in seiner Werkstatt unterbrachte. Manchmal hätte man glauben können, er hätte sein Paralleluniversum bereits gefunden und ein Stückchen davon benutzt, um seine Werkstatt heimlich zu vergrößern.
Langsam aber sicher stieß sie in die hinteren Bereiche der Halle vor. Der schmale Durchgang wurde allmählich noch enger und war jetzt links und rechts von Regalen gesäumt; sie musste höllisch aufpassen, sich nicht irgendwo zu stoßen oder vielleicht ein unbezahlbares Instrument herunterzureißen.
Endlich erreichte sie den wenigstens halbwegs freien Platz, von dem sie wusste, dass ihr Freund dort seinen Haupt-Versuchsaufbau stehen hatte.

Wie immer standen dort zwei Werkbänke, auf denen Peter alle möglichen technischen Bauteile zusammengeschraubt hatte. Ganze Batterien von Messgeräten waren angeschlossen, deren Digitalziffern hektisch die gesamte Skala auf- und abliefen.
Hauptteil der beiden Werkbänke waren zwei wellig geschliffene Spiegel, die sich gegenüberlagen. Zwischen den beiden Spiegeln flackerte jetzt ein unruhiges, weiß-violettes Licht und am Boden darunter erkannte Kim etwas Dunkles am Boden liegen.
„Peter?“ Ohne weiter nachzudenken stopfte sie die Taschenlampe in ihren Hosenbund, lief zu der zusammengekrümmten Gestalt und ging in die Hocke. Obwohl ein Blick auf das starre, bleiche Gesicht und die weit offen stehenden Augen genügt hätte, griff sie aus einer verzweifelten Hoffnung nach seinem Handgelenk und tastete nach einem Puls.
Umsonst.
Ihr alter Freund war tot.

Kim war klar, was sie jetzt zu tun hatte. Wieder zurück zum Auto, das Handy herausholen, hoffen, trotz Gewitters und der störenden Berge eine Verbindung zu bekommen, ihre Kollegen anrufen, den Krankenwagen… sie kannte das ganze Programm nur zu gut. Er war auch nicht der erste Tote, den sie je gesehen hatte. Aber er war eben kein anonymer Verkehrstoter oder Opfer einer Messerstecherei, sondern ihr Freund! Sie hockte sich neben der Leiche auf den schmutzigen Hallenboden, vergrub den Kopf zwischen den Händen und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Das Unwetter hatte jetzt seinen Höhepunkt erreicht. Taghelle Blitze und tiefe Dunkelheit wechselten sich im Sekundentakt ab und die einzelnen Donnerschläge waren kaum noch voneinander zu unterscheiden.
Irgendwie fand Kim das passend. Der Himmel spendete ihrem alten Freund zum Abschied ein großes Feuerwerk. Sie strich zart über die kalte, unrasierte Wange. „Auf Wiedersehen“, murmelte sie. „Schade, jetzt werde ich nie erfahren, ob du Recht hattest.“
Mühsam rappelte sie sich hoch, um unter dem Versuchsaufbau hervor zu kriechen, ohne zu bemerken, dass sie den Bereich zwischen den beiden Spiegeln betrat; das violette Flackern war unter den herrschenden Lichtverhältnissen fast unsichtbar.
In diesem Moment fuhr ein armdicker Blitz herab, durchschlug das dünne Wellblechdach und verteilte sich genau auf die beiden Werkbänke. Mit einem Aufschrei warf sich Kim zu Boden.
Gleißende Helligkeit erfüllte den Raum. Die Messgeräte gaben zischend und knallend den Geist auf, als sich das violette Leuchten verstärkte. Für einen Augenblick überstrahlte es sogar das Licht der Blitze und dehnte sich pulsierend immer weiter aus, bis es die halbe Werkhalle erfasste. Dann zog es sich zu einem winzigen Punkt zusammen und verschwand.

Der Rettungsdienst, der am nächsten Morgen vorbeikam, fand nichts mehr als eine völlig ausgebrannte und zerstörte Halle vor. Auf die Frage nach dem Verbleib des Besitzers und der jungen Kollegin, deren Auto immer noch im Hof stand, konnte der Spurensicherer nur traurig mit dem Kopf schütteln. „Bei diesen Temperaturen? Selbst wenn die beiden da drin waren, da ist nichts mehr übrig.“
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