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Grau in Grau

von Sathien
GeschichteAllgemein / P6
20.06.2007
20.06.2007
1
1.013
 
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A/N: Inspiriert durch das momentane Wetter, meine Leselampe, die so nette Schatten wirft - und den Büchern, versteht sich.

Disclaimer: Das Zwielicht und dessen Begleiterscheinungen gehören in diesem Fall Sergej Lukianenko.


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Grau in Grau


Die Schwüle des Nachmittags wurde mit einem einzigen Schlag, mit einem einzigen Dreh an einem gigantischen Wasserhahn zunichte gemacht.
Lautes Gekreische übertönte den grollenden Donner nur geringfügig.
Schade war es allein um das gute Essen.
In den bunten Plastikschüsseln mit diversen Salaten – angefangen bei den gesunden, in denen sich jede Farbe der hierzulande bekannten Gemüsesorten befand, bis hin zu den ungesunden mit viel Miracel Wip – sammelte sich in Sekundenschnelle das Wasser. Vermischte sich mit den Kartoffeln, Nudeln und Tomaten. Vermutlich entstand ein sehr leckeres Gemisch. Vielleicht sollte ich später, wenn sich das Wetter wieder beruhigte, etwas davon probieren.
– Aber hatte ich es nicht prophezeit? Hatte ich nicht gesagt, man solle den Tisch lieber unter den Pavillon oder auf die Terrasse, unter den Schutz des Dachvorsprungs stellen? So ein Platzregen war schließlich nichts Ungewöhnliches, nicht im Sommer. Nicht in einem Sommer, wie wir ihn dieses Jahr haben. Dazu brauchte man keine hellseherischen Fähigkeiten.
Auch wenn mich die Salate eher unberührt ließen, das Grillfleisch, das nun nicht mehr zu retten sein würde, machte mich traurig. Es war besonders gutes Fleisch. Sogar das Kotelett war sehr zart und das Tier, zu dem das Putenfleisch einst gehört hatte, musste mindestens so groß gewesen sein, wie der fette Monsterkater unseres Nachbars.
Anstatt panisch zu dem ruinierten Fleisch zu flitzen, und nachzuschauen, was davon noch genießbar war und was nicht, blieb ich entspannt in der Hollywoodschaukel sitzen. Wurde nicht nass und beobachtete, halb fasziniert, halb abgestoßen, wie die ganzen pubertären Mädchen ins Haus rannten und dabei schrieen, als wäre es nicht Wasser, das vom Himmel fiel, sondern Säure.
Ich schlug mein Buch lautstark zu. Nicht, ohne zuvor ein Taschentuch als Lesezeichen zwischen die Seiten zu klemmen. Ich war schon über die Hälfte.
Ich war hier sicher, unter dem Dachvorsprung, auf der Terrasse, in der Hollywoodschaukel.
Und das Tollste war: Ich konnte getrost davon ausgehen, nun wirklich nicht mehr gestört zu werden, wie es bis vor wenigen Minuten in regelmäßigen Abständen noch der Fall gewesen war.
Die ganzen Sonnenanbeterinnen, zu denen die kreischenden Teenager, die übrigens Freunde meiner großen Schwester waren, sowie meine Mutter und Tanten gehörten, befanden sich nun im sicheren Schutz des Wohnzimmers, in dem sogleich der Fernseher angeschaltet wurde. Und das bei Gewitter.
Zum Glück war ich keine Sonnenanbeterin. Zum Glück machte mir ein wenig Wasser von oben nichts aus. So war es mir möglich, an meinem Platz zu bleiben. Ich sog den frischen, süßlichen Geruch des nassen Rasens in mich ein und lauschte dem noch fernen Donnergrollen und genoss die diffusen Schatten, die die grellen Blitze erzeugten.
Ein Sommergewitter. Herrlich.
Ich legte mein Buch vorsichtig neben mich und stand auf. Was wäre ich für eine miserable Regenanbeterin, wenn ich den ersten Wolkenbruch nach Wochen nicht auskosten würde?
Langsam und gemütlich schlenderte ich auf den nassen Rasen unseres großen Gartens zu. Sobald ich den Schutz des Dachvorsprungs verließ, wurde ich nass bis auf die Knochen, innerhalb nur weniger Sekunden, worauf ich nichts anderes tun konnte, als laut aufzulachen. Aus Freude. Aus purer Freude.
Übermütig wie das Kind, das ich nun mal war, schlug ich ein Rad, rappelte mich wieder hoch, nachdem ich auf dem Po gelandet war und hüpfte übermütig auf dem nassen Gras herum.
Der Boden war bereits aufgeweicht und schmatzte unter meinen Fußsohlen.
Ich schüttelte meinen Kopf, so dass meine nassen Haare, die mir wie lange schwarze Würmer am Kopf hingen, um meine Ohren schlackerten.
Der Donner kam jetzt fast zeitgleich mit den Blitzen, die immer länger anhielten und die Welt jedes Mal um Sekunden erhellten.
Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper. Mir war ein wenig kühl, aber das machte mir nichts aus. Dennoch hüpfte ich auf der Stelle, damit ich nicht noch mehr auskühlte. Schließlich war auch ich nicht vor Erkältungen gefeit, egal wie sehr ich den Regen mochte.
Es blitzte und donnerte erneut, mit einer solch unüberhörbaren Lautstärke, dass ich mir relativ sicher war; mein Trommelfell würde im nächsten Moment platzen.
Spontan hielt ich mir die Ohren zu, hörte jetzt nicht mehr, als ein dumpfes, weit entferntes Grummeln. Meine Augen behielt ich aufgerissen, starrte jetzt allerdings zu Boden, damit ich nicht allzu sehr geblendet wurde.
Mein Schatten auf dem Boden erzitterte. Die Abstände zwischen den Blitzen wurden immer kürzer und auch das Donnern hörte sich durch meine Hände nicht mehr so gedämpft an wie eben noch. Der Regen trommelte wie viele kleine Finger auf meinen Kopf.
Doch ich starrte einfach nur auf den Boden vor mir.
Ich hatte meinen Schatten nie zuvor so deutlich gesehen. Seine Umrisse waren schärfer als sonst, was, wie ich das seltsame bestimmte Gefühl hatte, nicht von den hellen Blitzen herrühren konnte.
An irgendetwas erinnerte mich mein Schatten. Er war nicht nur schärfer umrissen, er war von satterer Farbe – wenn man das dunkle Grau als Farbe bezeichnen konnte.
,Wie ein Vorhang’, schoss es mir durch den Kopf.
Irgendetwas passierte mit dem Schatten. Ich konnte ihn bewegen, befahl ihm, sich zu erheben – und er tat es. Als wäre es das Natürlichste von der Welt. Ich machte einen kleinen Schritt nach vorn. Unbewusst.
Im nächsten Moment hatte es aufgehört zu regnen. Es hatte aufgehört zu donnern und zu blitzen.
Dafür hatte sich alles in grauen Schatten verwandelt, in kalten, grauen Schatten. Langsam drehte ich mich um mich selbst – was sehr mühselig war. Als wäre die Luft dicker, als bestünde die Luft aus sehr luftigem Brei.
Ich entdeckte unser Haus, das nicht mehr als ein grauer Block war, an den sich etwas plüschiges Blaues schmiegte, etwas, das aussah wie Gras.
Leider war der Rasen unter meinen Füßen nicht so plüschig und blau. Er war hart und piekte mir in die Fußsohlen.
Und auch er war grau.
Die ganze Welt war zu meinem Schatten geworden.
Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich hatte keine Angst.
Ich trat einen kleinen Schritt zurück.
Der Regen war wieder da. Genau wie mein Schatten auf dem nassen, grünen Gras.
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