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Dragonhack

von Lichien
GeschichteMystery / P12 / Gen
15.07.2007
15.07.2007
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1.230
 
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Schon als ich aus dem Bus stieg strahlte mir die verdammte Sonne höhnisch entgegen. „Was für ein Scheißtag“, entfuhr es mir gereizt. Ich konnte mir wirklich besseres vorstellen als mich jetzt mit diesen ganzen Clowns in ein stickiges Klassenzimmer zu setzen. Sie starrten mich eh schon wieder an, aber mittlerweile war ich es gewöhnt. In der durchstrukturierten und Schuluniformbesessenen Welt dieser Schule war ich eben... naja, „einzigartig“ trifft es gut. Und dann kam auch noch, es war schon längst ein morgendliches Ritual geworden, der Schulsprecher auf mich zu. „Schüler Nummer 3017220, warum trägst du keine Schuluniform?! Wie oft soll ich dich eigentlich noch ermahnen?! Du beschmutzt den Ruf unserer Schule!“, entsetzte er sich mit rot glühendem Schädel. Darüber konnte ich doch nur Lachen. Er hieß Kato und war zwei Köpfe kleiner als ich. Schon aus fünf Meter Entfernung sah ich die Angst in seinen Augen. Lachend bückte ich mich zu dem Winzling hinunter. „Halts Maul Kato.“ Seine Ohren begannen zu glühen als er schimpfend die Flucht ergriff. „Das tut gut!“, kicherte ich und streckte meine müden Knochen. Jetzt konnte der Tag beginnen.

Und wie immer begann er mit einem Besuch im Direktoriat. „Li Chien, ich muss mich doch schon sehr wundern über dein Verhalten!“, entsetzte sich Direktor Misashi. „Ich weiß langsam nicht mehr was ich noch mit dir tun soll... Ich meine: Du bist einer der hervorragendsten Schüler hier, aber du riskierst mit deinem losen Mundwerk wirklich den endgültigen Rauswurf!“ Da konnte ich doch nur gähnen. Als ob die mich jemals rauswerfen würden... In der Hinsicht mischte nämlich noch ein ganz anderer mit... „Li Chien, ich hoffe dir ist klar das allein die großzügigen Spenden deines Vaters dich hier halten!“ Natürlich. Natürlich war mir das klar. Der Alte war ja sonst zu nichts gut. Auf diese Art wollte er sich nur wieder bei mir einschleimen... und das nützte ich selbstverständlich vollkommen aus. „Ich weiß nicht was für dich so schlimm daran ist eine Schuluniform zu tragen! Eigentlich solltest du stolz auf diese Tracht sein, schließlich kennzeichnet sie dich doch als Mitglied der Kano-Schule! Li Chien, ich bitte dich, leg doch endlich dieses rebellische Getue ab!“ Von wegen. Lieber hätte ich mir die Haut abgezogen als meine Kleidung zu tauschen. Zugegeben provozierte ich gerne, besonders in der Schule. So liebte ich den Auftritt mit der schwarzen Lederhose, dem blutroten Hemd und der schwarzen Krawatte... An ihr hingen lauter kleine, silberne Kreuzketten... genau wie der große Kreuzohrring an der linken Seite. Ach ja, nicht zu vergessen das Tattoo an der linken Schläfe das ich mir mit 14 stechen lies. Es war ein schwarzer, chinesischer Drache und tat höllisch weh bei seiner Entstehung. Ausserdem trug ich schon seit Ewigkeiten rote Kontaktlinsen. Ich tat eben alles um mich von der Masse abzuheben. Ich wusste selbst sehr gut das ich damit wiederum ein anderes Klischee unterstützte, nämlich das des „unbedingt als Rebell angesehen werden wollenden Jugendlichen“. Aber darauf hab ich stets geschissen. Und das erkannte auch der Direktor an meinem breiten Grinsen. „Was mache ich nur mit dir? Du musst doch selbst einsehen das dein Verhalten nicht normal ist! Du bist immerhin seit vier Monaten auf dieser Schule und hast immer noch keinen einzigen Freund gefunden! Die isolierst dich doch! Das muss dir doch Schaden, Junge!“, predigte der Alte. Aber auch das war mir, oh Wunder, egal. Ich wollte hier keine Freunde. Ich gehörte hier nicht hin. Und wir würden eh bald wieder umziehen, das wusste ich schon jetzt. Denn mein Vater war Architekt und immer unterwegs in der ganzen Welt. Nun hatte es uns eben nach Tokio verschlagen. Davor waren wir in London, und davor wiederum in New Jersey. Ich hasste den Alten. Mutter hatte ich auch keine, und wenn ich ehrlich bin: Vater hatte ich auch nie einen. Denn DER war alles andere als ein Vater. Er war ja nie da. Immer auf den Baustellen und nie Zuhause. Schon mit sieben Jahren verbrachte ich oft ein paar Wochen mit ihm unter einem Dach ohne ihn nur einmal zu sehen. Das einzige positive das ich von alledem hatte war meine Vielsprachigkeit. Am besten konnte ich immer noch chinesisch, besonders den Shanghai-Dialekt. Ach ja... Shanghai. Dort kam ich zur Welt, allein dort war meine Heimat. Denn nur dort hatte ich Freunde, und zwar richtige Freunde. Sie akzeptierten mich stets so wie ich war. Seit vielen Jahren hielten wir Kontakt, was Anfangs noch ziemlich schwierig war von wegen Übertragung der Telefongespräche aus anderen Ländern etc. Doch dann kam das Internet, was uns wirklich alles um ein vielfaches erleichterte. Nun trafen wir uns regelmäßig zu „Netzkonferenzen“, ausgestattet mit Webcam und Micro. Ich hätte meine Seele verkauft um zurück nach Shanghai gehen zu können... Aber ich war erst 17, und so kam es schon aus rechtlichen Gründen nie dazu. Ein Jahr noch, ein verdammtes Jahr... solange musste ich mich eben mit dem Internet zufrieden geben. Als mein Name ein erneutes mal fiel schenke ich dem wütenden Direktor wieder meine Aufmerksamkeit. „Li Chien! Hör mir gefälligst zu! Ich weiß nicht was du darstellen willst mit deinem Aufzug, aber ab morgen trägst du Schuluniform! Es reicht jetzt!“ Grinsend erhob ich mich vom Stuhl. Ich trat so nah an den Direktor heran das ich die Schweißperlen auf seiner Stirn riechen konnte. „Vielleicht will ich ja gar nichts darstellen... Vielleicht... verberge ich ja auch nur etwas vor ihnen...“, grinste ich und zog ab. Ich spürte noch lange seine Blicke auf meinem Rücken.

Bestimmt hielt er mich jetzt für einen Amokläufer und Psychopathen. Aber das war mir nur recht so. Denn solange die anderen genügen Respekt, naja wohl eher Angst, vor mir hatten, trauten sie sich nicht wirklich an mich heran. „Etwas verbergen...“, flüsterte ich vor mich hin. Mein Blick wanderte an die Decke der Aula, die mit kleinen silbernen Teilchen verziert war. Wenn man genau hin sah erkannte man Einzelteile von Funkgeräten neben einfachen Metallplatten und Computerschrott. In einem gewissen Sinne verbarg ich wirklich etwas. Etwas das man mir wahrscheinlich nie im Leben zutrauen würde. Rein äusserlich passte ich schon nicht in dieses Bild... aber ich war ein Computerfreak. Das brachten hauptsächlich die „Netzkonferenzen“ mit meinen Freunden mit sich. In der Welt des Cyberspace fühlte ich mich irgendwie... „sicher“ vor der Aussenwelt. Dort konnte ich ungestört sein. Dort konnte ich einfach nur Li Chien sein, oder auch jemand anderes wenn ich es nur wollte. Das Internet gab mir eine gewisse Freiheit. Denn dort war ich nicht Li Chien Won, der Sohn des weltberühmten Architekten Lee Pei Won. Niemand erwartete von mir das ich die gleiche „Genialität“ wie mein Vater an den Tag legte. Aber ich hatte mir schon einen gewissen Ruf erarbeitet im Netz... Ich war bereits gezwungen die verschiedensten Nicknames zu verwenen damit ich nicht weiter auffiel. Denn ich war als Hacker verschrien. Und naja, ich war auch einer. Mit ausreichend Zeit und den richtigen Programmen konnte ich jedes Schutzprogramm knacken. Vor mir war auch die Regierung nicht sicher. Aber ich tat es nie um einen Vorteil für mich daraus zu ziehen, mich trieb immer nur die Neugier und der Reiz diese Programme zu knacken. Hatte ich mein Ziel erreicht verlor ich auch schon das Interesse. Der Durchsagengong erklang. „Schüler Nummer 3017220, Li Chien Won, bitte unverzüglich im Klassenzimmer Nummer 0701 erscheinen! Schüler Nummer 3017220, Li Chien Won, bitte unverzüglich im Klassenzimmer Nummer 0701 erscheinen!“, tönte die mir so bekannte Stimme. Ich gähnte nur müde. „Halts Maul Kato.“
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